LI 103, Winter 2013
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Japans neue Zukunft

Das älteste moderne Land Asiens zwischen Mattigkeit und Verwirrung

Tokio sieht heutzutage aus wie Asiens älteste Metropole – zumindest für jeden, der an die blanker polierten Häuser, die prachtvolleren Magistralen und die protzigere Neuheit von Schanghai gewöhnt ist. Verglichen mit den heutigen neureichen Ländern Asiens gibt Japan vielerorts das Bild einer gealterten Moderne ab: braune Ebenen, übersät mit kleinen Häusern und durchzogen von riesigen Hochspannungsmasten. Sogar die wilde Schönheit der japanischen Küsten hat jetzt, nach der Atomkatastrophe in Fukushima, etwas Unheilvolles. Und man erschrickt bei dem Gedanken, daß Japan einmal als das Land der Zukunft galt, bevor Anfang der neunziger Jahre seine Blase platzte, es von schweren Rückschlägen auf sich selbst zurückgeworfen wurde und in unserem Leben eine merkwürdige Leerstelle hinterließ.

Während Japan fortan in seinem Niedrigwachstum dahindümpelte, wurde China, im 20. Jahrhundert noch sein armer Vetter, unerwartet zur vorherrschenden Wirtschaftsmacht Asiens. Mit den Vereinigten Staaten erlitt zudem Japans alter, übermächtiger Mentor einen herben wirtschaftlichen und geopolitischen Statusverlust. Inzwischen lassen sich japanische Neonationalisten von ihrem Unbehagen über den Aufstieg Chinas und Amerikas zunehmende Selbstbezogenheit zu gefährlichen geopolitischen und wirtschaftlichen Experimenten hinreißen. Andererseits scheint auch China ganz auf einen antijapanischen Nationalismus eingeschworen.

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Als ich Japan dann aber in diesem Jahr besuchte, fühlte ich mich dort wie im Sog der Vergangenheit. In mancher Hinsicht hatte ich mich zu gründlich auf diese Reise vorbereitet, hatte alles mögliche gelesen und mich über mehrere Jahre bei den besten Kennern des Landes informiert. Nun war ich überrascht und oft sogar verstört von seiner Einigelung und überregulierten Wirtschaft, seinen Monopolen und seiner Umständlichkeit. Beispielsweise ist es für Reisende in Laos viel einfacher, eine Datenverbindung für das Smartphone zu bekommen als in Japan, und eine SIM-Karte nur zum Telefonieren findet man schlicht und einfach nicht.

Die Japaner wirkten immer noch reich. Aber warum sahen ihre Häuser so marode aus, warum waren ihre Supermärkte so dürftig sortiert und ihre öffentlichen Bauwerke so unansehnlich? Japan hatte doch schon in den zwanziger Jahren erste Bekanntschaft mit der materiellen Kultur des Kapitalismus und ihren Begleiterscheinungen gemacht, also mit dem Konsum von Autos, Radios, Filmen und Zeitschriften, mit der Durchsetzung der Kernfamilie, mit der kommerziell angeheizten Anbetung der Jugend und der romantischen Liebe, mit den westlichen Sitten; und ungefähr zur selben Zeit war schon damals ausgehend von der neuen städtischen Mittelschicht eine Populärkultur mit dem allgegenwärtigen sarariman (bzw. salaryman) und der hart arbeitenden Büroangestellten moga (modern girl) in den Hauptrollen entstanden, wobei letztere in der überhitzten Vorstellung japanischer Männer ihre Küsse ebenso freigiebig verteilten, wie sie westliche Klamotten kauften.

Doch Japans Moderne, deren berühmte Neonchiffren sich nach dem Krieg über die Städte zogen, verriet schon in den siebziger und achtziger Jahren Anzeichen des Stillstands. In Tokio waren die Jahrzehnte zu erschreckend häßlichen und vulgären Gebäuden erstarrt, denen nur die grelle Fluoreszenz des Abends und die stilisierten Frisuren junger Männer und Frauen eine interessante Unheimlichkeit verliehen. Das Einheitsgrau der Pendler verstärkte nur den Eindruck des Immergleichen und der ausgrenzenden Homogenität in einer Stadt, die mitten im Zeitalter der Globalisierung trotzig monokulturell geblieben ist, in der kaum jemand Englisch spricht oder ausländisch aussieht.

