LI 119, Winter 2017
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Das wahre Rom

Vom Leben in der "Ewigen Stadt" und den sie beherrschenden Mächten

Rom ist eine unglaublich trügerische Stadt: Sie scheint das zu sein, was sie nicht ist, und ist das, was sie nicht zu sein scheint. Sie scheint uralt, ist aber modern, sie scheint sich niemals zu verändern, hat aber innerhalb von fünfzig Jahren die Spuren einer jahrtausendealten Vergangenheit ausgelöscht und die Geographie der halben Region umgestaltet. Sie scheint eine Stadt der Linken, war aber das Experimentierfeld von Neoliberalismus und Blairismus nach tyrrhenischer Art. Die italienische Hauptstadt zeigt uns, wie und warum das, was als die „stärkste und intelligenteste Linke Europas“ betrachtet wurde, geschmolzen ist wie Schnee in der Sonne.
     Trügerisch ist schon der bekannteste Beiname Roms: die Ewige Stadt. In Wirklichkeit ist Rom, obwohl dem Mythos von Romulus und Remus zufolge vor 2 770 Jahren gegründet, eine zu 92 Prozent moderne, zeitgenössische Stadt: das Ergebnis einer massiven Zuwanderung in der jüngeren Geschichte ähnlich wie zuvor in Chicago oder Manchester. War Rom zur Zeit des Römischen Reiches eine der größten Metropolen der Welt mit einem Höchststand von 1,5 Millionen Einwohnern im 2. Jahrhundert n. Chr., schrumpfte es im Hochmittelalter zu einer Kleinstadt mit nicht einmal 30 000 Einwohnern. Anfang des 17. Jahrhunderts stieg deren Zahl erneut auf 110 000 und pendelte sich in den nachfolgenden Jahrhunderten auf 170 000 ein. Als 1870 die Piemontesen in die Stadt eindrangen und dem Kirchenstaat ein Ende setzten, war Rom mit 200 000 Einwohnern nach Mailand, Neapel und Genua nur die viertgrößte Stadt Italiens.
     Wiederbevölkert wurde dieses große Dorf, zu dem „das Haupt der Welt“ (caput mundi) geworden war, durch Staatsbeamte aus dem Norden und Tagelöhner aus dem Süden und dem Apennin, die als Maurer auf den neuen Baustellen oder als Bedienstete für die kleinbürgerlichen Haushalte der Angestellten und Beamten arbeiteten. Statistiken zeigen einen kontinuierlichen Bevölkerungsanstieg in den nachfolgenden knapp hundert Jahren: 1950 erreichte Rom nach fast 2 000 Jahren erstmals wieder das Bevölkerungsniveau der Antike und 1971, exakt hundert Jahre nach der vollständigen Einheit Italiens, einen Höchststand von 2,8 Millionen. Besondere Bedeutung aber kommt dem Ausmaß des Nachkriegsbooms zu: Zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und 1970 hat sich die Bevölkerung Roms nahezu verdreifacht, so daß die Stadtplaner für die kommenden Jahrzehnte einen Anstieg der Einwohnerzahl auf fünf Millionen prognostizierten. Rom spielte damals in der ersten Liga der Weltstädte. Als ich 1971 zum ersten Mal die Türkei besuchte, war Istanbul mit 2,7 Millionen Einwohnern weniger dicht besiedelt als Rom. Mit Rom vergleichbar waren Teheran mit 3,3, Delhi mit 3,5 und Jakarta mit 3,9 Millionen. Heute haben Teheran 8,7, Istanbul 14,8, Delhi 16,7 und Jakarta 9,6 Millionen Einwohner. Selbst wenn man nicht nur die Stadt, sondern den Großraum Rom betrachtet, kommt man heute nur auf 4,4 Millionen Einwohner. Damit ist Rom zwar der am dichtesten besiedelte Ballungsraum Italiens, rangiert damit jedoch auf dem Bevölkerungsniveau kleinerer chinesischer Provinzstädte und ist vergleichbar mit Greater Boston mit seinen 4,7 Millionen Einwohnern.

