LI 112, Frühjahr 2016
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Die islamische Spaltung

Sunna-Schia-Fronten und der arabisch-iranische Machtkampf

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Höchste Priorität erlangt das global ausgreifende saudische Missionsprojekt um 1980 unter Feisals Nachfolger Fahd, der in jüngeren Jahren in europäischen Kasinos reichlich Zeit dem Glücksspiel und dem nicht minder streng verbotenen Whisky gewidmet hat. Die saudische Mission wird sich zur größten Propagandaaktion der Nachkriegsgeschichte ausweiten. Auf 100 bis 150 Milliarden Dollar werden die Aufwendungen des saudischen Königshauses bis zu Fahds Tod 2005 geschätzt.

Zu erwähnen sind zwei Vehikel dieser Weltmission. Das staatseigene saudische Netzwerk ist im Aufbau seit 1962: die Islamische Weltliga. Zu dieser Gruppe regierungsgesteuerter NGOs gehören die International Islamic Relief Organization mit Schwerpunkten in Südasien und Afrika sowie der Weltmoscheenrat, der in 31 Ländern Stützpunkte unterhält. Dazu kommt als internationales Instrument die Organisation der islamischen Konferenz (OIC): seit 2011 Organisation of Islamic Cooperation, die mit ihren 57 Mitgliedsstaaten beansprucht, die islamische Welt zu repräsentieren. Gegründet 1969 in Rabat, ihr vornehmstes Ziel: die Befreiung der Aqsa-Moschee, die seit dem Sechstagekrieg 1967 mit dem Tempelberg von Jerusalem in den israelisch besetzten Gebieten liegt. Sitz ihres Sekretariats ist Dschidda, Saudi-Arabien der wichtigste Geldgeber.

Wahhabitische Kampfansage

Woher kommt das Programm dieser Missionsbewegung, die in der unglückseligen Talfahrt der koranischen Religion während der letzten fünfzig Jahre eine ebenso verhängnisvolle wie bedeutsame Rolle gespielt hat? Es handelt sich um eine Strömung des sunnitischen Islams, die an ihrem Ursprung vor einem Vierteljahrtausend bereits Weichen gestellt hat. Der saudische Salafismus (salaf, das heißt „Vorfahre“, „Vorgänger“), die Staatsreligion des modernen Königreichs, ist im 18. Jahrhundert angetreten als Reformbewegung, wie nach ihm andere radikale Strömungen, so im 19. Jahrhundert die des Mahdi im Sudan oder andere antiimperiale Bewegungen vom Tschadsee über den Nordkaukasus bis nach Indonesien. Nach ihrem Gründer, dem Wüstenprediger Muhammad Ibn Abd al-Wahhab (1703–1792), werden ihre Anhänger außerhalb Saudi-Arabiens Wahhabi oder Wahhabiten genannt. Der historische Kontext ist der Widerstand gegen die türkische Herrschaft der Osmanen über die heiligen Städte Mekka und Medina, wo laut Ibn Abd al-Wahhab ein korrupter, dekadenter Islam verkündet wird. Wie schon der Prophet versteht Ibn Abd al-Wahhab seinen göttlichen Auftrag nicht als neue Glaubensstiftung, sondern als Reinigung der wahren monotheistischen Religion Abrahams von Aberglauben, Idolatrie und Vielgötterei.

Für Salafisten kann bereits der Niedergang der islamischen Welt aus ihrer mittelalterlichen Blüte und kulturellen Führungsposition nur weltlicher Korruption unter Fremdherrschaft zuzuschreiben sein. Dasselbe gilt für alle Unzulänglichkeiten des gelebten Glaubens bis heute.

Die Lehre Ibn Abd al-Wahhabs ist das zweischneidige Schwert in der Hand eines Januskopfs. Niedergelegt ist sie im Kitab al-Tawhid, dem Buch der Einheit, der Einheit Gottes und so vielleicht genauer: Buch des Monotheismus. Über den Gebrauch bestimmt die Rezeption. Weite Strecken des Traktats lesen sich wie eine Kampfschrift gegen den Aberglauben, und das heißt gegen die Welt der Geister, der guten und bösen Dämonen über und unter der Erde, in Steinen, Bäumen und Wolken, wie wir sie aus den Erzählungen aus den tausendundein Nächten kennen. Und mehr noch als gegen ein Weltbild gegen die zugehörigen Praktiken: gegen Astrologie und Horoskope, Divination oder Hellsehen, Weis- und Wahrsagen, Hexerei und allerhand weiße und schwarze Magie mehr. Diese fraglos progressive Stoßrichtung macht begreiflich, weshalb in Saudi-Arabien geschulte Salafisten mit dieser Lehre im Jemen noch heute gegen eine erzkonservative klerikale Landaristokratie ins Feld ziehen und dabei im Namen des Fortschritts auftreten können.

