LI 120, Frühjahr 2018
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Schule für Clowns

Wie ich lernte, zuallererst auf meine innere Ordnung zu achten

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Je intensiver wir mit dem Überleben beschäftigt sein müssen, desto stärker unterdrücken wir ursprüngliche Instinkte und versuchen, unauffällig zu sein (oder, im extremen Fall, uns totzustellen – sich bei einer Massenerschießung in einem Leichenhaufen zu verbergen). Das Äquivalent zum Sichtotstellen ist die Errichtung einer Fassade, dessen, was Winnicott das „falsche Selbst“ nannte, aufgebaut auf guten Manieren und Wohlverhalten im Gegensatz zu spontanem Ausdruck; diese Fassade macht das Individum unsichtbar und sichert so das Überleben des wahren Selbst. Es handelt sich um eine Art von psychologischem Sichzusammenkauern, der Annahme folgend, daß alles, was hervorragt, in Gefahr ist: Die höchsten Sonnenblumen werden abgeschnitten.
   Der Clown ist anders. Der Clown erhebt sich vor einem Publikum und nimmt das Risiko auf sich, das, was in seinem Inneren steckt, aus sich herausströmen zu lassen – so, wie Patienten bei einer Psychoanalyse in freier Assoziation ihre Gedanken sich überallhin bewegen lassen, wo sie hinwollen. Während der Analytiker nach dem wahren Selbst sucht, indem er das Material durchgeht, welches ihm das Unbewußte enthüllt, versucht es der Schauspieler in der Clownsschule auf dem Wege des spontanen Ausdrucks zu entdecken. Diese Prozesse erinnern an das, was Heidegger als alêtheia bezeichnet hat: Wahrheit als Unverborgenheit. Der klarste Ausdruck der alêtheia, den ich gehört habe, stammt von meiner Tochter Isadora, die ich mit drei Jahren jemanden „schön“ nennen hörte. Ich fragte: „Was bedeutet schön?“ Sie, immer noch ihrem Clown sehr nahe, antwortete: „Schön bedeutet am meisten selbst.“ („Beautiful means most self.“)

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Der hauptsächliche Grund, der die Leute in meine psychoanalytische Praxis kommen läßt, ist das Gefühl, daß man sehr viel geopfert hat, um sich das Leben zu schaffen, von dem man träumte – daß man jetzt aber nicht mehr in der Lage ist, jene Freude zu empfinden, von der man dachte, sie würde mit den idealen Lebensumständen einhergehen, für die man sich abgerackert hat. Das falsche Selbst mag für andere attraktiv aussehen, aber es ist nicht mehr mit dem emotionalen Armaturenbrett verbunden (in welches der Clown jeden seiner Finger hineinrammt, ohne Angst davor zu haben, sich einen Stromschlag zu holen). Während die Menschen meist dazu angehalten werden, ihr äußeres Leben in Ordnung zu bringen, koste es im Inneren, was es wolle, tut der Clown das Umgekehrte: Um der Ordnung seines inneren Lebens willen mag im Äußeren geschehen, was will. Das schöne Chaos, das sich so ergibt, enthüllt das Innere des Clowns – und jenes der Leute im Publikum, die sich in dem wiedererkennen, was der Clown zum Ausdruck bringt. Sie quittieren dieses Wiedererkennen mit Gelächter, das manchmal die einzig akzeptable Form einer Katharsis ist.

EINHAKSTELLEN

Der Wunsch, akzeptiert zu werden, läßt die Menschen all das verbergen, von dem sie glauben, man könnte es negativ beurteilen, das wahre Selbst und den Clown, die innere Buntscheckigkeit. „Es ist für die anderen Leute leichter“, belehrte Bayes uns, „wenn ihr weniger seid – deswegen gibt es den Sozialvertrag in der U-Bahn: keine Blickkontakte, mach dich nicht breit. Ich möchte aber, daß ihr mehr seid.“
   Man kann weniger sein, wenn man Immobilien verkauft, nicht aber, wenn man Künstler sein will. Das erfordert, daß man mit erhöhter Temperatur lebt.

