LI 096, Frühjahr 2012
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Menschen und Schulden

Flucht in die Zukunft, Realitätsvergessenheit und Zivilisationskrise

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Die Krise als globales Ereignis

Die Krise von 1929 hatte zwar die gesamte westliche Welt ergriffen, oft jedoch mit einer zeitlichen Verzögerung von Monaten oder gar Jahren. Was sich seit den 1980er Jahren geändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der sie sich ausbreiteten. Die Krise von 2008 hat quasi simultan die gesamte Welt erfaßt. Das hängt mit mindestens zwei Faktoren zusammen. Der erste ist technischer Natur: Quasi alle Finanzinstitutionen sind über den gesamten Planeten hinweg in einem Netzwerk verbunden. Der zweite Faktor betrifft das Wesen der Finanzprodukte, die in diesen Netzen zirkulieren: Die mit einem hohen Risiko behafteten Produkte zirkulieren besser und schneller als andere, weil sie sich den bestehenden Regulierungen entziehen und größere Profite erhoffen lassen. Die Toxizität der Produkte verhält sich proportional zu ihrer Ansteckungskraft. Die Gesamtheit der Finanznetze der globalisierten Welt ist gewissermaßen zur neuen Form unseres kollektiven Schicksals geworden.

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Die Gefahr, so sagt man, hat einen Namen: Verschuldung. Es kommt jedoch darauf an, welche Schulden genau gemeint sind. Denn finanzielle Verschuldung ist in der Geschichte der Menschheit keine neue Erscheinung; sie gehört sogar zu den ältesten – oder besser gesagt: Sie ist eine völlig normale Erscheinung. Verleihen und Entleihen stellen jahrtausendealte Praktiken dar, die vollkommen gesund und notwendig sein können. Finanzielle Verschuldung kann ein hervorragendes, und legitimes, Instrument der Entwicklung von Reichtum sein, der allen zugutekommt. Neu hingegen ist, daß die Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen nicht nur immer kolossalere Ausmaße annimmt, sondern auch perverser Natur ist. Sie begünstigt nämlich die gefährliche, aber banal gewordene Verwechslung von schöpferischen Schulden, die Investition genannt werden, mit rein spekulativen Schulden, die auf den Profit an sich abzielen.

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Es geht um eine bestimmte Art und Weise, die Zukunft vorzustellen und zu kontrollieren, ein Bestreben, das der Macht der Menschen stets entzogen zu sein schien. Im Grunde möchte ich zeigen, daß diese Manipulation der Zeit durch bestimmte deregulierte Finanzpraktiken de facto – ohne dies explizit zu erkennen zu geben – die Formierung einer nihilistischen Weltsicht bedeutet: Denn sie verfügt über keinerlei Vision von der Vollendung oder Größe unserer Gattung, sondern entwickelt sich als eine Art Geiselnahme unserer Freiheit und unserer Fähigkeit zur Hoffnung. Bislang haben nur Heilsreligionen (Stichwort: Reue, Eschatologie, Jüngstes Gericht) oder philosophische Utopien (Stichwort: Ende der Geschichte, Soziale Revolution, Ewiger Frieden) den Versuch unternommen, eine Zukunft für unsere Gattung vorzustellen und zu definieren. Jene Zukunft hingegen, die das neue, globalisierte Finanzwesen für uns formatiert – ohne es jedoch zu formulieren –, ist erstaunlich sinnentleert. Diese Zukunft erschöpft sich in der Akkumulation eines Profits, dessen Ziel und Zweck nie formuliert wird, vermutlich deshalb nicht, weil es für die Herren dieser Finanzwelt eine solche Ziel- und Zweckhaftigkeit nicht gibt. Diese zynischen Herren möchte ich die Dandys der Apokalypse nennen. Es ist etwas zerbrochen in unserem Verhältnis zur Welt und zur Zeit. Daher müssen wir uns die Frage stellen: Wohin gehen wir? 

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Mittels dieser verschiedenen Finanztechniken, insbesondere mit Hilfe der Credit Default Swaps (CDS), scheint es in einer Art juristisch-finanziellem Taschenspielertrick möglich zu sein, daß Kapital unbegrenzt Kredit generiert. Es hat den Anschein, als habe man auf diese Weise das Perpetuum mobile erfunden. Wir wissen jedoch nur allzu gut, daß dieses alte Phantasma pure Illusion ist. Daß es keine Bewegung ohne Bewegendes gibt, und kein Bewegendes ohne Einsatz von Energie. Energie verursacht Kosten, da sie nur existiert, indem sie ihren Brennstoff irreversibel vernichtet. Sie setzt stets eine Bilanz und einen Saldo voraus. Das Gegenteil zu glauben, hieße an Magie zu glauben. Das käme einer Realitätsverweigerung gleich. An einem bestimmten Moment angekommen, heißt es zu zahlen, heißt es, den Saldo zu begleichen. Etwas hat stattgefunden und wird nicht wiederkehren. Dies nicht zu sehen, heißt zunächst einmal, es nicht sehen zu wollen, damit zu rechnen, daß der Moment der Begleichung permanent in die Zukunft verschoben wird. 

