LI 102, Herbst 2013
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Psychoanalyse in Teheran

Schmerz ist überall Schmerz - Geschichten von Liebe, Angst und Begehren

(...)

Ist Psychoanalyse in der Islamischen Republik Iran möglich?

Einen Artikel für eine wissenschaftliche Zeitschrift zu schreiben ist so, als käme ein Patient in eine Sitzung und verkündete, er habe darüber nachgedacht, was er sagen wolle, wie er es sagen wolle und in welcher Reihenfolge er die Dinge sagen wolle, die dem Analytiker mitzuteilen sind. Es ist, als hege er noch immer die Illusion, daß sich aus dem Gebrauch des unvollkommenen Instruments der Sprache so etwas wie die Möglichkeit einer exakten Kommunikation ergäbe. Ihm ist nicht klar, daß alles, wozu wir in der Lage sind, Fehlkommunikation ist. Es ist, als versuche er durch die Abwehr einer illusionären Präzision mit der Angst zurechtzukommen, sich auf der psychoanalytischen Couch zu befinden.

Wenn die analytische Umgebung gut genug ist, findet der Analysand allmählich den Mut, seine symbolischen Stücke Papier und spezifischen Kategorien fallenzulassen, und seine Wißbegierde gewinnt öfter Oberhand über die Bequemlichkeit, sich von Dingen fernzuhalten, die sein Unbewußtes bereits weiß.

Gewiß, es bleibt stets die Frage, wie frei die eigenen freien Assoziationen tatsächlich sind. Damit möchte ich mich auf den nachfolgenden Seiten befassen, die das freie Assoziieren in Teheran erproben. Diese Seiten sind nichts als meine Phantasien und allein meine Phantasien (nicht, daß irgend jemand etwas anderes zu bieten hätte), in denen ich mich noch einmal freudig der Herausforderung stelle, mich Auge in Auge meinem eigenen Unbewußten gegenüber zu finden.

In einem gewissen Sinne habe ich das nur für mich selbst aufgezeichnet.

Ich habe in den letzten fünf Jahren Psychoanalyse in Teheran praktiziert. Währenddessen habe ich einige Aufsätze über meine Erfahrung als Psychoanalytikerin in Iran geschrieben und sie als Beiträge auf internationalen Tagungen vorgetragen. Ich bin von mehreren westlichen Radiosendern und Zeitschriften zu diesem Thema interviewt worden, und ich habe den Text geschrieben, den Sie gerade lesen. Auf so unterschiedlichen Schauplätzen von meiner psychoanalytischen Tätigkeit in Iran zu sprechen war eine interessante Erfahrung. Die Reaktion auf meine Erzählung von seiten des Publikums ist ziemlich merkwürdig gewesen. Ich würde sie mit Julia Kristevas Ausdruck als „faszinierte Ablehnung“ beschreiben.

Das Thema „Psychoanalyse in Teheran“ beschwört von Anfang an einige faszinierende Phantasien herauf; für gewöhnlich erwartet der Zuhörer ein paar saftige exotische Geschichten. Diese Faszination geht jedoch mit einer Ablehnung einher, die davon ausgeht, daß Psychoanalyse in Iran unmöglich ist. Ich glaube, ich habe die Leute meistens enttäuscht, wenn ich Fallstudien vorgestellt habe, die denen von Patienten aus Boston oder New York ähneln.

Diese Reaktion könnte man auch als eine Form von „Orientalismus“ bezeichnen, um Edward Saids Ausdruck zu verwenden. Der exotische (oder orientalische) Andere fasziniert den westlichen Menschen, doch sein Blick wertet diesen Anderen ab; es ist nicht dieselbe Art von Exotik wie jene, die allgemein den Franzosen zugeschrieben wird.

(...)