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Den politischen Folgeerscheinungen des langen ökonomischen Winters begegnete ich im aggressiven Selbstmitleid und in der Bigotterie der Neonationalisten, die ich kennenlernte. Sie erinnerten mich an die Krämer der hindutva-Ideologie im Indien der achtziger Jahre: dasselbe geschichtsklitternde Eifern, dieselben Beschwörungen eines „nationalen Geistes“, dieselbe hingebungsvolle Selbstdarstellung als Opfer fremder Machenschaften und dasselbe Bemühen, mit einer bloß herbeigeredeten kulturellen Einheit die unbequemen Tatsachen der Armut, Ungleichheit, Umweltzerstörung und Diskriminierung in der Gesellschaft wegzuleugnen. Überall sah ich alte Menschen, wie zu erwarten in einem Land mit rasch alternder Bevölkerung. Die überfüllten U-Bahnen und winzigen Restaurants schienen wie gemacht für ihre schmächtigen Gestalten. Ohne Aussicht auf die sicheren Arbeitsplätze, die ihre Eltern noch hatten, lungerten Jugendliche mit ihren Smartphones in Cafés herum oder veranstalteten mit finsterer Miene ein Höllenspektakel in den pachinko-Hallen. Sie erinnerten mich daran, daß Japan den Weg für einen Typus bereitete, den der Historiker T. J. Clark „Wesen der Moderne“ genannt und „vom bibellesenden Gewürzhändler bis zum schwitzenden Harvard-Banker mit iPod im Fitneßstudio“ überall wiedergefunden hat: ein „vereinzeltes, gehorsames ‘Individuum’ neuer Art, mitsamt der zu ihm passenden technischen Ausstattung“.

Dabei hat Japan über einen großen Teil seiner Geschichte dezidiert eine andere Vorstellung der Moderne in Asien verkörpert: eine Verherrlichung der kollektiven Stärke und Unternehmungslust, ein Hohelied der Nationwerdung, des Patriotismus und des Krieges. Kaum anderswo konzentrieren sich Japans inzwischen kompromittierten Triumphe und die Schizophrenie, die sie erzeugt haben, so lebhaft und auf so engem Raum wie im umstrittenen Yasukuni-Schrein und dem angrenzenden Museum Yushukan. Beide Institutionen gedenken Japanern, die für die sogenannte „kaiserliche Sache“ gestorben sind und zu denen auch einige hochrangige Kriegsverbrecher gehören. Sie lösen damit unter Japans Nachbarn regelmäßig ein Wutgeheul aus. Der wegbereitende Sieg über China 1895, die Triumphe im Russisch-Japanischen Krieg 1905, die Tragödie dessen, was viele Japaner einen „Krieg zur Beendigung aller Kriege“ nannten und was ein Feldzug gegen den Imperialismus war, aus dem in einem furchtbaren inneren Widerspruch ein imperialistischer Krieg in Asien wurde – sie alle sind hier verewigt als Meilensteine auf dem verzweifelten Kampf Japans um seine eigene Modernisierung.

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Zu Beginn seiner modernen Ära war Japan aus einer üblicherweise friedliebenden Erzählung vom Fortschritt ausgeschert, in der sich Demokratie und freiheitliche Verhältnisse aus dem Nationalstaat und dem Industriekapitalismus ergaben oder beide begleiteten. Japan wurde eine Wirtschafts- und Kriegsmacht ohne Rechte des einzelnen. Freiheitsanliegen waren den ökonomischen und militärischen Zwängen eines Landes unterworfen, das seinen Aufbruch in die Moderne sehr spät und unter westlicher Vorherrschaft begonnen hatte. Kaum ein Japaner stand der Maxime fukoku kyohei („Bereichere das Land, stärke das Militär“) oder der Ideologie des kokutai (in etwa: „vom Kaiser verkörpertes japanisches Nationalwesen“) kritisch gegenüber, als das Land unter den wenig wohlwollenden Blicken der Briten, Russen und Amerikaner Ende des 19. Jahrhunderts rasche Fortschritte machte. Japan übernahm auch nicht die anglo-amerikanische Tradition des Wirtschaftsliberalismus mit ihrer Befürwortung von Individualismus und Freihandel und ihrem Mißtrauen gegenüber der Staatsmacht. Vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart war der japanische Staat immer direkt am Aufbau der einheimischen Industrie beteiligt und versuchte, ihr einen Wettbewerbsvorteil auf den Weltmärkten zu verschaffen.

