LI 115, Winter 2016
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James Joyce 2.0

Über literarisches Erzählen in den Zeiten des Internets

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Der Akt des Lesens“, schreibt Mangen, „ist eng mit der Tatsache verknüpft, daß wir Körper und Geist sind.“ Beide sind beim Lesen beteiligt, jeder nach seinen spezifischen Maßgaben. In dieser so schlichten wie kontraintuitiven Wahrheit liegt wohl auch der Grund für die relative Erfolglosigkeit von E-Readern. Wenn wir Papierseiten durchblättern, so Mangen, haben wir das Gefühl, wir stünden in direktem Kontakt mit dem Material, aus dem der Text gemacht ist (und wir sind es ja tatsächlich).
Mehr noch: Wir sind uns in jedem Augenblick – auch wenn wir gar nicht lesen – der physischen Beschaffenheit dieses Mediums bewußt, der Schwere des Buches in unserer Hand, der Textur des Einbands, der Beschriftung auf dem Buchrücken und des Textes auf der Rückseite, wenn wir das Buch umdrehen. Diese Komponenten, die unsere Wahrnehmung des Buches als eines organischen Objekts bestimmen, erleichtern es auch, uns den Inhalt des Gelesenen einzuprägen und ihn zu behalten. Die Interaktion mit einem digitalen Text dagegen scheint an einem unbestimmten, fernen Ort stattzufinden. Die auf dem Bildschirm des E-Readers sichtbaren Worte sind „ontologisch ungreifbar“. Und „eine der Konsequenzen dieser Ungreifbarkeit ist, daß wir oberflächlicher und weniger konzentriert lesen“.
Wer beides ausprobiert hat – einen Roman auf Papier und am Bildschirm zu lesen – ist vielleicht schon von sich aus darauf gekommen. Wahrscheinlich hat er, wenngleich nur unterschwellig, gemerkt, daß das auf Papier Gelesene länger im Gedächtnis haften bleibt, nicht zuletzt aufgrund der sensorischen Erfahrungen, die damit verbunden sind. Die Körperlichkeit des Lesens erklärt auch, warum die Entwickler von E-Readern immer mehr versuchen, die Geräte dem gedruckten Buch anzugleichen: in der Präsentation des Textes, der Beleuchtung und eben auch der haptisch-taktilen Qualität – allerdings ohne die unvergleichliche Erfahrung, die Papier vermittelt, nachbilden zu können.
Ein Argument, das Leser zur Verteidigung des gedruckten Buches anführen, habe ich immer wieder gehört: „Wir lieben den Geruch des Papiers.“ Und jedes Mal dachte ich, wie nostalgisch und auch ein bißchen rückständig das doch klingt. Schließlich zählt an einem Buch vor allem sein Inhalt und ob es gelesen wird oder nicht. Doch wissenschaftliche Untersuchungen scheinen den Nostalgikern recht und mir unrecht zu geben. Besser so. Das ist wenigstens ein kleiner Trost für all das Geld, das ich in den vergangenen Jahren ausgegeben habe, um mir erst ein Kindle, dann einen Sony Reader und schließlich einen Kobo anzuschaffen, stets auf der Suche nach dem perfekten Lesegerät; ein kleiner Trost dafür, daß sie jetzt zu Hause herumliegen, verstaubt, mit leerem Akku und der traurigen Miene von Verlierern.

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Für viele Autoren ist das Netz die genuine Fortsetzung ihrer literarischen Arbeit, wenn nicht sogar eine völlig eigenständige Tätigkeit geworden. Manchen genügt es nicht mehr, nur Bücher zu schreiben – sei es, weil ihnen die grenzenlosen Möglichkeiten, sich im Netz zu artikulieren, aufregend erscheinen, sei es, weil sie befürchten, es werde schon bald keine Romanautoren mehr geben, wie es unter anderem der Soziologe Frédéric Martel prophezeit hat. (Die Verleger beruhigen ihre Autoren diesbezüglich nur selten; sie fühlen sich insgeheim sogar beflügelt, wenn einer ihrer Autoren sich beherzt in die Arena des World Wide Web wirft: Man weiß ja nie, ob auf diese Weise nicht vielleicht doch die Gleichung aufgeht: ein Follower = ein verkauftes Buch.)
Abgesehen davon, daß jeder mit seinem Smartphone macht, was er will, gibt es ein entscheidendes Problem, das gerne ignoriert wird, von den Autoren ebenso wie von ihren Verlegern: das begrenzte Reservoir an Zeit und Gedanken, das man zur Verfügung hat. Die produktivsten Stunden, die ein Schriftsteller seinem gerade entstehenden Werk widmen sollte, sind in der Regel auf zwei bis maximal vier Stunden am Tag begrenzt. Ein geglückter Post oder ein gelungener Tweet – ein Post oder ein Tweet, die jene gedankliche Tiefe spiegeln, die uns andere hoffentlich zuschreiben –, kostet uns nur einen Bruchteil dieser Zeit, kaum ein paar Minuten. Aber aufgrund der Proliferation der sozialen Medien summiert sich dieses „bißchen Zeit“ in unkontrollierter Weise. Schließlich ist ein Tweet oder ein Post, auf sich allein gestellt, nicht überlebensfähig: Er muß gehätschelt und betreut werden; man muß nachschauen, wie oft er geliked und geteilt wird, man muß Kommentare beantworten und sehen, in welchem Umfeld er steht.
Dasselbe Prinzip des Haushaltens mit der schöpferischen Zeit gilt vermutlich auch für die Gedanken. Sich in sozialen Netzwerken zu tummeln ist natürlich hilfreich, um die eigenen Aktivitäten voranzubringen und einen weiteren Tag nicht in Vergessenheit zu geraten, aber es stiehlt einem auch seine Ideen. Wie jeder Autor weiß, ist ein pointierter Satz, einmal geäußert, auch schon verbraucht; eine schöne Landschaft, mit dem iPhone
photographiert und geteilt, wird nie mehr eine grandiose Beschreibung werden, und ein heimlich abgelauschter Dialog, mit dem man seine What’sApp-Gruppe zum Lachen bringt, wird keine Romanfigur mehr wiederholen können. Was man im Netz verschleudert hat, läßt sich in einem Buch nicht mehr wiederverwerten – oder nur um den Preis der ewigen Schande. Autoren, die nicht an Debatten in den sozialen Netzwerken teilnehmen, verweigern sich häufig nicht aus Dünkel oder um dem von Martel prophezeiten Aussterben der Spezies Schriftsteller die Stirn zu bieten, sondern aus einem einfachen ökonomischen Kalkül: Sie wollen sich die paar guten Einfälle, die sie täglich haben, lieber für ihre Bücher aufheben.

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Mehr von:
Paolo Giordano
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 50
Aus dem Italienischen von Rita Seuß
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