LI 113, Sommer 2016
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Der Zorn aus der Ferne

Empörung, Gewalt, Anerkennung, Vergebung

Zeiten tiefgreifender sozialer Veränderungen sind oft Zeiten des Unbehagens und der Frustration. In Krisenzeiten aber dominieren Erbitterung und Zorn. In kollektiven Zornesäußerungen brechen nicht nur Verweigerung oder rohe Emotionen hervor. Es handelt sich vielmehr um politische Botschaften. Wenn diese Botschaften beunruhigen, dann nicht nur aufgrund ihrer unmittelbaren Ursachen, die mit sozialen Spannungen oder Regierungsentscheidungen zusammenhängen, sondern in grundsätzlicherem Sinne deshalb, weil in ihnen eine akkumulierte Gewalt zum Ausdruck kommt, hinsichtlich derer selbst die Anführer der Protestgruppen das Gefühl haben, sie nicht wirklich kontrollieren zu können. Der Zorn scheint stets von weit her zu kommen. Aber von woher? 

(…)

Affektive Konfrontation

Wenn uns am Phänomen des Zorns etwas fasziniert, dann hat das mehrerlei Gründe. Der erste Grund hängt mit seiner Ambivalenz zusammen. Unabhängig davon, ob er ein individuelles oder ein kollektives emotionales Ereignis betrifft, kann der Zorn sowohl die legitime Reaktion auf eine Kränkung sein als auch der Ausdruck eines unerträglichen Strebens nach Dominanz. Es gibt den Zorn des Tyrannen, und es gibt den Volkszorn; es gibt den Zorn des Kriegers oder des Mörders, und es gibt den Zorn Gottes. Allgemeiner gesprochen scheint der Zorn von einer inneren Bewegung herzurühren, die sich uns entzieht: Er ist es, der uns packt und mitreißt. Insofern zeigt er an, daß es in uns einen wilden Untergrund gibt, der uns überrascht, der uns vielleicht schmeichelt, der uns aber auf alle Fälle beunruhigt. Seine Spontaneität und seine Authentizität verleihen ihm eine gewisse Nobilität. Man mag noch so sehr anprangern, was an ihm von Kontrollverlust und mangelnder Besonnenheit zeugt, das verhindert nicht, daß der Zorn uns auf obskure Weise suggeriert, daß sogar sein Übermaß gute Gründe habe. Denn selbst wenn ihm die Drohung einer gewissen Destruktivität innewohnt, so gibt er uns gleichwohl das Gefühl, eine Energie zu sein, die mit dem Leben in Verbindung steht, ja mehr noch: mit dem Verlangen nach Leben, der Verweigerung von Unterwerfung; etwas Ursprüngliches, Mächtiges zu sein, wie eine unbekannte, noch eingedämmte Kraft; etwas, das einen Wink gibt in Richtung von Freiheit, vielleicht sogar Gerechtigkeit.

Wie bereits oft festgestellt wurde, steht der Zorn der Empörung nahe. Die Empörung zeigt eine Art unmittelbarer ethischer Reaktion an; sie impliziert das Gefühl eines Werts, den es zu verteidigen gilt. Sie ist zwar ebenfalls eine Emotion, gewiß, aber eine Emotion, die untrennbar verbunden ist mit der – zumeist impliziten – Urteilskraft in bezug auf das, was toleriert werden kann oder nicht, was an Tolerierung möglich und legitim ist oder nicht. Die Empörung ist jene affektive Reaktion, bei der man eine Situation, eine Entscheidung oder ein Vorhaben im Namen von Ansprüchen ablehnt, die man für mißachtet hält. Die Empörung stützt sich auf ein normatives Gerüst. Der Zorn hingegen erscheint zunächst als rein emotionale Reaktion, als unkontrollierter Ausbruch negativer Affekte („die traurigen Leidenschaften“, würde Spinoza sagen).

Diese Entgegensetzung ist jedoch zu strikt. Empörung und Zorn fallen nicht unter dieselbe Kategorie, gewiß. Aber inwiefern? Die Empörung ist auf etwas gerichtet; der Zorn betrifft jemanden.

Der Zorn bringt zunächst ein Verhältnis zwischen mir und dem anderen ins Spiel. Damit ist jedoch noch nicht allzu viel gesagt. Denn der Zorn integriert die Dimension der Empörung. Selbst wenn man zunächst auf jemanden (oder eine Gruppe) zornig ist, so ist man es gleichwohl immer in bezug auf etwas. Die intersubjektive Konfrontation bleibt jedoch die Hauptachse. Der Zorn zielt auf einen Gegner, der zu einem Feind werden kann. Wenn er, wie die Empörung, auch ein implizites Urteil beinhaltet, dann jedoch mit folgendem Unterschied: Dieses Urteil ist ein Dekret. Der Zorn ist kein einfacher Protest. Er ist bereits eine Verurteilung; eine entschiedene Ablehnung. Daher kann er auch etwas Blindwütiges an sich haben, ein Wüten, das zu vernünftiger Überlegung nicht imstande ist, eine zerstörerische Gewalt, die über eine Empörung hinausgeht. Die Frage lautet nun: Woher kommt diese Gewalt?

(…)

Der Zorn ist zuallererst eine Antwort auf etwas, das als Angriff empfunden wird, oder als Verweigerung der Anerkennung, oder als Weigerung des anderen, zu tun, was er tun sollte (wobei der oder die sich Weigernde durchaus im Recht sein kann). Es gibt also sowohl ein Motiv für den Zorn als auch einen Ansprechpartner, gegen den er sich richtet: Es handelt sich immer um eine Zuschreibung von Verantwortlichkeit. Dieser Aspekt einer Konfrontation zwischen Handelnden, eines Angriffs und einer Replik, verbindet den Zorn mit der Rache beziehungsweise Vergeltung.

Die Vergeltung zielt darauf ab, ein gestörtes Gleichgewicht wiederherzustellen, den Wert eines verlorenen Lebens zu restituieren oder eine gekränkte Ehre zu rehabilitieren, doch will sie dies tun, indem sie auf den Urheber der Kränkung zielt. Der Zorn des Gekränkten auf den Kränkenden ist der erste Ausdruck dieses Verlangens nach Wiedergutmachung. 

(…)

Wenn von der Souveränität gesagt wird, daß sie vom Volke ausgehe, dann bedeutet das auch, daß ein Zorn von unten auf legitime Weise eine Replik auf einen Zorn von oben sein kann. Diese beachtliche Kippbewegung hat das Zeitalter der Revolutionen definiert. Es gab den Zorn der Massen; ihre Erhebung wurde von Anführern aufgegriffen, die in die alte Figur des „sterblichen Gottes“ schlüpften. Das Desaster entsprach dann genau diesem Schwindel und dieser Regression. Heute stehen wir vielleicht am Beginn einer anderen Zeit: des Zeitalters der Welt als Archipel, des zerstreuten Zorns, aber auch der Gnade. Gesucht wird eine andere Art und Weise, Konflikte lokal anzugehen und identitären Haß zu überwinden; eine andere Art und Weise, Wohlwollen entstehen zu lassen und zu gewähren. Eine andere Pluralität beginnt. Und wahrscheinlich auch eine andere Universalität.

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Mehr von:
Marcel Hénaff
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 11
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

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