LI 101, Sommer 2013
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Gier nach Schiefergas

Zwei Staaten, drei Länder, vier Gegner des Frackings

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Im April 2011 gab das US-Energieministerium bekannt, daß es 5,3 Billionen Kubikmeter Schiefergasvorkommen in Polen gebe, ausreichend, um den Bedarf des ostmitteleuropäischen Landes auf 300 Jahre hinaus zu decken. Die Aussicht, daß dieser neue fossile Energieträger die Abhängigkeit von den Energielieferungen Rußlands verringern könnte – Polens vielgeschmähtem slawischen Verwandten –, versetzte das Land in ein Kohlenwasserstoffieber. Selbst nachdem das Polnische Institut für Geologie und der Geologische Dienst der USA im folgenden Jahr die Rohstoffvorkommen um neunzig Prozent niedriger einschätzten, blieb der enthusiastische Glaube an das Schiefergas unerschüttert.

 

Schiefergas, so das offizielle Narrativ, würde ausländische Investitionen in Höhe von Milliarden Dollar einbringen, Hunderttausende von Arbeitsplätzen schaffen und vielleicht aus Polen eines Tages ein „zweites Norwegen“ machen. Schnell und ohne viel öffentliche Beratung erteilte die Regierung etwa dreißig internationalen und einheimischen Gasfirmen 111 Erkundungslizenzen für ein Gebiet von über 90 000 Quadratkilometern, fast ein Drittel des gesamten Staatsgebiets Polens.

 

Edward Sawickis Besitz liegt in einem der lizenzierten Gebiete.

 

Schiefergas hat den wahrscheinlich größten Ansturm auf fossile Brennstoffe des frühen 21. Jahrhunderts ausgelöst. Man hat es als Weg zur Energieunabhängigkeit und zur Wiederbelebung der Industrie bezeichnet, der weniger Umweltverschmutzung mit sich bringe als Kohle. Kein anderes Energiethema hat in den vergangenen Jahren so viel mediale Aufmerksamkeit gewonnen. Unternehmen, Politiker und Wirtschaftswissenschaftler haben es als Lösung für die schrumpfenden Reserven an fossilen Brennstoffen gepriesen. Untersuchungen zeigen, daß es die weltweite Versorgung für Jahrhunderte sicherstellen könnte. Am wichtigsten ist, daß Schiefergas in verschiedenen geographischen Regionen vorkommt, von den USA über China bis Argentinien, Indonesien und Osteuropa. Aber der globale Ansturm auf das Schiefergas hat auch eine globale Opposition dagegen entfacht, sowohl von Gruppen wie von einzelnen Personen, da Umweltprobleme in jeder Phase der Erschließung stark zugenommen haben.

 

Anders als herkömmliches natürliches Gas, das sich in großen unterirdischen Reservoirs ansammelt, die relativ leicht anzuzapfen sind, erfordert die Gewinnung von Gas aus Schiefer – einem Gestein mit sehr niedriger Durchlässigkeit – eine invasive Technik, die high-volume slickwater hydraulic fracturing genannt wird und allgemein als „Fracking“ bekannt ist. Nachdem gebohrt wurde, wird das slickwater, auch frac fluid genannt (eine spezielle Mischung von mehreren Millionen Litern Wasser, feinem Sand und Chemikalien), unter enormem Druck in ein Bohrloch gepreßt, um Risse im Schiefer zu erzeugen und das eingeschlossene Methangas freizusetzen.

 

Von den großen Mengen Wasser, aus denen das frac fluid besteht, kommt etwa ein Viertel als flowback und Lauge an die Oberfläche zurück, die nicht nur die ursprünglichen Chemikalien, sondern auch hohe Konzentrationen von Salzen enthält, außerdem Schwermetalle und gelegentlich schwache Radio-aktivität. Da dieses Nebenprodukt schwer aufzubereiten ist, wird es oft in kunststoffverkleidete Tailinggruben oder in tiefreichende Bohrlöcher unter die Erde gepumpt, heute in manchen Fällen aber auch recycelt.

 

Schiefergasbohrungen erfordern außerdem eine hohe Dichte von Bohrlöchern – Gruppen von Bohrfeldern überziehen große geographische Gebiete wie Pockennarben. Dann gibt es neue Zugangsstraßen zu jedem Feld, Auffangbecken für Frackwasser, Kompressorstationen, die enorme Mengen Dieseltreibstoff verbrennen, und Tausende Meilen neue Pipelines, die Wälder und Felder durchschneiden. Und Tanklaster natürlich – etwa tausend Tanklasterfahrten pro Bohrloch.

