LI 100, Frühjahr 2013
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An beiden Ufern der Welt

Warum das Projekt Europa nicht aufgegeben werden darf

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In welcher Weltregion werden die Rechte von Minderheiten am wenigsten unvollkommen respektiert? Dort, wohin wir nun wieder blicken müssen: in Europa. Europa hat gelernt – und besonders Deutschland hat gelernt –, unter vielen Schmerzen und sehr vielem Blutvergießen, daß Nationalismus und die Mißachtung von Minderheiten zu den schlimmsten Ungerechtigkeiten und Gemetzeln der Geschichte führen können – und tatsächlich geführt haben. Europa war bis 1945 eine der kriegerischsten und blutigsten Regionen der Welt: Kreuzzüge, Religionskriege, Imperialismen, Kolonien, Napoleonische Kriege, Sezessionskriege, Spanischer Bürgerkrieg, Erster und Zweiter Weltkrieg. Dutzende Millionen Tote, die nicht einmal wir, Lateinamerika und alle arabischen Länder zusammen, in einem ganzen Jahrhundert von großen und kleinen internationalen oder Bürgerkriegen verursacht haben. Nachdem Europa viel gelitten und Juden, Geisteskranke und Zigeuner beinahe ausgerottet hatte, nachdem es ganze Nationen zugrunde gerichtet und die Bevölkerung Englands, Deutschlands, Rußlands, Spaniens und Frankreichs dezimiert hatte, hat es das ganz außerordentliche Experiment durchgeführt, Einheit und Brüderlichkeit zwischen den verschiedenen Beteiligten zu schaffen: den mannigfaltigen Sprachen, den andersartigen Traditionen, den verschiedenen Religionen, den vielfältigen Sitten. Länder, deren Völker sich jahrhundertelang gegenseitig umbrachten und tödlich haßten, haben das Experiment gewagt, in Eintracht zu leben und vorwärtszukommen. Oder, wie es Borges gesagt hat: „Sie haben den absonderlichen Beschluß gefaßt, vernünftig zu sein.“

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Jetzt sieht es so aus, als ob ihr Europäer dieses Ideal aufgeben wollt, das erst seit wenigen Jahrzehnten erprobt wird (und das wenige, sehr wenige Menschenleben gekostet hat, wenn ihr die Zahlen mit denen jedes anderen früheren Jahrhunderts eurer gesamten Geschichte vergleicht). Ihr seid in endlose Streitigkeiten verwickelt, vertretet egoistische und von gegenseitigem Unverständnis geprägte Haltungen, hofft auf unmögliche messianische Lösungen. Seid ihr verrückt? Bringt uns nicht um die einzige aktuelle Bezugsgröße der Weltgeschichte, die anscheinend funktioniert hat. Verteidigt sie, stärkt sie, verbessert sie, besinnt euch wieder auf die wenige Jahrzehnte zurückliegenden Ideale – aber gebt nicht der Versuchung nach, in die Vergangenheit zurückzufallen! Wir, Menschen wie ich, die in unsere Länder zurückkehren konnten, weil wir keine allzu große Angst mehr hatten, daß man uns umbrachte, wir haben aus Italien, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien die Ideale der Zivilisation, der Toleranz und der Brüderlichkeit mitgebracht. Jetzt sagen viele von euch, daß das, was ihr gestaltet habt, ein großer Irrtum oder, schlimmer noch – entschuldigt den Ausdruck: „Scheiße“ sei. Jemand, der nicht an Gott glaubt, sagt euch: Um Gottes willen, so ist es nicht, Europa ist kein Irrtum und keine Scheiße! Viele Dinge sind schlecht, und man muß sie ändern. Es gibt ungebildete und unreife Yuppies der Finanzwelt, die nicht über ihren Tellerrand hinaussehen. Sie verdienen es nicht, die Macht im Schatten von Traditionen auszuüben, die viel tiefer und komplexer sind als sie selbst. Doch das Europa, das mein Leben rettete, als es mir mehrere Jahre lang Asyl gewährte, muß eine Begegnungsstätte bleiben, eine Zuflucht für die Verfolgten der Welt, eine weniger ungerechte Insel in einer abgrundtief ungerechten Welt und vor allem ein Weg, der uns zeigt, daß man Wahnsinn, Fanatismus, absolute Ungerechtigkeit oder Greuel überwinden kann. Die Welt wird nie ein Paradies sein, doch was ihr in den letzten sechzig Jahren in diesem geeinten und solidarischen Europa zu schaffen in der Lage wart, ist das bisher auf Erden durchgeführte Experiment, das am wenigsten der Hölle gleicht.

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Mehr von:
Héctor Abad
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 9
Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann

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Hauptthema
  • Plädoyer für die europäischen Ideale

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