Zweite Navigation, das Heft
Barbara Bray im Gespräch mit Marek Kedzierski
ES WAR WIE EIN BLITZ...
(Auszug/LI 87)
(...) Sie kannten Samuel Beckett über drei Jahrzehnte. Ihre erste Begegnung fiel zusammen mit seinem ersten Hörspiel, das er auf Anregung der BBC schrieb. Wie kam das zustande?
Mitte der fünfziger Jahre war ich Chefdramaturgin in der Abteilung Hörspiel der BBC. Mein Chef John Morris war tief beeindruckt von Warten auf Godot, die Uraufführung fand 1955 in London statt, aber wir sendeten das Stück nicht, weil verschiedene Regisseure mit der Begründung ablehnten, mit Ton allein könnten sie ihm nicht gerecht werden. John Morris fuhr daher nach Paris und fragte Sam, ob er bereit wäre, ein Stück eigens fürs Radio zu schreiben. Sam nahm niemals Aufträge an, sagte aber, er sei interessiert und wenn ihm etwas einfalle, werde er schreiben. Einige Zeit verging – ich weiß nicht, wann John Morris ihn besucht hatte, aber einige Monate später schickte Sam Alle die da fallen als fertige Version ein, so daß wir den Text nie mit ihm besprachen. In diesem Fall war ich an der Redaktion nicht so beteiligt wie bei allen anderen Texten für das Radio. Dieser wurde unverändert übernommen. Wir fuhren nach Paris, um mit Sam unseren Ansatz für die Produktion zu besprechen, und begegneten uns so zum ersten Mal.
Sie lernten Sam kennen, nachdem Alle die da fallen geschrieben war.
Wir standen kurz vor der Produktion.
Bei den späteren Hörspielen waren Sie als Redakteurin beteiligt, Sie spielten also eine aktivere Rolle.
Nach dem großen Erfolg von Alle die da fallen fragte John Morris bei Sam an, ob er ein weiteres Hörspiel schreiben könne, und Sam entgegnete wieder, er könne keines aus dem Hut zaubern, er nehme keine Aufträge an, aber er würde es sich durch den Kopf gehen lassen, und wenn ihm etwas einfalle, würde er schreiben. Dann hatte er die Idee, aus der später Aschenglut wurde. Während er schrieb, standen wir in Briefkontakt, er schickte mir kleine Stücke des Textes, und wir besprachen gewisse Aspekte.
Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, kam er nach London, irgend etwas sollte produziert werden, und ich war gerade im Studio an der Regie für ein Stück … ich wurde ans Telefon gerufen und zu meinem Erstaunen war es Sam, der mich bat … mit ihm zu Abend zu essen. Mir fiel fast das Telefon aus der Hand. Das kam für mich völlig überraschend: Er war es, der auf mich zuging, und ich hatte solche Ehrfurcht vor ihm, daß ich völlig verblüfft war, und verblüfft bin ich immer geblieben.
Mit der Zeit wurden Sie dann eine sehr enge Freundin.
Wir waren zwei Jahre lang befreundet, als Sam Das letzte Band schrieb. Es kam mir nie in den Sinn, daß mehr daraus werden könnte. Natürlich war ich in ihn verliebt. Im Grunde begann alles, weil er zu jener Zeit so unglücklich war; mir kam nie der Gedanke, daß je mehr daraus werden könnte als eine berufliche Freundschaft. Er war es, der die ersten Schritte unternahm, und das brauchte ziemlich lange. Mir war diese Möglichkeit nie in den Sinn gekommen, denn, wie ich ihm später sagte: Ich wußte genau, wenn ich eine traditionelle Haltung eingenommen … und dich beansprucht hätte … das hätte für uns beide nicht gestimmt. … Vor allem für ihn hätte es nicht gestimmt, denn es hätte alles in ihm abgetötet, und es wäre nichts mehr von dem möglich gewesen, was sich zwischen uns entwickelte. Er konnte diesen Schmerz niemandem zufügen, noch dazu einer Person, der er so viel verdankte, beruflich, emotional.
Sie sprechen von seiner Frau, Suzanne. Aber zuerst waren seine Briefe an Sie rein beruflich.
Der Briefwechsel zwischen ihm und mir und dem Produzenten und alles, was über die Redaktionsabteilung lief, müßte in den Archiven der BBC liegen.
Besitzen Sie noch das Tagebuch, das Sie damals führten, oder haben Sie es später rekonstruiert?
Ich habe die Tagebücher bei mir, in meiner Wohnung. Ich kann wahrscheinlich ausgehend von den Sendeterminen nachsehen. Aber es wäre besser, das genaue Datum zu wissen.
Sie brauchen diese Details wohl nicht unbedingt für die Erinnerungen, die Sie schreiben. Woher kommt die Idee für Samuel Beckett: A Memoir?
