LI 107, Winter 2014
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Indien Heute

Ein Volk als ganzes hat geträumt und einen autoritären Führer gewählt

In seinem Roman A Suitable Boy (Eine gute Partie) schildert Vikram Seth liebevoll die ersten Parlamentswahlen eines beschaulichen Indien im Jahre 1951 und mit ihnen den Geist der Gleichheit, den diese für einen flüchtigen Augenblick einer Wählerschaft bescherten, die vom Klassen- und Kastendenken zerrissen war. Er beschreibt sie als „Bourgeoisie und Pöbel, Skeptiker und Leichtgläubige“, aber „ausgestattet mit dem allgemeinen Wahlrecht“. Indiens 16. Parlamentswahlen im Mai 2014 läuteten vor der Kulisse wirtschaftlicher Erdstöße und gigantischer Korruptionsskandale mit einem denkbar schmutzigen Wahlkampf eine neue turbulente Phase in der Politik des Subkontinents ein – möglicherweise die finsterste seit Erreichung der Unabhängigkeit von Großbritannien 1947. Damals jedenfalls wäre es unvorstellbar gewesen, daß eine Figur wie der hindunationalistische Regierungschef von Gujarat, Narendra Modi, Indiens höchstes politisches Amt bekleiden sollte – ein Mann, der zusammen mit seinen engsten Beratern der Komplizenschaft bei Verbrechen von außergerichtlichen Tötungen bis hin zu dem antimuslimischen Pogrom von 2002 bezichtigt wurde und dem die USA bis vor kurzem die Einreise verweigert haben.

Modi ist seit jungen Jahren Mitglied der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), einer paramilitärischen hindunationalistischen Organisation nach dem Vorbild der europäischen Faschisten, deren Gründer mit seiner Überzeugung, Nazi-Deutschland habe mit der Ausmerzung der Juden „ein Höchstmaß an Rassenstolz“ bewiesen, unter Anhängern der Hindutva – des „Hindutums“ – keineswegs alleine steht. 1948 ermordete ein ehemaliger Angehöriger des RSS Gandhi, weil ihm dessen Haltung den Muslimen gegenüber nicht hart genug war. Die traditionell von Hindus gehobener Kasten dominierte Gruppierung hat sich zahlreicher tückischer Anschläge auf Minoritäten schuldig gemacht. Ein berüchtigter Schlächter Dutzender Muslime während des Pogroms von 2002 brüstete sich damit, mit seinem Säbel eine Hochschwangere aufgeschlitzt und das ungeborene Kind herausgeschnitten zu haben. Modi selbst hat die Notlager für Zehntausende vertriebener Muslime als „Brutzentren für Kinder“ bezeichnet.

Neohinduisten

Derlei Rhetorik half Modi in Gujarat, eine Wahl nach der anderen für sich zu entscheiden. Ein höherer amerikanischer Diplomat beschrieb ihn in einigen der von WikiLeaks enthüllten Depeschen als „engstirnige, argwöhnische Person“, die „durch Angst und Einschüchterung herrscht“; seine neohinduistischen Anhänger, die auf Facebook und Twitter die Atmosphäre mit Bosheit und Haß verpesten, bevölkern die paranoide Welt der Besitzenden wie die der Habenichtse mit frischgebackenen Feinden: „Terroristen“, „Dschihadisten“, „pakistanische Agenten“ oder „Sickulars“ („Pseudosäkularisten“), „Sozialisten“ und „Commies“. Modis Wahlstrategie als Kandidat für das Amt des Premiers freilich war da geschliffener, trotz seiner expliziten wie verhüllten Appelle an die Solidarität der Hindus gegen die Gefahr von Ausländern und Außenseitern wie die in Italien geborene Chefin der Kongreßpartei Sonia Gandhi, die Gefahr von „Infiltranten“ aus Bangladesch und Verzehrern der heiligen Kuh.

Modi ermahnt seine größtenteils jungen Anhänger – über zwei Drittel von Indiens Bevölkerung sind unter 35 –, sich einer Revolution anzuschließen, welche die korrupte alte politische Ordnung zerstören und deren moralische und ideologische Fundamente ausmerzen wird, während sie gleichzeitig mit der Marktwirtschaft das wesentliche Rahmenwerk eines glorreichen neuen Indien stützt. In einem offenbar unregierbaren Land, in dem viele den Autor von Mein Kampf seines unbändigen Willens zu Macht und Organisation wegen verehren, operiert er raffiniert mit der Sprache von Management, nationaler Sicherheit und zivilisatorischem Glanz.