Ihren reaktionären Furor erhält dieselbe Lehre dadurch, daß in den 200 Jahren seit dem Auftritt ihres Begründers die Welt nicht stehengeblieben ist. Von den Erkenntnissen der neuzeitlichen Wissenschaft ist nicht nur zu Ibn Abd al-Wahhabs Zeiten noch wenig in die innerarabischen Wüsten vorgedrungen. Abdul-Aziz bin Baz, Rektor der Islamischen Universität von Medina, tritt noch in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts für das geozentrische Weltbild ein, was ihn nicht hindern wird, 1994 von König Fahd zum Minister für religiöse Studien und im selben Jahr zum Großmufti, Saudi-Arabiens höchstem Richter, berufen zu werden. Unter solchen „Erneuerern“ mutiert der Purismus Ibn Abd al-Wahhabs zum Obskurantismus von Analphabeten, und erst dadurch wird daraus die berühmte wahhabitische Kampfansage nicht nur gegen Aberglauben, sondern nunmehr gegen allerart Verfälschungen der wahren Botschaft durch fremde Einflüsse, andere Religionen wie auch durch fremde Wissenschaften oder Künste. Die Ächtung von Bacchus, Tabak und Venus, von Gesang, Tanz und Blumentöpfen einmal beiseite gelassen.

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Fronten im Zweistromland

Tatsächlich hat sich im tausendjährigen persisch-arabischen Konflikt die Front im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts mitten ins Zweistromland hinein verschoben. Wer von den heutigen Konstellationen im Irak und in der Region etwas begreifen will, hat sich daran zu erinnern, wie das gekommen ist. Die amerikanisch-britische Besatzungsmacht eliminiert im Sommer 2003 das Baath-Regime in Bagdad mitsamt der Armeeführung, seines Sicherheitsapparates und der Spitze seiner zivilen Verwaltung. In dem Machtvakuum, das sie damit geschaffen hat, findet sie sich im folgenden Jahr in einem Zweifrontenkrieg gegen den irakischen Widerstand in allen arabischen Landesteilen wieder.

Nur im kurdischen Norden kehrt Ruhe ein. Südwestlich der Hauptstadt stehen den Besatzern die Schiitenmilizen gegenüber, letztlich geführt durch die Machthaber Irans. Auf schiitischer Seite ist der mächtigste Mann im Feld von Beginn der Besatzung bis heute Generalmajor Qassem Suleimani, Kommandeur der Quds-Brigaden der iranischen Revolutionsgarde, der mit Kommandounternehmen im Ausland betrauten Elitetruppe. Auch als Stütze des Assad-Regimes in Syrien hat sie sich einen Namen gemacht.

Unter der sunnitischen Minderheit im Osten und Nordosten des Landes, der Hausmacht vormals Saddam Husseins und seines Baath-Regimes, radikalisiert sich der islamistische Widerstand und gewinnt an Boden.

In Samarra zerstört im Februar 2006 ein Bombenanschlag der AQI (al-Qaida in Iraq) die Kuppel der Askari-Moschee, eines der bedeutendsten Heiligtümer der Schia, und kostet über tausend Menschenleben. Spätestens jetzt stehen Schiiten und Sunniten des Iraks im offenen konfessionellen Bürgerkrieg. 170 000 US-Soldaten stehen im Land.

An der Spitze der sunnitischen Stammesmilizen gelingt es den amerikanischen Besatzungstruppen in den folgenden zwei Jahren, die Macht der AQI zu brechen, beziehungsweise diese in den Untergrund abzudrängen. Nach dem Tod ihres Anführers Zarqawi im Juni 2006 gibt sie sich den neuen Namen ISI: „Islamischer Staat im Irak“. Weiter dezimiert und im Frühjahr 2010 erneut ihrer Führung beraubt, überträgt sie diese an Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri, besser bekannt als Abu Bakr al-Baghdadi.

