LI 112, Frühjahr 2016
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Die Schrecken der Hydra

Über kopflose Mächte, das atopische Netz und die Tücke des Subjekts

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Hydra ohne Herkules

Auf Gemälden, die die Hydra darstellen, ist zumeist der Augenblick abgebildet, da Herkules sich anschickt, dem Monster den Garaus zu machen. Wir jedoch wissen, daß wir dem Ungeheuer nichts entgegenzusetzen haben. Die Bombe, die in der Mittagsruhe einer Stadt zündet, die Gewalt, mit der sich eine viral gewordene Meldung in den Netzwerken austobt, das Gift des Zweifels und der Desinformation – gegen all das ist kein Kraut und kein Kinderglaube gewachsen. Bereits die Idee eines satisfaktionsfähigen Gegners läuft ins Leere und löst sich im Nebeldunst von Ort-, Gesichts- und Verantwortungslosigkeit auf. So ähnelt die Polycephalie einem wuchernden Nichts, das sich urplötzlich, aus heiterem Himmel entlädt. Noch mehr Opfer. Schulden. Tote. Und dieses lähmende Ohnmachtsgefühl. Freilich: Schon der Umstand, daß wir von einem Monster sprechen, ist ein Paradox. Denn historisch betrachtet, ist die Hydra, um die es hier geht, kein mythisches Ungeheuer, sondern ein Kind der Vernunft, eine Rationalität, die sich in jedem Smartphone verkapselt hat. Freilich: Diese Ratio ist von anderer Art als die Logik des Leviathans, die stets auf eine letzte Instanz, die Ultima ratio, den Monopolisten hinausläuft. Dissipativ, dezentriert, scheinbar chaotisch. Ein kleines Pflänzchen, das Gilles Deleuze/Felix Guattari einst als subversiv wuchernde Ordnung gefeiert haben, Apotheose der Kunst und der Gegenkultur, das tapfere Rhizom, das der Axialität der Macht widersteht. Jetzt aber ist dieses Wesen zu ungeahnter Größe herangewachsen. Noch immer ein organloser Körper, haben wir unterdessen gelernt, daß dieses Wesen weder der Natur- noch der Technikgeschichte angehört, sondern daß es Fleisch von unserem Fleisch, Sehnsucht unserer Sehnsüchte ist. Beginnt es zu klingeln, stehen wir stramm. Oder wir stieren, in der U-Bahn sitzend, auf das Display – in der Hoffnung, daß die Nachricht nicht irgendwem, sondern uns allein gilt. Schält sich in dieser intimen Beziehung das Menschlich-Allzumenschliche heraus, geschieht es bisweilen, daß man einer dissoziierten Masse einverleibt wird, die sich zu einem rachsüchtigen, geifernden Monster verwandelt. Dazu bedarf es nicht viel, einer kleinen, verrutschten Bemerkung – und die Häme der digital natives tobt sich aus.

Anders als die Masse des 19. oder des frühen 20. Jahrhunderts ist die Hydra kein hypnotisierter Megaleib, der sich, erregt von der Nähe, dem Schweiß und der kollektiven Bewegung, durch die Straßen der Großstadt schiebt. Nein, sie formiert sich als Aggregat flüchtiger Einzelwesen, die hinter einer digitalen Tarnkappe ausleben, was die Gesetze des Alltags verbieten. Räumlich voneinander getrennt, sind sie nicht mehr durch Blut, Schweiß oder Tränen, sondern durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden. Die Hydra steht unter Strom. Eine Partikelwolke, aus der sich das Gewitter entlädt. Und so findet die Vereinigung nur in der Einbildung statt: eine explodierende Intimität. Wie lautet das Motto des Anonymous? „We are legion. We do not forget, we do not forgive, expect us.

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Die Hydra ist in genau diesem Sinn ein diabolisches Wesen, ein Ordnungssystem, das, anstatt zu verbinden, in einen Zergliederungs- und Auseinandersetzungsprozeß eingetreten ist. Nicht mehr die positive, gestaltende Rede, sondern die Verleumdung, die üble Nachrede und das Gerücht sind hier tonangebend. Wird ein Kopf, seines üblen Leumundes wegen, abgeschlagen, entstehen an seiner Statt zwei neue, die sich an Bosheit gegenseitig zu überbieten suchen. Wichtiger jedoch als die Phänomenologie der menschlichen Niedertracht ist die Nähe zur symbolischen Ordnung, der Umstand, daß man es hier mit einem pervertierten Ordnungssystem zu tun hat.

