LI 098, Herbst 2012
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Zerschlagt alles Alte

Kulturbrüche – Zur Kontinuität des Ikonoklasmus im modernen China

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In einer 1992 zunächst in Hongkong erschienenen Kurzgeschichte des aus Peking stammenden Autors Ah Cheng wird berichtet, ein Rotgardist mit Namen Li Li sei 1966, also zu Beginn der „Kulturrevolution“, von Peking nach Zhengzhou in der Provinz Henan gereist. Als er dort aus dem Zug stieg, so heißt es, umringten ihn ein paar Leute, die „aussahen wie Bauern“. Sie starrten auf seine Armbinde mit den Schriftzeichen „Rote Garde“ und sagten zu ihm: „Bei uns gibt es eines von den vier alten Dingen, das muß zerschmettert werden; kannst du als Rotgardist des Vorsitzenden Mao nicht die Führung übernehmen?“ Die „vier Alten“, von denen die Rede ist, bezeichneten damals die „alte Kultur“, das „alte Denken“, „alte Bräuche“ und „alte Ge-wohnheiten“ (jiu wenhua, jiu sixiang, jiu fengsu, jiu xiguan), die allesamt „zerschlagen“ werden sollten. Da es sich um einen Tempel, also um „feudalistisches und abergläubisches Zeug“ handelte, beschloß Li Li gemeinsam mit anderen Rotgardisten, die Sache in die Hand zu nehmen. Am Tempel angekommen, zerschlugen sie zuerst die Bodhisattva-Statuen. Dann sagten sie zu den Bauern: „Wir haben euch jetzt gezeigt, wie es geht, jetzt könnt ihr selber weitermachen, damit sich der Vorsitzende Mao keine Sorgen zu machen braucht.“

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Die Vernichtung alles Alten, traditioneller Lebenswelten, Bräuche, Rituale und religiöser Kulte war jedoch nicht auf die Zeit der „Kulturrevolution“ (1966 bis 1976) beschränkt. Vielmehr hat sie tiefe Wurzeln in der chinesischen Geschichte, und der Prozeß der Zerstörung alles Alten war mit dem Ende der „Kulturrevolution“ noch lange nicht abgeschlossen, im Gegenteil: Er wird heute, im Zuge von Modernisierung, Industrialisierung und Stadterneuerung, noch gründlicher und erbarmungsloser fortgesetzt.

Während im traditionellen, eher konfuzianisch geprägten China das Altertum das Goldene Zeitalter verkör-perte, gilt im modernen China seit mehr als hundert Jahren das Attribut „neu“ als Synonym für „gut“ – „alt“ ist „schlecht“. Liang Qichao (1873 bis 1929), ein um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einflußreicher Reformer, wollte einen „neuen Bürger“ (xin min) schaffen, und als ein Mittel dazu galten ihm eine „neue Literatur“ bzw. ein „neuer Roman“ (xin xiaoshuo), wie eine von ihm geleitete Zeitschrift hieß. Die den Ton angebende Zeitschrift der „Bewegung für eine neue Kultur“ (xin wenhua yundong, 1915 bis 1925) hieß Neue Jugend (Xin Qingnian), und eines ihrer Ziele lautete, eine neue Sprache für eine „neue Literatur“ (xin wen-xue) zu schaffen.

Und tatsächlich setzte mit diesem epochalen Paradigmenwechsel ein Prozeß der Liquidierung der traditio-nellen Kultur ein. In dessen erster Phase wurden die Ideen des „Imperiums“ und der „Dynastie“, die primär kulturell definiert waren, von den neuen Ideen der „Nation“ und der „Rasse“ abgelöst.

