LI 100, Frühjahr 2013
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Bühnenmütter

Frauen gründen ein Theater und ziehen mit Shakespeare durch Anatolien

EINES NACHMITTAGS im Jahr 2000 bekam der Direktor der Mittelschule von Arslanköy, einem Dorf am südlichen Rand des Zentraltaurus, ganz unerwartet Besuch. Eine Bauersfrau mittleren Alters mit Kopftuch und blauen Augen, die sich gesenkten Blicks, eine Hand vor dem Mund, als Ümmiye Koçak vorstellte, bat ihn um seine Mithilfe beim Aufbau eines Theaters für die Frauen des Orts. „Man stelle sich vor“, schrieb der Rektor, Hüseyin Arslanköylü, später, „läßt Felder und Obstgärten stehen und taucht hier auf! … Theater, sagt sie!“ Er hieß sie, wiederzukommen, wenn sie ein Ensemble beisammen hätte – nebst Erlaubnis aller Ehegatten der betreffenden Frauen.

Die Leidenschaft für das Theater hatte sich die vierundvierzigjährige Landarbeiterin mit Hauptschulbildung im Jahr zuvor bei einer vom Rektor inszenierten Aufführung an dessen Schule geholt. Thema des Stücks war die Rolle des Dorfes im Türkischen Befreiungskrieg, in dem eine Kompanie aus Arslanköy 1919 als erste auf die französischen Besatzer geschossen hatte. Der Tapferkeit seiner Bewohner zu Ehren hatte Kemal Atatürk persönlich dem Dorf seinen heutigen Namen verliehen: „Löwendorf“. Ümmiye, die nie zuvor Theater gesehen hatte, wollte die Vorstellung nicht mehr aus dem Sinn. Seit langem schon hatte sie sich Gedanken über die Situation der Frauen in ihrem Dorf gemacht – genauer gesagt über die vielen Rollen, die sie zu spielen haben: Auf dem Feld arbeiten sie wie Männer; in den besseren Häusern werden sie Wirtschafterinnen; zu Hause sind sie Ehefrauen und Mütter. „Ich habe hin und her überlegt, wie es kommt, daß ich das alles mache“, erinnerte sie sich später. „Bis ich Hüseyins Theater sah. Da stand für mich fest, worüber ich mir da Gedanken gemacht hatte: über Theater!

Am Tag nach ihrer Unterredung mit dem Rektor sprach Ümmiye wieder bei ihm vor, diesmal mit sieben weiteren Frauen aus dem Dorf. Sie waren überwiegend in ihren Vierzigern; alle hatten sie mehrere Kinder. Einige konnten kaum lesen. Ümmiye erzählte mir später, sie zu überreden sei gar nicht so einfach gewesen; immer wieder habe sie zu hören bekommen, sie hätten doch keine Ahnung von der Schauspielerei. Ümmiye konnte sie davon überzeugen, daß sie längst Rollen spielten, Tag für Tag – daß alles um sie herum Theater war, ob ihnen das nun gefiel oder nicht. Der Rektor machte die Frauen darauf aufmerksam, daß ihr Streben nach den Brettern, die die Welt bedeuten, sie Klatsch und Spott aussetzen würde. Ümmiye jedoch meinte, den Klatsch durch den Ausschluß von Männern im Keim ersticken zu können: Die Frauen würden auch die Männerrollen übernehmen – mit Schnurrbärten aus Ziegenfell.

Die Frauentheatergruppe Arslanköy traf sich jeden Abend in der Schule, nachdem die Frauen elf, zwölf Stunden in der Landwirtschaft gearbeitet hatten. Ihre erste Produktion, ein zeitgenössisches türkisches Stück mit dem Titel Steinmandeln, sorgte in der Provinzhauptstadt Mersin für ein ausverkauftes Haus und wurde landesweit besprochen. Das Fernsehen lud sie nach Istanbul ein. Keine der Frauen war je mit einem Fernbus gefahren. An einer Raststätte sah Ümmiye sich ihrer ersten Drehtür gegenüber. Sie blieb eine ganze Weile davor stehen aus Angst, sie käme auf der anderen Seite nicht mehr heraus.

Nach und nach folgten weitere Produktionen und Erfolge. 2004 erarbeiteten die Frauen zusammen mit dem Rektor ein Stück mit dem Titel Der Schrei der Frau (Kadinin Feryadi), das auf ihren eigenen Lebenserfahrungen beruhte, zu denen Entführung, Zwangsheirat und häusliche Gewalt gehören. Sie führten das Stück in Arslanköy auf, vor ihren Ehemännern und den Funktionären des Dorfes. 2006 feierte Das Stück, ein Dokumentarfilm über den Schrei der Frau, internationale Erfolge und gewann Preise beim New Yorker Tribeca Film Festival und in Triest. Ümmiye reiste zum ersten Mal ins Ausland, erlebte Galavorstellungen in Spanien. Sie begann von einer Shakespeare-Inszenierung zu träumen und dachte an einen Film. 2009 spielte sie die Titelrolle in ihrer eigenen Adaption des Hamlet. Im Frühling desselben Jahres beendete sie die Dreharbeiten zu einem Film nach einem eigenem Buch über das rechtlose Dasein einer Frau und ihrer Tochter, beide Ziegenhirtinnen im Taurus.

