LI 104, Frühjahr 2014
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Ein legendärer Tropfen

Die Weinkultur Burgunds und die Domaine de la Romanée-Conti

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Der Zeit widerstehen

An manchen Orten der Welt scheint die Stille das wesentliche zu sein. Einer dieser Orte ist Vosne-Romanée. Und doch, in diesem burgundischen Dorf mit 500 Einwohnern und einer Fläche von nicht mehr als vier Quadratkilometern, das in einem Tal ohne Höhenunterschiede und ohne staunenerregende Landschaften liegt, ist nicht die Stille, sondern der Boden außergewöhnlich: das terroir, das die berühmtesten Weine der Welt liefert.

Anfang Dezember sehen die Rebstöcke auf der Côte-d’Or von Vosne-Romanée leblos und verletzlich wie das Gleichgewicht haltende Nadeln aus. Um ein Uhr nachmittags dringt ein Regenbogen durch den finsteren Himmel, und die Silhouette der Kirchturmuhr ragt zwischen den Häusern hervor. Nebel und Mittagsruhe scheinen hier das Maß aller Dinge zu sein. Doch hinter seinem schmucklosen Äußeren verbirgt dieser Ort einen Schatz. Einen Mythos, der auf Weinliebhaber aus der ganzen Welt magnetisch wirkt. Es geht um die Domaine de la Romanée-Conti oder DRC, wie die Kenner sie nennen. Ihre Weinstöcke, die sich in dieser ruhigen und reinen Landschaft wiegen, sind der pflanzliche Stoff, aus dem die Grands Crus („Großen Gewächse“) hergestellt werden, und eine Handvoll Glücklicher bezahlt für sie Geldsummen, welche die meisten Menschen jahrelang zusammensparen müßten. Der Mann, der mit diesen Weinstöcken – und ihrer Legende – durch ein unzerreißbares Band verbunden ist, heißt Aubert de Villaine.

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„Widerstand“ ist ein Schlüsselbegriff. Aubert de Villaine leistet Widerstand wie ein Krieger, der eine große Schlacht gewinnen will. Er widersteht dem Gang der Zeit, der Einförmigkeit, die der Weltmarkt aufzwingt, der Technologie, welche die einfachen Methoden bedroht, mit denen er seine Rebstöcke pflegt. Und gerade in diesem Moment, nachdem er den Motor abgestellt und aus dem Wagen gestiegen ist, widersteht er dem Sprühregen und dem Wind, die ihn zurückhalten wollen. Unschwer kann man sich den Vierundsiebzigjährigen als jemanden vorstellen, der seinen Boden und seine Trauben besser kennt als seinen eigenen Körper. Auf der Hangspitze, am Straßenrand, hat man eine herrliche Sicht: auf vollkommen symmetrische Weinstockreihen, untereinander nur durch einen Pfad getrennt, der breit genug ist, um ein Arbeitspferd durchzulassen.

„Die Pinot-noir-Trauben geben dem Wein einen besonderen Charakter“, sagt er. „Darum hat der Wein eine Seele. Er hat viel mehr zu bieten, als einfach ein Wein zu sein. Und das, dieses Mehr, ist schwer zu beschreiben. Es geht um eine kulturelle Dimension, für die man empfänglich ist oder nicht.“

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Während er seine Rebstöcke betrachtet, erklärt er, daß die Weinrebe ein Strauch ist und auf einem Boden wächst, der einen großen Wein oder einen einfachen Wein hervorbringen kann. Der Boden gebe der Weinrebe diese Möglichkeit. Deshalb komme es darauf an, ihn in einem möglichst guten Zustand zu erhalten, damit er seine Identität offenbaren könne. Um das zu erreichen, müsse man ihn von jeder äußeren Einwirkung befreien.

„Wir bemühen uns um ein Ökosystem, bei dem kein Dünger eingesetzt wird. Deshalb benutzen wir Kompost, der aus gehäckseltem und pulverisiertem Rebholz besteht, das, wenn es sich mit der Haut der Trauben und einer kleinen Menge Mist verbindet, Gärung ermöglicht. Mit anderen Worten, wir nehmen den Traubensaft und lassen ihn gären, um Wein herzustellen. Das ist die allgemeine Grundlage. Wir behandeln die Weinstöcke auf traditionelle, aber strenge Weise mit einem sehr genauen Rebschnitt. Das Ziel ist, einen ausgewogenen Ertrag zu erreichen. Nur bei den jungen Weinstöcken dünnen wir die Trauben aus (wir schneiden die überflüssigen Trauben vom Rebstock ab, bevor sie reifen, um eine bessere Qualität zu erreichen), bei den übrigen niemals. Daher gehen die Erträge nie über 25 oder 30 Hektoliter pro Hektar hinaus.“

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Zu welchem Preis die Domaine ihre Flaschen anbietet, das allerdings ist ein sorgfältig gehütetes Geheimnis. Diese Diskretion ist ein Kennzeichen der aristokratischen Sphäre, wo sich das Geld in aller Stille vermehrt.

„Wir erzeugen Wein, damit er getrunken wird“, erklärt de Villaine weiter. „Ein Wein ist kein Gemälde, kein unvergängliches Kulturgut. C’est fini, sobald er ausgetrunken ist! Ich halte es für absolut unvernünftig, einen derart extravaganten Preis für etwas zu bezahlen, das nicht angeschaut werden kann.“

Aubert de Villaine setzt sich ständig mit diesem eigentümlichen Gegensatz zwischen handwerklicher Arbeit und den Exzessen des Marktes, zwischen dem Geist der Erde und Geldgier, zwischen der Sensibilität des Ästheten und der Korruption des Wegelagerers auseinander. Ein unauflösliches Dilemma.

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Ein Hurra auf das Leben

Einen dieser großen Weine zu trinken kann sich als eine letzte Zeremonie vor dem Ende erweisen. Das geschah im März 1992, als ein Brief von William Pickerill, einem Freund Henry Millers, in der Domaine de la Romanée-Conti eintraf. Er schrieb, wenige Tage vor dem Tod des amerikanischen Schriftstellers habe er ihm eine Flasche Romanée-Conti – den Lieblingswein des Autors von Wendekreis des Krebses – geschenkt. Zusammen mit zwei schönen Frauen hätten ihn beide gemeinsam in einer Nacht ausgetrunken. „Jetzt“, schrieb Pickerill weiter, „bin ich an der Reihe.“ Ihm blieben nur noch ein paar Monate zu leben, und er wünschte sich sehnlich, wie sein berühmter Freund zum Abschied einen Romanée-Conti zu trinken. „Der Ritus eines letzten Sakraments. Ein letztes Hurra auf das Leben!“ bekannte er damals. Aubert de Villaine, ein großer Bewunderer Henry Millers, erfüllte Pickerills Wunsch und schickte ihm eine Flasche, die zum zweiten Mal als erleichternder und barmherziger Balsam wirkte.

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Mehr von:
Renée Kantor
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 98
Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann

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Hauptthema
  • Zur Geschichte, Tradition, Ökonomie und Ethik eines herausragenden Weinguts

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