LI 120, Frühjahr 2018
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Herzland und Weltinsel

Warum Halford J. Mackinders geopolitische Thesen von Bedeutung sind

In London, an einem kalten Januarabend im Januar 1904, hielt Halford Mackinder, der Direktor der London School of Economics and Political Sciences, vor den „hingerissenen“ Zuhörern der Royal Geographic Society in der Savile Row einen Vortrag, der den kühnen Titel „Der geographische Drehpunkt der Geschichte“ trug. Sein Referat wies, wie der Präsident der Sozietät bemerkte, „eine Brillanz der Beschreibung“ auf, „wie sie in diesem Saal nur selten erreicht worden ist“.
   Mackinder argumentierte, die Zukunft globaler Machtpolitik liege nicht, wie die meisten Briten damals glaubten, in der Kontrolle der Schiffahrtswege des Planeten, sondern in jener der riesigen Landmasse, die er „Eurasien“ nannte. Er stellte Afrika, Asien und Europa nicht als drei verschiedene Kontinente dar, sondern als eine einheitliche „Drehpunktregion“, wie er sagte. Deren breites und tiefes Kernland – 4 000 Meilen vom Persischen Golf zum Sibirischen Meer – war so weit, daß es sich nur von den Rändern in Osteuropa oder den Küstenzonen in den umgebenden Meeren kontrollieren ließ.
   Die Entdeckung der Route um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien im 16. Jahrhundert, so erläuterte Mackinder, „verlieh der Christenheit die größtmögliche Mobilität der Macht … und umschloß mit ihrem Einfluß die eurasische Landmasse, die bis dahin ihre Existenz bedroht hatte“. Diese größere Mobilität, erklärte er später, gab den Seefahrern Europas „etwa vier Jahrhunderte lang Überlegenheit über die Landbewohner Afrikas und Asiens“.
   Das Herzland (the heartland) aber dieser riesigen Landmasse, eine „Angelpunktzone“, die sich vom Persischen Golf durch die russischen Steppen bis zu den Wäldern Sibiriens erstreckte, war nach wie vor das Areal, wo der Hebel für die Herrschaft über die Welt anzusetzen war. Wer das Herzland beherrsche, beherrsche die Weltinsel, schrieb Mackinder später. Wer die Weltinsel beherrsche, befehle der Welt. Jenseits der riesigen Ausdehnung dieser Insel, die beinahe sechzig Prozent der Landmasse des Planeten umfaßte, lag eine weniger bedeutende Hemisphäre, bedeckt von weiten Ozeanen und ein paar kleineren Inseln. Damit meinte er natürlich Australien, Grönland und Nord- und Südamerika.
   Für eine frühere Generation der Viktorianer hätten, so führte er aus, die Eröffnung des Suezkanals und der Beginn der Dampfschiffahrt „die Mobilität der Seemacht relativ zur Landmacht“ wesentlich erhöht. Nun aber taten die Eisenbahnen „wahre Wunder in der Steppe“ – hier nahm er Bezug auf ein historisches Ereignis, das allen Zuhörern an diesem Abend wohlvertraut war: das unerbittliche Voranrücken der Geleise der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau Richtung Wladiwostok und Pazifik. Solche transkontinentalen Eisenbahnlinien würden, so glaubte er, schließlich die Kosten des Frachtverkehrs zur See unterbieten können und den Hauptakzent geopolitischer Macht landeinwärts verlagern. Am Ende würde der „Drehpunktstaat“ Rußland (in einer Allianz mit einer anderen Festlandsmacht wie Deutschland) „über die marginalen Staaten Eurasiens hinweg expandieren“, was „ungeheure kontinentale Ressourcen zum Flottenbau gestatten [würde]; das Weltimperium wäre damit in Sicht.“
   Während der folgenden zwei Stunden, in denen er einen Text vortrug, welcher sich durch seine komplizierte Syntax und durch jene Anspielungen auf die griechisch-römische Antike auszeichnete, die man von einem ehemaligen Oxford-Dozenten erwarten durfte, waren sich die Zuhörer darüber im klaren, daß sie hier Zeugen von etwas Außerordentlichem wurden.

(…)

   Für die Veröffentlichung im Geographical Journal später im Jahr zeichnete Mackinder die Weltkarte um und ordnete sie sozusagen auch begrifflich anders an, indem er den Globus Richtung Eurasien drehte und ein Stück von der klassischen, auf den Äquator ausgerichteten Mercator-Projektion weg nach Norden kippte. Diese Darstellung zeigte nicht nur Afrika, Asien und Europa in der ganzen Massivität der [von ihm ab 1919 so genannten] „Weltinsel“, sie ließ auch Grönland und Amerika zu unbedeutenden Randphänomenen schrumpfen. Für Europäer, die es gewohnt waren, den eigenen Kontinent im Zentrum der Welt zu sehen, war Mackinders Karte eine Neuerung; für Amerikaner aber, deren große bunte Schulzimmerkarten ein illusorisches Gefühl von der Zentralität der eigenen Hemisphäre (welche die eurasische Landmasse in zwei kleineren Flecken an die Ränder drängte) hervorriefen, hätte diese Darstellung eine Offenbarung sein müssen.

(…)

 

Der Text von Halford J. Mackinder erscheint zum ersten Mal auf Deutsch in Lettre 120.

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Mehr von:
Alfred W. McCoy
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 120
Aus dem Englischen von Joachim Kalka

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