     (…)

     Korruption

Rom wird von vier Kräften beherrscht: der öffentlichen Verwaltung (als Hauptstadt des italienischen Staates), der katholischen Kirche (mit dem Vatikan), der Bauindustrie und Grundstücksspekulation sowie der Tourismusindustrie (aufgrund des großen historischen Erbes dieser Stadt).
     Gegenüber der Regierung spielt die römische Kommunalverwaltung die Rolle einer Bettlerin, die permanent die Hand aufhält und Almosen zur Begleichung ihrer Schulden und zur Finanzierung von Bauprojekten erbittet. Doch mit der von der Troika und vom Deutschland Angela Merkels auferlegten Sparpolitik kann sich der italienische Staat seine einstige Großzügigkeit nicht mehr leisten. Heute ist Rom die Hauptstadt eines Landes am Ende seiner Kräfte, eines Staates im freien Fall. Vier von zehn Jugendlichen sind arbeitslos; das Bruttoinlandsprodukt erreicht gerade einmal das Niveau von vor 15 Jahren (bei konstanten Preisen); die Zahl der Neueinschreibungen an den Universitäten ging zwischen 2004 und 2016 um 23 Prozent zurück (von 335 000 auf 260 000 Immatrikulationen); der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt ist in Italien weniger als halb so groß wie in Deutschland und Österreich und beträgt nur fast ein Drittel der Ausgaben Schwedens und Finnlands; der Analphabetismus ist erneut auf dem Vormarsch; das Land erlebt eine Deindustrialisierung; die Arbeitsproduktivität sinkt; vorsichtigen Schätzungen zufolge verschlingt die Korruption 60 Milliarden Euro pro Jahr, während 90 Milliarden durch Steuerhinterziehung verschwinden; erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs steigt die Lebenserwartung der Italiener nicht mehr, sondern sinkt. (..)
     Das eigentliche Problem der italienischen Korruption liegt darin, daß bestochen wird, um bestimmte Dinge nicht zu tun, in anderen Ländern dagegen, um bestimmte Dinge zu tun.

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     Vampir Vatikan

Die katholische Kirche, die Rom zirka 1 500 Jahre lang regiert hat, besitzt eine derart große Bedeutung, daß diese verdrängt wird. Wenn man römische Politiker nach den Beziehungen zwischen der Kommune und dem Vatikan fragt, bekommt man eine Antwort ähnlich wie in den Vereinigten Staaten auf die Frage nach den Beziehungen zwischen den Rassen oder in Indien auf die Frage nach den Kasten: Vatikan, Rasse und Kaste seien Probleme der Vergangenheit, die einmal sehr gravierend waren, aber „heute so gut wie gelöst“ seien.
     Von außen gesehen allerdings liegt die Bedeutung Roms fast ausschließlich im Vatikan. Der Vatikan ist die company, deren town Rom ist – so wie General Motors für Detroit oder Krupp für Essen. Rom zählt zu den wenigen Städten weltweit, in denen es zweierlei Botschaftssysteme gibt: Jedes wichtige Land hat eine Botschaft beim italienischen Staat und eine beim Heiligen Stuhl. Die katholische Kirche ist das größte multinationale Unternehmen, zumindest was die Zahl der Mitarbeiter betrifft – mehr als 1,133 Millionen (421 000 Priester, 712 000 Nonnen) –, und mit einer Firmenzentrale, die auf allen fünf Kontinenten vernetzt ist. Mit den Lateranverträgen, die 1929 mit Mussolini geschlossen wurden, erhielt die katholische Kirche einen eigenen kleinen Staat (die Vatikanstadt mit 0,44 Quadratkilometer Fläche und 836 Einwohnern), der mit allen Privilegien der Extraterritorialität und einem skandalösen Steuersystem ausgestattet wurde.
     Die katholische Kirche scheint seit Jahrhunderten im Niedergang begriffen. Anfang des 19. Jahrhunderts glaubte Stendhal Zeuge von etwas zu sein, das es schon bald nicht mehr geben würde. Doch dieser Niedergang dauert nun schon Jahrhunderte, und immer noch gibt es weltweit 1,1 Millionen Priester und Nonnen und viele Hunderte Millionen Gläubige (als Katholiken getauft sind 1,3 Milliarden, aber viele von ihnen, auch der Autor dieses Artikels, sind Agnostiker oder Atheisten, keine praktizierenden Katholiken). Man darf die Überlebensfähigkeit der Kirche nicht unterschätzen. Stalin irrte gewaltig, als er spöttisch fragte: „Wie viele Divisionen hat der Vatikan?“ Vierzig Jahre später gab Papst Johannes Paul II. dem polnischen General Jaruzelski die Antwort.
     In Italien wiederum kann niemand die Frage beantworten: „Wie viel Grundbesitz hat die katholische Kirche?“ Man rechnet, daß ein Fünftel aller italienischen Immobilien der Kirche gehört. In Italien sind angeblich 115 000 Immobilien im Besitz der Kirche (9 000 davon Schulen und 4 000 Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen). 25 Prozent der Immobilien Roms sind demnach im Besitz der Kirche. (…) Und dieses Vermögen wächst weiter. Allein in der Stadt Rom erhält die Kirche jedes Jahr zirka 8 000 Nachlässe. In Italien liegt fast der gesamte vertraglich gebundene private Gesundheitssektor in der Hand des Vatikans, die großen Krankenhäuser ebenso wie die Kliniken. Und auch fast alle privaten Bildungseinrichtungen sind katholisch.
     Bis etwa 1980 war der Vatikan auf dem Finanzmarkt und bei der Immobilienspekulation unmittelbar aktiv – im Einklang mit einer nach der Einigung Italiens eingeführten Tradition, als mit der Kirche verbundene Finanziers anfingen, die riesigen Grundstücke, welche die religiösen Orden in Rom und im römischen Umland besaßen, an Spekulanten zu verkaufen. (…) Der Vatikan saugt die Stadt aus wie ein Vampir. Er verlangt ihr eine Reihe von öffentlichen Arbeiten und Dienstleistungen ab, für die er aufgrund seiner Steuerfreiheit nichts bezahlen muß. Außerdem sichert er sich aufgrund seiner Aktivitäten in der Hotellerie ein schönes Tortenstück der Tourismuseinnahmen (ein Viertel aller Privatunterkünfte sind im Besitz der Kirche), weil er die –aufgrund des Nachwuchsmangels leerstehenden – Klöster und Konvente als Gästehäuser vermarktet.

