LI 107, Winter 2014
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Vieler Herren Diener

Die Kakophonie der Zeiten und die Koordination der Geschwindigkeiten

Wir sind geprägt von einer Vielzahl von Takten (polyphasés). Bislang war das kein Problem, das ist seit Jahrhunderten schon so. Zum Problem wird es erst durch die gegeneinander verschobene Überlagerung der Takte (déphasage), die das Los unseres Jahrhunderts ist. Das Problem ist nicht die Geschwindigkeit an sich, nicht einmal die Vervielfältigung der Gangarten, denen wir uns, vom Multitasking gehetzt, unseren polyphonen Aktivitäten entsprechend anzupassen haben. Zum Problem wird vielmehr eine deutlich akzentuierte Verschiebung zwischen der Unveränderlichkeit der Biorhythmen (Systole – Diastole), der Beständigkeit der Ethnorhythmen (Feste und Gebräuche) und der immer schnelleren Zunahme der Technorhythmen (Flashs und News). Indem letztere ihre Fluchtgeschwindigkeit erreichen, das heißt die Lichtgeschwindigkeit, lösen sie sich von den Regelmäßigkeiten kosmischer Natur und den Gewohnheiten ethnischer Natur. „1950 führte ein Computer tausend Operationen pro Sekunde durch. Heute ist man bei 33 Billiarden Operationen pro Sekunde angekommen. 2029 werden es 1 000 Trillionen sein …“ Die Ingenieurskunst hebt völlig ab, die innere, die soziale und die digitale Uhr lösen sich voneinander, die Zeiger spielen verrückt.

(…)

3. Das Zeit-Chaos

Der Orkan der Ununterscheidbarkeit – beziehungsweise die stürmische Wirkung der technischen Moderne – hat unser aller Zeitplan über den Haufen geworfen. Er hat die kulturellen Einhegungen niedergerissen und das Herausragende durch die Vereinheitlichung von Standards und Artefakten eingeebnet (das urbane Äquivalent zur ländlichen Flurbereinigung der Heckenlandschaften). Über das Verschwinden von besonderen Schmuck- und Bekleidungsformen hinaus führt er zu einer Vermischung von Zeitzonen und zur Zersplitterung der Zeitpläne.

Ohne die sich überlagernden Faktoren hierfür im Detail behandeln zu können, wollen wir zumindest einige von ihnen herausgreifen und kurz anführen.

a) Der Niedergang ritueller Regulatoren. Der Staat ist nicht mehr der Herr unserer Uhren. Er hat sogar seine eigene eingebüßt, um sich mit der zusammenhanglosen, krampfartigen Agenda der zentralen Medien zu vermählen. Die staatliche Ex-Macht, die nicht mehr strategisch, sondern reaktiv vorgeht und wegen der nächsten Wahl, irgendeinem Newsflash oder irgendeiner Kurzmitteilung immer gleich hysterisch wird, rennt, einem geköpften Hahn gleich, völlig gedächtnislos von einer Dringlichkeit und – auf internationaler Ebene – von einer televisuellen Aufwallung zur nächsten.

Auch die Kirche gibt dem Kalender nicht mehr seine Ordnung vor, der liturgische Jahreskreis setzt nur mehr ein kleines Häuflein Gläubiger in Bewegung, und die katholische Kirche muß neue Medienereignisse erfinden (Restaurierung von Gebäuden, Transport von Glocken, Weltjugendtage, Papstreisen usw.), um nicht völlig von der Agenda zu verschwinden. Sind diese Halt gebenden sozialen Strukturen erst einmal zerbrochen, kann sich jeder seine Zusammenkünfte und seine Feiertage selber zurechtbasteln. Unsere nationalen Feiertage haben ihre versammelnde Kraft verloren, wie sich unsere religiösen Feste in kommerzielle Jahrmärkte verwandelt haben.

Schließlich sind, als eine indirekte Folge der Verstädterung, auch die Familien zerbrochen. Jedes ihrer Mitglieder sitzt mit seinem eigenen Bildschirm in einer Ecke des Zimmers, zu passenden und zu unpassenden Zeiten. Feste Punkte, wie die gemeinsamen Mahlzeiten und das Sonntagsfrühstück sie darstellten, sind im Verschwinden begriffen. Ich erscheine bei Tisch, wenn und wann ich will.

b) Die – tausendfach beschriebene – Beschleunigung der neuen Technologien, die uns innerhalb von ein, zwei Generationen von einer Phase der kurzen Wege (circuit court) in den Kurzschluß (court-circuit) abgleiten ließ, vom Verlust der Kontrolle über die Finanzflüsse in den Handelssälen bis hin zu unserer üblich gewordenen Allgegenwart. Fernsehen, Ortung, Übertragung. Satelliten. Dauerinformation. Live. In Echtzeit. Vervielfachung der Sender. Zuerst kathodisch vollgestopft, dann digital schwindlig gemacht.

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Daß die Zeitpläne kollidieren und das „Ausnahme-Ereignis“ die freie Zeit in Beschlag nimmt – eine Epidemie, die selbst den Sportkalender durcheinanderbringt („das Ereignis schaffen“, also das Gegenteil der Wahrscheinlichkeit einer Erscheinung, ist zum A und O des Marketing geworden) –, all dies läßt zuletzt noch die Wetterfahne wie einen Überangepaßten erscheinen und versetzt die Gutgläubigen in einen Zustand der Schwerelosigkeit (wodurch die alte Weisheit, daß denken [penser] wägen [peser] sei, dementiert wird). In einer von clicks und copy and paste geprägten Gesellschaft, in der jeder die Decke auf seine Seite zu ziehen versucht, und in der Gewinn und Geschwindigkeit Hand in Hand gehen, gibt es viele, die am Ende völlig nackt zurückbleiben: insbesondere der Unbekümmerte, der Grübler, der Mittellose, der ehrenamtlich Tätige und der Altruist. Es sind unzählige, die der neuen Zeit zum Opfer fallen. Es ist ein grausames Ökosystem, in dem die Rede von der Win-win-Situation zum bloßen Werbeslogan verkommt.

Zu den Gewinnern gehören: humanitäre Dringlichkeiten, das Viertelstündchen Berühmtheit, Fast Food, Flashmobs, das Presseecho, Twitter, die Hitparade, die Kurzmitteilung, der Clip, die schnelle Montage, Schockfotos, Techno-Diskos usw. Zu den Verlierern gehören: die „Legende der Jahrhunderte“ 8, der Strichpunkt, die Anstrengung des Begriffs, Höflichkeitsformeln, die Trauerarbeit, das monumentale Buch, Werke als Hommage an große Künstler (Tombeau de …), das Programm, nicht zu vergessen die Rüstungsindustrie (ein Waffensystem zu entwickeln, das bedeutet dreißig Jahre zwischen Konzeption und Außerdienststellung) sowie die Kunst des strategischen Umwegs.

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Die Geschwindigkeit wird zum Marker der Klassenzugehörigkeit. Der Golden Boy brettert dahin, der Hilflose wartet ewig. Die Macht liegt stets bei dem, der die anderen warten läßt, und das Privileg des durch Einkünfte oder qua Funktion reich Gewordenen besteht darin, nirgends mehr Schlange stehen zu müssen, weder am Flughafen noch in der Oper oder an der Bushaltestelle. Das far niente, das den Armen mit Schande befleckt, wird zusammen mit der Stille zum größten Luxus, zum höchsten Lohn für den Bonzen, denjenigen, der seine Zeit verpaßt, weil er im Alltag nie Zeit hat.

(…)
 

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Mehr von:
Régis Debray
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 9
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

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