LI 113, Sommer 2016
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Das Auge und die Seele

Ein Leben für die Freiheit in Sizilien

(…)

Wie war es, Pasolini zu treffen?

Das hat mich sehr bewegt. Ich hatte große Achtung vor ihm und habe seinen Stolz und seinen Kampf geliebt. Für mich war Pasolini ein sehr ehrlicher Mensch. Das machte ihn wunderbar.

Du hast ihn in einer außergewöhnlichen Situation photographiert.

Es war eine Veranstaltung des Circolo Turati, eines sozialistischen Vereins in Mailand, über Pornographie im Kino. Er war einer der Vortragenden und wurde vom Publikum stark angegriffen. „Du hast uns verraten, du machst Pornographie, keine Kunst.“ Ich erinnere mich an sein trauriges Gesicht, ernst, aber auch stolz. Etwa zwanzig Photos habe ich von ihm gemacht, dramatische, schöne Porträts. Als es in einem kleinen Dorf in der Nähe Mailands vor einiger Zeit eine Ausstellung der Zeichnungen Pasolinis gab, sah ich, daß er sich genauso gezeichnet hat, wie ich ihn photographiert habe, dieselbe Einstellung, derselbe Bildausschnitt. Das war berührend. Aber ich habe ihn nicht einmal berührt, wir haben uns weder gesprochen noch gegrüßt. Er hat vermutlich nicht einmal bemerkt, daß ich diese Photos machte, obwohl er in die Kamera blickte. Das war 1972. Er hatte gerade die Canterbury Tales – Pasolinis tolldreiste Geschichten gedreht.

Was hat die Intellektuellen derart gestört?

Daß es derartig lebendig war. Anfang der siebziger Jahre waren die Christdemokraten an der Macht. Pasolini hatte sein wunderbares Evangelium nach Matthäus gedreht, das der Kirche von damals allerdings nicht gefiel. Ein Papst Francesco würde wohl kaum etwas gegen Pasolini gesagt haben.

Einige wenige, manchmal physische, bisweilen nur mentale Begegnungen haben eine Kraft in mir hervorgerufen. Ich hatte die Ehre, Ezra Pound zu treffen. Ich kannte ihn nicht und war vollkommen unbekannt. Ein Freund, der Dichter Emilio Isgrò, fragte mich: „Möchtest du nach Venedig kommen?“ Ich war in Mailand und sagte: „Klar komm ich mit zu Ezra Pound.“ Ich betrat also ein kleines venezianisches Haus im Erdgeschoß, ganz in der Nähe des Wassers, und dort saß dieser Mann, der aussah wie Leonardo da Vinci, mit langem weißen Bart, traurigem Blick. Daneben eine kleine alte Frau, die Kaffee servierte. Er sagte kein einziges Wort. Ezra Pound sprach mit niemandem mehr. Ich wußte nicht davon. Ich war stark geschminkt mit viel Kajal und Mascara, und ich begann zu weinen. Denn er hatte eine Kraft in seinen Augen. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Auch ich sagte kein einziges Wort, aber weinte. Dieser traurige Blick, mit dem er mich anschaute, der ist in mir erhalten geblieben. Er hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Später erst habe ich die Cantos gekauft und verstanden, wer er ist. Ein Gedicht von ihm ist für mein Leben wichtiger gewesen als fünf Jahre Unistudium:
 
Was du innig liebst, ist beständig,
der Rest ist Schlacke.
Was du innig liebst,
wird dir nicht weggerafft
Was du innig liebst, ist dein wahres Erbe.
Wessen Welt? Meine? Ihre?
Oder ist sie von niemand?
Erst geschautes, alsdann ergriffenes
Elysium, wenn auch in Vorhallen der Hölle,
Was du innig liebst ist dein wahres Erbe
Was du innig liebst wird dir nicht weggerafft.
Die Ameise ist Kentaur in ihrer Drachenwelt.
Laß ab von Eitelkeit, nicht schuf der Mensch
Den Mut, schuf nicht Ordnung oder Schönheit,
Laß ab von Eitelkeit, sag ich, laß ab,
Lerne von grüner Welt erkennen, wo dein wahres Maß
An Erfindungsgabe oder rechtem Können,
Laß ab von Eitelkeit,
„Beherrsche dich, daß andere dich ertragen“
Laß ab von Eitelkeit
Du bist im Hagel ein geschlagner Hund,
Gedunsne Elster in der Sonne Wankelmut,

