LI 108, Frühjahr 2015
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Big Data für Alle

Von der Internet-Euphorie zur Reform der elektronischen Infrastruktur

Evgeny Morozov: 

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Als ich mich an mein erstes Buch machte, The Net Delusion, hatte ich mir das Ziel gesetzt aufzuzeigen, daß viele von diesen Tools, Plattformen und Techniken, die wir als Mittel zur Emanzipation feierten, genausogut gegen eben die Aktivisten, Dissidenten und Anliegen eingesetzt werden konnten, die sie zu fördern versuchten.1 Heute hört sich das so offensichtlich an. Aber damals gingen die meisten Spender und der überwiegende Teil der westlichen Regierungen einfach davon aus, daß Diktaturen – oder wie auch immer sie autoritäre Regierungen nannten – unmöglich „das Internet“ würden kontrollieren können, weil sie schlicht zu dumm dazu waren, zu desorganisiert, zu technikfeindlich, und daß diese neue Welle der Informationstechnologie ihren Sturz herbeiführen würde. In Washington wurde diese Ansicht durch das Narrativ vom Ende des Kalten Krieges gestützt: Wenn Radio Free Europe und Photokopierer die Sowjetunion beseitigt hatten, könnten Blogs und Social Media den Rest erledigen und Demokratie exportieren. Mir schien es unvermeidlich, daß diese Stilisierung eines freien Internets zur Säule amerikanischer Außenpolitik das Potential zu untergraben drohte, das diese Plattform, diese neuen Tools hinsichtlich der Herausbildung einer neuen öffentlichen Sphäre tatsächlich haben konnten, denn je größer das Engagement des amerikanischen Staats in dieser Richtung wurde, desto handfester stieß man andere Staaten mit der Nase darauf, etwas dagegen unternehmen zu sollen. Aber ich war 25, als ich The Net Delusion schrieb, und dachte, es würde mir einen Posten in einem Washingtoner Thinktank verschaffen, und so liest es sich, als wollte ich den politischen Entscheidungsträgern Amerikas sagen, sie stellten sich so selbst ein Bein, als riete ich ihnen, das anders anzugehen. Heute würde ich das anders schreiben.

Ihnen war nicht klar, wie weit die NSA dem Rest der Welt in Sachen universeller elektronischer Überwachung voraus war?

Nein, ich hatte keine Ahnung von der NSA. Aber es war ja eine Menge ganz offensichtlich – zum Beispiel Cyberattacken seitens des amerikanischen Staats. Bereits 2006, 2007 lag offen zutage, daß es im Verteidigungsministerium spezielle Abteilungen gab, deren Aufgabe darin bestand, die Websites von Dschihadisten und anderen Feinden abzuschießen, auch wenn es die üblichen Spannungen zwischen Pentagon und CIA gab, welche die Sites lieber nachrichtentechnisch ausgewertet hätte, als sie zu vernichten. Wie auch immer, als Hillary Clinton 2010 in ihrer Rede über die Freiheit des Internets die Cyberattacken anderer Staaten anprangerte, war das Heuchelei der übelsten Art. Dasselbe gilt, wenn amerikanische Politiker davon sprechen, Blogger auf der ganzen Welt unterstützen zu wollen – man braucht sich nur ihre tatsächliche Politik in Ländern wie Aserbaidschan oder Saudi-Arabien anzusehen. Diese widerspricht nicht nur dem Gerede von der Freiheit des Internets, sie verstößt auch gegen die Menschenrechte und einiges andere mehr.

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Inwieweit bestätigen die Auswirkungen des Arabischen Frühlings The Net Delusion?