 

Je mehr Sawicki über den Prozeß der Schiefergasförderung herausfand, desto mehr kam er ihm wie seine private Apokalypse vor. Er las alle Artikel auf Polnisch, die er im Internet finden konnte. Er sah sich Gasland an, einen oscarnominierten Dokumentarfilm über Schiefergas und die damit verbundene Wasserverschmutzung in den Vereinigten Staaten. Er sah sich Statistiken und akademische Aufsätze an. Als Junggeselle mit viel freier Zeit verwandelte er sich allmählich in einen Selfmade-Experten auf diesem Gebiet, bereit zur Schlacht. Denn als das sah er es nun an: eine Invasion in sein Familienanwesen durch multinationale Konzerne und die polnische Regierung. Und für die Zerstörung seiner vertrauten Welt würde er keinerlei Entschädigung erhalten, da Schürfrechte in Polen nicht Personen, sondern dem Staat gehören.

 

Als Vertreter des staatlichen, auf geologische Erkundungen spezialisierten Unternehmens Geofizyka ihn im August 2011 besuchten und ihn baten, seine private Straße zur Durchführung geologischer Untersuchungen auf dem Land benutzen zu dürfen, verweigerte er die Genehmigung, obwohl viele seiner Nachbarn bereits zugestimmt hatten. Die Besuche hörten jedoch nicht auf, als die in Kalifornien ansässige BNK Petroleum, die im Besitz der örtlichen Lizenz war, sich der Public-Relations-Kampagne anschloß. Schiefergas, so versicherten sie ihm, stelle keine Gefahr für sein Land und das Wasser dar. Ihm wurden Handzettel und Broschüren gegeben, die versicherten, daß beim Fracking keine giftigen Chemikalien zum Einsatz kämen. Es sei nur Zitronensäure, erklärte ihm ein Firmenvertreter, „so wie im Zitronensaft“.

 

„Ich stelle mir vor, wie sie mit einer Saftpresse am Bohrloch sitzen und Zitronensaft hineingießen“, sagt er mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme. „Ich schätze, die Chemikalien sind so harmlos, daß wir im Falle einer Wasserverschmutzung Wasser mit Zitronengeschmack bekommen werden.“

 

Obwohl er sich ausdrücklich geweigert hat, geologische Untersuchungen auf seinem Grund und Boden zuzulassen, erhielt er ein offizielles Dokument, auf dem jemand statt einer persönlichen Unterschrift „mündliches Einverständnis“ notiert hatte, womit dem Projekt grünes Licht gegeben wurde.

Er war aufgebracht. Gemeinsam mit einigen benachbarten Bauern und Hausbesitzern organisierte er eine Oppositionsbewegung. Künstler besuchten ihn und brachten die Wandmalerei an seiner Scheune an. Mehrere Kundgebungen fanden statt, die meisten bloß mit ein paar Enthusiasten, aber auch einige größere. Im März 2012 ließen sich etwa 200 Einheimische bei einer Kundgebung nahe dem Dorf Klukowa Huta sehen, wo ein Bohrloch gegraben wurde.

 

Dann, nach einer improvisierten Blockade der Geologenlastwagen, die in diese Gegend gekommen waren, erhielt Sawicki anonyme Botschaften auf seinem Mobiltelefon. Er wurde beschuldigt, mit den Russen zu kollaborieren, ein Vaterlandsverräter zu sein. „Geh und rette Flamingos und Orcas!“ lautete eine Botschaft.

 

Am Nachmittag nimmt mich Sawicki zu einem Spaziergang über seine Weiden mit. Ein paar seiner Kühe folgen uns wie treue Hunde. Obwohl es bereits Mitte Oktober ist, ist das Gras so grün, daß es in den Augen schmerzt. Wälder aus Eichen, Buchen und Birken bilden ein dunkles Band in der Ferne. Jenseits der Wälder, außerhalb unserer Sichtweite, spiegeln die tiefen Seen der Kaschubei einen blauen Himmel.