In einer glatten, geschichts- und ereignislosen Welt ohne Zufälle oder Unfälle könnte das in der Tat funktionieren. Wir haben es hier mit einer Logik der Flucht nach vorne zu tun. Mit einem Gleiten. Diese Maschine zur Realitätsvergessenheit ist in erster Linie eine Maschine, die dazu da ist, sich so schnell und so konstant wie möglich in eine Zukunft zu projizieren, die vollständig der Verschuldung unterworfen werden muß. So als ob die Verschuldung nur dadurch beherrscht werden könnte, daß sie zur gesamten Realität wird. Sie steht nicht mehr vor uns oder uns bevor: Wir sind und leben in ihr. Sie ist nun nicht mehr das, was uns erwartet; sie ist die Zeit selbst. Das Problem ist nicht der klassische Kredit, der auf einem vernünftigen Risiko beruht, sondern die mangelnde Unterscheidung zwischen der kreativen Schuld der produktiven Investition und der spekulativen Schuld, die die zukünftige Zeit zur Geisel nimmt. Letzteres ist nicht deshalb ein verantwortungsloses Verhalten, weil die kommenden Generationen die Rechnung begleichen müssen – wie immer wieder gesagt wird –, sondern vielmehr deshalb, weil dieser Mechanismus voraussetzt, daß die Begleichung (clearance) auch von denen, die nach uns kommen, immer wieder hinausgeschoben wird. Ein instabiler, unabgeschlossener Horizont.

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Wohin gehen wir?

Die Finanzspekulation importiert die Zukunft in die Gegenwart und beutet sie in der Gegenwart aus. Ihr Ziel ist es, uns heute etwas genießen zu lassen, was wir nie bezahlen werden. Eben deshalb müssen die Schulden unentwegt übertragen, das heißt aufgeschoben werden. Wir treten in eine Zeit der insolventen Menschheit ein. Dieses neue Finanzwesen hat die Ewigkeit in der Endlichkeit der Zeit erfunden. Dabei handelt es sich nicht mehr um die religiöse Ewigkeit als Jenseits oder Gegenteil der Zeit – etwas, das man empfängt. Auch nicht um die ästhetische Ewigkeit als Aufhebung der Zeit oder ihre Ekstase – etwas, das einen spontan überrascht und überwältigt. Nunmehr geht es um Ewigkeit als etwas Herstellbares, als unendlicher Aufschub des Begleichens der Rechnung, als Annullierung ebenjener Verfahren, die, zu festgelegten Terminen, die Zeit abschließen sollten.

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Wohin gehen wir nun? Ich fürchte, daß wir auf diese Frage keine Antwort haben. Wir sollten uns jedoch freuen, daß wir uns in unserer Endlichkeit zumindest eine solche Frage stellen können. Und auch darüber, daß es für uns überhaupt Fragen gibt. Wir wissen nicht, für wie viele Jahrhunderte oder Jahrtausende unsere Menschheit noch dem Schicksal widerstehen kann, sich als antiquiert und obsolet zu erweisen, was früher oder später bekanntlich allen Arten beschieden ist. Der Dichter Paul Valéry schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts: „Wir Zivilisationen, wir wissen jetzt, daß wir sterblich sind.“ 

Das müssen wir mittlerweile auch von unseren Gesellschaften sagen. In der Zwischenzeit bleibt uns nur, wieder neu zu lernen, wie wir in unserem Techno-Kosmos zusammenleben können, so wie dies auch die ältesten Gesellschaften in ihrer damals noch neuen Welt auf so bemerkenswerte Weise versucht haben. Wir können dies tun, indem wir – wie sie – einen Pakt der Gegenseitigkeit zwischen den Menschen und allem nichtmenschlichen Sein einhalten, um unser gemeinsames Haus, die Erde, bewohnbar zu halten und uns in der Zeit so voranzutasten, wie die ersten Wesen der Art homo sapiens sich im Raum vorantasteten, als sie ihre Wiege in Afrika wagemutig auf Nimmerwiedersehen verließen.

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Mehr von:
Marcel Hénaff
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

Genre

Hauptthema
  • Weltwirtschaftskrise

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