Zweite Navigation, das Heft
FLUGFEUER
STIMMEN DER POESIE VOM I. INTERNATIONALEN LITERATURFESTIVAL BERLIN 2001
James Fenton
JERUSALEM
1
Stein fleht zu Stein,
Herz zu Herz, Herz zu Stein,
Und die Befragung hat kein End’,
Denn es gibt keine Ewige Stadt
Und Mitleid hat nicht statt
Und nichts ist unterm Firmament,
Kein Regenbogen, kein sich’rer Grund –
Zwischen mir und Gott gibt es keinen Bund.
2
In der Luft liegt Herrlichkeit.
Allenthalben herrscht das Leid,
Worin, als wär es Haut, ein jeder lebt.
Meine Geschichte wird verehrt.
Meine wird mir verwehrt.
Dies die Zisterne, wo aller Krieg anhebt,
Vom Panzerwagen Gelächter gellt.
Dies ist der Mann, der deine Person in Frage stellt.
3
Schuld bist du allein.
Dies ist ein Kreuzritterschrein.
Der Kidron entspringt in Mea She’arim.
Ich spreche für dich das Gebet.
Ich sag’ dir, was zu tun ansteht.
Ich steinige dich. Hau’ deine Glieder kurz und klein.
Oh, bang kann mir nicht vor dir sein.
Doch vielleicht sollt’ ich fürchten, zu was du mich treibst.
4
Dies ist nicht Golgatha.
Dies ist das Heilige Grab.
Der Tempel des Hadrian, einer Liebe erbaut,
Der er nie ganz getraut.
Golgatha könnte überall sein.
Jerusalem selbst ist rastlos in Gang,
Springt Hügel hinab und Hügel hinan.
Und wie sein Weg wird auch sein Letzter Wille sein.
5
Die Stadt wurde niedergemacht,
Der Jordan zum Stocken gebracht.
Von Christenhand wurden Juden lebendig verbrannt.
Dies wird Minarett genannt.
Ich steh’ noch nicht an der Wand.
Wir erwarten frische Truppen durchs Land.
Wie heißt deine Mutter in Wirklichkeit?
Gäb’ es in Bethlehem heute Sicherheit?
6
Dies ist das Grab im Garten.
Nein, das ist das richtige Grab.
Ich bin Armenier. Und Kopte ich.
Dies ist Utopien.
Ich kam hierher von Äthiopien.
Hier unten setzte der Fliegende Teppich
Den Propheten zum Beten ab für eine Nacht
Und hat ihn flugs von hier aus zurückgebracht.
7
Wer packte deinen Sack?
Ich packte meinen Sack.
Wo stammte deiner Onkelmutter Schwester her?
Kam dir ein Araber je in die Quer’?
Ja, ich gehöre zu diesem Pack.
Ich bin ein Wurm. Vom Mistkäferschlag.
Ich schreie "unrein" durch die Gassen
Und sehe aller Augen mich verachten, hassen.
8
Feind bin ich dir.
Gethsemane ist hier.
Zum Tempelberg zerbroch’ne Gräber blicken.
Sage mir jetzt, sage mir eben,
Wann werden wir uns alle erheben?
Werd’ ich zuerst den großen Totenberg bestücken?
Wann werden die Stämme zusammenrücken?
Wann, sag’, ist der Tag, wo das Gericht anbricht?
9
Im Irrtum bist
Du Terrorist.
Du wirst verbrannt. Dies’ Land ist mein.
Das handelst du dir ein:
Gesetz des Nie-mehr-Heim.
Dies ist der Sauerteig, der süße Wein.
Dies ist mein Geschichte, ist mein Geschlecht
Und mein Gesicht verätzte dieser Unglücksknecht.
10
Stein fleht zu Stein,
Herz zu Herz, Herz zu Stein.
Dies sind Archäologen im Kriegszustand.
Hier sind wir und sie sind dort.
Jerusalem heißt dieser Ort.
Dies sind die Sterbenden mit tätowierter Hand.
Wenn du das tust, zerstöre ich dein Heim.
Ich tat’s. Und du hast meins zerstört. Zahlst mir es heim.
Rita Dove
DAS KAMEL HABEN WIR VON DEN BARBAREN
Dies eine ist riesig: grob geschnitten
sein Fell, wie gewalkter Filz –
und gleich so viel davon erhebt sich
in zwei unanständigen Hügeln auf seinem Rücken,
als hätte der Sand selbst in den Bart
des Himmels gerülpst. Ihr Götter,
welche Böswilligkeit! Das Auge, ein beständig
rotierender Planet, der unheilvoll glitzert,
gelblich, haarverklebt – mehr Haare
als du oder ich jemals zählen könnten –,
beobachtet jede Bewegung seines Wärters
und wartet, daß er ihm zu nahe kommt –
ein einziger Tritt würde jeden zum Krüppel machen.
Ein zweites Exemplar steht brüllend dort hinten
unter der Palme. Etwas schmächtiger,
doch genauso erschreckend – seine Lenden zerren
am Pflock –, mächtig wie der Gestank,
der unseren ausgedörrten Marktplatz sättigt.
Im größeren scheint ein Entschluß zu lauern:
Mit gespreizten Hinterbeinen reißt es an den Seilen,
schnaubt wütend, sabbert, zwingt den wuchtigen Kopf
zu diesem furchtbaren Laut. Könnte
das farblosere ein Weibchen, seine Gefährtin sein?
Noch weitere Monster, mitten unter uns!
Und doch... wenn diese scheußlichen Kreaturen
wie Gänse oder Hunde sind, ihr Junges
lernt, sich an den zu schmiegen,
der sie zuerst liebkost – es ist doch
so, unser Schicksal ist festgepflockt.
Laßt uns mit aller Strenge auf sie blicken,
und dann sie, ihren Diensten angemessen,
mit dem entlohnen, was sie am meisten begehren.
Ein ungewöhnliches Gut sind diese Tiere –
die nicht ahnen können,
welchen Durst nach Schönheit das Mitleid stillt,
welche Berge es versetzt.
Enrique Fierro
ICH MÖCHTE EINE KUH SEHEN (für Eduardo Milán)
I
ich möchte eine Kuh sehen
ich möchte eine rote Kuh sehen
ich möchte eine rote Kuh sehen
um drei Uhr nachmittags
ich möchte eine rote Kuh sehen
um drei Uhr nachmittags
an einem Februartag
ich möchte eine rote Kuh sehen
um drei Uhr nachmittags
an einem Februartag
auf einer grünen Wiese
ich möchte eine rote Kuh sehen
um drei Uhr nachmittags
an einem Februartag
auf einer grünen oder
gelben Wiese
II
die rote Kuh
kommt und geht
am Flußufer entlang
verliebt
nichts sah
die rote Kuh
die kommt und geht
am Colorado-
Ufer entlang
Kuh
doch verliebte Kuh
ist die Kuh die kommt und geht
und niemanden sah
an den Ufern vom
Colorado
zwischen einer Idee
und einer roten Kuh
bleibe ich bei der roten Kuh