Und doch brachte es ein unerträgliches Maß an inneren Zerwürfnissen mit sich, den Westen einzuholen. Anders als Indien oder Indonesien war Japan von keiner europäischen Macht besetzt. Doch schon die Meiji-Herrscher, die frühesten Reformer, hatten Japan eine Kapitulation gegenüber dem Westen auf dem inneren Gebiet des Denkens und der Werte ebenso wie auf dem äußeren der materiellen Kultur und der politischen Formen verordnet. Sie hatten Modernisierung mit Verwestlichung gleichgesetzt. Sie hatten die Tradition der Moderne gegenübergestellt und erstere für besonders mangelhaft befunden, besonders in Ländern wie China und Korea, die nach japanischer Ansicht erst noch aus ihrem Tiefschlaf der Rückständigkeit erwachen mußten.

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Die Leistungen der japanischen Wirtschaft nach dem Ende von Krieg und Besatzung waren beachtlich: Japan vollzog eine Abkehr von der Landwirtschaft und eine Hinwendung zur verarbeitenden Industrie; die Armut auf dem Lande verschwand; das Land wurde in neue weltwirtschaftliche Strukturen eingegliedert. Firmenkonglomerate in Familienbesitz bzw. zaibatsu wie Mitsubishi und Nissan, die Japans industrielle Revolution vor dem Krieg angetrieben hatten, durften sich zu keiretsu oder bankenfinanzierten Industrien umbauen und profitierten wie eh und je von ihrer Nähe zum Staat. Der Erfolg Japans erzeugte einen Dominoeffekt in der Region. Während China sich unter Mao ausländischen Investitionen verschloß, unterzeichnete Japan Reparationsvereinbarungen mit den Ländern Südostasiens, bei denen es hauptsächlich um Kredite für den Export japanischer Güter ging. Anfang der siebziger Jahre waren Japan und die Vereinigten Staaten die größten ausländischen Investoren in der Region. Sie förderten Bodenschätze und investierten in die Entwicklung von Industrien und Infrastrukturen. So wurde Japan – in einer weiteren Wendung von düsterer Ironie – unter amerikanischer Schirmherrschaft zum wichtigsten Förderer eben jener „großostasiatischen Wohlstandssphäre“, die es erstmals in seiner fanatisch antiwestlichen Phase Ende der dreißiger Jahre entworfen hatte.

Der Erfolg seiner staatlich gelenkten Industrialisierung fand große Bewunderer und Nachahmer in ganz Ostasien, etwa in Singapur, Taiwan und Südkorea. Alle diese asiatischen Staatskapitalisten erhielten erhebliche Unterstützung von den Vereinigten Staaten, die ihre geopolitischen Interessen durch das Aufpäppeln regionaler Volkswirtschaften, durch Kriege in Korea und Vietnam, Auslandshilfen und die Öffnung ihrer Märkte verfolgten.

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Die alte Gleichsetzung von Zivilisation und Macht, die das Land in einen verheerenden Militarismus getrieben hatte, wurde verworfen. Das neue Modell der Moderne war nun das pazifistische und unternehmerische Japan. Dessen Nationalgeschichte und traditionelle Werte – Konsens und Harmonie – wurden in das Vorhaben integriert, Japan als bestmöglich für die hohe Wertschöpfung aufgestellt erscheinen zu lassen. Männer in Büroanzügen, umflort von vermeintlich konfuzianischen Firmenstrukturen und mystisch aufgeladen vom Geist des bushido, ersetzten die vielgeschmähten Kämpfer von Imphal und Manila in ihren Khakihalskrempen und den braven Nachkriegs-salaryman. Amerikanische Soziologen trugen dazu bei, Japan mit dem Selbstbild eines besonderen Landes mit urwüchsigem Traditionsempfinden auszustatten. Ihre Geschicklichkeit beim Bonsai prädestinierte die Japaner anscheinend für die Handhabe von Transistoren.