Von der Ankunft in Teheran

Sie ist nicht die erste Patientin, der ich in Teheran begegnet bin. Im letzten Sommer habe ich während meines Urlaubs in Iran mit ein paar Patienten gearbeitet, und es ist beileibe nicht das erste Mal, daß ich einen neuen Patienten erwarte. Deshalb kann ich nicht verstehen, woher die Qual, die Nervosität und der Mangel an Selbstvertrauen kommen. Hat das alles damit zu tun, daß sie auf Empfehlung eines Ich-Ideals von mir kommt? Was, wenn ich die Patientin nicht behalten kann? Was, wenn sie mich für zu jung hält? Was, wenn ich nicht die richtigen Worte in Farsi finde – was, wenn ich am Ende nicht die brillante Psychoanalytikerin bin, die geworden zu sein ich mein Ich-Ideal überzeugt habe?

Aber vielleicht hat es mit dem zu tun, was ich über Frau N. gehört habe. Ich habe von ihrer Brillanz gehört und von ihrer Direktheit. Mir ist auch erzählt worden, daß sie, als sie um eine Empfehlung bat, meinen Doktortitel in Psychoanalyse anzweifelte.

Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, daß ich mich in einer neuen Umgebung befinde und mich bis zu einem gewissen Grade von ein paar imaginären Meistersignifikanten befreit habe. Ich habe niemanden, vor dem ich mich verantworten muß. Ich kann genau so arbeiten, wie ich es möchte und wie ich es für richtig halte. Ich bin frei. (Zumindest schien es damals einfacher, die Illusion der Freiheit zu hegen. Vier Jahre später muß ich sagen, daß diese Illusion völlig zerstört worden ist.) Was also läuft falsch? Was läuft so absolut falsch? Brauchen wir Meistersignifikanten? Was werde ich mit dieser Freiheit tun, und warum ist sie so erschreckend?

Ich denke jetzt, ich war ängstlich und aufgeregt, denn wer war ich, wenn ich nicht die rebellische Analytikerin im Kampf um Subjektivität war? Jetzt war mir die Subjektivität, die ich gewollt hatte, in Gestalt eines Doktortitels und der Zulassung als Analytikerin gegeben, doch meine Titel bürdeten mir viel mehr auf als die üblicherweise mit solchen Titeln einhergehende Autorität.

Ich bin nach Teheran gezogen mit meinem Titel im Koffer meiner Ich-Ideale, und jetzt liegt vor mir ein offenes Feld, mit vielen Patienten und niemandem, vor dem ich mich verantworten muß. Ich brauche in Teheran keine politischen Spiele zu spielen, überhaupt nichts dergleichen. Ironischerweise ist mir dieses Privileg in einem Land gewährt worden, das in diesem historischen Moment eines der politisiertesten Länder der Welt ist. Ein Land, das von der Welt wegen seiner Verletzung der Menschenrechte, seines Mangels an Demokratie, seiner atomaren Ambitionen und seines Mangels an Meinungsfreiheit gebrandmarkt wird.

In Teheran, in einem der umstrittensten Länder der Welt, bin ich meinen Rechten als Psychoanalytikerin näher gekommen, als ich es irgendwo anders gekonnt hätte. Paradoxerweise habe ich meinen Platz gefunden und bin dabei von der üblichen Politik verschont geblieben, die frisch Graduierte im gesamten Rest der Welt über sich ergehen lassen müssen.

Und doch merke ich, wie beklommen ich bin …

Die Patientin tritt herein; sie ist groß, gut gekleidet, nicht schön, obwohl man nicht umhin kann, die Spuren zu bemerken, die von einer einst beeindruckenden Frau zeugen. Sofort merke ich, daß sie von einer gewissen Aura umgeben ist. Sie geht mit Anmut und Bestimmtheit: selbstsicher und doch verletzlich. Ich weise ihr den Weg zu meinem Behandlungsraum, und meine Beklommenheit verfliegt, sobald ich die Worte sage: „Was führt Sie her?“ Ah, die Zauberkraft dieser Worte, dieser vier Worte, die für mich so aufgeladen sind; sie versetzen mich sofort in die analytische Position, sie geben mir Selbstvertrauen. Sie tragen die vielen Stimmen und Geister vergangener Analytiker in sich; sie sind mein „Analyseorgan“, wie Julia Kristeva sagen würde. Doch genau in dem Moment, wo ich mich so selbstsicher fühle, werde ich noch einmal herabgesetzt und mit meiner eigenen Kastration konfrontiert, als ich merke, daß sie auf meinem Sessel sitzt und ich auf der Couch!