Halb schwarz, halb weiß
Und kennst nicht Schwanz von Schwinge
Laß ab von Eitelkeit
Wie klein dein Haß
Genährt von Falschheit,
Laß ab von Eitelkeit,
Eifer zu verheeren, arm an Erbarmen.
Laß ab von Eitelkeit,
sag ich, laß ab.

Doch daß man tat statt nicht zu tun
Dies ist nicht Eitelkeit
Mit Anstand an die Tür gepocht zu haben
Daß ein Blunt sie öffne
Zu lesen aus der Luft lebendige Überlieferung
Und aus dem Greisenaug die unbesiegte Flamme
Dies ist nicht Eitelkeit.
Der Fehler liegt im Nicht-Tun
Und in dem Kleinmut, der nichts wagte.

Genau das ist es: „Laß ab von Eitelkeit, Laß ab von Eitelkeit“, das ganze Leben lang. Dann sagt er „Doch daß man tat statt nicht zu tun / Dies ist nicht Eitelkeit.“ Also das ist wichtig für mich. Und Ezra Pound findet sich auch unter den letzten photographischen Arbeiten, die ich realisiert habe: Die Unsterblichen. Das sind meine Väter und Mütter, Menschen, denen ich so vieles verdanke.

(…)

Du bist mit den Photos der Gewaltverbrechen berühmt geworden, ich stelle mir vor, daß das als Frau eine schwierige Arbeit war. 

Stell dir eine reizende, junge Frau vor, gekleidet mit weitem Rock oder in Kleidern, die in Palermo umherkreuzte und der ins Gesicht gespuckt wurde. Mir wurde auch die Kamera heruntergerissen. Einmal bin ich mit meinem Freund entführt worden, weil sie den Film haben wollten. Sie sind mit uns in unser Labor gefahren, weil ich ihnen sagte: „Auf dem Film sind noch andere Photos. Da seid nicht nur ihr drauf.“ Sie kamen also mit ins Labor und wir haben die Bilder herausgeschnitten. Ich mußte sie ihnen geben, was hätte ich tun sollen? Danach habe ich dann mit einem Polizisten gesprochen, der Bruno Contrada hieß. Er sagte zu mir: „Letizia, hör damit auf!“ Bruno Contrada war der Chef des Geheimdienstes SISDE in Sizilien, Leiter des Einsatzkommandos, später Polizeichef. Aber in Wahrheit arbeitete er für die Mafia. 

Es war unmöglich, den direkten Kontakt mit der Mafia zu vermeiden?

Ich wußte nicht, wer genau Mafioso war. Wenn sie jemanden umbrachten oder festnahmen, waren da natürlich Mafiosi. Aber auch heute ist mein Nachbar möglicherweise ein Mafioso. Wir wissen es nicht. Die Politiker, die damals so triumphal umherliefen und regierten, mit ihren bösen Gesichtern, wir wußten nicht, daß sie Verbindungen zur Mafia hatten, wie Vito Ciancimino, Bürgermeister von Palermo. Später hat man es erfahren. Aber so viele Jahre lang haben sie die Menschen umgebracht, die besten unserer Gesellschaft. Wir wußten nicht, wer die Mörder waren. Das haben wir später erfahren. Mit Falcone und Borsellino begannen wir zu verstehen. 

Nach dem Tod von Falcone und Borsellino 1992 hast du aufgehört, die Mafiaopfer zu photographieren.

