LI 115, Winter 2016
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Staat und Geschlecht

Die Erotisierung der Macht und die Verheißungen des Patriarchats

BEI DIESER WAHL ging es um das Geschlecht des Staates. In den Augen von Millionen seiner Anhänger, vor allem der Männer, die ihn zum Präsidenten gemacht haben, stand Amerikas Männlichkeit auf dem Spiel. Donald Trump hatte sich als erigierter Phallus beworben, als sexuell aggressiver Mann, der die Regeln verletzen, unsere Feinde zerschmettern und Amerika wieder stark machen könne.
Trump war nicht mit einem politischen Programm angetreten. Die Leute haben seinen Schwanz gewählt. Nie zuvor hatte ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat die Länge seines Penis verteidigt, geschweige denn in einem Rededuell zur besten Sendezeit versichert, seine kleinen Hände ließen nicht darauf schließen, daß auch alles andere klein sei. „Ich garantiere Ihnen, es gibt da kein Problem. Glauben Sie mir!“, schoß er in einem Streitgespräch des Vorwahlkampfes zurück. Auf einem der Plakate, die für Trump warben, war der stolze Aufruf zu lesen: „Seien Sie kein Schlappschwanz! Wählen Sie Trump.

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Donald vs. Hillary: Das war ein Kampf zwischen der Faust und dem Schoß, dem Phallus und der Gebärmutter. Für Trump und seine Anhänger muß die männliche Bereitschaft zur Gewalt Vorrang haben vor der weiblichen Bereitschaft zur Fürsorge – für Kinder, für Frauen, für die Armen und die Einwanderer. Wenn ein Land nicht zuschlagen kann, bevor es umarmt, riskiert es seine Selbstzerstörung. Trump verkörpert männliche Macht; er beweist einen unbeugsamen Willen, indem er die Königsmacher der Republikaner besiegt und das Ordinäre und Undenkbare ausspricht. Bei den Vorwahlen hat er Jeb Bush und Marco Rubio als Schwächlinge verunglimpft. Die Wahrscheinlichkeit, daß jemand Trump unterstützte, war am größten bei denen, die in Muslimen Gewalttäter sehen. Trumps Anhänger neigen zu dem Glauben, es werde ausgerechnet da, wo sie wohnen, und sei es am Ende der Welt, einen Terroranschlag geben. Trump warb weder mit Charakter noch mit Ideologie noch mit einem Programm. Er warb nicht mit Faktenkenntnis, sondern mit seiner Fähigkeit zu handeln. Vor bösen Mächten kann einen am besten ein Rambo beschützen. In den Augen von zig Millionen amerikanischer Männer disqualifizieren Trumps angebliche sexuelle Beutezüge ihn nicht; im Gegenteil, sie qualifizieren ihn dafür, das Land zu führen. Wer mit jeder schläft, mit der er schlafen will, der kann auch kämpfen, wo und wann immer es notwendig ist.

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Hillary stand für den Feminismus, der die männliche Autorität im Haus erodiert hat, sowie für die makroökonomische und die Antidiskriminierungspolitik, die zahllose Männer den Arbeitsplatz gekostet hat. Männliche Macht, die einen guten Job voraussetzt, ist sexy. Viele Frauen sehnen sich nach dem männlichen Mann alter Schule, der innerhalb der Genderbinaritäten der Macht flirtet und keine Hemmungen hat, ein Date vorzuschlagen oder einen Kuß zu rauben. Nach dem Mann, der weiß, was er will, und der „sie“ auf seinem Weg mitnehmen wird. Vielen dieser Frauen, insbesondere solchen, die weder hochqualifiziert noch gutbezahlt sind, geht es mehr darum, in ihren Männern die Hauptversorger der Familie sehen zu können, als um die Aussicht auf sexuelle Aggression oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Sie kennen die Männer und glauben, daß sie mit ihnen fertigwerden. Sie wünschen sich mehr Auswahl an geeigneten Partnern, an Männern, die unbefristete und gutbezahlte Jobs haben. Und sie wünschen sich Ehen, die es wert sind.
Die meisten weißen Frauen wollen Patriarchen, keine Feministen. Das paßt zu dem Befund, daß Trump Clinton bei nahezu allen religiösen Konfessionen vernichtend geschlagen hat, nicht nur bei den Evangelikalen, sondern auch bei den Main-line-Protestanten und den Katholiken. Sie alle halten an der Geschlechterordnung des Lebens fest, an der gottgegebenen Herrschaft des Mannes – wie ja auch Er, Gott selbst, ein Mann ist.

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Mehr von:
Roger Friedland
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Englischen von Jens Hagestedt

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Hauptthema:
  • Die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten

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