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Das wichtigste Instrument, das China dazu verhelfen sollte, im Wettlauf der Nationen aufzuholen, war die Schaffung der Nation. Mit ihrer Argumentation von der kulturellen Bedingtheit der chinesischen Rückständigkeit gerieten die Kritiker jedoch in ein Dilemma: Wenn die eigenen, nun als „national“ definierten Traditionen lediglich als Hindernis für den Fortschritt wahrgenommen wurden, taugten sie nicht mehr als Bausteine für die Konstruktion eines „nationalen Wesens“ und einer chinesischen Nation. Worauf sollte sich dann das Nationalbewußtsein berufen, und worauf sollte sich die nationale Identität stützen? Liang Qichao fand keine Lösung für dieses Problem. Eine konsequente Antwort auf die Frage konnte erst die spätere „Bewegung für eine neue Kultur“ formulieren, die forderte, China müsse seine eigene Kultur aufgeben und komplett westliches Denken und westliche Systeme übernehmen. So Chen Duxiu in seinem Aufruf an die Jugend Chinas vom November 1915: „Ich sähe lieber die Zerstörung unseres nationalen Wesens als die Zerstörung unserer Rasse.“ 
 
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Man kann also hier die paradoxe Situation beobachten, daß die Verletzung ihres nationalen Selbstbewußt-seins durch die westliche militärische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Aggression bei wichtigen und den kulturellen Diskurs dominierenden Teilen der chinesischen Elite zunächst gerade nicht zu einem Rückzug in die eigene Tradition und nicht zu einer Idolisierung der nationalen Werte führte, sondern im Gegenteil zu einem Haß auf alles, was für die eigenen, chinesischen „nationalen“ Traditionen stand. Den-noch verbarg sich hinter einer derart ikonoklastischen Verurteilung der eigenen Kultur oft ein tiefes Gefühl der Identifikation mit dem, was als eigene Tradition wahrgenommen bzw. als „nationales Wesen“ konstruiert wird. Manchmal vermischen sich die widersprüchlichen Gefühle und Motive unentwirrbar miteinander: Bewunderung des Auslands und Ressentiment gegen alles Westliche, Abscheu vor allem Alten und Stolz auf Chinas kulturelle Tradition.
 

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Es ist naheliegend, die Abenteuer, Zerstörungen und Brüche, die „die Tradition“ in China im letzten Jahr-hundert erlebt hat, der radikalen sozialistischen Ideologie der intellektuellen Elite und der „kommunisti-schen“ Orientierung der Kommunistischen Partei Chinas anzulasten. Betrachtet man diese Phänomene jedoch nicht isoliert, sondern aus der welthistorischen Perspektive der Epoche des Nationalismus, dann wird man erkennen, daß diese chinesischen Turbulenzen kein Einzelfall sind. Vielmehr hat sich in China im 20. Jahrhundert exakt das abgespielt, was Historiker als die grundlegenden Entwicklungstendenzen des modernen Nationalismus beschrieben haben. Das Programm des Nationalismus bestand in der Erzwingung von Homogenität und Einheitlichkeit, wie Ernest Gellner in seinem Buch über Nationalismus und Moderne formuliert:

[Die nationalistische Bewegung] behauptet, eine authentische Volkskultur zu verteidigen, während sie doch in Wirklichkeit eine neue Hochkultur schmiedet; sie behauptet, eine alte Volksgesellschaft zu beschüt-zen, während sie doch in Wirklichkeit dazu beiträgt, eine anonyme Massengesellschaft zu schaffen. (…) Na-tionalistische Ideologie predigt und verteidigt die Kontinuität, verdankt jedoch alles einem entscheidenden und unermeßlich tiefen Bruch in der menschlichen Geschichte. Sie predigt und verteidigt kulturelle Diversi-tät, obwohl sie tatsächlich Homogenität (…) erzwingt.“

In China hatte die Kommunistische Partei die Funktionen und Aufgaben der nationalistischen Bewegung und Ideologie übernommen und exklusiv für sich beansprucht. In Wirklichkeit war das Resultat der Epoche des „Aufbaus des Sozialismus“ nicht die sozialistische Gesellschaft. Vielmehr verwirklichte sie alle die Zie-le, die sich nationalistische Bewegungen vornehmen: die Erzwingung von Homogenität, die Erzeugung ei-nes tiefen Bruchs mit der Tradition, die Schaffung einer Massengesellschaft, die Zerstörung der alten Volkskultur im Namen einer neuen Kultur.

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Mehr von:
Hans Kühner
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 42

Genre

Hauptthema:
  • Chinas kommunistisches Projekt als Teil der Konstruktion einer Nation

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