Zweite Navigation, das Heft
Norman Manea
MONUMENTE DER SCHANDE
(Auszug/LI 87)
(...) Die jüngste finanzielle Krise wird nach Ansicht mancher Experten einen ähnlichen Effekt für den Markt haben wie der Fall der Berliner Mauer. Der Vergleich ist aber nicht besonders zutreffend. Die heutige Krise ist das Ergebnis vieler Fehler und einer gefährlichen Verbreitung von Habgier und Korruption, einer zunehmenden Konzentration des Reichtums sowie einer Kultur der Komplizenschaft und Selbstherrlichkeit. Sie verdankt sich jedoch auch den Fehleinschätzungen von Ökonomen, die sich jetzt plötzlich zu den größten Kritikern der von ihnen mitverschuldeten Zustände aufschwingen. Die naive Prämisse des vorhersagbaren, absolut rationalen Funktionierens des Marktes und der Glaube an die rationale Therapierbarkeit seiner Unvollkommenheiten weist seltsame Ähnlichkeiten mit dem „Dialektischen Materialismus“ der sozialistischen Heilslehre auf. Wir verfügen bislang ebensowenig über eine echte Alternative zur freien Marktwirtschaft wie über eine echte Alternative zur Freiheit. Keine Fehler oder Unzulänglichkeiten des freiheitlichen Systems sind so schlimm wie die dogmatischen Lösungen, mit deren Hilfe sie kuriert werden sollen. Wir setzen auf die Freiheit, aber auch auf Kompetenz und Ehrlichkeit, auf eine kritische und offene Debatte.
Der Mangel an individueller und kollektiver Freiheit hat zum Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ geführt. Wir müssen also der „unvollkommenen Rationalität“ jegli-cher bürokratischen Planung menschlicher Entscheidungen Rechnung tragen, ebenso wie un-serem unvollständigen Wissen über den Markt, der Unbestimmtheit der kapitalistischen Ent-wicklung. Durch die Vereinnahmung der „Rationalität“ als Instrument einer perversen und selbstherrlichen Demagogie werden nicht nur die heutige Nomenklatura aus arroganten Öko-nomen, Bankern und Bürokraten sowie die mit ihr verbandelten Politiker ein für allemal in Mißkredit gebracht, sondern unglücklicherweise auch die Grundidee der Freiheit selbst. Verstünde man das menschliche Handeln als automatische Tätigkeit von Robotern, wie es die totalitären Systeme und manche unserer „rationalen“ Wirtschaftsbosse in den Großunternehmen und der arroganten Finanzwelt gerne taten, so würde man wieder in eine katastrophale verdinglichende Denkweise verfallen.
1989 wurde die Öffentlichkeit erfüllt von hoffnungsfrohen Botschaften und utopischen Prophezeiungen über das Ende der Geschichte und das Ende der Ideologien. Es bedarf aber einer Menge Phantasie und einer gehörigen Portion Optimismus, wenn nicht gar Dummheit, anzunehmen, daß unsere Mitmenschen jemals in der Lage sein werden, sich von ihren Ideen, Idealen und Ideologien mitsamt ihrer Faszination und ihren Täuschungen zu verabschieden. Schon bald nach dem Beginn eines neuen Jahrhunderts und Millenniums haben die religiösen Terroristen des 11. September 2001 mit der blutigen Zurschaustellung ihres Fanatismus bewiesen, daß wir immer noch weit von einem hehren irdischen Paradies jenseits von Geschichte und Ideologie entfernt sind. Die menschliche Historie und die Geschichte der Menschheit gehen weiter wie bisher, werden fortgesetzt durch Ideen und Konflikte, durch neues/altes Streben nach dem absoluten Glück, durch schreckliches Leid und Katastrophen.
Paradoxerweise haben die Piloten des 11. September durch ihre frömmlerische Barbarei die Prophezeiung erfüllt, daß das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Religion sein werde. Nur, weiter reichte die prophetische Gabe nicht: Uns wurde nicht mitgeteilt, was das für uns bedeutet. Werden wir es überleben? Die Antwort auf diese Frage kommt scheinbar von den neuen „Todesrittern“, die „Gott ist groß!“ rufen. Nicht der Gott aller, versteht sich, sondern ihr Gott, der alle anderen Götter und alle Anbeter der anderen Götter und auch alle gottlosen Sünder dieser Welt zu Feinden erklärt hat. Dieser Gott setzt paradoxerweise das oberste Gebot aller Religionen: „Du sollst nicht töten!“ außer Kraft. Mehr als jede andere Epoche hat die Moderne die Fliehkräfte der Gesellschaft durch spektakuläre technologische Fortschritte verstärkt. Doch in der Moderne, vielleicht mehr noch als in der Vergangenheit der Traditionen, war das Individuum sich selbst überlassen, wurde es jeden anderen Zentrums außerhalb des Selbst beraubt. Allzu viele unserer Zeitgenossen erfahren dieses Selbst mittlerweile als zutiefst unzulänglich und enttäuschend.
Zwar würden wir uns am liebsten nur mit den großen Errungenschaften der Menschheit befassen und mit der beharrlichen Fähigkeit von Frauen und Männern, Liebe, Träume und Sehnsucht in Kreativität und Überzeugungen zu verwandeln, doch wir kommen nicht umhin, das Fortbestehen von Krieg und Haß ebenso zur Kenntnis zu nehmen wie deren Verherrlichung im Namen von Patriotismus, religiösen Idealen, gesellschaftlichen Privilegien oder sozialer Gerechtigkeit. Gibt es wirklich Menschen, die ernsthaft davon überzeugt sind, daß die Menschheit bereit ist, auf das große, jahrhundertealte Geschäft von Mord und Totschlag zu verzichten? Tiefe Skepsis, wenn nicht gar Bitterkeit oder Verzweiflung, scheint in diesem Zusammenhang angebracht.
(...)
