LI 111, Winter 2015
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Elend, Gold und Würde

Brasília, Manaus, Recife, São Paulo – ein Außenseiter auf der Pirsch

Trocken Blumen im Cerrado

wie herauskommen: die Stadt hat weder Eingang
noch Ausgang

sie ist ein Labyrinth

Nicolas Behr, brasiliana

Es gibt verschwiegene Menschen und Menschen von wenigen Worten, aber in Brasilia geben sogar die Wände verdächtige Laute von sich. Wirkliche Stille, gibt es nur in der Ferne, im ursprünglichen Cerrado.

An der Wand des Hotelzimmers beobachte ich ein Origami mit geometrischen Falten; vom Fenster aus sehe ich kahle Bäume mit verkrüppelten Ästen, braunen Rasen, einen von der Septemberdürre ausgeglühten Horizont. Im Zentrum der verbrannten Landschaft der Platz der drei Gewalten … Man sagt, daß die neue Bibliothek von Brasilia ohne Bücher eingeweiht wurde. Ob das eine Metapher für den Kopf vieler Politiker ist? Oder für die Zeit, in der wir leben?

Die Putzfrau meines Hotels kommt aus Minas; der Rezeptionist ist ein junger Mann aus Pernambuco, und einer der Gehilfen des Küchenchefs kommt aus Bahia. Ganz Brasilien ist hier versammelt, aber dieses echte Brasilien scheint in den konkaven und konvexen Gebäuden des Nationalkongresses abwesend.

Jedesmal, wenn ich den Aufzug nehme, höre ich Vogelstimmen. Sie singen, aber man sieht sie nicht: Wo sind sie? Auf den Bildern des Pantanal und Amazoniens, die an den Wänden des Panoramaaufzugs kleben, gibt es keine Vögel. Aber wenn ich in diesem Gehäuse aus Glas und Stahl die 17 Stockwerke auf- und abfahre, bin ich gezwungen, mir metallisches Gezwitscher anzuhören. Dabei fällt mir die Erzählung Paolo Uccello von Marcel Schwob ein. Dieser geniale florentinische Künstler des Quattrocento war von Vögeln besessen, auch von Geometrie und Perspektive. Uccello wollte der Welt (und dem Raum) auf den Grund gehen. Er bemalte die Wände seines Ateliers mit Vögeln, daher der Spitzname „Uccello“ und der Titel der Erzählung.

Aber das Leben ist nicht nur Phantasie, jedenfalls nicht immer, vor allem wenn der Aufzug im Erdgeschoß hält, der Chronist sich an einen der Frühstückstische setzt und Fetzen indiskreter Unterhaltungen mitbekommt:

„Ich komme nächste Woche wieder, wegen der Ausschreibungsergebnisse …“

„Ich hab das mit dem Senator geklärt, jetzt fehlt nur noch …“

„Ich habe einen Verhandlungstermin, dadurch wird es leichter sein …“

Die Putzfrau aus Minas verdient weniger als das Doppelte des Mindestlohns und wohnt in Samambaia, einer der Favelas des Distrito Federal. Als ich noch in Brasilia wohnte, sagte niemand „Favela“, es hieß „Satellitenstadt“. Dieser Euphemismus existiert noch, aber selbst Euphemismen verblassen mit der Zeit. Der Plano Piloto wurde im Zeichen des brasilianischen Elends errichtet: Aus allen Himmelsrichtungen strömten mittellose Arbeiter, Handwerker und Arbeitslose herbei, die sich in der Peripherie der Denkmals-Stadt niederließen.

Was wäre aus Brasilien und Brasilia geworden, wenn es nicht den Militärputsch und diese lange, infame Nacht gegeben hätte?

Der Gehilfe des Küchenchefs verdient mehr als die Frau aus Minas und wohnt in Sobradinho.

„Wenn ich nicht im Hotel essen könnte, müßte ich hungern. Meine beiden Söhne sind Kinder der Hauptstadt.“

Als Zwillinge der Ära Collor kamen sie während eines politischen Albtraums zur Welt.

Sobradinho … Ich habe die Satellitenstädte nie vergessen, weil wir dorthin fuhren, um die Mauern mit Parolen gegen die Zensur und die Brutalität des Militärregimes zu bemalen. Was ist wohl aus meinen damaligen Freunden geworden? Zé Wilson, die Birne, hat sich noch in jungen Jahren auf die andere Seite des Spiegels begeben, hat sich nicht einmal von mir verabschiedet. Ich erinnere mich noch an die Begeisterung, mit der er die Klassiker kommentierte; er las alles und schaute uns durch die dicken Brillengläser seines Kindergesichts an. Auch Chico dos Anjos, Sohn des Schriftstellers Cyro dos Anjos, hat uns vor der Zeit verlassen. Ich habe ihm noch gesagt: O amanuense Belmiro ist ein schöner Roman. Und wie gut die Mineiros4 schreiben können, da wird man ja neidisch“.

