LI 118, Herbst 2017
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Kosmisch werden

Unsterblichkeit und Technologie in der russischen Avantgarde

Nach der Oktoberrevolution glaubten viele russische Denker, Schriftsteller und Künstler, sie wären mit der historischen Möglichkeit konfrontiert, einen radikalen Neubeginn zu unternehmen und der Geschichte eine neue Richtung zu geben. Unter ihnen waren die Vertreter der Biokosmisten – Immortalisten –, eine kleine politische Gruppierung mit Wurzeln im russischen Anarchismus. In ihrem ersten Manifest (aus dem Jahr 1922) heißt es: „Wir fordern, daß das Recht auf Existenz (Unsterblichkeit, Auferstehung, Verjüngung) und die Freiheit, den Raum des Kosmos zu besiedeln, essentielles und reales Menschenrecht ist (und nicht die im Zuge der bürgerlichen Revolution von 1789 verkündeten vermeintlichen Rechte).“
Alexander Swjatogor, einer der führenden Theoretiker der Biokosmisten, machte die Unsterblichkeit gleichermaßen zum Ziel und zur Conditio sine qua non der kommunistischen Gesellschaft der Zukunft, da wahre soziale Solidarität nur unter Unsterblichen herrschen könne: Der Tod trennt die Menschen; Privateigentum kann nicht wirklich eliminiert werden, solange jeder Mensch ein eigenes privates Stück Zeit besitzt. In der Ewigkeit werden Konflikte zwischen Individuum und Gesellschaft deshalb eliminiert sein, weil die Zeit kollektiviert wird. Gleichzeitig ist Unsterblichkeit für jedes Individuum das höchste Ziel. Aus diesem Grund wird das Individuum der Gesellschaft immer treu bleiben, wenn diese Gesellschaft Unsterblichkeit zu ihrem Ziel macht. Und gleichzeitig wird die kommunistische Gesellschaft von Unsterblichen auch „interplanetär“ sein, eine kosmische Gesellschaft, das heißt, sie wird den gesamten Raum des Kosmos besetzen.

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Auf den ersten Blick scheint der russische Kosmismus ein seltsames, vielleicht sogar exotisches Phänomen zu sein. Aber tatsächlich gehört er zum Mainstream des Denkens der Moderne. Dieses Denken war in erster Linie eine Reaktion auf den technologischen Fortschritt, der das Leben der Menschen während der vorangegangenen Jahrhunderte bestimmt hatte. Die Fortschrittsideologie lehrte uns, daß, was immer wir produzieren, bald obsolet – und deshalb vergessen und zerstört – sein wird. Wir sind nur insofern in der Welt und relevant für die Welt, da wir leben. Das Denken der Moderne ist ein vitalistisches Denken. Zumindest seit Marx und Nietzsche hat dieses Denken nur ein Thema: das Leben. Das Leben verbindet uns mit der Welt, aber wir haben auch Bewußtsein, und dieses Bewußtsein trennt uns von der Welt, da es uns sagt, daß wir sterben werden. Das war es, was Nietzsche als Ursprung des modernen Nihilismus diagnostizierte. Dieser Gedanke ist natürlich nicht neu. Er ist bereits in Hegels Phänomenologie des Geistes zu finden. Schon dort ist zu lesen, daß der Mensch ein Nichts ist und nur zerstören kann. Allerdings versteht Hegel Zerstörung partiell und dialektisch: Die Tätigkeit der Zerstörung ist immer unvollständig, jede Revolution kann nur partiell sein, letzten Endes macht sie immer einen Schritt vor der kompletten Zerstörung halt: Also endet jede Revolution in einem Kompromiß mit der Vergangenheit. Das ist der Grund, warum Nietzsche fordert, daß der Mensch überwunden und zu einem Übermenschen werden muß. Der Übermensch hat keine Angst vor dem Tod und deshalb wird er die Revolution nicht stoppen. Er geht keine Kompromisse mit der Vergangenheit ein. Er lehnt die Vergangenheit in ihrer Totalität ab. Geschichte ist nicht länger die Hegelsche Prozession einzelner Epochen. Im Gegenteil, die Geschichte zerbricht in zwei Teile: Es gibt ein Vor der Revolution des Übermenschen und ein Nach der Revolution des Übermenschen.

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Die russischen Avantgardekünstler glaubten nicht an die Gesetze der Geschichte, an die historische Vernunft und historische Zwangsläufigkeit von Revolution und Kommunismus. Das revolutionäre Potential sahen sie nicht in der Entwicklung materieller Kräfte, sondern im Nichts, im Tod, der die Dynamik technologischer Prozesse stoppen und sogar umkehren kann. Deshalb organisiert Malewitsch 1913 die Ausstellung 0.10, die zehn Künstler präsentiert, die den Nullpunkt der Kunst durchlaufen hatten, den Tod der Kunst. Da ist die Kunst bereits immortal, weil postmortal. Doch welche Position hatten die russischen Kosmisten eigentlich in diesem Spannungsfeld zwischen dem Marxismus, der von der Menschheit verlangte, an den Fortschritt der Produktivkräfte zu glauben und sich seiner Logik zu unterwerfen, und der anarchistischen Avantgarde, die die Macht des Todes, der Negation, der Zerstörung und des Nichts mobilisieren wollte, um mit dieser Logik im Namen des postmortalen Neuanfangs des Übermenschen zu brechen? Die Mehrheit der russischen Kosmisten partizipierte an ebenjener anarchistischen politischen Bewegung, aus der die Mehrheit der russischen Avantgardekünstler stammte. Auch sie betrachteten das Verhältnis von Mensch und Tod als eigentliche Quelle der Revolutionsenergie. Aber ihre Einstellung zur Vergangenheit war eine andere.
Die künstlerische Avantgarde wollte den radikalen Bruch mit der Vergangenheit und sie wollte alle materiellen Spuren der Vergangenheit auslöschen (etwa die tradierte Kunst und Architektur, Museen, Bibliotheken etc.). Doch die Zerstörung des materiellen Erbes der Vergangenheit bedeutet nicht die Auslöschung der Spuren in den Seelen der Individuen und Kollektive. Das Subjekt, das die Vergangenheit ablehnt, ist immer noch das Produkt dieser Vergangenheit. Und das bedeutet, um den Menschen und seine Geschichte überwinden zu können, muß man nicht nur die Macht über die Zukunft, sondern auch über die Vergangenheit erlangen. Die Vergangenheit real abzulehnen bedeutet nicht, sie zu zerstören, sondern sie zu rekonstruieren.

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Mehr von:
Boris Groys
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 46
Aus dem Englischen von Dagmar Schlossberger
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