LI 108, Frühjahr 2015
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Wer ist Charlie?

Über Demokratie und Laizität angesichts des islamischen Terrorismus

Das Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo markiert eine Epochenwende. Bis dahin hatte der Terrorismus Gebäude, Symbole, politische und religiöse Gruppen oder einfach wahllos „die Bevölkerung“ angegriffen, wehrlose Bürger (zu Tausenden, wie am 11. September). Die Ermordung von zwölf Menschen in der Rue Nicolas Appert 10 ist jedoch der erste terroristische Anschlag auf ein Grundprinzip der gesamten Moderne, ja auf deren wichtigstes Gründungsprinzip, die Meinungsfreiheit. Daher hat dieses Massaker, das ungleich weniger Opfer forderte als andere Anschläge, zu Recht und zum Glück die größte Volkskundgebung Frankreichs seit der Befreiung 1944 bewirkt, und sie fand ein weltweites Echo. Nun wird es darauf ankommen, dieses Attentat, die Reaktionen, die es hervorgerufen hat, seine (ab sofort einsetzenden) historischen Folgen auf ganz neue Weise zu analysieren und der Frage auf den Grund zu gehen, was Laizität heißen kann und muß, welche Demokratie damit verbunden ist und welche materiellen Voraussetzungen für beide Konzepte gelten müssen; welche Strategien für die staatsbürgerliche Integration der Zuwanderer notwendig sind und welche Bedingungen für das Vorhandensein oder das Fehlen einer solchen republikanischen Identität gegeben sein müssen, deren Signum die Souveränität, die gleiche Souveränität aller Bürger ist, die man heute vergeblich sucht.

Mit all diesen Fragen wird man sich mehr als je zuvor auseinandersetzen müssen. Was hier folgt, ist vorerst nur eine bescheidene und improvisierte Sammlung unsystematischer und heterogener Überlegungen und Notizen.

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„Je suis Charlie.“ Wie viele sind aufrichtig, wie viele tun nur so? Die Losung kursierte schon wenige Stunden nach dem Blutbad, aber wie viele haben das Recht, sich mit ihr zu schmücken, und wie viele mißbrauchen sie, sind Opportunisten und Heuchler? Man verlangt ja gar nicht, daß diejenigen, die sich diesen Slogan zu eigen machen, mit jeder Karikatur einverstanden sind, im schlimmsten Fall finden sogar alle ihre Mißbilligung. Aber wenn sie in ihrem öffentlichen Handeln und in ihrer privaten Lebenspraxis nicht das Recht zur Veröffentlichung der Gotteslästerungen über alle anderen Erwägungen stellen, dann ist ihr „Je suis Charlie“ Lüge und Rhetorik. Denn Charlie Hebdo, das ist Gotteslästerung, Verspottung des Heiligen in jedem Gewand und in jeder Verkleidung: Religion, Politik, hehre Absichten, ja selbst guter Geschmack.

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Charlie ist atheistisch, daran erinnert der neue Chefredakteur Gérard Biard. Wozu also Gotteslästerung und Blasphemie, wenn der Gegenstand des Spotts gar nicht existiert? Eine vielfach gestellte Frage, deren Bizarrerie ihre Verbreitung noch übertrifft. Das Sakrileg richtet sich nicht gegen Gott, der nicht existiert, sondern gegen den Aberglauben derer, die an ihn glauben. Und dieser Aberglaube ist sehr präsent. Er ist – wenngleich nur indirekt – auch in vielen Kreisen und vielen Herzen verbreitet, die sich für laizistisch halten. Das Sakrileg richtet sich gegen die Unterdrückung, die Gott ausgeübt hat und immer noch ausübt, obgleich er gar nicht existiert, gegen die Verheerung des Denk- und Empfindungsvermögens, die er bewirkt hat, gegen die Enttäuschungen und das Unglück, die er verursacht hat und immer noch verursacht. Das Sakrileg ist außerdem selbstlos, denn es wird von Leuten begangen, die von den Untaten Gottes gar nicht mehr betroffen oder enttäuscht sind: aus syn-pathos mit denen, die ihnen nach wie vor zum Opfer fallen.

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Den Umgang mit der Kalaschnikow haben sie in Syrien oder in anderen Lagern des IS oder al-Qaidas gelernt. Doch ihr Wunsch, sich in solchen Lagern auf den Terrorismus der Märtyrer vorzubereiten, reifte in der Zivilgesellschaft, im politischen und institutionellen Umfeld der westlichen Demokratien, deren volle Staatsbürgerschaft sie sehr häufig besitzen. Ein paar Dummköpfe, denen nicht einmal der Faschismus der Le Pens reicht (post, soft oder was auch immer: wer Augen hat zu sehen, erkennt stets den Faschismus), werden daraus die Schlußfolgerung ziehen, daß ihnen diese Staatsbürgerschaft gar nicht erst hätte gewährt werden dürfen (die sie vielleicht schon in dritter oder vierter Generation hatten!).