Die nihonjinron-Hausierer hatten ebenfalls Konjunktur, besonders nach dem Ölpreisschock von 1973, als der Niedergang Amerikas – und des Westens allgemein – mehr oder weniger besiegelt schien. Ein neun Bände umfassender Bericht, den der japanische Ministerpräsident 1979 in Auftrag gegeben hatte, kam zu dem Ergebnis, daß Japan den Westen als internationaler Geldgeber und Hochtechnologie-Exporteur beim materiellen Fortschritt und industriellen Wachstum überholt habe; Japans wichtigste Aufgabe sei nunmehr die Förderung seiner einzigartigen Kultur. Japanophile Tagestouristen wie Claude Lévi-Strauss unterstützten bereitwillig die Selbstbespiegelungen der Japaner: „Mögen sie lange die so wertvolle Balance zwischen den Traditionen der Vergangenheit und den Innovationen der Gegenwart halten, und das nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil, denn die Menschheit insgesamt findet an ihnen ein Beispiel, das eingehender Betrachtung lohnt.“

Es war, als habe Japan am Ende die Moderne nicht mit Kamikazebombern, sondern mit Technologieexporten überwunden. Es hatte den Westen nicht nur eingeholt, sondern prägte nun auch Gestalt und Textur des Spätkapitalismus. In der durchschnittlichen postmodernen Sicht der achtziger Jahre auf Japan erschien das Land als vollkommen tiefenlos in einer endlosen Gegenwart und im Überfluß von Waren und Lebensstil- oder Statussymbolen lebend. Private und öffentliche Sphäre waren endgültig voneinander getrennt – und sogar einander zu weit entrückt. Wie festgenietet an ihre Walkmans und Videospiele hatten die Japaner offenbar die souveräne Autorenschaft über eine Welt erlangt, die dem Fanal der Moderne erlegen war. Viele Intellektuelle gaben sich der allgemeinen Selbstberauschung hin und stellten es als einzigartiges Privileg und Absolution dar, Japaner zu sein.

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Die Krise Japans setzte 1989 ein und ist offenbar nicht nur eine wirtschaftliche und politische, sondern auch eine existentielle. Alte Mythen und Glaubensinhalte, die dem Leben einfacher Menschen einen Sinn verliehen, sind ebenso zertrümmert wie die sicheren Arbeitsplätze, stabilen Familienverhältnisse und moralischen Überzeugungen und Verhaltensregeln, die noch aus der Zeit der eng verknüpften, vormodernen Gemeinschaften stammten. Der ländliche Verband wurde von einer nationalen Gemeinschaft ersetzt, und diese wurde nach dem Krieg vom gemeinsamen Ziel des Wirtschaftswachstums geeint. Die rasche Verdoppelung der Einkommen und der Eindruck, jeder gehöre zur Mittelschicht und sitze im selben emporgetragenen Boot, sorgte für starken gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch die Kultur des postmodernen Individualismus untergrub diese nationale Gemeinschaft und ihr Empfinden gesellschaftlicher Solidarität. Sie hinterließ ein Vakuum, das Reaktionäre und Konservative nun füllen wollen.

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Die große Mehrheit der Japaner mißtraut jedem Militarismus und lehnt Kriege entschieden ab. Tokios Gouverneur Shintaro Ishihara provozierte im vergangenen Jahr einen Konflikt mit China durch sein Vorhaben, die Senkaku-Inseln zu kaufen – kahle Felsen, die von China beansprucht werden und auf Chinesisch Diaoyu-Inseln heißen. Osakas derzeitiger Bürgermeister Toru Hashimoto, ein Karrierepolitiker, erklärte im vergangenen Mai, die sexuell versklavten „Trostfrauen“ der japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg hätten geholfen, die Disziplin und Kampfmoral der Truppe zu stärken.