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Der Arabische Frühling hat einige meiner Ahnungen bestätigt. Wir haben erfahren, daß westliche Unternehmen Überwachungstechnologie nach Libyen und Ägypten geliefert haben; daß die Problemlosigkeit horizontaler Mobilisierung über soziale Netzwerke von begrenzter Wirksamkeit bleibt, wenn sie nicht für die Herausbildung dauerhafterer politischer Strukturen sorgt, die eine Chance haben, auch über den Protest auf dem Stadtplatz hinaus gegen die Militärherrschaft zu bestehen; daß die Art, wie man die Rolle von Twitter und Facebook beim Arabischen Frühling gefeiert hat, Rußland, China und den Iran zu einer strafferen Kontrolle ihrer eigenen Online-Ressourcen veranlaßt hat. Ein Gutteil des Geredes über den Arabischen Frühling als Heraufkunft eines neuen Stils von digitalem Protest war nur die upgedatete Version einer Modernisierungstheorie, die uns glauben lassen soll, der Einsatz hochentwickelter Medien führe zu intellektueller Emanzipation, mehr Respekt für die Menschenrechte und so weiter. Ein bloßer Blick auf die Medienstrategie von ISIS genügt, um den Unsinn dieser Ansicht zu erkennen.

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Wo sehen Sie die kritischen Punkte in der kurzen wie rasanten Geschichte des Internets - und wie sähen hier die wichtigsten analytischen Abgrenzungen aus?

Wie gesagt, finde ich die Ambiguität des Begriffs „das Internet“ unbefriedigend. Seit den fünfziger oder sechziger Jahren gab es voneinander unabhängig parallele Entwicklungen im Bereich von Software, Hardware und Netzwerken. Wenn Sie heute auf die Situation in den 1970ern zurückblicken, finden Sie ein Dutzend von weltumspannenden Netzwerken – die einen für finanzielle Transaktionen, andere für Reisebuchungen etc. Daß ausgerechnet jenes Netzwerk, das wir heute als das Internet kennen, zum beherrschenden System werden sollte, lag keineswegs auf der Hand. Es bedurfte großer Anstrengungen – in Standardisierungsausschüssen wie auch auf der Ebene von Organisationen wie der Internationalen Fernmeldeunion –, um dies zuwege zu bringen. Außerdem gab es Entwicklungen im Bereich der Smartphone-Apps, die wir heute ganz selbstverständlich als Teil des Internets sehen, weil sie auf Plattformen von Unternehmensriesen wie Google laufen, die aber eher im Bereich der Softwaregeschichte anzusiedeln wären als dem des internetworking. Der Umstand, daß alle diese Entwicklungen diskursiv im Begriff „Internet“ verschmolzen, ist an sich schon eine vielsagende historische Entwicklung. Wenn Sie sich den Diskurs zwischen 1993 und 1997 ansehen, war das keineswegs der beliebteste Begriff zur Diskussion dieser Problematik – das war damals „Cyberspace“.

Fast die ganzen neunziger Jahre hindurch projizierte man eine Vielzahl unterschiedlicher Visionen, Interpretationen, Ängste und Sehnsüchte auf diese neue Welt – entsprechend die Vielfalt der konkurrierenden Begriffe – virtuelle Realität, Hypertext, World Wide Web, Internet. Irgendwann überholte das Internet als Medium dann alle anderen und wurde zur organisatorischen Metakategorie, während die anderen auf der Strecke blieben. Wie wäre die Entwicklung verlaufen, hätten wir das Phänomen weiterhin eher als Raum gesehen denn als Medium? Derlei Fragen sind wichtig. Das Net ist keineswegs eine zeitlose, unproblematische Kategorie. Ich möchte verstehen, wie es zu einem Gegenstand der Analyse wurde, der alle diese parallelen Geschichten – hinsichtlich Hardware, Software, staatsgetragener Infrastrukturen und deren Privatisierung – vereint und ihres politischen, ökonomischen und historischen Kontexts beraubt, um sie auf eine typische Ursprungsgeschichte zu reduzieren: Am Anfang war eine Erfindung – Vint Cerf und DARPA – und aus der wurde diese faszinierende neue, mit einem Eigenleben ausgestattete Kraft. So nämlich nimmt sich augenblicklich unser Diskurs über das Internet aus.