Das Gegenteil ist richtig: Sie sind mit unserer Sprache aufgewachsen, in unseren Wohnvierteln, in unseren Schulen und mit unserem Fernsehen, und deshalb wäre es nicht ganz so dumm, wenn wir uns ernsthaft fragen würden, welche Widersprüche, welche Defizite und Fehler es in unseren Wohnvierteln, unseren Schulen und unserem Fernsehen gibt; von wie vielen nicht eingehaltenen Versprechen und immer dreisteren Lügen unsere „Demokratien“ durchsetzt sind, in denen die Souveränität aller und jedes einzelnen inzwischen nicht einmal mehr als Tünche dienen kann, sondern nur noch das alltägliche Gelächter befeuert, mit dem uns das Establishment des Kombinats aus Politik, Finanzsystem und Korruption verhöhnt und schmäht. „Demokratie“, immer mehr in Anführungszeichen: wüstes Land, gesättigt mit Enttäuschungen und nur darauf wartend, von einem Glauben an den Herrn der Heerscharen in Brand gesteckt zu werden, um Existenzen, die andernfalls nichtig wären, Sinn und Größe zu verleihen.

Doch wir haben gleiches Recht auf das Streben nach Glück versprochen. Wenn wir dies für bloße Rhetorik halten, haben wir uns verrechnet. Was man in den Gründungsvertrag hineingeschrieben hat, wird früher oder später eingefordert werden, und zwar unerbittlicher als Shakespeares Shylock das Pfund Fleisch einfordert. It’s democracy, stupid. Es gilt also, sich ans Werk zu machen, um diese Demokratie zu verwirklichen. Doch da gleiche Souveränität und in noch viel größerem Maß gleiches Recht auf Streben nach Glück nur annäherungsweise gewährt werden können, muß eine solche Annäherung asymptotisch bleiben. Sie ist eine ständige, unermüdliche Aufgabe. Jede défaillance (jedes Versagen) in diesem Bemühen ist ein Geschenk für jede Art von Fanatismus, der die Saat unserer Inkohärenz ist.

                                                                       *

Weder Judentum noch Christentum oder Islam stehen mit der Modernität und der Demokratie auf einer Stufe.

Um es ganz klar zu sagen: Der Dschihad findet sich bereits in der Hebräischen Bibel (Jahwe Zebaoth, Herr der Heerscharen), und was das Christentum angeht, braucht man nur auf die Kreuzzüge zu verweisen. Der Haß auf die Demokratie, der im Syllabus Errorum („Verzeichnis der Irrtümer“) (1864, in der Zeit der Einigung Italiens) zum Ausdruck kommt, ist noch 1944, in der Weihnachtsradiobotschaft Pius’ XII., mehr als nur Mißtrauen (die Demokratie sei nur gesund, wenn sie „auf den unveränderlichen Grundlagen des Naturgesetzes und der geoffenbarten Wahrheiten beruht“, mit anderen Worten, wenn sie theokratisch gesehen katholisch ist!).

Bleibt die Tatsache, daß sich Judentum (aufgrund der Verfolgungen) und Christentum (zähneknirschend, sogar äußerst zähneknirschend) mit der Ausweitung pluraler Freiheiten auf alle sozialen Schichten sukzessive arrangieren mußten, mit der die Demokratie am Horizont der Moderne reifte. Ihre Ideen speisten sich aus der Entzauberung der Synergie von Häresie und Wissenschaft und aus Grotius’ Formel „etsi Deus non daretur“ („auch wenn es keinen Gott gäbe“), mit der Europa das drohende Harakiri der Religionskriege vermieden hat.

Nicht so der Islam, jedenfalls bis heute. Daß sich das ändern könnte, ist ontologisch nicht auszuschließen, denn von ihrem Wesen her können sich Religionen zu allem und zum Gegenteil von allem entwickeln. Die Theologen werden sich in jedem Fall um den Nachweis der Kontinuität bemühen. Im übrigen ist der Koran ein Synkretismus aus Judentum vom Hörensagen und einer als häretisch verurteilten Variante des Christentums (zur Zeit Mohammeds jedoch nur eine seiner vielen konflikthaften Spielarten).

Heute aber ist der reformierte und säkularisierte Islam nahezu inexistent. Sich dies nicht einzugestehen ist schuldhafte Blindheit. Schlimmer noch: Es ist die reinste Heuchelei des westlichen Establishments, das sich in erster Linie dafür interessiert, sich mit seinen islamischen Partnern die oberste Religion zu teilen, die des Mammons, mithin den Gott des Geldes, der über Erdöl und Börse gebietet. Deshalb hat dieses Establishment Bemühungen um eine Reform des Islam auch nie unterstützt. 