Ich bemerkte, wie in den Augen meines Freundes Stolz aufblitzte. Dann lachte er laut. Chico lachte, wenn alle anderen ernst blieben. Es war keine Zeit zum Lachen, aber er hatte Humor, war unter einem guten Stern geboren.

1968 gab es in Brasilia nichts wirklich Aseptisches, es war noch in der Entwicklung, eine kleine Hauptstadt. Und überwacht. Einige der Machtinhaber trugen Anzug und Krawatte, viele stellten stolz Uniform und Orden zur Schau, wirkten furchterregend mit ihren Waffen, hatten aber auch Angst, denn Brasilia war von Angst, Gewalttätigkeit und Lehm geprägt. Roter Staub lag auf den modernen Wohnblocks, verschmutzte die Fassaden der Ministerien und die krummen Greifer der noch im Bau befindlichen Kathedrale. Der lehmige Staub verschmutzte den Palácio do Planal­to;5 der andere Palast, der Palácio da Alvorada,6 färbte sich ebenfalls rot. „Verdammter, subversiver Lehm“ hieß es. Sogar der natürliche Lehm des Cerrado war kommunistisch.

Der Hotelsektor war klein. Ich erinnere mich noch an die beiden Nächte, die ich im Hotel das Nações verbrachte, angstvolle, bedrückende Nächte voller Heimweh nach dem Norden. Danach bezog ich ein Zimmer in einem Haus an der Avenida W3-Sul: billige Miete in einer nicht angemeldeten Pension. Eine Familie von Schwarzen: Der Vater war Polier aus Bahia, ein candango,7 und hatte am Bau des 1962 eröffneten Hotel das Nações mitgearbeitet. Diese Häuser von W3-Sul hatten einen Hinterhof, der vielleicht einmal ein – mittlerweile verunzierter – Garten war. Zwei Kinder spielten um einen Pitangabaum Blindekuh. Eines Tages boten sie mir eine Handvoll Früchte an, und ich begann, Brasilien zu mögen. Bald wurden die Hinterhöfe mit Erweiterungen zugebaut, in denen man kleine, enge Zimmer einrichtete, Keimzellen einer Favela. Die Familien wurden größer, das Einkommen sank, die Eigentümer vermieteten den Ausbau.

Nicht einmal das so extrem rational und menschenfeindlich geplante Brasilia entging dem architektonischen Chaos. Das Elend und seine Favelas umgeben die drei Gewalten der Republik, die Angst und Gewalt der Vergangenheit sind in anderem Gewand zurückgekehrt. Chico dos Anjos, Birne, ihr habt das nicht mehr erlebt. João Luiz Lafetá, ein scharfsinniger Kritiker, der in den 60er Jahren in Brasilia lebte, ist auch gestorben, ohne zu sehen, wie unserem Land die zähe, so brasilianische Hoffnung genommen wurde. Auch ein anderer Freund, João Alexandre Barbosa, ein unglaublich gebildeter Literaturkritiker, hat uns verlassen. Er und Hunderte anderer Professoren der Universität von Brasilia wurden in den 60er Jahren ihrer Ämter enthoben. Aber die Universität hat widerstanden, hat überlebt.

An euch muß ich denken, während ich das metallische Gezwitscher der nicht vorhandenen Vögel höre. 17 Stockwerke in dreißig Sekunden. Lieber etwas herumflanieren, Brasilia bei Tagesanbruch im Dunkel der Morgendämmerung erleben. Ich trete aus dem Stahl- und Glaskäfig und sehe in der Rezeption zwei blondgefärbte Frauen im Gespräch mit Lobbyisten. Sie sitzen in Ledersesseln und trinken Whisky, verlangen pro Nacht vielleicht das, was die Frau aus Minas im Monat verdient, und ihre Klienten von der Lobby verdienen mehr als all die Nutten und anderen Frauen in zehn Jahren harter Arbeit.

Das Origami an der Wand sagt mir nichts, ist die Dekoration eines Hotelzimmers, wie man sie auch auf den Philippinen, in Holland oder Südafrika finden könnte. Ich mache aufs Geratewohl einen Ausflug in den Cerrado, will zu einem Ort der Vergangenheit, zum Poço Azul,8 wohin ich damals vor meiner Angst und vor den Menschen flüchtete. Eine Reise in die Zeit: das Sichtbare und Unsichtbare im Dunkel der Erinnerung. Hier gibt es echte Vögel: Bischofs- und Azurkopftangare sowie Blaukopfpitpits sitzen im Schatten der Jatobas und picken an den fleischigen Früchten der Pequibäume. Nackte Körper, die auf dem Felsgestein des Poço Azul liegen, und der feuchte Wald, der sich über einen Bach beugt. Hier sehe ich keine Zwergenbäume mit verkrüppelten Ästen, auch keine verbogenen Arme tragischer pflanzlicher Wesen. Hier werden weder Körper noch Seele von der Vergangenheit gequält, ich kann trockene Blumen des Cerrado pflücken und diese Liebeserklärung an eine Stadt schreiben, die mich nicht losläßt.

