LI 101, Sommer 2013
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Abendland. Ein Befund

Ist die globale Vorherrschaft des Okzidents im Niedergang begriffen?

Da sich der Autor in Frankreich wie in China mit Gesprächspartnern auseinandersetzen mußte, die vom „Untergang des Abendlandes“ überzeugt sind, hat er den Versuch unternommen, das gegenwärtige Kräfteverhältnis einzuschätzen. Eine Klarstellung in Form einer Warnung.

Peking, September 2012

AMERIKA SUCHT nach sich selbst, Europa gerät auf Abwege, China findet sich wieder. Und so kommt es, daß vom Abend her die herbstlichen Violinen aus Verlaines Gedicht abermals erklingen. In einem Moment, da den klassischen Geschichtsbüchern der Reihe Malet-Isaac eine unverwüstliche und edle Vorstellung vom Abendland entspringt, um das gewohnte Trio USA/Großbritannien/Frankreich zu bezeichnen; da sich die Zeitstimmung bei den Meinungsführern der Linken wie der Rechten für einen „Okzidentalismus“ ausspricht; da alle „Vordenker“ zum energischen Einsatz der „abendländischen“ Mächte, Werte und Verantwortlichkeiten aufrufen – in diesem Moment macht sich der Titel des berüchtigten Buches Spenglers (Der Untergang des Abendlandes) auf den ersten Seiten der Zeitschriften breit. Man bekam Rambo satt, man findet zu Hamlet zurück. Der Grund für den Seelenschmerz steht in allen Zeitungen: demographischer Niedergang (was zählen wir auf einem Planeten, dessen Bewohner sich in einem halben Jahrhundert von 3 auf 6 Milliarden vermehrt haben?), Entindustrialisierung, Verschuldung und Haushaltsdefizite, Umweltverschmutzung, Einbruch der Wettbewerbsfähigkeit, privilegierter Wechselkurs des Yuan (China verkauft, wie es heißt, zum halben Preis), fehlendes Vertrauen in unser Wachstumsmodell, usw. Ein sattsam bekannter Katalog.

Diese Neurasthenie ist in nicht geringem Maße auf die ungerechtfertigte Autorität des Buchhalters zurückzuführen, wie sie für eine produzierende und kaufmännische Gesellschaft eigentümlich ist, die ihre eigenen kulturellen und historischen Grundlagen vergessen hat (was so weit geht, daß sie vor kurzem ihren höchsten Retter im Internationalen Währungsfonds gesucht hat). Die Ethnologen verhalten sich diskret, die Historiker beweisen ihre extreme Spezialisierung, die Geographen treten zurück, die Religionsanthropologie bleibt in ihrer akademischen Nische: Der Doktor der Wirtschaftswissenschaften gibt den Ton an, und daher kommt für uns „das Adagio einer stolzen Hoffnung“. Eine gute Zahlungsbilanz, die notwendige Voraussetzung für Macht und Ausstrahlungskraft, würde dafür beinahe ausreichen. Als hätte es noch nie Defizite, Stagnation, Rezession, Bankpleiten gegeben, als hätte das Abendland noch nie etwas Ähnliches erlebt. Eine Vormachtstellung hängt nicht vom Wechselkurs oder von den Arbeitskosten ab. Wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) die Rangordnungen bestimmte, würde die Europäische Union, dieses ewig nörgelnde Ektoplasma, mit den Vereinigten Staaten und China von gleich zu gleich sprechen. Dieses Land ist die erste Handelsmacht und wahrscheinlich etwa 2030 die erste Wirtschaftsmacht der Welt, was es schon im Jahre 1830 war, und mit einem Viertel des weltweiten BIP, wie man schätzt, könnte es in aller Ruhe den ersten Platz auf dem Siegerpodest einnehmen. Nichts ist im voraus entschieden. Die kleinen Nuancen, die den Unterschied zwischen dem Stellenwert und der Rolle einer Nation, der Vorherrschaft und dem Einfluß, dem Wirtschaftlichen und dem Politischen ausmachen, entziehen sich der Nationalökonomie und werden nicht an der Pariser Handelshochschule gelehrt. Diejenigen, die in China voller Ungeduld und in Europa voller Melancholie das Ende einer Vorrangstellung ankündigen, müßten diese Faktoren berücksichtigen, denn sie sind hinter dem statistischen Bild oder unterhalb von ihm zu finden. Eine Bestandsaufnahme kann, selbst wenn sie augenblicklich erfolgt, diese unbemerkten Faktoren veranschaulichen, sobald man die Tatsachen als praktischer Arzt und nicht als Quacksalber oder Bestattungsunternehmer betrachtet.
Zählen wir als erstes die Trümpfe auf.