     (…)

     Disneyland und Vorstadt

Zahlenliebhabern zufolge besitzt Rom mehr als 2 500 Sehenswürdigkeiten und ist weltweit die Stadt mit den meisten Baudenkmälern. Und doch ist die Anzahl der ausländischen Rom-Touristen enttäuschend. Im Jahr 2015 besuchten 7,2 Millionen von ihnen Rom, in Paris waren es 17,6, in London 18,6 und in Istanbul 11,7 Millionen – trotz der Anschläge im Januar und November 2015 in Paris, von denen, touristisch gesehen, London, aber nicht Rom profitieren konnte. Mehr noch: Mit einer Aufenthaltsdauer von durchschnittlich 2,3 Tagen pro Besucher ist Rom gegenüber den anderen touristischen Städten weit abgeschlagen (in London beträgt die Verweildauer 6,2, in Paris 6,1 Tage). Am schlimmsten ist, daß im Unterschied zu London und Paris nur wenige Touristen ein zweites oder drittes Mal nach Rom kommen.
     Auf dem Markt der Touristenstädte hat Rom einen schlechten Stand, teils weil es sich nicht zu verkaufen versteht, teils weil es eine verdorbene Ware ist. Abgesehen von den Hauptsehenswürdigkeiten, die man an einer Hand abzählen kann (Peterskirche, Kolosseum, Trevi-Brunnen, Spanische Treppe und Piazza Navona) schafft Rom es nicht, die Neugier der Besucher zu wecken.
     Touristen kommen fast nur noch mit anderen Touristen in Kontakt, weil das historische Zentrum Roms zunehmend verödet. 1950 lebten innerhalb der Aurelianischen Mauern am linken Tiberufer und innerhalb der Mura Gianicolensi am rechten Tiberufer 371 000 Menschen; 1961 waren es nur noch 242 000; 1971 167 000; 2001 111 000 und 2012 85 000 Menschen. Die Verödung der Innenstädte ist ein Problem aller Touristenstädte. Sobald sie zu Museen werden, beginnt ein langsamer Prozeß der Agonie, bevor sie vollends einbalsamiert werden. (…) So spaltet sich die Stadt zunehmend auf: in ein kleines, heruntergekommenes historisches Disneyland (das Römische Reich, das barocke Rom) und einen häßlichen, dicht bebauten Vorstadtgürtel, wo Millionen Römer ein kümmerliches Dasein fristen (…) Aber dieses wahre Rom bleibt den Besuchern völlig unbekannt.

     (…)

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Mehr von:
Marco D'Eramo
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 68
Aus dem Italienischen von Rita Seuß

Genre

Hauptthema:
  • Die soziale, ökonomische und politische Entwicklung der italienischen Hauptstadt

Schlagworte

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