LI 103, Winter 2013
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Leviathan und Garten

Der Utopie die Wirksamkeit zurückgeben – eine bessere Welt ist möglich

In diesem Jahr 2013 mag das Gefühl der Ohnmacht angesichts der politischen Lage als besonders bedrückend empfunden werden. Hier ließen sich alle Probleme anführen, welche die Presse demokratischer Länder anspricht: die unsichere Existenzgrundlage „benachteiligter“ Gruppen in der Gesellschaft, die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen, älteren Arbeitnehmern und Migranten, die relative Ineffizienz der Bildungseinrichtungen, wachsende Schwierigkeiten der Gesundheitssysteme, das Abwürgen der Kaufkraft der Arbeitseinkommen und natürlich die schwindelerregende Staatsverschuldung und die „Unbedachtheit“, das heißt die Gier der auf reine Finanzspekulation abzielenden Investitionen.

Das Ohnmachtsgefühl entspringt nicht nur der unglaublichen Anzahl von Problemen, die weder die politische Linke noch die Rechte zu lösen imstande sind – unbeschadet dessen, daß beide Seiten oft sinnvolle Entscheidungen treffen (Rentenreform, Unterstützung des Bildungssektors, Wachstumsförderung). Dieses Gefühl wird auch aus der demographischen Situation gespeist: Selbst ohne die genauen Zahlen der Weltbevölkerung oder nationaler Volkszählungen anzuführen, läßt schon der konkrete Hinweis auf die Anzahl der Menschen, die in jedem Wirtschaftszweig, in jedem Zuständigkeitsbereich eines Ministeriums, in jeder Produktions- oder Verwaltungseinheit tätig sind, unsere individuelle Existenz zur unbedeutenden Kleinigkeit schrumpfen. Recht begrenzt sind „Macht“ und Handlungsspielraum, die dem einzelnen dem „Leviathan“ gegenüber (wie Hobbes und schon vor ihm die Bibel sagten), also der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit oder in einem ihrer Bereiche, zu Gebote stehen. Was vermag denn schon der Arbeitslose, der illegale Einwanderer, der obdachlose Arbeiter, um eine feste Stelle, gültige Papiere, eine Wohnung oder auch nur ein Bett im Krankenhaus oder die Anmeldung seines Kindes am Gymnasium seiner Wahl zu erwirken? So macht jede heutige Situation den Eindruck einer Krisensituation, welche die Individuen in Not und in Ohnmacht zugleich stürzt.

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Zunächst geht es also um das wahre Leben, das sich außerhalb und neben der wirtschaftlichen und politischen Allmacht entfalten kann, das heißt außerhalb der Gier, der Konflikte, der Glaubensüberzeugungen.

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Niemand wird bestreiten, daß das wahre Leben ein intensives und bedeutsames Leben sei. Schlichte und einleuchtende Worte, aber es mag doch nützlich sein, ihren Sinn näher zu bestimmen. Jeder wird diesem Sinn eine persönliche Färbung verleihen, aber die Hauptzüge können allgemeine Geltung behalten.

Es handelt sich um die Erfüllung des Begehrens. Dieses ist der Stoff und das Wesen des menschlichen Bewußtseins; weit entfernt davon, eine Leere und ein unstillbarer Mangel zu sein, ist das Begehren vielmehr eine Dynamik, die ihre Fülle und Befriedigung verfolgt und oft erreicht. Diese Fülle und Befriedigung sind natürlich, je nach Art des Begehrens, durch eine besondere Qualität spezifiziert. Die Freude an der Musik ist nicht dieselbe wie die Freude an der Architektur, aber jedenfalls ist es die Freude, welche die strahlende Fülle des Begehrens ausdrückt, wenn es erfüllt ist.

Jenes Begehren, das sich in sich in der Freude vollendet und welches das Subjekt erfüllt, das es befriedigt, ist nicht das ursprüngliche Begehren, wie es in der Spontaneität auftritt. Die Angst vor dem anderen oder vor der Zukunft, die Versuchung herrischer Macht, die entfremdende Gier oder was für unmittelbare Begierden auch immer vermögen nicht jene dauerhafte, dynamische und souveräne Freude zu verschaffen, die einzig „Erfüllung“ und „Vollendung“ genannt werden darf (und die das Glück selbst ist). Sondern diese Freude, dieses Gefühl der Vollendung, konnte ich nur erlangen nach dem Vollzug einer Bekehrung. Durch diese kehrte ich die gängige Meinung um (die auch meine Meinung war), die äußeren Mächte seien objektiv das, wovon ich glaubte, daß sie es seien. So entdeckte ich meine eigene schöpferische Macht: Zwar schaffe ich nicht die Börsenkurse, aber ich bin es, der beschließt, keine Aktien zu kaufen. So entdeckte ich meine innere Freiheit, und durch sie ändere oder bestimme ich mein neues Begehren. Ich weiß nun, daß ich selbst meine Werte schaffe und über ihren Sinn entscheide, wobei ich mich auf eine Bildung stütze, die ich geduldig erworben habe.

Befreit von der grundlegenden Entfremdung, die mich vermittels meines nicht reflektierten Begehrens den äußeren Kräften unterwarf, trieb ich meine Bekehrung weiter (wie es jedermann zu Gebote steht): Ich nahm die Bejahung des anderen als eines freien und wertvollen Subjekts ernst und entsagte somit jedem Konflikt und jedem Streben nach Überlegenheit. So konnte ich in Fülle die Freude der Liebe kennenlernen. In einem dritten Aspekt dieser Neuschaffung meiner selbst durch reflektierte Bekehrung faßte ich den festen Entschluß, mich dem Streben nach Glück und nach der Freude der Erfüllung zu widmen statt dem Nachsinnen über Tod, Leid und Elend. So suchte ich den Genuß der Welt: Es kam mir darauf an, die Schönheiten der Welt zu genießen, seien sie sinnlich, ästhetisch oder intellektuell.

