LI 099, Winter 2012
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Identitätspanik

Formen des Chaos und die Rückkehr der Religion im Postsäkularismus

Eines der meistzitierten Sonette Shakespeares ist die Klage über die verkehrte Welt, in welcher der Dichter zu leben verurteilt ist:

„Weil ich ja seh: Verdienst geht betteln hier im Staat, … / Und reinster Glaube landet elend im Verrat. / Und Ehre ist ein goldnes Wort, das nichts mehr gilt, … / Und weil Vollkommenheit man einen Krüppel schilt, / Und weil die Kraft dahinkriecht auf dem Humpelbein / Gelehrte Narrn bestimmen, was als Weisheit gilt / Und Kunst seh ich geknebelt von der Obrigkeit, / Und simple Wahrheit, die man simpel Einfalt schilt / Und Güte, die in Ketten unterm Stiefel schreit.“

Eine solche Welt muß er verlassen oder aber einen Kampf auf Leben und Tod führen, um die vom Bösen in Ketten gelegte Güte zu befreien, den Verbrechern die Herrschaft über die Verhältnisse zu entreißen und die Weisheit den Händen der Idioten zu entwinden. Shakespeares unsterbliche Klage endet mit dem Vers:

„Von all dem müde, wär ich lieber tot, ließ ich / in dieser Welt dabei mein Liebchen nicht im Stich.“

Das nennt man Flucht ins Private, in die von den historischen Umwälzungen übriggebliebenen Zwischenwelten, wo die Welt des Natürlichen und die Solidarität der parallelen Polis überlebt haben, wo ein Idiot ein Idiot ist, das Band zum Nächsten von der Verzweiflung befreit ist und den einzig verbliebenen Grund zum Leben in einer Welt darstellt, in der „das Höhere vom Niedrigen und der Verstand von Idioten vergewaltigt“ wird.

(…)

Der Wind der Globalisierung ist über homogene Gemeinschaften und gemeinsame Traditionen hinweggefegt, und der liberale Staat ist in einem Vakuum gelandet. Die entscheidende Erfahrung der globalisierten Gesellschaft ist das „Fehlen einer gemeinsamen Tradition“, die den Bürgern Sicherheit, gegenseitige Anerkennung und Zusammenarbeit gewährleisten könnte. Die bedrohliche Erfahrung der Abwesenheit des Einigenden führt zu Identitätspanik und in der Folge zur Abwendung von der Vernunft und Hinwendung zur Identität.

Sagen wir es so: Der Staat – das sind geschriebene Gesetze, die nur dann funktionieren, wenn sie ein Abbild der Gesetze in den Herzen der Bürger sind, wie die konservativen Kritiker der Französischen Revolution es ausdrückten. Die in unsere Herzen geschriebenen Gesetze sind Legitimität, die in der Gesetzessammlung verankerten Legalität. Das Legitime ist nie völlig legal und umgekehrt, doch zwischen diesen beiden Polen der Gesellschaft darf kein „größerer als ein kleiner“ Unterschied sein.

Die Legitimität ist das kanonisierte Ganze der „identitätsstiftenden Geschichten eines Volks“.

Ihre Kritik oder Ablehnung löst Identitätspanik aus, die rasch in Despotismus umschlagen kann: Pflichtreligion, Pflichtbekenntnis zu gemeinsamen Vorurteilen, Pflicht zum Aushängen von Kreuzen in den Schulen. Die heutige Wende zur Identität, deren deutlichstes Anzeichen der Neo-Kleronationalismus ist, ist eine Massenreaktion auf die von der Globalisierung ausgelöste Identitätspanik.

(…)

Wir können vier Arten von Chaos beschreiben, die von der Identitätspanik ausgelöst und genährt werden.

Postbipolarität

Die erste Art von Chaos ist nach dem Ende des Kalten Kriegs eingetreten: nennen wir sie das „postbipolare Chaos“. Sein Kern ist die Verdunkelung des Unterschieds zwischen der souveränen Macht, dem imperium, und der Lokalmacht, der potestas, ein Erbe der römischen Geschichte. Das imperium ist die souveräne Macht, intra muros von Rom auf die Macht der Richter, des Volks und des Senats beschränkt, extra muros völlig souverän. Die Lokalmacht vor den Mauern Roms, die potestas, wird vom Imperium geduldet, unter der Bedingung, daß sie mit ihm in souveränen Entscheidungen nicht konkurriert.

Die bipolare Welt war klar aufgeteilt in zwei imperiale Machtblöcke, auf der Grundlage der gegenseitigen Abschreckung durch den angedrohten Nuklearschlag. Im postbipolaren Chaos ist das Verhältnis zwischen der imperialen und der lokalen Macht, zwischen imperium und potestas, unklar: Die Blöcke sind zerfallen, und viele Völker haben die Gelegenheit zur Wiedererlangung staatlicher Souveränität genutzt. Einer Souveränität, die in der Epoche der Deregulierung und der globalen Risiken längst zur gefährlichen Illusion geworden ist.

Der Unterschied zwischen imperium und potestas ist neu zu definieren, in Form von multilateralen Übereinkommen zwischen zahlreichen Akteuren – dies ist der Kern des postbipolaren Chaos. Auch der Begriffsinhalt der Souveränität wandelt sich, und eine Nuklearmacht wie die USA ist nicht vor Ölkatastrophen wie jener im Golf von Mexiko gefeit. Das amerikanische imperium ist in der Konfrontation mit einer Macht neuen Typs, wie sie von BP vertreten wird, bloße potestas.