Wie ist das geschehen? Doch die Sprache läßt mich im Stich, und ich sage nichts.

Sie beginnt mir zu erzählen: „Wissen Sie, Doktor Homayounpour, als ich von einer jungen frischgebackenen Psychoanalytikerin hörte, die nach Teheran kommen würde, habe ich Ihre Nummer herausgefunden und bin sofort gekommen, denn ich brauche Hilfe, und ich brauche Sie, damit Sie mir helfen. Ich will heute aber nicht über mein dringliches Problem sprechen. Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen, doch ich habe gehört, das sei in der Analyse nicht koscher. Hören Sie, ich kenne Lacan und Freud sehr gut, ich bin vor Jahren von einem Jungianer analysiert worden. Ich bin eine berühmte Malerin. Ich habe lange Jahre in Paris gelebt und jede Minute dieser Zeit gehaßt. Ich finde die Franzosen grob. Schließlich bin ich vor sieben Jahren in eine Depression verfallen, und das hat mich innerlich zerbrochen.“ Sie beginnt zu weinen und wundert sich: „Wie kommt es, daß Sie mich so leicht zum Weinen bringen, kleines Mädchen?“

Nachdem sie mein Schweigen zu ihrer Frage bemerkt hat, antwortet sie auf ihre eigene Frage mit zwei Träumen. Sie erzählt mir, ihr immer wiederkehrender Traum sei, daß ihr gesagt wird, sie müsse aufgrund irgendeiner Art von Katastrophe all ihre Sachen zusammenpacken. Sie muß packen, vor allem ihre Kleider, um alle anderen auf einem großen Schiff zu treffen, das die Stadt verläßt; aber jedes Mal ist sie unfähig, sich vollständig anzuziehen. Die Angst übernimmt in jeder Episode des Traums die Führung und macht die Träumerin unfähig, das letzte Kleidungsstück zu finden, etwa ein Paar Schuhe, ihre Bluse, ihre Weste und so weiter, um das abfahrende Schiff noch erreichen zu können.

Während ich Frau N. zuhöre, bemerke ich ihre Hände, ihr Berufsorgan als Malerin. Ihre Finger sind alle entstellt, ihre Haut ist trocken und gereizt. Ihre beiden Arme sind seltsam verdreht, und mir wird sofort klar, daß dies ein schlimmer Fall von Arthritis ist.

Ich merke, wie ich von ihr abschweife, zu meinem eigenen seelischen Schauplatz hin. Ich frage mich, ob dies ein Schlüssel dafür ist, warum ich mich vorhin auf der Couch gefunden habe, als sie mir mein Analyseorgan abschnitt, indem sie sich selber auf meinen Sessel setzte.

Die Arthritis ist erbarmungslos mit ihr gewesen; langsam, aber sicher hat sie die Macht über ihre Berufsorgane ergriffen, und Frau N. ist nicht in der Lage, mir leichthin anzuvertrauen, was ihr so jählings und schonungslos fortgenommen worden ist. Das wäre offenbar in der seelischen Welt von Frau N. einfach nicht angemessen.