Durch den Abzug der amerikanischen Kampftruppen im August desselben Jahres finden sich die sunnitischen Stämme nicht nur von dieser Schutzmacht im Stich gelassen, sie sehen sich alsbald von der Regierung Nuri al-Malikis ins Abseits gedrängt und praktisch jeder materiellen Unterstützung ihres Staates beraubt. Es dauert drei Jahre, bis die radikalislamischen Kräfte im Verbunde mit ehemaligen Baathisten aus dem Untergrund zurückkehren. Ermöglicht hat ihnen dies der Umweg über nordöstliche Gebiete Syriens, die dem Regime Assad in Damaskus entglitten sind. Finanziell unterstützt wird ihr Comeback von sunnitischen Sympathisanten in den arabischen Golfstaaten, einer buntscheckigen privaten Geberschaft von Saudi-Arabien über die Emirate und Katar bis nach Kuwait, gegen welche ihre staatlichen Autoritäten nichts unternehmen, falls sie nicht sogar direkt daran beteiligt sind.

Im syrischen Bürgerkrieg operieren bis heute auch radikalste Kräfte mit Billigung und Zuspruch der Golfstaaten. Der ISI nennt sich nun ISIS: „Islamischer Staat im Irak und in al-Sham“ oder englisch ISIL: „Islamic State in Iraq and the Levant“ – das arabische „al-Sham“ steht für die Levante und schließt außer Syrien auch Jordanien, Palästina und Libanon ein. Ende 2013 machen sich al-Baghdadis Kämpfer an die Rückeroberung ihrer einstigen Hochburg Falludschah, die am 4. Januar 2014 abgeschlossen ist. Weitere Etappen ihres Vormarschs führen von Mosul im Irak über Palmyra in Syrien bis an den Stadtrand von Damaskus, wie auch zur Levante hinaus durch den ägyptischen Untergrund auf dem Sinai nach Nordafrika zur libyschen Hafenstadt Sirte. Im Nordosten Nigerias hat Boko Haram dem „Kalifen“ Ibrahim Treue geschworen. Beim IS handelt es sich durchaus um ein und dieselbe Kraft, die Zarqawi 2004 als AQI aus der Taufe gehoben hat. Sie hat auf eigenem Boden zwölf Jahre Kampferfahrung und an Diskontinuität allerhand überstanden, darunter den Tod von achtzig bis neunzig Prozent ihrer Kader.

Für die Strategen des saudischen Königreichs und die kleineren arabischen Golfstaaten bleibt es eine knifflige Frage, wer im Irak als Hauptfeind zu betrachten ist, die Schiiten und ihre iranischen Hintermänner im Süden oder die Sunniten im Nordwesten, die mit dem IS gemeinsame Sache machen. Sunniten sind, nebenbei bemerkt, auch die Kurden und Türken, was diese allerdings weder einander noch den arabischen Sunniten näher bringt. Die Stellung des IS im Irak unterscheidet sich grundsätzlich von der in Syrien. Dort sind ihre Todesschwadronen auch in den von ihnen gehaltenen östlichen Gebieten Eroberer; im Irak sind sie, obschon Extremisten, doch auch Repräsentanten einer an den Rand gedrängten Minderheit, die unter dem Terror der Schiitenmehrheit und deren Bewaffneter kaum minder zu leiden hatte.

Dimensionen der Gewalt

Die Erfolge des IS in beiden Ländern sind wie ihre plakativen Gewaltorgien vor dem Hintergrund einer ungleich breiter gestreuten Erscheinung und Erfahrung von Gewalt zu sehen, die seit 35 Jahren den Irak und nun seit bald fünf Jahren Syrien heimsucht und von deren Ausmaßen im Westen noch zu wenig ins Bewußtsein aufgestiegen ist. Die Rede ist von Hunderttausenden von Toten. In den syrischen Kriegswirren der letzten fünf Jahre übersteigt die Zahl der Todesopfer eine Viertelmillion. Im Irak zählt das unabhängige Iraq Body Count Project für die zehn Kriegsjahre vom März 2003 bis März 2013 eine Zahl von 174 000 Todesopfern – davon 40 000 auf den Schlachtfeldern, die übrigen zivile Opfer. In mindestens gleicher Höhe und möglicherweise weit darüber liegt laut den ungesicherten Angaben westlicher Menschenrechtsorganisationen die Zahl der Opfer, die ein Vierteljahrhundert der Alleinherrschaft Saddam unter der schiitischen Bevölkerungsmehrheit des Iraks gefordert hat.

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Mehr von:
Georg Brunold
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 37

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