LI 108, Frühjahr 2015
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Abel, vom Raben begraben

(…)

Kein Stein

Gräber sind bis auf wenige Ausnahmen im allgemeinen horizontal ausgerichtet. Leichname werden in die Erdkruste, ins Wasser, auf Berggipfel gelegt. Grabsteine dagegen stehen vertikal, desgleichen auch Denkmäler, Pyramiden, Berge, auf die Tote verbracht werden, auch die Flammen, die sich erheben, um Leichname zu verbrennen, die rituell in Flüssen verstreut werden. Das Gedenken an jene, die diese Welt durchschritten, ihre Namen und Daten werden mit ihren Verbindungen im Leben für jeden sichtbar erhöht vermerkt. Gräber schauen zum Himmel auf, Grabsteine dagegen den Menschen ins Gesicht. Um das stille innere Gespräch fortzuführen. Das Behauen von Stein ist ein Gestus von Kultur. Mag der Bestatter ein Rabe sein, es ist der Mensch, der einen Stein am Grab aufstellt. Die konzisen Grabinschriften besagen, solange es Barbaren auf der Welt gibt, kann dem Menschen das Leben genommen werden, um seinen Tod aber bringt ihn niemand. Die Lebenden lesen sie und entwickeln über das Gedenken an die Verstorbenen hinaus auch Ethiken zu ihrem Gedächtnis.

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, was ein Land, das zum Gedenken an die 1915 in Anatolien ermordeten Armenier bis heute keinen einzigen Stein aufzustellen fähig war, in dem die grundlegendste zivilisatorische Handlung über ein Jahrhundert verweigert blieb, seinem Volk und den in alle Welt versprengten Armeniern bis heute vorenthält. Dabei weiß ich doch von zwei Gedenkstätten. Eine ist das Denkmal des 11. April. Es heißt, es sei am vierten Jahrestag des Völkermords auf dem armenischen Friedhof Surp Agop in Istanbul, der den osmanischen Armeniern gehörte, aufgestellt worden, um an die Katastrophe zu erinnern, die in der Nacht des 11. April 1915 ihren Ausgang nahm, als armenische Intellektuelle aus ihren Häusern geholt und nach Çankırı und Ayaş deportiert wurden, und im Völkermord endete. Was aus diesem anrührenden Denkmal wurde, das wir nur von Photos kennen, ist unbekannt. Der alte Friedhof von 85 Hektar wurde samt der auf dem Gelände befindlichen Surp-Krikor-Lusavoriç-Kirche enteignet und zerstört.3 Die Grabsteine der dort bestatteten Armenier wurden in den Treppen des Gezi-Parks, der durch die Proteste von 2013 weltberühmt wurde, und den Bürgersteigen der umliegenden Viertel verbaut. All dem Vernichtungswillen zum Trotz bargen die Steine noch das in sie gehauene Verlangen der alten Seelen, wie es in der Gedankenwolke friedlicher Rebellion, die sich mit Gezi über die ganze Türkei ausbreitete, zum Ausdruck kam. Denn Stein schweigt nicht. Beim Behauen wird ihm menschliches Wort eingehaucht und irgendwann kommt der Tag, da er lauter die Stimme erhebt noch als die Menschen. Er mißt den Menschen am Menschen mit dem Leid, das er in sich trägt. Jeder Grabstein, der die Ewigkeit der Wahrheit vermittelt, ist nicht nur ein Postament, ein vertikales Zeichen, sondern als alleiniger Repräsentant der Nähe zu den eigenen Toten darüber hinaus ein Mahnbrief an sein Land. Das bedeutet, wo nur ein einziger Grabstein fehlt, da geht die Operation des Gedächtnislöschens um. (…)

Mörtel des Schweigens

Zuallererst nehme jeder sich die eigenen Vorfahren vor. Zu einfach macht es sich, wer von der gesamten Menschheit spricht, ohne bereit zu sein, mit Rammböcken gegen die versteinerte Geisteshaltung seiner Vorfahren anzugehen, beim eigenen Vater angefangen. Wahre Ethik beginnt mit der Frage, ob mein Großvater human gelebt hat. Demzufolge, was hinter den Türen erzählt wird, hatten viele in Anatolien heldenhafte Großväter. Da heißt es, die Großväter hätten armenische Nachbarn im Keller versteckt oder Kinder aus den Karawanen der Deportierten in die eigene Kinderschar aufgenommen, um sie zu retten. Um die Heldengeschichten prinzipientreuer Großväter, die sich seinerzeit gegen die Autoritäten stellten, aufzudecken, gilt es allerdings zunächst, das niederschmetternde Grauen zu kennen, das die Umstände der Heldentaten bildete. Wollen wir Celal Bey, den Gouverneur von Konya, der bis zu seiner Entlassung die Deportation einer Vielzahl von Armeniern aus den umliegenden Provinzen in die syrischen Wüsten verhinderte, und Faik Ali Ozansoy, den Regierungspräsidenten von Kütahya, der deportierte Armenier unter seinen Schutz stellte, gebührend würdigen, dürfen wir die Ehrlosigkeit eines Bahaddin Şeker oder Dr. Nazım, Mitglied der zentralen Führung des damaligen Komitees für Einheit und Fortschritt, nicht ausblenden, welche blutrünstige Verbrecher in den Gefängnissen selektierten, zu Banden zusammenstellten und ausschickten, um Deportierte abzuschlachten. Jeder Held stammt aus einer Matrjoschka der Barbarei, ineinander verschachtelt stehen sie im Regal im selben historischen Abschnitt.

Die Väter schweigen. Sie beschweigen die Kapitulation ihrer eigenen Väter, die den Autoritäten Gehorsam leisteten und unter Befehl standen, ohne Falsch und Richtig zu hinterfragen. Sie beschweigen ihre Gründerväter, von denen sie Abstand nehmen müßten, sobald Reue ins Spiel kommt. Für die Väter erster Generation war Schuld ohnehin auf Tausende verteilt und damit bis zur Unkenntlichkeit reduziert. Niemand vermochte sich zu erinnern, wer der Schuldige war. Eine Handvoll brutaler Befehlshaber, die den Beschluß zur Auslöschung eines Volkes faßten, brauchten Zehntausende Handlanger. Die einen verhafteten, andere legten in Ketten, wieder andere plünderten, die Brutalsten mordeten, wer nichts tat, schaute zu.

Schuld war in Komplizenschaft aufgeteilt, die Münder versiegelt, Verantwortungsgefühl mischte sich in den Mörtel des bleiernen Schweigens der angesichts der brutalen Gewalt entsetzten Untertanen und versteinerte. Auf dem Fundament des diesem Stein entströmenden Gedächtnisses aber leben die Enkel.

(…)
 

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Mehr von:
Sema Kaygusuz
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

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Hauptthema:
  • Die türkische Verdrängung des Völkermords an den Armeniern

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