Auch Shinzo Abe schürt in der Region die Erinnerung an diese Gewalt und den Verdacht, daß die Japaner nach wie vor eine Leugnungshaltung zu ihrer imperialistischen Vergangenheit einnehmen. Die Vereinigten Staaten hatten Japan in einen „großen Halbmond“ antikommunistischer asiatischer Staaten eingegliedert. Seine große Armee, Marine und Luftwaffe wurde später mit der Bezeichnung „Selbstverteidigungskräfte“ getarnt, um wenigstens dem Buchstaben nach dem Artikel neun der von Amerikanern geschriebenen Verfassung zu entsprechen. Denn dieser Artikel verbietet Japan den Unterhalt stehender Truppen.

Und schon hat Shinzo Abe angekündigt, diese pazifistische Verfassung zu reformieren, um Japans Besitz erstaunlich großer Boden-, See- und Luftstreitkräfte offiziell anzuerkennen. Zugleich stellt er offen in Frage, daß Japan in Korea ein „Aggressor“ gewesen ist. Er hat seinem Stellvertreter erlaubt, den Yasukuni-Schrein zu besuchen. Einen Monat nach meiner Abreise zeigte er sich in Armeekluft auf einem Kampfflugzeug, auf dem die Zahl „731“ prangte – die Nummer einer berüchtigten japanischen Einheit für chemische und biologische Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg.

Mehr noch als Ishihara ist Abe ein typischer Vertreter der alten Garde in der japanischen Politik, die sich gern über schwindende Leistungsbereitschaft und mangelnde Achtung vor der Hierarchie, der Flagge und der Nationalhymne des Landes ereifert, kollektive Pflichten über individuelle Rechte stellt und, am wichtigsten, das Leitbild der Familie hochhält. Im Gespräch mit dem konservativen Manga-Zeichner Yoshinori Kobayashi äußerte Abe vor kurzem seine Überzeugung, ein „konservativer Geist“ sei erforderlich, um ein „gesundes marktwirtschaftliches System“ aufzubauen. Er sagte: „Japan ist immer ein Land gewesen, in dem die Menschen durch gemeinsame Bearbeitung der Felder und Aufteilung des Wassers überlebt haben. Mit der kaiserlichen Familie im innersten Kern beteten die Menschen
gemeinsam für reiche Ernten und Wohlergehen.“

Damit erreicht das Kulturgerede eine höhere Ebene, indem die japanische Seele nun für das Vorhaben eingespannt wird, Japans Marktwirtschaft als Erweiterung der Familie und damit als schutzbedürftig hinzustellen. Wie der amerikanische Historiker John Dower schreibt, stand „ein hoch reizbarer, verwundeter, mit einem tiefen Gefühl der Verletzlichkeit verbundener Nationalstolz hinter dem unbeirrbaren Streben nach einem Wirtschaftswachstum, das kaum 25 Jahre nach der demütigenden Niederlage für einen kurzen Moment eine Großmacht entstehen ließ.“ Abe geht nun daran, diesen Stolz mit Hilfe eines unverhohlen nationalistischen Programms wiederzubeleben. Seine Anhänger beschreiben sein ehrgeiziges Vorhaben mit ausdrücklicher Bezugnahme auf die fukoku-kyohei-Losung der Meiji: „Bereichere das Land, stärke das Militär.“

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Im vergangenen Jahrhundert hat Japan den vollständigen Zyklus der Modernisierung von der Industrialisierung zur nihilistischen Kriegstreiberei, von der Hysterie des Wirtschaftswachstums zur Leidenshaltung der otaku-Kultur durchgemacht. Es hat die Natur verdinglicht und instrumentalisiert, Fortschritt mit technologischer Weiterentwicklung und, in seiner postmodernen Phase, individuelle Subjektivität mit der Auflösung sozialer Bande gleichgesetzt. Doch die Verwirrung und Anomie, die seine größten Denker Anfang des 20. Jahrhunderts erfaßten, sind noch größer geworden.
 

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Mehr von:
Pankaj Mishra
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 52
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

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Hauptthema:
  • Das moderne Japan

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