 

„Nichts hat sich in Polen seit dem Kommunismus hinsichtlich der Menschenrechte und der Einstellung gegenüber den gewöhnlichen Leuten geändert“, sagt er mir nachdenklich. „Die Menschen sind nicht von Bedeutung. Sie haben vielleicht etwas mehr Geld, die Dinge sind ein bißchen farbiger, aber es ist dasselbe politische System, und es gibt dieselbe Mißachtung der Menschen.“

 

Sein Kampfgeist scheint in Gefahr, gebrochen zu werden. Nach einem Jahr der Agitation gegen das Schiefergas fühlt er sich erschöpft. Nur wenige widmen ihm jetzt noch Aufmerksamkeit, und einige seiner Nachbarn haben aufgehört, ihn zu unterstützen. Sie glauben, daß die Schiefergasgewinnung so oder so kommen wird, ob ihnen das gefällt oder nicht. Alle fühlen sich von verschiedenen Faktoren eingeschüchtert: von der Regierung oder den Medien oder dem Unternehmen. Seine Freunde fragen ihn: „Welchen Sinn hat es, sich dem Unvermeidlichen entgegenzustellen?“

 

„Wenn wir warten, bis wir die vollen Auswirkungen des Schiefergases sehen, wird es zu spät sein“, sagt er. „Es wird kein Leben für uns geben.“

 

Wir kommen an einem großen hölzernen Kruzifix am Straßenrand vorbei, daneben ein Traktor-anhänger, auf dem sich die Heuballen stapeln. Sawicki blickt sie an.

 

„Wenn Sie mich fragen, warum ich kämpfe, werde ich es Ihnen sagen. Ich bin ein einfacher Mann, und meine Philosophie ist, auf dieser Erde die geringstmögliche Spur zu hinterlassen.“

 

Bradford County, Pennsylvania

 

Morgennebel schwebt über dem Tal des Susquehanna River wie ein geisterhafter Zwilling des Flusses. Als ich mit meinem gemieteten Nissan Tiida über eine lange Betonbrücke fahre, fühle ich mich wie in einem U-Boot, Wasser und Luft vermischen sich zu einem gleichmäßigen milchigen Weiß. Die Kälte des frühen Novembers hat die Bäume an beiden Ufern mit Reif überzogen, so daß sie aussehen wie gespenstische Albinokorallenriffe.

 

Mein Auto erklimmt eine gewundene, zweispurige Landstraße, und der Nebel wird dünner. Blaue Flecken Himmel blitzen hervor, während ich in eine andere Welt auftauche: das Allegheny-Plateau von Bradford County im Norden Pennsylvanias.

 

Grüne Hügel ziehen sich nach allen Seiten hin, ein Fleckenteppich von Wäldern, Weiden und frisch bebautem Erdboden. Hier und dort brechen die hohen Silos und die roten Scheunen von Milchbauernhöfen, um die herum vereinzelte Kühe grasen, die geometrischen Muster des Landes auf. Verwitterte Grabsteine stehen im Gras neben holzverkleideten Kirchen.

 

Dringt man weiter in die Landschaft ein, beginnen sich andere Formen zu zeigen – eine, fünf, zehn –, die das ländliche Idyll zunichte machen. Große Tanklastwagen und Pick-ups mit Nummernschildern aus Texas und Arkansas sausen die Landstraßen auf und ab. Große weiße Röhren mit komplizierten Ventilsystemen laufen am Boden entlang, durchschneiden Felder und Wälder. Ich sehe rechteckige Bassins, groß wie Schwimmbecken, die mit Wasser gefüllt sind. Etwa alle ein bis zwei Kilometer gibt es Kieshaufen in der Größe von Footballfeldern, mit Reihen von gelben Containern und weißen Vorratstanks, die an eine riesige Leiterplatte erinnern. Wenn ich den Motor meines Autos eine Sekunde lang ausschalte, kann ich ein Summen hören, ein Zischen: das endlose Verströmen des Methans.

 

Schiefergasbohrtürme. Staubecken. Pipelines. Sie sind überall.

 

Der Marcellus-Schiefer, eine 400 Millionen Jahre alte Gesteinsformation unter Teilen von Pennsylvania, New York, West Virginia und Ohio, etwa eineinhalb bis zweieinhalb Kilometer tief unter der Erde, gilt als das größte unkonventionelle Gasfeld der Nation und als eines der größten der Welt. Obwohl spätestens seit den dreißiger Jahren bekannt ist, daß es Gas enthält, wurde seine Ausbeutung erst im 21. Jahrhundert ökonomisch rentabel mit der Entwicklung des slickwater hydraulic fracturing in Verbindung mit dem direktionalen Bohren (einer Methode, die das Bohren entlang eines horizontalen Pfades erlaubt und damit das Gewinnungsgebiet vergrößert). 2008 berechnete Terry Engelder, ein Professor für Geowissenschaften an der Penn State University, daß der Marcellus möglicherweise über 10 Billionen Kubikmeter Gas enthält, genug, um den amerikanischen Erdgasverbrauch für 14 Jahre zu decken. Andere – darunter der Geologische Dienst der USA – veröffentlichten deutlich niedrigere Schätzungen, aber alle Experten stimmten darin überein, daß der Marcellus beträchtliche Schiefergasvorkommen enthalte.

