LI 111, Winter 2015
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Geld schlägt Wort

Das heutige Russland und die Lage der Kultur

Frank M. Raddatz: Herr Groys, seit einigen Jahren sind der Westen und Rußland wieder Kontrahenten, als würde die Konstellation des Kalten Krieges nachgestellt. Woraus resultiert diese Differenz in postkommunistischer Zeit?

Boris Groys: Während der kommunistischen Ära existierte Rußland in seiner eigenen Welt, die mit der restlichen Welt wenig zu tun hatte. Nicht nur die Bevölkerung, sondern im Grunde das ganze System lebte weitestgehend getrennt vom Westen sowohl in psychologischer und ideologischer wie auch in politischer und kultureller Hinsicht. West und Ost operierten nicht im gleichen Raum, aber was bedeutender ist, auch nicht in der gleichen Zeit. Die kommunistische Ideologie setzt voraus, daß ihr die Zukunft gehört. In der Sowjetunion hatte die sozialistische Zukunft schon begonnen, während die übrige Welt sich noch in der kapitalistischen Vergangenheit befand. Beide Systeme existierten in unterschiedlichen Zeiten. Das ist einer der Gründe, warum es zu keinem Krieg kam.

(…)

Mit dem Ende des Kommunismus setzte die Synchronisierung und Angleichung der Lebensbedingungen ein. Das private Eigentum und der Markt kehrten zurück. Plötzlich spielten das Geld, das Kapital, die Banken wieder eine entscheidende Rolle. All diese Faktoren, die man überwunden glaubte, kamen zurück oder wurden importiert. Heute sind die Lebensbedingungen in Rußland dieselben wie im Westen. Rußland ist so strukturiert wie jedes andere Land und hat sich an alle anderen Länder angeglichen, das heißt Rußland versteht sich als Nationalstaat, der in einem Konkurrenzverhältnis zu allen anderen Staaten steht. Doch an diese neue Rolle muß sich Rußland noch psychologisch, politisch, kulturell gewöhnen. Für Rußland ist in dieser postkommunistischen Situation vieles neu – der ganze Kapitalismus ist neu, die ganze Konkurrenz unter den Bedingungen der Globalisierung ist neu, das Verständnis von Rußland als konkurrierender Nationalstaat ist neu. In der Sowjetunion hatte man die führende Rolle in einer Gemeinschaft des internationalen Kommunismus inne. Die Sowjetunion hat sich nicht als russisches Reich verstanden. Stalin war Georgier, Chruschtschow und Breschnew Ukrainer. Putin ist nach Jelzin der erste Russe als Oberhaupt des russischen Staates. Das ist neu, denn selbst die Zarenfamilie der Romanows war eigentlich deutsch. An all diese neuen Gegebenheiten müssen sich die Russen gewöhnen, und diese Eingewöhnung braucht Zeit.

Postkommunismus heißt nicht, daß man in die Ära vor dem Kommunismus zurückkehrt, sondern daß man in die unausgelotete globalisierte Welt eintritt.

... in eine gemeinsame Zone unter den Bedingungen der Globalisierung. Die kommunistische Welt war auch global, aber das war die Welt des proletarischen Internationalismus. Man fühlte sich der gleichen Welt zugehörig wie zum Beispiel Kuba oder wie die Palästinenser in ihrem Kampf gegen die Israelis oder die Kommunistische Partei in Frankreich. Das war auch eine globale Welt, aber darin spielte Rußland nicht die Rolle eines Rivalen innerhalb einer Systemkonkurrenz.

Was bedeutet Globalisierung? Globalisierung ist eine bürgerlich-kapitalistische Veranstaltung, um einen weltweiten Raum der allgemeinen Konkurrenz zu schaffen. In diesem Raum muß Rußland nunmehr mit anderen Staaten konkurrieren. Das gab es früher nicht: Rußland war außer Konkurrenz. Jetzt muß Rußland konkurrieren und fragt sich, wie konkurriert man? Zu konkurrieren ist ein schwieriges Problem.