Als Jim Knowlson sich erkundigte, ob er die autorisierte Biographie schreiben dürfe, fragte Sam, ob ich etwas dagegen hätte. Er dachte wohl nicht, daß ich eine Biographie schreiben wollte, das hatte ich auch nicht vor, er fragte nur, ob ich mit Jim einverstanden sei. Ich hatte keinen Grund, dem im Wege zu stehen, auch wenn ich Einwände gehabt hätte. Doch ich versuchte bewußt nicht, den Boswell für Sams Johnson zu spielen, weil unsere Beziehung zu privat war dafür. Ich möchte mit meinen Erinnerungen das gleiche erreichen wie Norman Malcolm mit seinen Erinnerungen an Wittgenstein. Übrigens war ich die erste, die Wittgensteins Tractatus an Sam schickte, und ich glaube, ich schickte ihm auch Malcolms Erinnerungen, denn zu jener Zeit, als ich in London lebte und er in Paris, sandte ich ihm immer Bücher, die ihn interessieren könnten. Das hat einige Kritiker zu weithergeholten Schlüssen verleitet, es hieß öfters, Becketts frühes Werk sei von Wittgenstein beeinflußt gewesen. Dabei hatte er ihn vor den fünfziger und sechziger Jahren nicht gelesen. Natürlich interessierte Sam sich für Freud, und als Ernest Jones’ Biographie von Freud erschien, habe ich sie ihm ebenfalls zugeschickt.
(...)
Wie war Beckett zu Ihnen? Standen Sie ihm immer voller Ehrfurcht gegenüber? War er wie ein Halbgott für Sie?
Wir hatten ein ebenbürtiges und ungetrübtes Verhältnis. Jeder von uns konnte sprechen oder schweigen, wie er wollte. Wir tickten gleich, wir paßten geistig und vom Temperament her wunderbar zusammen, es gab vieles, in dem wir gleich waren, und es gab, ganz abgesehen von seiner Größe, einiges in unserem Wesen, worin wir uns ähnelten.
Wie teilte er sich Ihnen mit? Viele Leute behaupten, es sei schwierig für ihn gewesen, seine Gedanken und Gefühle mitzuteilen. Über welche Kanäle erfolgte bei Ihnen beiden die Kommunikation?
Als ich in England war und er in Frankreich, kam er oft nach London herüber, und ich fuhr oft hinüber nach Paris … dazwischen schrieben wir uns … aber selbstverständlich waren seine Briefe, fürchte ich, viel interessanter. Wenn auch meine manchmal, ich möchte sagen, recht gut waren. Ich wußte, es würde nicht sehr lange dauern, bis er sie erhielt – die richtigen, greifbaren Briefe. Und wir telefonierten miteinander, er rief mich mindestens einmal am Tag an, auch wenn er unterwegs war. Aber es war keine … (sie zögert) … Beziehung mit einer festen Struktur … es gab keine Regeln, was der eine oder der andere tun mußte.
Eigentlich meinte ich Kanäle der Kommunikation im weiteren Sinne. Sie wissen, er galt als ziemlich zurückhaltend und schweigsam (oder gar stumm!), wenn es darum ging, seine persönlichen Gedanken und Gefühle in Worten zu vermitteln …
Ich glaube nicht, daß er mir etwas vorenthalten wollte, es war nicht nötig, alles in Worten auszudrücken. Unser Verhältnis war völlig ebenbürtig und ungetrübt.
Wie war es mit einer konkreteren Art der Kommunikation, die besser zu erklären ist, etwa, wie er Ihnen seine literarischen Intentionen vermittelte, während er an einem Text arbeitete?
Er erzählte mir immer, wenn er eine neue Idee hatte, und dann fragte ich: „Na, was ist daraus geworden?“ und setzte ihm gleichsam zu, weiterzuarbeiten. Aber wenn er es offenkundig nicht weiterverfolgen wollte, bedrängte ich ihn nicht.
Und wenn er es weiterverfolgte?
Er zeigte mir die Arbeit in ihrem Verlauf. Wenn in der Post ein Umschlag leer war [wenn kein Brief darin lag], dann enthielt er die erste Seite oder die ersten paar Seiten, und ich sollte einen Blick darauf werfen und sagen, was ich denke, wenn er kam, bei unserem nächsten Treffen. Wenn er übersetzte, saß ich meist neben ihm und machte einige nützliche Vorschläge – sicher auch einige unnütze …
Arbeiteten Sie regelmäßig zusammen?
Je nachdem, was en cours war. Wenn es sich um Übersetzungen handelte, war das planmäßig. Wir arbeiteten den Text zusammen durch. Die Texte, an denen er schrieb, sah ich in all ihren Stadien. Ich bildete mir nicht sonderlich viel auf meinen Einfluß ein, ich denke, es half ihm, wenn ich ihm als Resonanzraum diente, es half ihm, ausreichend Gesellschaft zu haben, natürlich nicht zuviel …
(...)
