LI 116, Frühjahr 2017
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Donald und die Trumps

I wanna wake up, in a city that doesn't sleep and find I'm king of the hill ...

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Silvester 2016 gab der designierte Präsident Trump in seinem Anwesen Mar-a-Lago in Palm Beach eine Party für fast tausend Gäste, die ihm einen netten Profit bescherte. Für Mitglieder seines Mar-a-Lago Golf-Resort, die eine Aufnahmegebühr von hunderttausend Dollar zu berappen haben, kostete die Karte 525 Dollar (Hotelgäste zahlten extra). Dafür durften sie sich unter Prominente wie Sylvester Stallone mischen, der Trumps Angebot, Vorsitzender der National Endowment for the Arts zu werden, abschlug, und Joe „Morning Joe“ Scarborough, den ehemaligen republikanischen Kongreßabgeordneten und heutigen Talkmaster. Gebaut hat das luxuriöse Hundertsechsundzwanzig-Zimmer-Anwesen 1927 Marjorie Merriweather Post, Erbin des gleichnamigen Cerealienimperiums und Sammlerin von russischer Kunst, Fabergé-Eiern und Ehemännern. Sie vermachte ihre Kunstsammlung dem Washingtoner Hillwood Museum, das ihr Domizil in der Bundeshauptstadt gewesen war; die Diamantohrringe, die einst Marie Antoinette gehört hatten, und andere Schmuckstücke vermachte sie der Smithsonian Institution und Mar-a-Lago dem amerikanischen Staat als Weißes Haus für den Winter. Trump schnappte es sich 1985 – der Staat bot das unbenutzte, aber kostspielige Anwesen damals zum Verkauf.
Als die feiernden Gäste das Jahr einläuteten, in dem Trump Präsident werden sollte, erschien er höchstpersönlich auf der Bühne von Mar-a-Lagos vergoldetem Ballsaal, um seine künftigen Leistungen aufzuzählen: „Wir werden Obamacare abschaffen!“ Neben ihm stand ein Mann im Smoking, der bei jedem von Trumps Sätzen unter dem Jubel der Menge die Faust in die Luft stieß. Joseph „Joey No Socks“ Cinque ist ein ehemaliger Partner von John Gotti, dem Paten der Gambino-Familie; er sah sich 1989 zu einer Haftstrafe verurteilt, weil man in seiner Wohnung gestohlene Kunstwerke fand, darunter zwei Lithographien von Chagall im Wert von je 20 000 Dollar und ein Miró. (Die New Yorker Staatsanwaltschaft nahm das Angebot einer Strafmilderung gegen Geständnis zurück, nachdem ein Informant eine Unterhaltung gehört haben wollte, in der Gotti Cinque versprochen hatte, sich „um den Staatsanwalt zu kümmern“.) Nachdem er sich in New York an Bars und Clubs sowie im Gebrauchtwagenhandel versucht hatte, dachte Cinque sich eine neue Masche aus. Sie nennt sich die American Academy of Hospitality Sciences und verteilt angeblich – gegen eine Aufnahmegebühr und einen Jahresbeitrag – „Star Diamonds“ als Auszeichnungen für Hotels und Restaurants. Die Hälfte der Kuratoren sind Trump-Angestellte, darunter der Manager seines Golfclubs in Bedminster, New Jersey, der Vizepräsident seines Feriendomizils in Mar-a-Lago und sein Butler. Trumps Söhne Donald Jr. und Eric sind als „ehrenamtliche Kuratoren“ aufgeführt und Trump selbst als „Sonderbotschafter“. Die Star-Diamond-Website listet unter den Empfängern der Auszeichnung 19 Geschäfte, die Trump gehören. „Was ich damit zu tun habe?“ fragte Trump 2015 einen Reporter von Yahoo News. „Ich weiß nicht. Ich weiß nicht mal, daß meine Söhne damit zu tun haben.“ Nach Cinque gefragt, sagte Trump: „So gut kenne ich den gar nicht. Ich kenne ihn kaum, habe ihn aber im Lauf der Jahre als ausgesprochen netten Menschen kennengelernt.“ 2014 postete Cinques Website einen Artikel, in dem es hieß: „Joseph Cinque, Präsident der AAHS, ist seit 16 Jahren regelmäßiger Gast bei Mr. Trumps Party. Es ist quasi eine Silvestertradition für ihn, und natürlich ist er mittlerweile ein lieber Freund der Familie Trump.