(…)

Lebwohl den Gärten und dem städtischen Gedächtnis

In Recife und Manaus – den beiden Metropolen des Nordens und Nordostens – werden die Gärten peu à peu durch Zementböden oder Steinplatten ersetzt. In Boa Viagem, einem Stadtviertel von Recife, wirft eine Hochhausfront einen langgezogenen Schatten auf den Strand, so daß sich die Badenden mit schmalen Sonnenstreifen begnügen müssen. Im Land der Tropen werden Licht und Schatten vertauscht.

Am schlimmsten ist es in Manaus, wo das Auslöschen des städtischen Gedächtnisses unumstößlich erscheint. In den 70er Jahren ließ ein zum Bürgermeister ernannter Oberst jahrhundertealte Mangobäume fällen, die den Straßen und Bürgersteigen Schatten spendeten. Doch damit nicht genug ließ dieser Bürgermeister, der wie der Baron Haussmann von einer Abrißmanie besessen schien, Plätze zerstören, um Alleen anzulegen.

Das Ironischste ist traurigerweise, daß die überwältigende Mehrheit der Bürgermeister und Ratsherren der demokratischen Ära sich über die Balance zwischen Natur und Stadt genausowenig Gedanken macht. Heute ist es in Manaus zu bestimmten Tageszeiten fast unmöglich, einen Fuß auf die Straße zu setzen. Es gibt keine Bäume mehr, die Bürgersteige sind schmal und voller Schlaglöcher. Sogar die Tage der häßlichen Oitizeirobäume, die Mário de Andrade so verabscheute, sind gezählt.

Als der Autor von Macunaíma 1927 durch Belém reiste, übernachtete er im Grande Hotel, auf dessen Terrasse er voller Begeisterung ein Bacurieis schlürfte. Dieses imposante neoklassische Gebäude der Hauptstadt von Pará – ein architektonisches Juwel – wurde während der Militärdiktatur abgerissen. Ein Gebäude von einer Häßlichkeit, die in den Augen schmerzt, ersetzte das Grande Hotel im Herzen der schönen Stadt Belém, die in Gedichten von Manuel Bandeira und Max Martins besungen wurde.

Fast die ganze historische Architektur unserer Städte hat man zerschlagen. Das heruntergekommene und verwaiste Zentrum von São Luís ist dem Verfall geweiht. In Santos hat man eine Reihe herrschaftlicher Häuser und Gebäude, die während des Kaffeebooms errichtet wurden, abgerissen. Und die bezaubernde Landschaft, die sich hinter Rio erhebt, wird immer mehr von Wolkenkratzern verdeckt. In São Paulo steht kaum noch etwas stadtgeschichtlich Relevantes, und in einer Reihe seiner mittelständischen Viertel haben zahllose Hochhäuser und Bürgersteige keinen einzigen Baum.

Die Mißachtung der Natur und der Geschichte unserer Städte hat sich in den 60er Jahren, als der Rhythmus von Industrialisierung und Stadtverdichtung immer schneller und chaotischer wurde, verschärft. Diesem Wildwuchs sind fast alle historischen Gebäude der brasilianischen Städte zum Opfer gefallen. Ich glaube, daß sich unser Verhältnis zur Natur und zur Geschichte unserer Städte für immer verändert hat. Paradoxerweise tragen zahllose Armenviertel und Favelas das Wort „Garten“ oder ähnliches im Namen, als ob ein Wort über die Häßlichkeit des Stadtbilds und die miserable Architektur der Mietwohnblocks hinwegtäuschen könnte.

Wenige Baudenkmäler und historische Areale haben der Gefräßigkeit der Erbauer vertikaler Klötze mit ihren getönten Glasfassaden widerstanden: eine traurige Architektur, so häßlich, daß man lieber zum Himmel blickt oder die Augen schließt und von Buenos Aires träumt.

Vielleicht empfinden einige Politiker und Inhaber von Baufirmen Haß auf unsere Vergangenheit; oder sie empfinden gar nichts, und diese Barbarei ist ein Gemisch aus Profitgier, Ignoranz und Skrupellosigkeit.

Neulich erzählte mir eine Freundin, daß sie von der Zukunft unserer Städte und Wälder geträumt habe.

„Es war ein Albtraum“, sagte sie. „Es gab keine Städte und Wälder mehr, jedenfalls waren sie unsichtbar. Diese Zukunftsvision war ein Ungeheuer mit zwei Köpfen: Sonnenfinsternis und Wüste.“

(...)

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Mehr von:
Milton Hatoum
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 92
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Reinhard Kissler

Genre

Hauptthema
  • Neun Chroniken aus Brasilien

Schlagworte

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