LI 120, Frühjahr 2018
Heftpreis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%

Epidemie der Ablenkung

Von der digitalen Utopie zur Entzauberung des techno-sozialen Raums

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Willkommen in der Neuen Normalität. Die sozialen Medien haben unser Innenleben umformatiert. Wo Plattform und Individuum untrennbar miteinander verbunden sind, wird das soziale Netzwerken mit dem „Sozialen“ selbst identisch. Wir sind nicht mehr neugierig, was das „nächste Web“ bringen wird, sondern reden nur noch darüber, welche Art an Informationen wir in den kargen Tagen abgrasen dürfen. Das alte Vertrauen in das Kommen und Gehen der Hypes ist verlorengegangen. Statt dessen hat sich ein neuer Realismus gebildet, wie Evgeny Morozov in einem Tweet schrieb: „Der Tech-Utopismus der Neunziger postulierte, daß die Netzwerke die Hierarchien schwächen oder ersetzen. In Wirklichkeit verstärken sie die Hierarchien aber und machen sie unsichtbarer.“

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Die Social-Media-Architekturen sperren uns ein und legitimieren sich dabei durch den Netzwerkeffekt: nämlich daß jeder dabei ist – oder wir das zumindest glauben. Die vor einem Jahrzehnt noch spürbare Gewißheit, daß wir wie Schwärme agieren und uns frei von einer Plattform zur nächsten bewegen können, hat sich als Irrtum erwiesen. Ein Weggang erscheint dauerhaft aussichtslos. Wir können nicht darauf verzichten, über den Verbleib unserer Ex Bescheid zu wissen oder die Veranstaltungskalender und sozialen Konflikte alter oder neuer Stämme zu verfolgen. Man mag sich entfreunden, abmelden, ausloggen oder einzelne Belästiger sperren, aber am Ende siegen die Tricks, mit denen sie uns wieder in das System zurückholen. Blockieren und Löschen wird als Akt der Selbstliebe erlebt, und schon hängt man wieder am Haken. Die Idee, die sozialen Medien vollständig zu verlassen, liegt dagegen jenseits unserer Vorstellungskraft.
   Unser Unbehagen gegenüber dem „Sozialen“ beginnt, weh zu tun. In letzter Zeit scheint das Leben uns zu überwältigen. Wir verstummen, kommen jedoch binnen kurzem wieder zurück. Die Tatsache, daß es weder Ausgang noch Fluchtmöglichkeit gibt, führt zu Angstzuständen, Burn-out und Depressionen.

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Wir stehen vor einer Wiederkehr der High/Low-Aufteilung der Gesellschaft, in der eine Offline-Elite ihre Online-Präsenz an persönliche Assistenten delegiert hat, während die verzweifelten 99 Prozent, die ohne 24/7-Zugang nicht mehr überleben können, langen Pendelstrecken und multiplen Beschäftigungsverhältnissen ausgesetzt sind, unter permanentem sozialen Druck stehen und zusehen müssen, wie sie ihre komplizierten sexuellen Beziehungen, ihre Freunde und Verwandten und den Lärm auf allen Kanälen irgendwie unter einen Hut bringen. Eine weitere regressive Tendenz ist die „televisuelle Wende“ der Web-Erfahrung infolge des plattformübergreifenden Aufstiegs der Online-Videos, der Wiederherstellung klassischer Fernsehkanäle auf Internetgeräten und der Zunahme von Streamingdiensten à la Netflix. Ein Reddit-Showerthought beschrieb es so: „Internetsurfen ist heute, was früher Fernsehen war, einfach durch eine Handvoll Websites zappen und schauen, was es Neues gibt.“ Daß die sozialen Medien zum neuen Fernsehen werden, fügt sich ein in die fortschreitende Erosion der einst gefeierten partizipativen Kultur, eine Verschiebung von Interaktivität zu Interpassivität. Diese Welt ist gigantisch, aber leer.

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Der niederländische Technologiekritiker Tijmen Schep hat eine Website erstellt, auf der er den Begriff „soziale Abkühlung“ erforscht und die langfristigen Folgen des Lebens in einer Reputationsökonomie dingfest zu machen versucht. „Abkühlung“ referiert auf die einfache Erfahrung, daß man sein Verhalten ändert, wenn man sich beobachtet fühlt. „Die Menschen beginnen festzustellen, daß ihr ‘digitaler Ruf’ ihre Möglichkeiten einschränken könnte.“ Dies führt zu einer Kultur der Konformität, Risikoaversion und sozialen Härte. Ein Widerstand gegen diese Logik wird sich aktiv darum bemühen müssen, die Algorithmen außer Kraft zu setzen und die Datenerfassung zu kriminalisieren. Nur wenn die Datenanalysedienste nicht mehr zur Verfügung stehen, wird es eine Chance geben, diese Kulturtechniken und ihre schrecklichen Langzeitfolgen gemeinsam zu „vergessen“. Seine Schlußfolgerung: „Daten sind nicht das neue Gold, sondern das neue Öl, und sie schädigen die soziale Umwelt.“ In ähnliche Richtung argumentiert ein aktuelles Data-Prevention-Manifest: Es reicht nicht, die Privatsphäre durch Regulierung zu „schützen“. Sowohl Datengenerierung als auch -erfassung müssen schlicht unterbunden werden. Für Tijmen Schep bedeutet Privatsphäre das Recht, unvollkommen zu sein. Wir müssen eine Freiheit gestalten, die den technologischen Druck, ein berechenbares Leben zu führen, aktiv untergräbt. Wenn das nicht geschieht, werden wir möglicherweise irgendwann von einem sozialen Kreditsystem beherrscht. Willkommen in der Minority-Report-Gesellschaft, in welcher die Verbrechensvorbeugung bereits verinnerlicht ist.

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JENSEITS DER ABKOPPELUNG

Die globale Elite ist, in Bezug auf die „Ablenkungsepidemie“ zwiegespalten und steckt in einer Verwirrung, die tiefgreifende Auswirkungen auf Bildungsstandards und pädagogische Konzepte hat. Die Regierenden fordern sowohl digitale Fertigkeiten als auch die Fähigkeit zum gründlichen Lesen und träumen von totalitären Maßnahmen, um dies zu erreichen. Es ist nicht in ihrem Interesse, den hohlen Nutzer zu schaffen. Wir sprechen nicht nur über Zweifel, die als ethische Fragen rationalisiert werden; das Aufmerksamkeitsproblem rührt an das zentrale Thema, wie die globale Wirtschaft gestaltet wird. Auf der einen Seite versucht eine Studie nach der anderen deutlich zu machen, daß erhebliche Produktivitätsgewinne zu erwarten sind, wenn es während der Arbeitszeit keinen Zugang mehr zu den sozialen Medien gibt. Auf der anderen Seite profitieren immer mehr Unternehmen von den verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben sowie der Verfügbarkeit rund um die Uhr und unter prekären Bedingungen, die permanenten Zugang voraussetzen und offline sein zu einer potentiell gefährlichen Angelegenheit machen. Um es mit Stiegler zu sagen: Die App, die uns am Haken hat, wird uns auch freilassen.
   Sollte auf die frühere Forderung nach „Zugang für alle“ nun einfach das „Recht auf Abkoppelung“ folgen?

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Mehr von:
Geert Lovink
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 17
Aus dem Englischen von Andreas Kallfelz

Genre

Hauptthema
  • Die weltweite Diskussion über die ernüchternde

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