Mehr als an die Festivitäten bei Gatsby in West Egg erinnerte Silvester in Mar-a-Lago an das Treiben auf einem anderen Anwesen auf Long Island – dem der Corleones. Das Fundament zu dem, was später zur Trump-Organisation werden sollte, legte Frederick Trump, der als „Friedrich“ aus dem pfälzischen Kallstadt gekommen war. Er hinterließ ein stattliches Erbe in Form von New Yorker Immobilien und Investments; das Startkapital dazu hatte er als Bar- und Bordellbesitzer im amerikanischen Nordwesten und am Yukon verdient. Als er starb, übernahm sein Sohn Fred, damals ganze 15 Jahre alt, unter Aufsicht seiner Mutter, die Geschäfte. Dank bester Beziehungen zu den Brooklyner Demokraten und einem steten Strom von Mitteln von der für staatliche Wohnungskredite zuständigen Federal Housing Authority florierte sein Geschäft mit Mietshäusern von den 1930ern bis in die frühen 1950er Jahre. 1954 schließlich sah er sich vor den Bankenausschuß des Senats zitiert und zu Windfall-Profiten und überzogenen Kosten befragt. Das Ergebnis kostete ihn offensichtlich die Kredite vom Bund – was wiederum der Grund dafür war, daß Projekte wie das Trump-Village auf Coney Island über seine politischen Connections in Brooklyn zustande kamen. Neben Fred Trump lud man im Rahmen der Ermittlungen zu den FHA-Krediten auch Fred Trumps Geschäftspartner, Bauunternehmer und Finanzier William „Willie“ Tomasello, vor, der laut der bundesweit mit der Untersuchung der organisierten Kriminalität beauftragten Organised Crime Task Force mit Elementen sowohl der Gambinos als auch der Genoveses verbandelt war.
Fred Trump schien Fred jr. als Kronprinzen aufzubauen, um ihm irgendwann seine Geschäfte zu übertragen. Nur war er ein harter Vater, der hohe Anforderungen an seinen Ältesten stellte und denn auch bald die Geduld verlor. Donald, der zwar acht Jahre jünger war, machte sich die Haltung seines Vaters Fred jr. gegenüber zu eigen. „Donald machte Freddy in einer Tour runter“, sagte ein Freund der Familie der New York Times. „Donald war das Kind, das auf Geburtstagspartys mit Torten warf“, sagte Robert Trump, der jüngste der Brüder, der ebenfalls bei der Trump-Organisation einstieg, gegenüber Vanity Fair. „Als ich mit meinen Bauklötzen spielte, kam Donald her und klebte sie zusammen, was dann auch das Ende meiner Bauklötze war.“ Fred jr. begehrte schließlich auf, erst, indem er an der Lehigh University einer jüdischen Verbindung beitrat, und dann, indem er dem väterlichen Geschäft den Rücken kehrte und Verkehrspilot wurde. Er entflog damit buchstäblich dem elterlichen Nest. Nur verfiel der einzige Freigeist der Trumps dem Alkohol, heuerte dann reumütig bei einem der väterlichen Bautrupps an und starb 1981 im Alter von 43 Jahren. Als der alte Trump 1999 das Zeitliche segnete, schloß er die Familie von Fred jr. testamentarisch von jeglicher Erbschaft aus. Dessen Kinder klagten ihren Anteil mit der Begründung ein, das Testament sei unter „ungebührlichem Einfluß“ Donalds zustande gekommen. In einem Vergeltungsschlag sperrte dieser die Mittel für die medizinische Versorgung des an Zerebralparese leidenden Fred III. Nach langjährigem Rechtsstreit kam es schließlich zu einer Einigung. Donald zog seine Lehre aus dem Ableben von Fred jr.: „Unser familiäres Umfeld, das Konkurrenzdenken, war einfach schlecht für Fred“, sagte er dem Playboy gegenüber.
