LI 116, Frühjahr 2017
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Brauchen wir noch Gedichte im digitalen Zeitalter?

Zuerst ein Zögern. Das Wort „Gedicht“ fühlt sich nicht so recht wohl neben dem Wort „brauchen“. Doch soll der Frage nachgegangen werden in der Hoffnung auf Beifang, was unser Verständnis von Sprache betrifft – und das von uns selbst.
Wir brauchen sie noch. Natürlich. Ich brauche sie und jedenfalls die kleine Minorität der Gedichteleser. Reicht das zur allgemeinen Aussage „wir brauchen sie“? Ja, denn die Bedeutung des Gedichts geht weit über die individuelle Freude am Gedicht hinaus: Die Sprache braucht sie, und Sprache, eine reiche und frische Sprache, brauchen wir alle. Gedichte sind Sauerstoff für die Sprache und damit auch für unsere geistige Existenz. Auch führen uns manche Gedichte in einen Modus des Seins, der uns über rein kognitive Hinweise nicht erschließbar ist.
Brauchen wir sie noch im digitalen Zeitalter? Ja, gerade dann.

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„Wozu Dichtung in dürftiger Zeit?“

Es ist eine alte Frage. Hölderlins Frage – und Klage – aus der Hymne Brot und Wein wurde schon zu Tode zitiert, aber ich will sie nennen, denn sie berührt unsere Fragestellung direkt: Wozu noch Gedichte in dieser – dürftigen – Zeit?
Jede Zeit kennt ihre eigene Dürftigkeit. Das Dürftige unserer Zeit ist das Überwiegen des Digitalen. Das Digitale ist das Extrem des Diskreten: das Unterschiedene, Entschiedene, das Reproduzierbare, das Vereinfachte, Null oder Eins. Die diskrete Seite der Sprache ist stabil und steril. Der standardisierte Alltagsgebrauch nutzt zwar die Sprache, gibt ihr aber wenig zurück. Es ist die analoge, sinnliche, spielfreudige Seite der Sprache, die ihr Beweglichkeit, Erneuerung und Verfeinerung bringt.
Gedichte schaffen auch inhaltlich notwendige Freiräume. Es wäre falsch, das Besondere der Dichtung nur an der Form festzumachen. In Poesie wird anderes gesagt und ist anderes sagbar als in der Prosa. Dichtung bewahrt eine Offenheit gegenüber jedweder Thematik, sie ist weniger der ideologischen Zensur des intellektuellen Zeitgeists unterworfen als fachsprachliche Prosa. Es kann um große „ewige“ Themen gehen, die wegen Überstrapazierung unter Quarantäne oder in unserer ausgenüchterten Zeit unter generellem Kitsch- oder Pathosverdacht stehen. Auch bewahrt die Dichtung geduldig ungehobene Schätze. Damit meine ich Rätselsätze, die einem erst Jahre nach der Lektüre plötzlich „aufgehen“, manche warten vielleicht Jahrhunderte, bis ihre Evidenz aufscheinen kann. Ich denke zum Beispiel an den Hölderlin-Satz: „Zeit eilt hin zum Ort“, der jetzt wie eine ins Subjektive gewendete Relativitätstheorie klingt.
Auch unprätentiös Alltägliches bekommt in der Dichtung besondere Aufmerksamkeit. Es ist amüsant zu beobachten, welche Gedichte und Themen unverhofft zu Popularität kommen. So handelt eines der beliebtesten holländischen Gedichte, Jonge sla von Rutger Kopland, von der Unerträglichkeit, im September junge Salatpflanzen frisch gesetzt zu sehen. Unsere Empathie, die sich ja meist auf Mensch und Tier beschränkt, erweist sich als fähig, auch mit schlaffen, chancenlosen Salatpflänzchen Mitleid zu verspüren.
Mit Witz und Wachheit reagieren solche Gedichte auf eine konkrete Situation. Jedes gelungene Gedicht trägt der Vielschichtigkeit unseres Daseins Rechnung, indem es Widersprüchlichkeit, Ambivalenz, Paradox, ja Unsinn und Absurdität nicht scheut, sondern darin eine lustvolle Herausforderung sieht. Auch die Komik des Alltags kann das Labyrinth unseres Innenlebens an überraschenden Punkten aufblitzen lassen.

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Mystik für Anfänger

Wir lesen Gedichte nicht, um klüger, phantasievoller, spielerischer, sensibler, kreativer zu werden. Wir werden es vielleicht. Doch das ist Nebensache.
Es gibt einen Zustand, den ich den poetischen nenne. Er ist eine Form des Glücks. Nicht das Glück, das sich einem erfüllten Wunsch oder irgendeinem außerordentlichen Ereignis verdankt. Es ist ein Zustand, der alles so läßt, wie es ist, und der doch alles verwandelt. Adam Zagajewski nennt die Poesie „Mystik für Anfänger“. Wir erleben einen Augenblick lang eine partielle Aufhebung der Entfremdung. Ohne jede dogmatische Basis oder metaphysische Rechtfertigung findet man sich für einen Moment in einem gefühlten größeren Zusammenhang. Der persistente Zusammenhang des Gedichts breitet sich über das Gedicht hinaus aus. „Allda bin ich / Alles miteinander“ lesen wir bei Hölderlin. Lyrik führt uns in eine Erfahrung der – eigenen – Präsenz, eine kontemplative Verbindung von Subjekt und Welt in der Sprache. Das von der Gegenwart ablenkende Zerren der Zeit wird kurz außer Kraft gesetzt, die Wahrnehmung der eigenen inneren Resonanzen bekommt Raum. Der Leser kommt zu sich. „Nur in meinen Gedichten kann ich wohnen“, schreibt der niederländische Dichter Slauerhoff. Auch der Leser sucht dort Unterkunft. Franz Kafka sagt es so: „Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd verborgen bleiben können.
In einer Zeit, in der jede „Letztfundierung“ widerlegt und verbindliche Systeme der Vertröstung unglaubwürdig geworden sind, brauchen wir eine völlig anders geartete Form der inneren Orientierung. Vor dem Sog der Zerstreuung und dem Nihilismus der Beliebigkeit bewahrt uns kein philosophisches System, was uns hilft, sind Momente innerer Sammlung und eine Verankerung im nicht manipulierbaren Kern des Subjektiven. Sie bedürfen keiner ideologischen Untermauerung. Die Lyrik zeigt, daß dies nicht in die Isolation, sondern zu vertiefter Kommunikation führen kann.
Auch wenn diese Kraft längst nicht in jedem Gedicht vorhanden ist und gewiß nicht bei jedem Lesen und jedem Leser zur Wirkung kommt, ist das Vorhandensein dieser Möglichkeit doch ein essentieller Bestandteil unseres Selbstverständnisses.

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Dorothea Franck
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 11
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