Jeder junge Künstler kennt diese Herausforderung. Plötzlich steht er mit anderen Künstlern in Konkurrenz, ohne zu wissen, welche Seiten bei ihm stark sind, welche schwach, wo er im Vorteil ist und wo Niederlagen vorprogrammiert sind. Er beginnt zu begreifen, daß er keine Romane schreiben kann, weil die zu langweilig sind, oder daß seine Gedichte keine Beachtung finden, weil der Kanon nicht mehr funktioniert, bis er schließlich irgend etwas macht, was ankommt. Junge Künstler treten immer etwas aggressiver auf, weil sie erst noch Terrain erobern und sich behaupten müssen. Allmählich gewöhnt er sich an dieses Konkurrenzverhältnis, doch zuerst muß er sich erproben. Diese Probezeit ist anstrengend. Sie ist anstrengend für den Künstler. Sie ist anstrengend für das Umfeld, in dem er auftritt. Auch Rußland ist anstrengend. Rußland ist anstrengend für sich selbst und anstrengend für die Welt. Dieses unbequeme Verhalten ist die Folge davon, daß man seine Stärken und Schwächen, Grenzen und Möglichkeiten noch nicht kalkulieren konnte, weil es keine Gelegenheit gab, genug Erfahrungen zu sammeln.

Es gibt ein zweites Moment, das Rußland von den westlichen Ländern unterscheidet. Der Westen und andere Länder unter westlichem Einfluß glauben an das Kapital und daran, daß der Kapitalismus ewig ist. Fredric Jameson sagt, man könne sich leichter den Weltuntergang vorstellen als den Untergang des Kapitalismus. Der westliche Mensch kann sich nicht vorstellen, daß man den Kapitalismus, das private Eigentum, die Banken, den Kapitalfluß, den Austausch der Waren abschaffen kann, weil der Westen keine vergleichbare Erfahrung gemacht hat. In Rußland gibt es diese Erfahrung. In der Sowjetunion gab es Jahrzehnte des Lebens ohne Kapitalismus. Ich sage nicht, daß das ein gutes Leben oder ein schlechtes Leben war. Da kann man unterschiedlicher Meinung sein; aber die Möglichkeit, daß der Kapitalismus untergeht und die Welt dabei nicht mit untergeht, hat man tatsächlich erlebt. Weder in Rußland noch in China ist der westliche Glaube an die Unvergänglichkeit des Kapitals und des Kapitalismus vorhanden. Man geht intuitiv davon aus, daß die kapitalistische Realität unter Umständen wieder verschwinden kann. Dieses Wissen um die Fragilität der kapitalistischen Realität schafft ein spezifisches Bewußtsein. Ein Bewußtsein, das nicht mit langen Perspektiven rechnet, insofern man das Gefühl hat, vielleicht gibt es das alles morgen nicht mehr. So denkt der Westler nicht.

(…)

Das Wort hat im Theater kaum noch Konjunktur. Der literarische Aspekt ist verpönt. Das Performative und die Performance-Kultur sind enorm im Aufwind.

Die Performance schaut man sich an, aber es hat so gut wie keine Konsequenzen. Das paßt zu einer Gesellschaft, die nicht mehr im Medium der Kunst agiert. Kunst agiert im Medium Bild oder Sprache. Im 20. Jahrhundert basierten Gesellschaft und Kunst, im Westen wie im kommunistischen Machtbereich, auf dem gleichen Medium. The medium is the message. Mit dem Medium Geld verändert sich die Message. Die Message, daß Kunst existiert, um gekauft zu werden, ist mit dem Kommunismus inkompatibel. Kunst kann den Markt nicht angreifen. Man kann mit Adorno postulieren, der Markt ist eine Ideologie, aber das sagt nichts mehr aus, wenn ausnahmslos alle auf dem Markt sind. Es gibt kein Außerhalb des Marktes mehr. Jedes Werk ist zu einer Ware geworden. Man kann die Gesellschaft nur attackieren, wenn es zwischen der Gesellschaft und ihrer Kunst eine gemeinsame Bezugsebene gibt. Brodsky konnte den Kommunismus nur angreifen, weil auch Breschnew auf seine spezifische Weise letztlich ein Autor war. Ein Repräsentant der kommunistischen Lehre, ein Lehrer des Marxismus-Leninismus. Das war der Grund, warum Breschnew dem Kreml vorsaß. Er war weder Unternehmer noch ein richtiger Politiker oder ein Militär. Er saß im Kreml, weil er den Marxismus-Leninismus in dieser Zeit als reine Lehre repräsentierte, genau wie der Papst, der im Vatikan sitzt und in unserer Gegenwart Gott repräsentiert. Das ist absolut das gleiche. In einer solchen Konstellation kann man sagen „Nein, er repräsentiert diese Lehre nicht!“ oder „Diese Lehre ist generell Unsinn!“ oder „Ich bin gegen die Regierung!“ usw. Das macht dann Sinn. Wenn man hingegen fragt: „Warum sitzt jemand in der Villa da?“ oder „Warum hat der so viele Millionen?“ usw. macht das keinen Sinn. Ein solcher Diskurs findet nicht statt.