Sie fährt fort: „Der zweite Traum handelt von meiner Mutter. Wissen Sie, dieser Traum verstört mich oft, weil meine Mutter in Wirklichkeit die typische iranische Mutter war, die alles für ihre Kinder opfern würde. Doch in dem Traum bin ich ein kleines Mädchen, das versucht, nach ihr zu rufen, versucht, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich weine und rufe, und nichts hilft, denn sie ist sehr schön gekleidet, tanzt zu einer herrlichen Musik und ist mit einer großen Menge von Männern beschäftigt. Sie wendet mir nicht einmal einen Blick zu.“

Irgend etwas an diesem Traum läßt es mir kalt den Rücken hinunterlaufen; ich möchte verzweifelt mit irgend etwas zur Sprache kommen, das ich Frau N. sagen könnte, doch die Worte stehen mir nicht zur Verfügung. Ich verspüre Haß auf ihre Mutter und denke im stillen: „Dann war sie wohl letztlich nicht so selbstaufopfernd, wenn die Sprache Ihres Unbewußten Sie daran erinnert, daß Sie von ihr nicht gehört wurden. Und dennoch hat Ihr Bewußtsein es geschafft, daß Sie sie als eine Heilige in Erinnerung behalten, das Bild einer Traummutter, die jedes Kind sich wünscht.“ Doch offenbar kann Frau N. den erschreckenden Bildern einer ganz anderen Art von Mutter nicht entkommen. Die Mutter, die einem nicht antwortet, egal wie verzweifelt man versucht sie zu erschaffen, die Mutter, die sich weigert, einen unter die Fittiche ihres Blicks zu nehmen, die Alptraummutter jedes Kindes. Offenbar sind Frau N.s Tage begleitet von der Mutter ihrer Träume, während sie des Nachts nicht der Mutter ihrer Alpträume entrinnen kann.

Der letzte Traum bringt eine Verschiebung in die Dynamik, die Frau N. und ich miteinander teilen; jetzt ist sie das kleine Mädchen, und ich habe meine analytische Position wiederhergestellt, auch wenn sie immer noch auf meinem Sessel sitzt!

Ich bitte sie, näher auf ihre Träume einzugehen, und sie sagt: „Wissen Sie, an den meisten Tagen schreie ich die Leute um mich herum so oft an, daß ich meine Stimme verliere, und das ist nicht einmal das, was mich am meisten foltert. Das schlimmste sind die Qualen, die mich begleiten, zusammen mit schlimmen Schuldgefühlen nach meinen hysterischen Episoden. Warum schreie ich so viel? Ich möchte jetzt schreien!“ Ich denke sofort daran, wie sie in ihrem Traum geschrien hat, um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu gewinnen, um von ihr bemerkt, von ihr gehört, von ihr angeblickt zu werden. Ich erkundige mich, ob es irgend etwas gibt, was sie sagt, das ich noch nicht höre? Sie beginnt wieder zu weinen.

Ich ahne, daß meine letzte Bemerkung uns einander näher gebracht hat, und diese Ahnung wird von dem, was folgt, bestärkt. Frau N. erzählt: „Das einzige Mal, daß ich je auf einer analytischen Couch gelegen habe, war, als ich in Paris lebte. Ich traf einen berühmten Analytiker in einem Café, wir sandten die üblichen Zeichen aus, die Männer und Frauen einander senden, und wir endeten in seiner Praxis, auf seiner Couch, wo wir uns leidenschaftlich liebten.“

Sie lächelt verschmitzt, als sie mir von ihrem Pariser Abenteuer erzählt, worauf ich erwidere: „Sie sind also sehr gut analysiert worden.“

Dieser Gedankenaustausch fühlt sich sehr intim an. Ich hatte gefürchtet, die Dinge würden zu schnell vorangehen. Nun frage ich mich: zu schnell für wen? Gilt meine Sorge wirklich Frau N., oder gehen die Dinge zu schnell für mich? Sind die Intimität und der sexuelle Unterton unserer letzten Unterhaltung mir, der Analytikerin, unangenehm?