In der bipolaren Welt war die imperiale Macht eng mit der Wissenschaft und der Technologie verknüpft, die nationalen Wissenschaften waren nur potestas, die im Rahmen der Schulen und nationalen Ausbildungsstätten gepflegt wurde. Heute verlagert sich die imperiale Wissenschaft unter dem Schlagwort der „Exzellenz“ von den staatlichen Universitäten in die supranationalen Konzerne, die aus den Händen der Nationalstaaten imperiale Macht empfangen. In der globalisierten Welt hat derjenige imperiale Macht, der entscheidet, welche Risiken wir ohne das Recht auf legitimen Widerstand hinnehmen müssen.

Die Verwirrung zwischen imperialer Macht und potestas löst auf verschiedensten Ebenen Identitätspanik aus: als Beispiele seien der Zerfall Jugoslawiens genannt, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko oder der griechische Widerstand gegen die von der EU auferlegte Haushaltsdisziplin. Auch die Krise des Euro, einer Währung ohne souveräne Macht, löst Identitätspanik aus, nicht nur in Griechenland. Ein weiteres Beispiel ist die Krise des Finanzsektors. Sind die Staaten nicht bloße potestas vor der imperialen Macht der Finanzsysteme? Müssen sie bei den eigenen Bürgern sparen, um die Schulden der Banken zu tilgen?

(…)

Postmultikulturalismus

Die dritte Art von Chaos ist das „postmultikulturelle Chaos“. Die Ära des Multikulturalismus ist zu Ende. Sie hat ein Chaos hinterlassen, dessen Brut der heutige Neorassismus ist.

Erinnern wir an den Unterschied zwischen der „multirassischen“ und der „multikulturellen“ Gesellschaft: In der multirassischen Gesellschaft werden die Rassenunterschiede durch die Einheit der Kultur kompensiert – ein Schwarzer in Generalsuniform salutiert vor der französischen Flagge. Die ethnische und rassische Distanz wird durch kulturelle Nähe ausgeglichen: die Angst, durch Heterogenität erzeugt, wird von kultureller Homogenität besänftigt. Die ausgleichende Rolle der Kultur durchdringt die liberal-demokratische Gesellschaft und ist ein Schlüsselfaktor für die Integration.

Im Gegensatz dazu gleicht in der multikulturellen Gesellschaft die Kultur nicht das rassische oder ethnische Anderssein aus, sondern legitimiert sie. Anstatt sie zu überwinden, ist sie die Verlängerung der rassischen und ethnischen Unterschiedlichkeit. Der öffentliche Raum öffnet sich anderen Kulturen, und der Kampf um die Anerkennung der jeweils „anderen Kultur“ übernimmt die Rolle des Kampfes um soziale Gleichstellung.

Doch gehört zur Kultur nicht die ständige Spannung zwischen dem argumentativen Verwehren des Anspruchs jeglicher Tradition auf Anerkennung, dem Recht eines jeden auf Verteidigung des universellen Sinns seiner Tradition und dem Recht eines jeden anderen, im argumentativen Dialog diesen Anspruch kritisch abzulehnen? Sind nicht Konfrontation und Kritik Kern der Kultur: Können sie etwas anderes sein als die Loslösung von der Abhängigkeit vom rein Örtlichen, Zeitlichen, Sprachlichen und an die Identität Gebundenen? Der französische Philosoph Alain Finkielkraut hat diesen Zug der europäischen Kultur als „Abolitionismus“ bezeichnet: den Versuch, all das aufzuheben, was uns an das Lokale, das Blutsverwandte, das Zeitliche und nicht universell Gültige fesselt. Der – mitunter brutale – Kampf mit dem, was uns von der örtlichen, historischen und nationalen Identität abhängig macht, kann in der Kultur nicht unterdrückt werden.

Der Multikulturalismus hat den universalisierenden Kritizismus in der Kultur zum Erliegen gebracht und Angst und Beklemmung angesichts der potestas, einer lokalen Macht, ausgelöst, die sich womöglich zu einer verbindlichen und unkritisierbaren Kultur aufschwingen will. Dies hat zur Entstehung des Neorassismus im heutigen Europa beigetragen, der eine Reaktion auf die neue Angst vor jenen Identitäten ist, die Anerkennung einfordern, ohne sich der argumentierenden Kritik im öffentlichen Raum aussetzen zu wollen. Kultur ist nicht die Fortsetzung der Identität, sie ist der Kampf um Anerkennung auf Grund von Argumenten, und die neue, aus dem kritischen Geist der Kultur entstandene Identität ist universalistisch, da sie den Kampf um Anerkennung im öffentlichen Raum bestanden hat.

Der Multikulturalismus hat Identitätspanik ausgelöst, weil er in der Kultur den Abolitionismus geschwächt hat, das identitätszersetzende Element, ohne das eine Integration in die Gesellschaft rationaler Individuen nicht möglich ist. Diese Integration muß auf einer Kritik der Traditionsabhängigkeit fußen, andernfalls ist sie bloße Assimilation; die Identitätskritik muß die einzig legitime Art der Integration in die Gesellschaft sein.

(…)

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Aus dem Tschechischen von Angela Rogner

Genre

Hauptthema:
  • Die Wiederkehr von Religion und Identitätsbedürfnis in der globalisierten westlichen Zivilisation

Schlagworte

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