LI 118, Herbst 2017
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Mein Abc des Theaters

Regeln, Kunst, Magie – ein archäologisches Lexikon der Bühnenbegriffe

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THEATRUM MUNDI
Leitet sich das Theater aus dem Handeln ab, wie es der romanische Wortstamm von „actor“, „attore“, nahelegt, dann kann man das Theater bis zum ersten Menschen zurückverfolgen. Geht man vom Handeln aus, liegt der Anfang des Theaters 200 000 Jahre zurück, lange bevor Menschen erste Abbilder in Höhlen zeichneten.
Das Theater beginnt mit mimetischen Handlungen, als der erste Mensch etwas, das er aus der Erfahrung kannte – ein Tier, einen Blitz, eine Planetenkonstellation – zum Gegenstand des Handelns machte. Indem der Mensch in seinem Handeln Phänomene der Natur nachahmt und von ihnen erzählt, eröffnet er das Theatrum Mundi – das Theater der Welt. Fortan wird die ganze Welt von attori (Schauspielern) bevölkert. Im Theatrum Mundi wird von Flüssen und Quellen, vom Leben der Tiere, von Ausschweifungen, Verwerfungen, vom Liebesleben der Götter und vom Ursprung der Dinge erzählt. Diese mimetische Aneignung von Welt macht den universellen Kern des Theaterspiels aus. Seine Genese beginnt also in der Prähistorie.

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BÜHNE
Aus dem großen „Welttheater“ wird ein kleiner Teil ausgeschnitten und dieser wird zur Bühne. Dieser Ausschnitt steht für das große Ganze. Möglich machte das die Erfindung des Tempels, der dem heiligen Ritualkreis einen festen Ort gibt. Damit sind wir an den Ort gelangt, den wir heute als Theater bezeichnen.
Der Tempel ist das Haus des Gottes. Zugleich ist er die erste Bühne.
Das Haus ist der Ort, wo sich auf einer kleinen Fläche viel Leben abspielt.
Es wird gegessen. Gefeiert. Geliebt. Geboren und gestorben.
Die erste Bühne stand im Tempel. Dort wurde die Handlung nach einem bestimmten Ritus vollzogen. Der Priester ist der erste Schauspieler, der vor den Zuschauern eine Rolle übernimmt. Er ist die Inkarnation Gottes. Mit dem Tempel beginnt die Geschichte des Theaters.

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ARCHÄOLOGIE
Der Künstler ist ein Archäologe, der in der Zeit operiert. Das Theater wie die Kunst versucht immer auch, in der Zeit zurückzugehen, zu den Quellen, dem Ursprung. Je tiefer es vordringt, desto härter werden die Gesteinsschichten. Geschichte ist immer etwas Verschüttetes. Auch die eigene Geschichte. Es ist die Arbeit des Theaterkünstlers, Geschichten freizulegen.
Theatermenschen müssen Rätsel aushalten können. Besserwisser, die auf alles eine Antwort haben, sind überflüssig. Das Rätsel gemeinsam zu lösen, ist die Aufgabe. So entstehen Mythen. Durch die Beschäftigung mit Mythen entsteht im Theater die Welt der Allegorien und der Metaphern. Sie sind die Turbinen der Theaterkunst.

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EINFALL
Einfälle sind eine große Gefahr für Schauspieler und Regisseure. Einfälle sind oft nur Fallen. Man glaubt, eine geniale Lösung gefunden zu haben. Doch hat man nur einen Prozeß des Suchens beendet.

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HORIZONTALISIERUNG
In der heutigen Medienlandschaft gibt es kaum noch Beiträge, die in die Vertikale gehen. Die Wunden, die Tolstoi, Dostojewski, Elsa Morante, Lorca, Handke und Shakespeare ihren Roman- und Dramenhelden zufügten, sind tief. Auch der Schnitt Fontanas in die Leinwand ist es. Der Hochglanz der Horizontale ist es nicht. Das Theater wird durch die Verflachung der Medien, für die auch wir Konsumenten verantwortlich sind, als Ort der Vertikale interessant. Es ist nicht nur ein Ort der Entschleunigung, sondern auch ein Ort der Tiefenbohrung, die sich die auf kommerziellen Erfolg angewiesene Medien nicht leisten können. Ein Gegenort, der sich dieser Massenmanipulation widersetzt und gezielt ein anderes Bewußtsein vermittelt und sich gegen die horizontale Überflutung stemmt.

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PROBE
Das Probieren im Theater muß abgeschafft werden. Es gibt nur das Spielen. Man kann nicht das Leben probieren. In der sogenannten Realität scheint es hingegen Menschen zu geben, die ein vorläufiges Leben führen und auf den Tag warten, da das richtige beginnt. John Lennon hat das auf den Punkt gebracht: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“
Im Theater wird improvisiert. Ich kann nicht wissen, was ich in den nächsten Sekunden tun werde. Meister der Improvisation sind die Kinder in der frühen Phase ihres Lebens. Diese Phase wird durch die Sozialisation unterbrochen, das Improvisieren wird abgetötet. Im Leben werden wir gezwungen, nicht mehr zu improvisieren. Das Leben ist das Reich des Todes, das Theater der Ort des Lebens.
Bei der Improvisation im Theater ereignen sich besondere Momente, die einmalig, nicht wiederholbar sind. Oft bleiben diese Momente unbeobachtet, weil niemand dabei war. Die Geschichte des Theaters wird also immer unvollständig bleiben. Die wahre Geschichte ist noch nicht geschrieben.

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Roberto Ciulli
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 90
Eingerichtet von Frank M. Raddatz
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