Aber worin genau besteht die Perversion? Und was bedeutet es, daß ein Ordnungssystem zu pervertieren vermag? Nichts anderes, als daß die bestehende Ordnung nicht an sich Gültigkeit besitzt, sondern nur, insofern sie mit den sozialen und ökonomischen Praktiken übereinstimmt. Kommt es hier zu einer Differenz, beginnt jenes Schisma, das sich an den Frontlinien und Spaltungsprozessen einer Gesellschaft studieren läßt. Ein Exempel dafür ist das ausgehende Mittelalter, das just zu der Zeit, da Räderwerktechnik, Zins und Buchdruck aufkamen, der Inquisition, dem Antisemitismus und der Hexenverfolgung anheimfiel, schlußendlich in nicht enden wollende Bürgerkriege eintrat. Halten wir uns die Köpfe vor Augen, die unsere zeitgemäße Hydra hat aufsprießen lassen, lassen sich ähnlich bizarre Spaltungsprozesse beobachten. So werden die Propagandisten des bloc identitaire nicht müde, die eigene Suprematie am Negativbild des Fremden aufzurichten. Mithin wird die faktische, nicht zu verleugnende kulturelle Differenz des Anderen zur Ausrede dafür, sich nicht mit der eigentlichen Ursache des Wandels, dem historischen Globalisierungs- und Digitalisierungsprozeß zu beschäftigen. Dem Phantomschmerz folgen (symbolische) Stellvertreterkriege, deren einziger Sinn in der Nichtwahrnehmung des gesellschaftlichen Triebwerks besteht. Daß wiederum die Selbstmobilisierungen ebenso wie die Kampfhandlungen just in jener sozialen Architektur stattfinden, die man für den Niedergang der eigenen Welt verantwortlich macht, entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie. In der Tat gibt es kaum manischere Twitterati als diejenigen, welche die Aushöhlung der überkommenen Ordnung beklagen. Interessanterweise trifft diese moralische Flexibilität, was die Wahl der Waffen betrifft, auf all diejenigen zu, die in den Hybridwesen der digitalen Epoche Symptome des Untergangs wähnen. So finden die russischen Patrioten, die sich über die Dekadenz und die Effeminierung Europas erbosen, nichts dabei, die sozialen Medien zur hybriden Kriegsführung zu nutzen – ebenso wie die Menschenschlächter des IS sich der Medien und Bildsprache der kuffar bedienen, um ihre Tötungsorgien und ikonoklastischen Akte zu verewigen. Mit anderen Worten: Überall dort, wo der Gegner dämonisiert wird, triumphiert – subkutan – die Ordnung der Hydra.

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Nicht die Rationalität, sondern ihre Verleugnung erzeugt die Hydra. Und weil diese Verleugnung nicht bloß an den gesellschaftlichen Rändern, sondern im juste milieu herrscht, ist auch die Mitte der Gesellschaft von der Versumpfung betroffen. Man muß nicht weit schauen, um Spuren der Verfalls feststellen zu können: Bildungsinstitutionen, die ihrem Auftrag nicht mehr nachkommen und sich statt dessen mit einem magischen Nominalismus behelfen; Symbolpolitik, die sich damit bescheidet, Wörter an die Stelle von Wirklichkeit zu setzen; eine Unfähigkeit, ja, geradezu einen Unwillen, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen (denn was sollte man dort anderes finden als Fäulnis?). Folglich finden Staatsvertreter es kaum mehr erwähnenswert, daß ihre Institutionen sich über eine „mittelalterliche Ausstattung“ beklagen, gilt der Behördensumpf als eine gesellschaftliche Naturtatsache, der man bestenfalls mit Ironie begegnen kann. So wurde das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu einer Pensionskasse mit Sendebetrieb, die Universität zur Hochburg der Scheinproduktion, herrscht eine Pseudologie, die im betrügerisch erworbenen, mit Klauen und Zähnen verteidigten Doktortitel die eigene Exzellenz unter Beweis stellt. Wo Simulation zur Regierungskunst wird, erschöpft sich die Kunst des Möglichen in der Rhetorik, hegen die Repräsentanten nicht einmal mehr den Anspruch, über ein Foto oder einen Tweet hinaus die Welt gestalten zu wollen. Was käme auch anderes dabei heraus als ein Flughafen, der nicht zum Fliegen da ist? Wie tief man gesunken ist, wird nirgends so deutlich wie an der vollständigen Abwesenheit des Staates in der digitalen Öffentlichkeit. Hat die Kanzlerin vor nicht allzu langer Zeit erklärt, daß man hier Neuland betrete, ist die bittere Wahrheit, daß man diesen Raum längst privaten Körperschaften überlassen hat, womit jede Hoffnung, daß der Staat dieses rettende Ufer erreichen wird, frommer Wunsch bleiben muß. Umgekehrt hat sich den Institutionen des Staates ein solcher Analphabetismus eingehaust, daß man selbst an einfachen Registrierungsaufgaben scheitert. So trifft der Flüchtling mit Smartphone auf einen Staat, der in seiner Dysfunktionalität deutliche Anzeichen des Verkommens aufweist, ja, der sich im Grunde als nicht mehr staatstragend erweist.

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