Trumpf eins: eine Kohäsion, wie es sie nie zuvor gab

Als weitgehend mythische Erfindung – Mythen sind Brandraketen und keine Hirngespinste – hat das „Abendland“ während des letzten Jahrtausends (ohne daß man auf die Teilung des Römischen Reichs im 4. Jahrhundert oder zu den Karolingern zurückgeht) mehrere Erscheinungsformen durchlebt. Vereinfacht gesagt: Um das Jahr 1250 gab es die Christenheit. Das Europa der Aufklärung um das Jahr 1750. Gegen 1900 den Club von Berlin für die Aufteilung der Welt. Um 1950 die „freie Welt“, damit man Stalin standhalten konnte. Da sich jede menschliche Gemeinschaft behauptet, indem sie sich anderen entgegenstellt, hat sich diese Gestaltwerdung stets im Antagonismus zu einem zudringlichen und verteufelten Osten vollzogen, der nacheinander vom Sarazenen oder vom Osmanen, von der obskurantistischen Soutane, von den niederen und sogar sklavenhaltenden Rassen sowie schließlich vom Gulag verkörpert wurde. Ein Kampf mit hundert unterschiedlichen Handlungen zwischen dem Guten und dem Bösen, Zivilisation und Barbarei, Licht und Nacht. (Unser angeborener Dualismus neigt schnell zum Manichäismus, den die polytheistischen Religionen nicht kennen.) Keine von diesen historischen Epiphanien hatte den Organisations- und Festigkeitsgrad, den wir heute erleben.

Die Länder der untergehenden Sonne haben naturgemäß ästhetische, aber nebelhafte Konturen. Das euroatlantische Gebiet, also der „christliche Raum“ (abgesehen von der orthodoxen Welt) hat hingegen ein fest abgegrenztes geopolitisches Profil. Es ist, um es klar zu sagen, das der NATO (wofür „das Abendland“ gleichsam der Künstlername wäre). Dieses politisch-militärische System expandiert. Sein Vorposten befindet sich im Westen des Westens, in den Vereinigten Staaten, doch es umfaßt nunmehr das ehemalige Osteuropa, einschließlich der baltischen Länder (während man auf Georgien wartet). Diese „Sicherheitsarchitektur“ hat mit Japan, Taiwan und Südkorea sowie mit (den in jüngster Zeit im ANZUS-Abkommen zusammengeschlossenen) Australien und Neuseeland massive Pfeiler und Ausläufer im asiatisch-pazifischen Raum. Wenn die Vereinigten Staaten dort selbständig und außerhalb der NATO eingreifen, so geschieht auch das noch im Namen des Westens, seiner Sicherheit und seiner Werte.

Von den 27 Staaten der Europäischen Union sind 21 der NATO angeschlossen und damit hochzufrieden. Als Club der Reichen oder als geistige Familie findet sich die „westliche Welt“ nicht mehr wie früher damit ab, eine klerikale, intellektuelle oder militärische Elite zu verherrlichen. Es geht vielmehr um ein in den Mentalitäten verwurzeltes Gefühl der Zugehörigkeit, ja sogar der Treue. Obwohl diese Dunsthaube von denen unbemerkt bleibt, die darin leben (ebenso wie H2O nicht von den Fischen entdeckt wird), hat ihre innere Homogenität keine Entsprechung in an-deren Weltregionen.

Kein Asiat definiert sich als solcher. Asien gilt nur aus der Ferne als Ganzes und erlebt sich nicht als Schicksalsgemeinschaft. Indien kann China offenkundig nicht als Führer oder Sprecher anerkennen, noch weniger Japan, ganz zu schweigen von Vietnam. Südostasien (ASEAN, der Verband Südostasiatischer Nationen), das zwischen den zwei Giganten in die Zange genommen ist, lehnt die Vormundschaft Indiens ebenso wie die Chinas ab.