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Das Individuum ist zunächst ein Wesen, das fähig ist, sich in seiner eigenen Identität und Persönlichkeit zu erkennen, wenngleich seine Selbstreflexion anfangs etwas undeutlich ausfällt. Jedenfalls ist es bereits ein Subjekt: Es ist für sich selbst verantwortlich und kann seine Handlungen unterschreiben. (Es ist nicht geistesgestört oder unzurechnungsfähig.) Dieses Subjekt aber begehrt zu leben, möglichst lange und bei möglichst guter Gesundheit zu leben. Darüber hinaus, jenseits aller Statistik, will dieses Subjekt „ein Leben“ leben, das einen Sinn hat. Nicht immer weiß es, ob sein Leben gelingen wird oder ob es ein „schönes Leben“ wird, aber wohl weiß es, daß es sich bemüht, so „gut“ wie möglich zu leben, und daß es demnach eine Art Zufriedenheit, zu leben (und gelebt zu haben), anstrebt. Diese tiefe Dynamik des individuellen und sozialen Lebens faßt man oft unter dem Wort „Sinnsuche“ zusammen.

Zu Recht. Der einzelne bemüht sich nicht nur um Brot und Obdach, sondern darum, seinem Leben, das heißt seinem persönlichen Leben, einen Sinn zu geben. Sein Leben ist somit etwas anderes als ein biologisch-vitales Phänomen. Es ist sogar etwas anderes als die Suche nach Komfort und materiellem Wohlbefinden. Tatsächlich ist es eine Existenz. Die Begriffe „Leben“ und „Existenz“ verwende ich äquivalent, wobei jeweils die (freilich unabdingbare) Befriedigung materieller „Bedürfnisse“ in die Gesamtdynamik des Individuums, das sein Leben lebt und seine Existenz entfaltet, integriert ist.

Für jeden einzelnen ist diese Existenz selbstverständlich singulär: Im Laufe seines Lebens schmiedet das Individuum (inmitten anderer und mit ihnen) seine eigene Persönlichkeit. Diese besteht nicht aus einer im voraus montierten und ablaufenden Mechanik, sondern ist die Dynamik des Begehrens, insofern es im Laufe der Zeit seine Eigenart ausbildet.

Leben und Existenz sind also die Entfaltung eines Begehrens, das seine eigene Persönlichkeit und seinen eigenen Sinn schafft. Eigenart und Bedeutung werden von jedermanns Begehren angestrebt und geschaffen, und so gelangt jedes zu einer Befriedigung.

Jeder einzelne, als Subjekt und Staatsbürger, sucht vermittels der Dynamik seines Lebens, das heißt seines Begehrens, seinen eigenen Garten anzulegen.

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Die Antwort erfolgt innerhalb eines neuen Rahmens, den man „ethisch-politisch“ nennen könnte. Die eigentliche Ethik fragt nämlich nach den Lebensgrundsätzen, die zu Freude und Erfüllung (nicht etwa zur „Reinheit“ oder zum „Guten“) führen. Da es aber möglich sein muß, diese Erfüllung in der Gesellschaft zu verwirklichen, betreffen diese Lebensregeln auch den politischen Bereich. Jenseits der früher als gegensätzlich aufgefaßten Gebiete „Moral“ und „Politik“ zeichnet sich also in der Tat ein neuer, ethisch-politischer Horizont ab.

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Ganz und gar nicht geht es darum, Politik „moralischer“ zu machen; sondern es geht darum, sie in den Dienst konkreter Existenzen zu stellen – und eben darin besteht die Ethik (im Unterschied zur Moral). Ebensowenig geht es darum, die Moral zynischer zu machen; sondern es geht darum, daß sie wirklich angewendet wird und daß sie die Bereicherung der Existenzen zur Absicht hat – und eben darin besteht die Politik. Vereinfachend könnte man sagen, das Glück zu leben sei das gemeinsame Ziel von Ethik und Politik, wobei jedes dieser Gebiete seine Eigenart hat und gleichzeitig auf die Berücksichtigung des jeweils anderen Gebietes abzielt.

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Es ist an der Zeit, der Utopie ihre Wirksamkeit zurückzugeben: Indem man sich Zukunft vorstellt, bereitet man Zukunft vor und ändert die Gegenwart. Durch die Kraft des Begehrens und der Phantasie gestalten Gärtner die Natur und schaffen englische oder andalusische Gärten. Durch eben diese Kraft des Begehrens werden anspruchsvolle Subjekte imstande sein, aus dem Leviathan den besten Gehilfen für den Garten zu machen.

Aber diese Kraft des Begehrens muß zunächst die Notwendigkeit der oben beschriebenen Bekehrung einsehen. Die Entscheidung liegt bei jedem Subjekt und bei allen, da nur das Subjekt von einer primären und allzuoft abhängigen Freiheit zu einer sekundären, reflektierten und unabhängigen Freiheit überzugehen vermag. Und nur Subjekte – Bürger oder politisch Verantwortliche – können im Herzen des Leviathans eine Kulturpolitik ins Leben rufen, die endlich der größten Zahl die kulturellen Werkzeuge ihrer Emanzipation und ihrer Erfüllung an die Hand gäbe.
 

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Mehr von:
Robert Misrahi
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 33
Aus dem Französischen von Patrick Lang

Genre

Hauptthema
  • Die Veränderung der Gesellschaft durch die Kultivierung des Glücks

Schlagworte

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