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Die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie hängt von der (heute verweigerten) Akzeptanz der Säkularisierung ab, der Trennung von Religion und Politik. Mit einer Konsequenz und einem Paradox. Die Konsequenz: Demokratie beschränkt sich nicht auf Mehrheitsentscheidungen, weshalb es stimmt, daß es eine islamische „Demokratie“ mit absolut demokratischen Wahlen geben kann, die gleichwohl nur auf der Basis der Zwillingsformel Verfassung/Koran möglich ist. Mehr noch: In Algerien und anderswo gab es Wahlsiege der Theokratie, die mit militärischer Gewalt annulliert wurden.

Die demokratische Souveränität erwächst nicht aus dem Zustandekommen von Mehrheiten. Auch wenn dies ihr wesentliches Verfahren ist, ihr Wesen ist es nicht. Die demokratische Souveränität bedeutet in allererster Linie die Beachtung der Prinzipien, die den Grundsatz „eine Stimme pro Kopf“ wirksam machen und in egalitärer und libertärer Hinsicht sehr viel mehr Ansprüche stellen, als die liberaldemokratische Vulgata denkt.

Das Paradox: Die Säkularisierung als Grundvoraussetzung der Vereinbarkeit von Islam und Demokratie ist das, was große Teile des westlichen Establishments bekämpft haben und weiter bekämpfen; sie werden nicht müde, zu diesem Zweck in ihren Wahlkämpfen den „Willen Gottes“ (des christlichen Gottes) zu beschwören, und weigern sich, Gott (jeglichen Gott) aus dem öffentlichen Bereich zu verbannen. Sie haben sich eine „positive Laizität“ zurechtgelegt, die weder logisch noch politisch wasserdicht ist, aber die Laizität aushöhlt. Mit immer blutigeren Folgen.  

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Die Athener verurteilten Sokrates wegen Gotteslästerung zum Tod, doch in den Fröschen des Aristophanes (Vers 236: „Mein Podex schwitzt entsetzlich und beim nächsten Bücken quakt er mit ...“: und das ist noch eine der harmloseren Passagen!) tauschen Herakles und Dionysos, zwei der höchsten griechischen Gottheiten, Gotteslästerungen und Obszönitäten aus, spotten über den Hades, über die Mysterien und alle Aspekte des Heiligen. Den Tod des Sokrates sollten dessen Mitbürger schon bald bereuen, die Freiheit der Gotteslästerung nie. Wir könnten mit Rabelais fortfahren. Und mit anderen Größen. Das ist die westliche Identität.

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Für die Religionen ist nicht nur die Satire eine Provokation, auch ein demokratisches Gesetz kann eine solche Provokation darstellen. Wie für Hunderte Millionen Muslime das französische Schleierverbot oder für Millionen Christen die Gesetze der meisten westlichen Staaten, die der Frau die Abtreibung erlauben. In den USA gab es Morde an Ärzten und Krankenschwestern (und es wird sie aller Voraussicht nach auch in Zukunft geben), die dem Gesetz zur Geltung verhalfen. Fanatische Christen? Jedenfalls Christen, die sich durch diese Gesetze tödlich beleidigt fühlten. Aber es waren keine Fanatiker, sondern Päpste, Joseph Ratzinger und der heilige Johannes Paul, welche die Abtreibung als „Genozid unserer Zeit“ gebrandmarkt haben – und damit die Ärzte und Krankenschwestern, die Abtreibungen durchführen, als postmoderne SS-Schergen, wenn das Wort einen Sinn hat (und die Worte eines Papstes sind in Stein gemeißelt).

Franziskus hat sich nicht nur das Verbot, eine Religion zu verspotten, zu eigen gemacht. Er hat das Beispiel bemüht, „wenn ein lieber Freund meine Mama beleidigt, kriegt er einen Faustschlag, das ist normal“. Normal unter Halbstarken und Rabauken oder im guten alten Machismo. Aber für den islamischen Fanatiker wird Franziskus’ Faustschlag zur Kalaschnikow, so wie er bei dem christlichen Abtreibungsgegner zum Revolver wurde. Wenn die Empfindlichkeit gegenüber der Kritik über das Recht auf Kritik entscheidet, hat sie auch das Recht, über das Strafmaß zu entscheiden.

Diese obskurantistische Logik überläßt es dem Gutdünken des Fanatikers, ob einer, der die Religion verunglimpft, einen Faustschlag verdient hat, tausend Peitschenschläge, die der „moderate“ (sic!) Islam Saudi-Arabiens, sekundiert von der Trägheit des Westens, dem Blogger Raif Badawi in wöchentlichen Dosen verabreicht, oder eine Gewehrsalve. Eskalation ein und derselben Logik, die verkündet hat: die Gotteslästerer legen es darauf an. En passant, Franziskus: Wie war das gleich noch mal mit der anderen Wange?

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 11
Aus dem Italienischen von Rita Seuss

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