Die Ost-West-Bipolarität gehört vielleicht der Vergangenheit an, doch der Westen ist statt dessen unipolar: Kein einziges Mitglied bestreitet die amerikanische Führungsrolle. George W. Bushs Verirrungen haben die europäischen Regierenden nicht erschüttert, sondern vielmehr in den Bann gezogen: Keine Stimme protestierte gegen die Irakinvasion, nur für kurze Zeit die Frankreichs, was dessen Amtskollegen mit Ausnahme des deutschen zutiefst erschreckte. Seitdem das gaullistische Frankreich wieder ins Glied zurückgetreten ist und sich sogar in von vornherein verlorene Kriege, die nicht einmal seine eigenen sind, hineinziehen ließ (ohne sich darüber zu beschweren, daß es kein Mitspracherecht bei der Kriegführung hat), ist der Westen der einzige multinationale Block, der schnelle und koordinierte Eingreiftruppen einsetzen kann (wie in Jugoslawien und Libyen). Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) ist gespalten, der Gemeinsame Markt Südamerikas (Mercosur) steckt noch in den Kinderschuhen, die Bolivarianische Allianz für die Völker unseres Amerika (ALBA) deklamiert, der Maghreb ist im Innern geteilt, die Afrikanische Union (AU) ist ein einziges Hauen und Stechen. Die Arabische Liga, die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) und die ASEAN sind Foren, keine angemessen ausgestatteten Entscheidungszentren. Und die G 20 ist zu einem Medienereignis geworden. Allein die NATO kann mit einer einzigen Stimme sprechen, mit einer unbestrittenen Führungslinie und einem Konsens hinsichtlich der Doktrin. Der „europäische Verteidigungsschwerpunkt“, ob Ausschuß oder Pfeiler, beruht auf gehaltlosen Organisationen wie der ehemaligen Westeuropäischen Union (WEU) oder folgenlosen frommen Wünschen. Welche andere regionale Kraft kann eine Resolution der Vereinten Nationen umsetzen, selbst wenn sie deren Sinn abwandelt oder umkehrt?

Bedeutsam ist, daß sich 1989 kein Mitglied einer als Verteidigungsorganisation definierten Allianz seine Mitgliedschaft unter Berufung auf Gewissensgründe abgelehnt hat? Hurra, wir haben gewonnen, wir trinken ein Glas und auf Wiedersehen. Wofür ist diese Haltung symptomatisch? Nicht nur für ein müdes Europa, das sich mit seiner Vasallenrolle abgefunden hat und unter dem Deckmantel des föderalistischen Ideals von einer weiträumigen Helvetischen Eidgenossenschaft (einer Schweiz ohne Berge und allgemeine Wehrpflicht) träumt, wobei es den transatlantischen Partner für seine Sicherheit sorgen läßt. Doch damit gibt sie auch eine grundsätzliche und unbedingte Bündnistreue zu erkennen. Diese strategische Inkonsequenz ist, von jedem Werturteil abgesehen, ein Zeichen des Zusammenhalts. Die „Wertegemeinschaft“ und die Gemeinschaft der Ängste sind stark genug, damit man sich über die vornehmlich geographischen Interessengegensätze zwischen den beiden Ufern des Atlantiks hinwegsetzt.

(…)

Nachteil eins: Die Hybris des Globalen

Hochmut, Maßlosigkeit, Dünkel: Dafür muß der tragische Held früher oder später büßen. Der Verlust des Sinnes für das Maß, eine alte Tradition der Großreiche, hat einen anderen Grad erreicht. Die holländischen, spanischen, französischen und britischen Vorgänger (bleiben wir im westlichen Bereich), so größenwahnsinnig sie auch gewesen sein mögen, beanspruchten als ihrer Verletzlichkeit bewußte Relativisten nicht, die Erdkugel umzuerziehen, auszurichten oder zu inspirieren. Außerdem war deren vollständige Ansicht in Echtzeit und mit den Mitteln der Technik unerreichbar. (Es gab weder Google noch Beobachtungssatelliten.) Königin Viktoria genügte ein Viertel der Erdoberfläche, und nur angebliche und durchgeknallte Söhne Alexanders ohne große Zukunft nach Art Napoleons im Jahre 1808 oder des „Tausendjährigen Reichs“ im Jahre 1941 konnten den Wunsch hegen, es besser zu machen.