Oft wird dieser kulturelle Bruch medial begründet: Wir haben mit der digitalen Revolution die Gutenberg-Galaxis verlassen, die eine Galaxis des Wortes war.

Was ist der Unterschied zwischen dem Wort und dem digitalen Code? Jedes Wort kann man digitalisieren. Auch jedes Bild kann man digitalisieren. Das Telefon übermittelt nur Worte, das Internet – Worte und Bilder. Genau darum geht es: um Worte und Bilder. Etwas anderes wird nicht transportiert. Nur sind in dieser Zivilisation Worte und Bilder irrelevant geworden, bzw. sie sind nur noch relevant als Ware, die man kaufen kann, sonst haben sie keine Funktion mehr. Alles kann und muß in Geld umgerechnet werden, ob es auf dem digitalen Code beruht oder mit traditionellen Techniken hergestellt wurde. Das ist eine objektive und unabweisbare Tatsache. Geld ist im Westen das einzige Medium, das zählt. Die Werte des Westens – das sind die Waren, das ist das Geld, und in der Kunst zählt nur derjenige, der das, was er tut, verkauft. Diesen Werten des Westens paßt Rußland sich jetzt an.

Geschichtsphilosophisch bedeutet dies, daß 1989 der Sieg des Geldes über das Wort stattgefunden hat.

Ja, denn der Kommunismus gründete im Wort. Es war ein postchristlicher Versuch, eine Welt jenseits der Ware zu schaffen. Der Sieg des Geldes bedeutet zugleich das Ende der Kultur. Wir leben nach dem Ende der Kultur, denn die westliche Kultur stellte ein säkulares Nachspiel des Christentums dar. Solange der Kommunismus existierte, hatte dieser säkulare Ersatz auch politische Macht. Zu jener Zeit war es wichtig, Kommunist oder Antikommunist zu sein usw. Diese Positionen konnte man unendlich ausformen und differenzieren und sie ergaben einen unterschiedlichen Sinn. Mit dem Ende des Kommunismus ist die Kultur als solche weggebrochen. Ich glaube nicht, daß die Kultur irgendwann zurückkommen wird. Sie stellt eine Übergangsphase im Prozeß der Säkularisierung der europäischen Menschheit dar. Auch im außereuropäischen Bereich setzt der Begriff Kultur den hierarchischen Unterschied zwischen kultiviert und unkultiviert voraus. Bataille meinte, daß die Basis der Kultur jene Riten darstellen, die das Essen und die Defäkation bestimmen. Heute bleibt nur das Gebot der Sauberkeit übrig. Kein Verlangen, inklusive des erotischen Verlangens, soll mehr unterdrückt werden, wie es die traditionelle Kultur vorsah. Stattdessen wird alles konsumiert, wozu das Geld ausreicht.

Die Kultur ist weg, und wir haben eine völlig säkularisierte Menschheit, die nicht an das Ewige, nicht an Ideen glaubt, auch nicht mehr Unsterblichkeit anstrebt, sondern nur noch ein gutes Leben.

(…)

Geschichtliche Zusammenhänge haben keine handlungsrelevante oder zukunftsgestaltende Bedeutung mehr.

Es gibt nur noch Google. Es gibt keine Geschichte mehr. Geschichte ist ein Narrativ. Heute liest man keine Narrative mehr. Wer wissen will, was früher passiert ist, geht zu Google, aber Google ist kein Narrativ. Die Kultur ist zerstört und kommt nicht zurück. Das hat nicht nur Nachteile. Wenn ich früher an meinen Tod dachte, war ein unangenehmer Gedanke immer der, daß, wenn ich sterbe, in der Kultur noch viel geschehen wird. Heute fühle ich mich glücklich, denn die Kultur ist früher gestorben als ich. Also kann ich glücklich sterben in der Überzeugung, daß nach meinem Tod nichts mehr passieren wird, was mich hätte interessieren können.

(...)
 

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Im Heft auf Seite 35
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