Das ländliche Patriarchat

Um zu begreifen, wie bemerkenswert diese Leistungen tatsächlich sind, müssen wir etwas ausholen. In den zwanziger und dreißiger Jahren hatten Atatürks säkulare Reformen die Türkei zur Vorreiterin des Feminismus gemacht. Türkische Frauen erhielten ihr Wahlrecht 1934 – noch vor denen in Frankreich und Italien. Atatürks Tochter war Kampffliegerin. In der ländlichen Türkei freilich hatte die neue säkulare Verfassung kaum eine Wirkung auf die alte patriarchalische Kultur, und das Leben der Frauen ging weiter wie eh und je. Heute leiten – wenigstens einige – türkische Frauen Konzerne, schreiben Bestseller, sitzen im Verfassungsgericht, gewinnen olympisches Gold. Andere – Hunderttausende – sind Opfer einer Vergewaltigung oder als Kinder in Ehen gezwungen. Frauen stellen gerade mal 27 Prozent der bezahlten türkischen Arbeiterschaft. Geschätzte dreißig Prozent der Frauen auf dem Land haben keinen Grundschulabschluß, und 47 Prozent sind von ihren Ehemännern schon einmal geschlagen oder vergewaltigt worden.

(…)

Bühne ohne Männer

Als Ümmiye dem Schulrektor sagte, in ihrer Theatertruppe werde es keine Männer geben, brachte er seine Überraschung mit der Frage zum Ausdruck, ob sie Feministin sei. Sie hatte das Wort nie gehört, aber die Abwesenheit von Männern ist aussagekräftiger Bestandteil ihres Theaters. Sie reflektiert eine ganz bestimmte Realität der Dörfer, in denen Kinder, Tiere und andere Frauen die zentrale Rolle im Gefühlsleben der Frauen spielen und die Männer immer woanders – beim Faulenzen, Trinken, Zocken, bei der Arbeit – sind oder tot. In Ümmiyes Stücken sind Männer Kulisse wie das Wetter – sie können Probleme machen oder auch nicht. Jedenfalls sind es die Frauen, die handeln, zu Entscheidungen kommen und sich als Menschen ändern. Im allgemeinen ist Ümmiye weit weniger an der Reformation des Mannes gelegen als an Bildung und Aufklärung der Frau. Sind die Frauen erst mal aufgeklärt, so sagt sie, ziehen sie ihre Söhne und Töchter als gleichwertig auf, was zwangsläufig zu besseren Männern führt. (…)

Karagöztheater

Bis ins 20. Jahrhundert hinein hatten türkische Frauen nicht auf der Bühne gestanden. Frauenrollen wurden von Männern oder von nicht muslimischen Frauen, meist Armenierinnen, gespielt. Das tragische Schicksal von Afife Jale, der ersten Muslimin, die dieser Konvention zu trotzen wagte, ist noch heute allseits bekannt. Als Afife 1919 als Teenager in Vertretung einer abwesenden Armenierin eine Bühne betrat, hieß ihr Vater sie eine Hure und verstieß sie. Die Polizei störte alle ihre folgenden Aufführungen, und der Innenminister erließ ein Dekret, das Musliminnen die Bühne verbot. Atatürk nahm das Verbot 1923 zurück, aber Afife war in ihrer Schande dem Morphium verfallen und lebte von Migränen geplagt, bis sie 1941 mittellos in einer Nervenklinik starb. Heute gehört der Afife-Theaterpreis zu den höchsten Auszeichnungen der türkischen Bühne. Es ist eine Ironie, daß Der Schrei der Frau, obwohl das Stück 2007 bei der Verleihung der Afife-Theaterpreise eine Erwähnung erhielt, nur der Rektor als Autor genannt wurde und keine der Frauen. Ümmiye vergoß bittere Tränen. Afife Jale war eine Inspiration für sie gewesen – jemand, der beim Aufbau ihres Theaters stets bei ihr gewesen war.

Im türkischen Theater ist die Komödie älter als Tragödie und Melodram, die erst im 19. Jahrhundert durch westliche Vorbilder aufkamen. Zuvor war die vorherrschende dramatische Form das Karagöztheater oder türkische Schattenspiel gewesen, das im späten 16. Jahrhundert populär zu werden begann. Die Stücke dieses Genres verfügen über zwei wiederkehrende Figuren – den ungehobelten Bauern Karagöz und seinen Freund aus besseren Kreisen Hacivat –, die in einer Reihe satirischer Dialoge und Sketche zu sehen sind. Der eigentliche „Plot“, der als Stück im Stück einhergeht, ist in der Regel lediglich Vehikel, das die beiden Hauptfiguren mit einer Reihe menschlicher Grundtypen zusammenbringt: So nehmen Karagöz und Hacivat an einem Dichterwettstreit teil, den Karagöz gewinnt, indem er die Konkurrenz verprügelt; als sie ein Geschäft als öffentliche Schreiber aufmachen, schreibt Karagöz die verrücktesten Briefe; ein andermal steckt Hacivat Karagöz in ein Irrenhaus, aber dann tut es ihm leid.

(…)

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Mehr von:
Elif Batuman
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 97
Aus dem Englischen von Bernhard Schmid

Genre

Hauptthema:
  • Über eine Frauentheatergruppe in Anatolien

Schlagworte

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