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Donald Trump ist wiederholt als Clown bezeichnet worden (und wurde auf einem Cover des New Yorker als solcher dargestellt), aber er ist ein Clown, der offensichtlich nicht aus der Realität heraus- und in die Show hineintritt. Er ist ein falscher Clown – etwas, das die Schauspielerin Mary-Louise Parker als „das Gegenteil alles Clownesken“ beschrieben hat. Er enthüllt nicht seine Menschlichkeit, sondern versucht im Gegenteil „immer, eine Emotion als eine andere zu verkaufen, täuscht Gleichgültigkeit vor, wenn er ganz offensichtlich wütend ist, und gebraucht dann eine Art Schulhofsarkasmus … Er will sich als unbeirrbar präsentieren, wenn er am wackligsten ist, was überdeutlich seine Unsicherheit zeigt.“ Sie könnte mit ihm nicht emotional zusammenkommen, „und wenn er der größte politische Führer der Welt wäre“, weil er „im Grund schlicht ein furchtbarer Schauspieler ist“.
   Fürchterliche Schauspieler geben dem Publikum immer überdeutliche augenzwinkernde Signale, sie müssen etwas immer demonstrativ anzeigen, weil sie nie etwas ganz von innen heraus verkörpern können. Sie besitzen es nie bis zu dem Punkt, wo man sie selbst nicht mehr vom Augenblick trennen kann. Es hängt ihnen immer ein Stück vom Leib, wie ein Ornament. Die Tragödie der mittelmäßigen Schauspielerei besteht für mich darin, daß wirklich beschissene Schauspieler auf den größten Teil des Publikums regelmäßig überzeugend wirken. Sie haben dieses große Publikum auf ihrer Seite, weil sie das abliefern, was diese Mehrheit will, und die ist glücklich, das vorgesetzt zu bekommen. Allzu glücklich.
   Trump enthüllt die Realität, die er gerne konstruieren würde (die zusammenfällt mit der Ordnung, die viele gerne dem Äußeren gäben), aber nicht den aufrichtigen Ausdruck, der zu einer universellen poetischen Wahrheit vordringt und die Zuhörer bewegt. Wenn Eigeninteresse als Selbstenthüllung verkauft wird, spüren wir, daß wir es hier mit etwas im Laden Gekauftem zu tun haben – wir sehen, wie die Rolle ihm vom Leib hängt, wir riechen die Verpackung.
   Solche fürchterlichen Auftritte sind jedoch in der Methodologie der amerikanischen Politik nichts Neues. Der Journalist Ron Suskind hat einen Wortwechsel aufgezeichnet, den er 2002 mit einem Assistenten von Präsident George W. Bush hatte. Hier sieht man ebenfalls, wie der Welt eine falsche Wirklichkeit aufgepfropft wird.
   „Der Assistent sagte, Typen wie ich gehörten zu dem, ‘was wir die wirklichkeitsgestützte Öffentlichkeit nennen’, und diese definierte er als die Menschen, ‘die glauben, daß Lösungen entstehen, wenn man die erkennbare Wirklichkeit untersucht und abwägt.’ Ich nickte und murmelte etwas über die Prinzipien der Aufklärung und Erfahrungsorientierung. Er unterbrach mich. ‘So funktioniert die Welt jetzt aber tatsächlich nicht mehr’, fuhr er fort. ‘Wir haben ein Imperium, und wenn wir handeln, erschaffen wir unsere eigene Realität. Und während Sie diese Realität untersuchen – so abgewogen, wie Sie wollen –, handeln wir schon wieder und schaffen neue Wirklichkeiten, die können Sie dann auch untersuchen, und so wird’s immer weitergehen. Wir sind die Handelnden der heutigen Geschichte … und Sie, Sie alle, können bloß noch untersuchen, was wir machen.’“
   Diese Handelnden der Geschichte erschaffen (wie schlechte Schauspieler) Realitäten von außen. Das Clowning steht dem Verfahren von Kabarettisten in Nachtklubs näher, die nicht der Welt eine falsche Realität überstülpen, sondern die Wahrheit als Unverborgenheit verfolgen. Humor hat, wie John Lennon bemerkte, die Macht, zu entwaffnen.
   „Wenn es soweit kommt, daß du Gewalt anwendest, dann spielst du schon das Spiel des Systems mit. Das Establishment wird dich irritieren wollen, es zupft dich am Bart, es schnippt dir ins Gesicht, damit du kämpfst. Denn wenn du einmal gewalttätig geworden bist, dann wissen sie, wie sie mit dir umgehen. Das einzige, womit sie nicht umgehen können, ist Gewaltlosigkeit und Humor.“

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Mehr von:
Nuar Alsadir
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 50
Aus dem Englischen von Joachim Kalka

Genre

Hauptthema:
  • Der persönliche, poetische und politische Möglichkeitsraum des wahren Selbst

Schlagworte

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