Im Jahre 1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wurde die westliche Allianz größenwahnsinnig. Sie prahlte damit, „von Vancouver bis Wladiwostok eine neue Weltordnung“ einzurichten. Sie hat die „Partnerschaften“ selbst im Nahen Osten (Israel, Jordanien), im Kaukasus und in Zentralasien vervielfacht, und nach der Eingliederung der MOEL (der mittel- und osteuropäischen Länder) hat sie sich sogar vorgestellt, Moskau in ihre Einflußsphäre einzubeziehen. (Damals landeten dort Pariser Intellektuelle und Redner, um die slawische und totalitäre Seele im neuen Katechismus weiterzubilden.)

Was gestern unmöglich war, ist es heute erst recht, da sich die sowohl sub- als auch suprastaatlichen Akteure stark vermehren. Keine Pax Americana – oder morgen Pax Sinica – könnte dort Ordnung und Sicherheit aufrechterhalten, wo das Auftreten der Vereinten Nationen selbst dem Tanzen eines Korkens auf dem Wasser gleicht. Keine Supermacht, mit Raketenschild oder ohne, ist vor dem Giftgas Sarin oder einer Autobombe und noch weniger vor den Auswirkungen einer Epidemie oder eines Tsunamis sicher. Wenn man eine Welt stabilisieren wollte – die nur dadurch lebt, daß sie instabil ist, und die noch weitaus gewalttätiger und konfliktreicher wäre, wenn man die Atomwaffen beseitigte, womit man die konventionellen Waffen auf beiden Seiten ungehindert einsetzen könnte –, so wäre man einem Wahnsinn nach Art von Voltaires Pangloss oder von Kubricks Doktor Seltsam verfallen. Mit dem Triumphalismus der postsowjetischen neocons waren wir gar nicht so weit davon entfernt.

Der amerikanische Historiker Paul Kennedy hat Alarm geschlagen, als er darauf hinwies, daß der Zeitpunkt komme, zu dem die Ansprüche des Zentrums über seine physischen Fähigkeiten an der Peripherie hinausgingen – der klassische Moment einer „Überdehnung imperialer Macht“.11 Abgesehen davon, daß diese Fähigkeiten mit der Elektronik und Informatik seit drei Jahrzehnten einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht haben und daß die Reichweite nicht mehr dieselbe ist. Alles sehen, alles hören, alles entschlüsseln, selbst an den Antipoden, das ist technisch nicht mehr unmöglich. Es ist zum Beispiel auch nicht mehr unmöglich, daß man vor einem Bildschirm sitzt und einen Verdächtigen in zehntausend Kilometern Entfernung mit einer Hellfire-Rakete tötet, die von einer Predator-Drohne abgeschossen wird. Oder daß man ein gegnerisches oder konkurrierendes Führungssystem mit einem Computerwurm vom Typ Stuxnet lahmlegt.

Nach den Bomben von Hiroshima und Nagasaki kann sich der Westen in seiner jüngsten Erscheinungsform Kollateralschäden erlauben, die sich nicht mit denen vergleichen lassen, wie sie von den römischen oder napoleonischen Legionen angerichtet wurden. Seine Luft- und Weltraumherrschaft verleitet ihn zu größeren Exzessen, als die Herrschaft über die Ozeane für den Union Jack im 19. Jahrhundert heraufbeschwor, weil er auf seinem Weg die Weisheit der Briten eingebüßt hat, die sparsam mit Expeditionskorps umgingen und sich auf die offene See beschränkten. Das police bombing, das über jeden festen territorialen und juristischen Rahmen hinausgeht, bestätigt auf merkwürdige Weise die Vorhersagen des späten Carl Schmitt (1888 bis 1985) über die absolute Entortung des Krieges und die Verwandlung der militärischen Interventionen in einfache Polizeiaktionen.Doch das Lokale bleibt die Stärke des Schwachen, demgegenüber das Globale zur Schwäche des Starken wird.

 

 

 

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Mehr von:
Régis Debray
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 17
Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

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