Während ich spintisiere und im Geist mit diesen verschiedenen Gedanken spiele, sagt sie mir auf einmal, unsere Zeit sei um. Und wieder fühlt sich dies wie eine Herausforderung meiner analytischen Position an; vielleicht will sie mir zeigen, wer die Kontrolle über diese Sitzung hat. Ich versuche mir den Analytikersessel zurückzuerobern, sozusagen, und spreche das Thema der Bezahlung an. Jetzt lächle ich verschmitzt: Nichts ist so wirksam wie das Ansprechen der Bezahlung, wenn es darum geht, jegliches Mißverständnis darüber auszuräumen, wer das Sagen hat und wer für das Sagen zu zahlen hat. Meine Botschaft an sie lautet: Sie mögen vielleicht meinen Sessel nehmen, Sie mögen diejenige sein, die die Sitzung beendet, ich möchte Sie jedoch daran erinnern, wer jetzt wen bezahlt. Sie sind hier, weil Sie mich sehen wollten; Sie sind hier, um etwas von mir zu bekommen, wovon Sie glauben, ich hätte es, und dafür werden Sie mich bezahlen müssen.

Freud verstand die aufgeladene Symbolik des Geldes, als er schrieb, daß Geldangelegenheiten von den Kulturmenschen in ganz ähnlicher Weise behandelt werden wie sexuelle Dinge, mit derselben Zwiespältigkeit, Prüderie und Heuchelei.“

Während ich mich noch sehr stolz über die soeben vollzogene Rückeroberung meines Sessels freue (sie ist zäh und gibt sich nicht leicht geschlagen), spielt sie mir einen neuen Ball zu und sagt: „Möchten Sie es bar? Viele Analytiker haben ein Fetischverhältnis zum guten alten harten Cash.“

Ich werde nicht verlieren. Ich kann es mir nicht leisten, dieses Spiel jetzt zu verlieren; ich hänge zu sehr an meiner Position als Analytikerin, um sie gewinnen zu lassen. Ich habe erst vor kurzem zu viele meiner imaginären Positionen verloren. Diese hier gebe ich nicht kampflos auf.

Daher gebe ich zurück: „Bezahlen Sie mich mit dem Fetisch, den Sie haben, was auch immer das sein mag.“ Sie lächelt – ein Lächeln, das sich in meinen Augen wie eine Warnung anfühlt und unsere kommenden Sitzungen überschattet; ein Lächeln jedoch, das auch ein gewisses Maß an Befriedigung enthält. Ich vermute, sie ahnt in mir einen würdigen Gegner.

Als sie von meinem Sessel aufsteht und sich zur Tür wendet, sagt sie: „Wischen Sie sich den Schweiß ab, Sie waren gut!“ Ich kann es nicht glauben: „Wischen Sie sich den Schweiß ab, Sie waren gut!“

(...)

Ein junges Mädchen betritt meine Praxis, sie ist 24 und von Kopf bis Fuß in einen sehr dicken schwarzen Tschador gehüllt, der nur ihre großen braunen Augen sehen läßt. Sie setzt sich und beginnt zu weinen, kaum sage ich die Worte: „Was bringt Sie her?“

Sie antwortet: „Was mich herbringt? Was mich herbringt? Ich habe das einzige verloren, was keine Frau je verlieren sollte.“ Und dann sitzt sie da, weint hysterisch und schaut mich in Erwartung einer Antwort an.

Ich bin perplex. Mit aller Mühe versuche ich mir vorzustellen, was es wohl sein kann: Was hat sie verloren? Komplett unfähig, eine Antwort vorzubringen, bitte ich sie, das Gesagte auszuführen. Sie schaut mich an und flüstert: „Sie wissen es wirklich nicht; ich habe ja gehört, daß Leute wie Sie sonderbar sein können. Doch wie kann eine Frau nicht intuitiv wissen, was ich meine? Ich habe meine Jungfräulichkeit verloren, und deshalb mußte ich mein Elternhaus verlassen. Nicht, weil sie es von mir verlangten, sondern ich mußte es einfach. Ich verdiene nicht länger, die Füße unter ihren Tisch zu setzen; ich bin eine Schande; ich verdiene ihre Freundlichkeit nicht mehr; ich habe den Namen meines Vaters entehrt. Ich sollte ihre heilige Stätte nicht beschmutzen.“