Er tat sich nicht leicht damit in einer so toughen Umgebung, und ich denke mal, daß ihn das aufgerieben hat … Er war der erste von den Trump-Jungs, der in die Welt hinauszog, und ich habe unterbewußt seine Schritte verfolgt. Ich habe gesehen, daß die Leute Fred ausgenutzt haben, total ausgenutzt, und ich habe daraus gelernt, mir nie auch nur die geringste Blöße zu geben, im Gegensatz zu ihm. Er hatte einfach nicht das Gefühl, daß es tatsächlich einen Grund dafür gibt, was ein fataler Fehler ist im Leben. Die Leute sind zu vertrauensselig.
Aber auch wenn das Geld der Trumps seine Ursprünge in der Prostitution hat und sich durch politische Klüngeleien und Verbindungen zu Gangstern vermehrte, ein Don Vito Corleone war weder Frederick Trump noch sein Sohn Fred. Vito Corleone mied Extravaganz und Öffentlichkeit. Er war puritanisch, geduldig und taktvoll. Er hatte es nicht nur durch Verbrechen und Korruption zu Macht und Einfluß gebracht, sondern weil er sich in seine Mitmenschen einzufühlen vermochte und aushalf, wenn sie in Schwierigkeiten waren. Diese verbindliche Art des Don war den Trumps fremd.
Fred jr. hatte etwas vom Mittleren der Corleone-Brüder, dem schwachen, unentschlossenen Fredo, der schließlich von seinem jüngeren Bruder Michael umgebracht wird, nachdem dieser die Kontrolle über die Geschäfte der Familie übernimmt. Donald hatte eher was von dem heißblütigen Santino „Sonny“ Corleone, dessen Impulsivität zur Ermordung durch interne Rivalen an einem Mauthäuschen führt. Donald ist an so manchem Mauthäuschen vorbeigerast, hat aber den Kugelhagel stets überlebt. Auch wenn er das Familiengeschäft übernahm, hat er kaum was von Michael Corleone, dem Kriegshelden mit dem Abschluß vom traditionsreichen Dartmouth College, einer tragischen Figur, die sich zunächst gegen den Giftbecher der Corleones sträubt. Anfangs sagt er seiner Gattin, Tochter eines Baptistengeistlichen: „So ist meine Familie, Kay, so bin ich nicht.“ Dennoch wird er genau das, was er nie hatte werden wollen. Sein Erfolg besteht darin, aus der Familie einen Konzern zu machen. „Das ist unser Geschäft“, sagt ihm Hyman Roth, dessen Figur auf dem Leben des echten Mobfinanziers Meyer Lansky basiert. Roth äußert sich darüber hinaus über den Umfang des Unternehmens – „wir sind mächtiger als U.S. Steel“ – und läßt durchblicken, Michael könne sich womöglich sogar einen Präsidenten aussuchen.
Michael am ähnlichsten ist von allen Trumps Donalds Tochter Ivanka. Liebling ihres Vaters, gibt sich die ebenso ehrgeizige wie elegante Manhattanerin als engagierte Aktivistin in Sachen Kinderfürsorge und Klimapolitik und verkauft sich damit als die letzte Hoffnung für Anständigkeit bei den Trumps. Mit der Vermarktung von Kleidung, Schuhen und Schmuck hat sie in der Stadt einen gewissen Grad an gesellschaftlicher Akzeptanz erreicht. Sie steht für Donalds letzte Chance auf Respektabilität, aber letztlich steht und fällt ihr problematisches Image mit der Absage an den vergötterten Vater. „So ist meine Familie, so bin ich nicht.“

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 35
Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Schmid

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