LI 100, Frühjahr 2013
Heftpreis: 15,00 € inkl. MwSt. 7%

Zu Markte getragen

Glorreiche Zeiten beim Auktionshaus Sotheby's in New York

(…)

Kaufe und Verkaufe

Die Spezialisten sind bei Sotheby’s die gebildetsten und angesehensten Mitarbeiter, denn sie müssen sich nicht nur in der Kunstgeschichte auskennen, sondern auch gewiefte Kaufleute sein. Das ganze Jahr über vermitteln sie Privatverkäufe zwischen Kunden des Hauses, doch in den Monaten vor den großen, alle halben Jahre stattfindenden Auktionen sind sie hauptsächlich damit beschäftigt, Werke zu beschaffen. Die Umstände, unter denen privater Besitz häufig eingeliefert wird, fassen Spezialisten genüßlich alliterierend so zusammen: Tod, Trennung, tiefrote Zahlen. Doch letzten Endes läuft jeder Vorgang, bei dem ein Kunstwerk den Besitzer wechselt, nach eigenen Regeln ab. Es gibt ebenso viele Gründe, ein Stück zu verkaufen, wie es Gründe zum Kaufen gibt. Die Spezialisten behandeln jeden Erwerb als ein einzigartiges Vorhaben, das kunsthistorisches Detailwissen ebenso erfordert wie die Kenntnis der gegenwärtigen Marktbedingungen für den jeweiligen Künstler. Wenn jemand nicht gerne verkauft, überzeugen ihn die Spezialisten davon, seinen Besitz zu einem genau kalkulierten Zeitpunkt anzubieten. Das kann eine bevorstehende Retrospektive eines Museums, ein aufkommender Markt in China für bestimmte Künstler oder auch ein Araber sein, der seine Sammlung dringend erweitern will. Sammler sind auch nur Menschen mit Zweifeln und unterschiedlich großen Egos. Aufgabe des Spezialisten ist es, die Seelen seiner Kunden zu massieren und sich rasch eine Strategie auszudenken, mit der er sich am Ende seine Provision verdient.

Sobald sich ein Kunde entschlossen hat, seine Ware bei Sotheby’s einzuliefern, wird sie auf seine Kosten zu Sotheby’s verfrachtet. Eigens beauftragte Konservatoren untersuchen die Kunst unter Schwarzlicht und verfassen einen Bericht, in dem allfällige Schäden oder vorangegangene Restaurierungen dokumentiert sind. Katalogisierer üben nun ihre „gebührende Sorgfalt“. Dazu gehört, ein Echtheitszertifikat des Werkes zu beschaffen (bei einem noch lebenden Künstler von seiner Galerie, andernfalls von seinem Nachlaßverwalter). Außerdem muß man das Art Loss Register, eine internationale Datenbank abhanden gekommener Kunst durchsuchen, um sicherzugehen, daß das Werk nicht als gestohlen gemeldet wurde. Wird das Werk auf mehr als 10 Millionen Dollar geschätzt, so entsteht außerdem ein high-value-lot, also ein „Hochwertlos“-Bericht. Sobald die Herkunft lückenlos dokumentiert ist, wird das Werk photographiert, beschrieben und in den Katalog aufgenommen.

Unterdessen haben sich die Spezialisten schon einmal nach möglichen Abnehmern umgesehen. Potentielle Bieter werden in eine „Interessentenliste“ für jedes einzelne Los der Auktion eingetragen. Anfragen vielerlei Art gelten als „Interesse“ in diesem Sinne. Das kann ein spontaner Anruf sein, bei dem sich jemand über den Zustand eines demnächst angebotenen Werks erkundigt, aber auch ein Partygespräch, aus dem sich ergibt, daß einen Sammler gerade die Sehnsucht nach diesem oder jenem Werk oder Künstler plagt. Naturgemäß wecken die Spezialisten auch gezielt Interesse, indem sie Sammlern einen Tip geben und dabei die allgemeine Nachfrage dramatisieren. Länge und Seriosität der Interessenliste sind informelle Kriterien, nach denen die Spezialisten zu erahnen versuchen, wie gut sich ein Los in Abweichung vom eher empirisch ermittelten Schätzpreis verkaufen wird.