Ein sehr großer, machohafter Lastwagenfahrer kommt herein und sagt: „Ich habe gehört, in dieser Klinik ist eine Psychoanalytikerin, und ich möchte mich selbst besser verstehen.“ Ich schäme mich für mein Empfinden, weil ich mich jetzt, wie mir schmerzlich klargeworden ist, mit meinen eigenen Werturteilen auseinandersetzen muß, denn ich habe alles von ihm erwartet, aber nicht den Wunsch nach Selbsterkenntnis. Warum eigentlich? Können große, machohafte Lastwagenfahrer nicht den Wunsch haben, sich selbst kennenzulernen? Später erfahre ich, daß er Angst vor der Dunkelheit hat und seine Frau dazu gebracht hat, das Licht im Schlafzimmer anzulassen, jede Nacht in den letzten zwölf Jahren.

Ich werde nie den Tag vergessen, an dem er hereinkam und mir erklärte: „Frau Doktor, ich habe neulich nacht geträumt, ich hätte Sex mit meiner Mutter. Dieses Unbewußte geht mir gegen meine Ehre; Sie müssen meine Seele heilen; ich bin Ihnen ausgeliefert. Als ich aus dem Traum erwachte, habe ich mit meinem Unbewußten zu reden begonnen und es angefleht, aufzuhören, diese grauenhaften Bilder zu produzieren. Ich konnte Ihnen das vorher nicht erzählen, doch ein paar Nächte davor hatte ich einen anderen Traum, in dem ich Sex mit meiner Schwester und mit meiner Schwägerin hatte, gleichzeitig.“

F., ein junges Mädchen, das ein paar Jahre zuvor von Isfahan nach Teheran gezogen ist, um Journalismus zu studieren, kommt zu mir. Lässig wirft sie sich in den großen Ledersessel in meiner Praxis, schlägt die Beine übereinander und sagt: „Ich bin hier, um mit Ihnen über meine Sexualität zu sprechen. Ich genieße es, Sex zu haben, doch nur wenn ich nicht in einer passiven Position bin: Ich liebe es, den Sex zu initiieren. Ich mag keine Grenzen, wenn es zum sexuellen Genuß kommt. Ich bin nicht schüchtern; ich mag es manchmal, oben zu sein, und ich muß auf jeden Fall einen Orgasmus haben.“ Ich frage sie, wo sie das Problem sieht.

Sie sagt: „Iranische Männer mögen das nicht. Ich habe gerade wieder mit einem Freund Schluß machen müssen, weil er immer von mir verlangte, passiv zu sein, und mir sagte, er könne nicht kommen, wenn ich den Sex initiiere. Die Worte, die ihn anturnten, waren ‛Nein’ oder ‛Hör auf’, aber mich turnen ‛Ja’ und ‛Hör nicht auf’ an. Er sagte zu mir: ‛Mit deinem offenen Sexualverhalten wirst du nie einen Ehemann finden. Eine Frau sollte immer verbergen, daß sie den Sex genießt. Nur von Huren denkt man, daß sie am Sex Spaß haben, nicht von züchtigen Frauen.’ Das ist mein Problem, Frau Doktor. Ich brauche Ihre Hilfe, um einen Mann zu finden, der mich die Person sein läßt, die ich beim Sex wirklich bin: eine Frau, die es sehr genießt, Sex zu haben.“

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19.220 von 204.348 Zeichen (26 Lettre-Seiten)
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 98
Aus dem Englischen von Esther von der Osten

Genre

Hauptthema:
  • Erfahrungen einer im Westen ausgebildeten und in der Islamischen Republik Iran praktizierenden Psychoanalytikerin

Schlagworte

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