 

Der Boom begann.

 

Mehrere Dutzend einheimische und internationale Unternehmen stürzten sich auf Pennsylvania in der Hoffnung, Gas aus dem Marcellus zu gewinnen. Die Zahl der Bohrlöcher wuchs exponentiell. Gegen Ende 2012, der Ansturm währte bereits vier Jahre, gab es mehr als 6 000 Gasbohrlöcher, und Zehntausende weitere waren in der Planungsphase. Tausende Kilometer Pipelines und Sammelleitungen wurden verlegt, um das Gas an die Märkte der Ostküstenmetropolen zu liefern, während neue Kompressorstationen wie Herzen eines Riesentiers das Gas durch die stählernen Venen zirkulieren ließen.

 

(…)

 

Bradford County – bis zu diesem Zeitpunkt eine ruhige Ackerbaugemeinde mit 63 000 Einwohnern im Norden Pennsylvanias – wurde plötzlich zum ökonomischen Epizentrum des Marcellus, da sich das süße Trockengas unter dem Ackerboden für den Appetit der Unternehmen als unwiderstehlich erwies. Nahezu 2 000 Schiefergasbohrungen sind hier vorgenommen worden, wodurch es zum Bezirk mit den meisten Bohrungen im Staat wurde. 2010 investierte die Industrie etwa 2,4 Milliarden Dollar in Bradford, mehr als das Gesamtvolumen seiner Wirtschaft im Jahr 2009, das sich auf 1,8 Milliarden Dollar belief. Bisher haben die örtlichen Landbesitzer 160 Millionen Dollar an Pacht und Förderabgaben erhalten.

 

Aber mit der Geldvermehrung begann auch die Verschmutzung ihren Lauf zu nehmen. Die Umweltschutzbehörde von Pennsylvania hat in dem Bundesstaat mehr als 3 000 Gesetzesverstöße der Schiefergasindustrie verzeichnet. Viele Verstöße sind zwar verwaltungstechnischer Natur, zahlreiche andere aber betreffen Gasmigration, Wasserverschmutzung und Blow-outs am Gasbohrloch. Chesapeake Energy, das Unternehmen, das in der Region am stärksten vertreten ist, erhielt eine Geldstrafe von 900 000 Dollar – die größte Geldstrafe für Umweltvergehen in der Geschichte des Staates –, weil es zuließ, daß im Jahr 2010 Gas in das Wasser von 16 Familien im Bezirk durchsickerte. Später führte ein Blow-out an einem Gasbohrloch von Chesapeake dazu, daß große Mengen frac fluid in den örtlichen Towanda Creek flossen. Die Industrie selbst berechnete 2003, daß es bei etwa sechs Prozent aller neuen Gasbohrlöcher zu einem Problem mit dem Zementieren oder der Verschalung (der Röhren im Bohrloch) komme – einem ernsten Vorfall, der dazu führen könne, daß gefährliche Substanzen ins Grundwasser gelangen. Der Bezirk hat bislang mehr als 600 Gesetzesverstöße im Zusammenhang mit Schiefergas erlebt.

 

Heute befinden sich dort, wo das Grundwasser durch Bohraktivitäten verunreinigt wurde, in vielen Vorgärten Tanks zur vorübergehenden Speicherung von Wasser, genannt „Wasserbüffel“. Teure Gasfiltersysteme sind in den Kellern von Häusern installiert worden, um das Brunnenwasser für menschlichen und tierischen Gebrauch sicher zu machen. Keine dieser Maßnahmen wurde für notwendig erachtet. Doch für viele Einwohner der Region gehören sie jetzt zum Lebensstil. Die Idylle scheint vorüber: Bradford County, Pennsylvania, ist ein Land im Belagerungszustand geworden. 

 

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Mehr von:
Dimiter Kenarov
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 44
Aus dem Englischen von Florian Wolfrum

Genre

Hauptthema:
  • Der internationale Schiefergasboom und der Widerstand der Umweltbewegung

Schlagworte

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