(…)

Die Wertschätzung eines Sammlers – seine eigene und die seiner Person – orientiert sich an denselben beiden Gegebenheiten: seinem Geschmack und seinem Vermögen, sich viel davon zu leisten. Seine Würdigung eines Genies wird dabei zum guten Geschmack, und der gute Geschmack kehrt nur allzuschnell in der Maske des Genies wieder. Dem Kampf um größtmögliche Beliebtheit in der Mittelschule ähnelt das Sammeln von Kunst darin, daß Waghalsigkeit nicht ratsam erscheint. Man sollte schon sicher sein, daß das, was man kauft, auch allgemein bekannt und wohlgelitten ist. Zwar können, wie in der Schule, Draufgängertum und Verderbtheit eine ganze Menge ausrichten. Maurizio Cattelan macht Plastiken von Päpsten, um sie dann mit Meteoriten zu mißhandeln. Die Brüste, die John Currin malt, kann man wirklich nur aufgeblasen nennen. Blasphemie, Pornographie, Hybris sind bloße Gewohnheit in der zeitgenössischen Kunst.

(…)

Mädels

Ein „Sotheby’s-Mädel“, so merkte ich bald, fällt ebenso wie ein Boxenluder oder ein suicide girl in ein Raster bestimmter erwartbarer Eigenschaften, die zwar keinen ausdrücklich erotischen Kriterien, aber sehr wohl den sexuellen Vorlieben vieler Kunden entsprechen. In An Object of Beauty, dem neuen Roman von Steve Martin, ist die Heldin Lacey Yaeger eine junge Galeristin. Sie reiht sich nach Abschluß ihres Studiums „in das Gewürzregal der Frauen bei Sotheby’s ein“ – eine treffende Beschreibung dieser Art selbstsicherer, freiwilliger Fleischbeschau, der wir uns alle schweigend fügten. Die Atmosphäre bei Sotheby’s hat etwas Anzügliches. Schon der Tonfall eines guten Auktionators ist ein ständiges Necken: scheu gegenüber einem Bieter, fordernd gegenüber einem anderen, dabei beide aufstachelnd zu einem hitzigen Duell winziger Zuckungen (Nummer rauf, Nummer runter). Der Auktionator läßt einen Zeigefinger in Richtung eines Telefonbieters auf der einen Seite des Saals baumeln, während er seinen Körper im Maßanzug einem Kommissionär auf der anderen Seite zuwendet. Er hält theatralisch inne, wiederholt einen Preis immer wieder, bis ihn jemand überbietet.

Dementsprechend waren fast alle Kontakte zwischen Mitarbeitern und Kunden in einem mal miezenhaft gezierten, dann wieder liebevoll gestrengen Gouvernantenton gehalten. In Telefongesprächen erhielt ich einige so vollkommen aus der Zeit gefallene Anträge, wie ich sie seither außer in der Serie Mad Men nie wieder gehört habe. Wir bekamen mitunter private Einladungen von Männern, denen wir nie begegnet waren, allein auf der Grundlage unserer Aufzählung von Auktionsergebnissen. Das bestätigte mich in meiner Vermutung, daß man in gewissen Kreisen davon ausging, man könne nicht falsch liegen, wenn man sich mit einem gesichtslosen Sotheby’s-Mädel verabredet. 1334 York Avenue ist einfach eine erstklassige Provenienz.

(…)

Zeichenanzahl Exzerpt: 
6.217 Zeichen von 37.929 Zeichen
Mehr von:
Alice Gregory
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 129
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

Genre

Hauptthema
  • Über das Auktionshaus Sotheby's in New York

Schlagworte

Heftpreis: 15,00 € inkl. MwSt. 7%
No Javascript