LI 114, Herbst 2016
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Äusserste Ruhé voraus

(…)

Das Grosse Meer umfaßt fünf-, sechstausend Wörter. Und mein Schiff, an die 15 Schritte lang, steigt immerfort auf und ab, zieht durch Heraklit und Pindar zur Akropolis und weiter weg nach Faliron und Ägina hin.

Südwind weht, mein Verdeck beginnt zu flattern. Ich stehe in der Plicht mit der Vertrautheit des Erfahrenen und doch auch der Bedrücktheit des Verantwortlichen, der spürt, daß Friedrich Hölderlin von der einen Seite und Dionýsios Solomós von der anderen ihn mit schlaflosem Auge beobachten. Lustig ist das nicht. Du verspürst winzige Erschütterungen gänzlicher in Lärm gerammter Stille dich ergreifen gleich Blicken eines Mädchens, das du einen Augenblick in der Menschenmenge bemerkst und das verschwindet, ohne daß du weißt, ob du es je wiedertriffst. Du weißt nicht, ob es dir jemals wieder vergönnt sein wird, die Wörter in derselben wundersamen Asymmetrie einer Telefonnummer zu verschmelzen, die du verzaubert einst zu wählen wagtest und die dein Leben veränderte. Denn das ist sich gleich und hat denselben Zweck: den Ausdruck vom Trödlergeruch und deinen Alltag vom Rost der Höflichkeiten und Händedrücke zu reinigen. 

(…)

Der Weg, der uns bleibt, ist der der Gefahr. Ist der schwarzschimmernde Trennstrich, der sich steuerbord hinzieht in der Ferne, voller schroffer Felsen, Dürre, Riffe, Strudel, Kielwasser. Mitten auf See halten wir inne. Die Einsamkeit des Meeres ist bitter und unermeßlich. Sie erstreckt sich bis an die äußersten Grenzen des Horizonts, sie breitet sich aus, weitet sich aus, als berührte dein Geist am anderen Ende in einem Augenblick das Ideal, das jenseits ruht, das im Grunde aber – allen Gegensätzen gleich – an deren äußerste Gespanntheit stößt. Wahrlich, jetzt fühle ich mich, als wäre ich nah, beinahe als „berührte“ ich das, von dem die alten Seefahrer berichten. Jenen Bereich unendlicher und unberührter Reinheit, in dem dein Gewicht nicht zählt und das Licht weder von der uns bekannten Sonne noch von einem anderen Kunst- oder Himmelskörper stammt; es ist das Licht, das die Augen nicht berühren muß, damit du es empfindest.

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Mehr von:
Odysseas Elytis
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Griechischen von Giorgis Fotopoulos

Genre

Hauptthema:
  • Der Weg, der uns bleibt, ist der der Gefahr

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