Man kann sich schlecht vorstellen, was es heißt, in der eigenen Stadt umringt von Mördern zu leben. Wir befanden uns im Krieg. Man hat die Feindseligkeit einiger Menschen gespürt, die mit der Mafia und der Korruption verbunden waren. Ich erinnere mich, wie ich vor dem Körper Borsellinos stehe, da war nur noch der Bauch und die Beine, es gab keinen Kopf mehr. Er war ein wunderbarer Mensch, der tags zuvor mit einem zutiefst traurigen Blick auf einer Veranstaltung in der Gemeindebücherei den Bürgern Palermos begegnet war. Es war voller Menschen, die feuchte Augen hatten. Wir sahen die Traurigkeit in seinen Augen, denn er wußte, daß er umgebracht werden würde, und wir wußten es. Wir wußten aber nicht, was wir tun sollten. Was hätten wir tun können? Als sie Falcone umgebracht haben, war ich bei meiner Mutter. Es war ein Sonntag, ein Feiertag, ich hielt die weiße Hand meiner Mutter in den Händen, und der Fernseher lief. Plötzlich kommt die Meldung: „Auf der Autobahn ist eine Bombe explodiert, man weiß nichts Genaues, Ziel war der Richter Falcone.“ Ich blieb wie versteinert sitzen. Dann rief ich ein Taxi und ließ mich zur Notaufnahme bringen. Ich fuhr nicht zur Autobahn. Ich sah niemanden ankommen, aber Falcone wurde dorthin gebracht, durch den Hintereingang. Ich stand dort Stunden mit der Kamera in den Händen, und in dem Moment sagte ich mir, ich will diesen Schrecken nicht länger photographieren. Und so habe ich diesen Horror nicht länger aufgenommen. Weder Padre Puglisi, ein Pfarrer, der erschossen wurde, ein außergewöhnlicher und guter Mensch, der barbarisch umgebracht worden ist, noch all die anderen. 

Wir liebten Falcone und Borsellino und glaubten an ihre Sache. Ich stand in Kontakt mit Falcone. Sie hatten mich einmal mit einem anonymen Brief bedroht und geschrieben: „Du mußt Palermo verlassen, sonst bringen wir dich um!“ 

(…)

Besteht die Gefahr, daß alles noch einmal anfängt?

Die Mafiosi aus Corleone sitzen im Gefängnis, nur wenige konnten bis heute untertauchen. Aber die Politikerkaste ist noch da. Einige Mafiosi sind in Italien zu Politikern geworden. Sie machen die Gesetze. Wenn die Mafia sieht, daß sie keine Vorteile mehr erhält, wird wieder etwas geschehen. Vielleicht erschien ein Pakt mit der Mafia dem Staat die einzige Möglichkeit, dem vorzubeugen.

Wenn wir Sizilien anschauen, scheint es heute doch eine andere Welt zu sein.

Alle zahlen Schutzgeld. Alle. Wer nicht zahlt, wird bestraft. Die Menschen haben Angst. Die Menschen kaufen Kokain, das ist ein gigantisches Geschäft. Meine Enkel haben Angst, nachts auf die Vuceria, das traditionelle Marktviertel in der Altstadt, zu gehen. Arbeitslosigkeit und Kleinkriminalität greifen um sich. Mit dem Messer nehmen sie dir dein Handy und das Geld ab, das du in der Tasche hast. Diese Kleinkriminalität gibt es in Deutschland oder Paris auch, aber hier hat sie eine andere Bedeutung. Hier bleibt man damit allein. Die Polizei hat so gut wie keine Mittel dagegen. Würde ich zu den Regierenden Italiens gehören, so würde ich das erforderliche Geld investieren, um das Land zu befreien von den verschiedenen Mafias; es gibt sie ja nicht nur in Sizilien, sondern auch in Kalabrien, in Kampanien, und es gibt die Vereinte Krone in Apulien. Daß diese Syndikate immer noch existieren, ist schier unglaublich. Alles wird beschmutzt von dieser niederträchtigen Realität. Warum schaffen sie es nicht, die Mafia zur Strecke zu bringen? Das ist völlig inakzeptabel. Ich bin 81 Jahre alt und möchte sterben im Wissen, daß es einen Wandel gegeben hat. Von Europa erwarte ich das. Aber selbst in Deutschland wachte man erst auf, als die Morde in Duisburg stattgefunden haben.

(…)

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 94

Genre

Hauptthema
  • Leben einer Photographin

Schlagworte

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