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Der lange Versuch von Indiens herrschender Klasse, dem Land eine „modernere Form“ zu geben, zeitigte in seinem sechsten Jahrzehnt Wirkungen, die weder Nehru noch sonst jemand hatte ahnen können: eine starke Politisierung und ein erbitterter Wettbewerb um die Macht, gepaart mit Gewalt, Zersplitterung, Chaos und damit einhergehend die Sehnsucht nach autoritärer Kontrolle. Modis Image als Verfechter von Disziplin und Ordnung baut sowohl auf Erfolgen als auch auf Versäumnissen des alten Regimes auf. Er bietet Modernisierung von oben nach unten, aber ohne Moderne: Hochgeschwindigkeitszüge ohne die Kultur der Kritik, unternehmerische Effizienz ohne Garantie auf Gleichberechtigung. Und dieser abgespeckte Entwurf für ein neues Indien übt eine unmittelbare Anziehungskraft auf all jene wohlhabenden Inder aus, die in der Demokratie seit langem schon etwas Lästiges sehen und die, nicht zuletzt aus Abscheu vor den verarmten Massen, Technokraten vergöttern, „Macher“, wenn auch despotische, wie den ersten Premier von Singapur, Lee Kuan Yew.

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Modis Versuch, die vom Nationalkongreß geräumten Schlüsselpositionen im Staat zu besetzen, ist zeitlich gut gewählt. Die strukturellen Probleme von Indiens globalisierter Wirtschaft hemmen deren Wachstum seit 2011 ganz empfindlich, was der Euphorie über Indiens globale Übernahme ein Ende gesetzt hat. Korruptionsskandale, in denen es um nationale Ressourcen – Bergwerke, Wälder, Land, Wasser und Funkspektren – im Wert von Milliarden von Dollar geht, haben ans Licht gebracht, daß Nepotismus und Rentenökonomie die wahren Motoren von Indiens Wirtschaftsboom waren. Die Nutznießer des Phänomens, das Arundhati Roy – in Anspielung an „trickle down“ – als „gush-up“ bezeichnet hat, haben sich zu einer transnationalen Oligarchie aufgeschwungen; diese steckt den Löwenanteil ihrer Investitionen in ausländische Investments und kauft mit Chinas und Rußlands Plutokraten Immobilien in London, New York und Singapur auf. Inzwischen sind all die, die man unverschämt lange auf die kargen Tröpfchen der „trickle-down“-Politik hat warten lassen – Menschen mit drastisch erhöhten, aber größtenteils unerfüllbaren Ansprüchen –, anfällig geworden für Demagogen, die das Versprechen einer nationalen Erneuerung im Munde führen. Es ist eben dieser Tiger ungerichteten Zorns, wie ihn der globale Kapitalismus überall in der „unterentwickelten“ Welt hervorgebracht hat, den Modi von Gujarat nach Neu-Delhi zu reiten versucht.

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So ist Indien denn auch, für den Fall seines Versagens, nur wenige Monate nach Modis Aufstieg bereits auf der Suche nach Sündenböcken. Früher, so klagte ein Angehöriger von Modis eigener Koalition, habe man „Diskriminierung und Mißtrauen gegenüber den Muslimen nicht offen gezeigt, jetzt macht man ernst und der Haß ist nicht mehr zu übersehen“. Überall im Land ist es zu Übergriffen gegenüber Muslimen gekommen. Ein Abgeordneter der BJP-Fraktion sprach von einem „Liebes-Dschihad“, als er nahelegen wollte, daß Beziehungen zwischen muslimischen Männern und Hindu-Frauen Teil einer großangelegten Verschwörung zur Islamisierung Indiens seien. Wie die Autorin Sonia Faleiro kürzlich in der New York Times schrieb, sehen sich „mündige Erwachsene, die gegen keinerlei Gesetze verstoßen haben, ... von umherstreifenden Horden aufgeputschter Männer bedroht, zusammengeschlagen“ und bekommen „in einer überraschenden Wendung ins Mittelalter, ihre Gesichter mit schwarzer Farbe bemalt“.

Hindu-Vigilanten greifen seit langem schon Frauen an, verbrennen Bücher und Gemälde; in den vergangenen Monaten erfreuen sie sich einer ganz neuen Respektabilität. Die Bücher von Dinanath Batra, der die Kampagne gegen Wendy Donigers The Hindus anzettelte, sind in Gujarat mittlerweile Pflichtlektüre an Schulen. Inzwischen sehen sich Kritiker Modis in den Medien unter Beschuß seiner vielen Fans. Subramanian Swamy, einer seiner Kollegen aus der Parteispitze, der in Harvard studiert hat, forderte jüngst eine öffentliche Verbrennung kanonischer Bücher von liberalen und säkularen Intellektuellen – einer, wie der Chef des RSS im Jahr 2000 sich ausdrückte, „Klasse von Bastarden, die in unserem Land eine fremde Kultur einzupflanzen versucht“. Von zahlreichen Hindu-Suprematisten in den sozialen Medien als „sickular libtards“ (aus „sick“, „secular“, „liberal“ und „retard“, Idiot) und „Sepoys“ (die historische Bezeichnung für indische Soldaten im britischen Heer) beschimpft, gelten diese entwurzelten Intellektuellen als trojanische Pferde der westlichen Welt. Es gilt sie auszumerzen, um Modis Vision umzusetzen, laut der Indien, einst als der „goldene Vogel“ bekannt, sich „wieder erhebt“.

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Mehr von:
Pankaj Mishra
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 78
Aus dem Englischen von Bernhard Schmid

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