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Wie sollen wir denn nun diese Entwicklungen unter der Lupe einer sozio-historischen Perspektive sehen?

In den Sechzigern hatten die Ingenieure am MIT und andernorts eine Vision vom Computerwesen als öffentliches Versorgungsunternehmen, das in vieler Hinsicht dem heutigen Cloud-Computing entsprach. Sie stellten sich einen Riesencomputer an einem Ort wie dem MIT vor und die Haushalte bekämen dann Rechenleistung, wie sie Strom und Wasser beziehen. Daß man weder seinen eigenen Prozessor noch seine eigene Hardware bräuchte, da alles über einen zentralen Computer lief. Zu der Zeit lieferten die großen Computerfirmen wie IBM größtenteils Großrechner für Großkonzerne – sie lieferten nicht an private User, Familien, Verbraucher an sich. Wir verdanken es zum Teil dem antiinstitutionellen Klima und der Gegenkultur der siebziger Jahre, daß Firmen wie Apple die Vorherrschaft dieser großen Player in Frage stellten. Es bedurfte großer Anstrengungen von Leuten wie Steve Jobs und ihren intellektuellen Zuarbeitern von Publikationen wie dem Whole Earth Catalog – Steward Brand und der gegenkulturelle Flügel, der dieses Do-it-yourself-Paradigma vertrat –, um die Verbraucher davon zu überzeugen, daß Privatleute Computer besitzen und bedienen, daß sie kreative neue Instrumente der Befreiung sein könnten und nicht nur Maschinen der Aggression und der Bürokratie.

Wenn man das nicht versteht, dann tut man sich schwer mit dem Verständnis, wie alles vernetzt werden konnte – man brauchte etwas, was sich vernetzen ließ. Zu Beginn waren das gerade mal die Universitäten, und bei denen wäre es geblieben, wäre es nicht zu besagter Änderung in der Mentalität gekommen, zum Umschwung auf den persönlichen Rechner, auf den PC. Die Tendenz zum Cloud-Computing repliziert heute einen Teil dieser frühen Rhetorik – nur daß heute die Unternehmen jede Analogie zu Versorgungsunternehmen von sich weisen, da das die Möglichkeit einer öffentlich verwalteten, öffentlich kontrollierten Infrastruktur eröffnen könnte.

Welchen Platz sollte das gegenwärtige Phänomen zentralisierter „Big Data“ in dieser weiter gefaßten Geschichte einnehmen?

„Big Data“ sind nicht erst in den letzten Jahren entstanden. Um die Motivation hinter diesem massenhaften Sammeln von Daten zu verstehen, muß man den Diskurs über das Internet beiseite lassen und den Blick auf die Datenbanken richten, die Informationen auf dem Sekundärmarkt verkaufen – Unternehmen wie Acxiom und Epsilon. An wen verkaufen die ihre Daten? An Banken, Versicherungen, Privatdetekteien und so weiter. Es gab Ende der sechziger Jahre in Amerika eine Diskussion über Rolle und möglichen Mißbrauch von Datenbanken, die sich von der heutigen Diskussion über Big Data gar nicht so sehr unterschied. Es ging darum, ob die USA nationale Datenbanken einrichten und alle von den Bundesbehörden gesammelten Informationen in einer einzigen großen Datenbank zusammenfassen sollten, auf die sämtliche Behörden und Universitäten Zugriff haben würden. Es war eine Riesendiskussion bis in den Kongreß. Man ließ die Idee schließlich aus Datenschutzgründen fallen. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern und Unternehmen argumentieren, man sollte die Daten, da sie nun schon mal gesammelt waren, anderen Forschern zugänglich machen, weil sie eventuell Krebs heilen könnten – genau die Art von Rhetorik, wie man sie heute in Bezug auf Big Data hört. Heutzutage sind diese Informationen weit einfacher zu produzieren, weil jeder unserer Schritte per Telefon, smart gadget oder Computerspuren zu verfolgen ist, was ihr Volumen beträchtlich vergrößert. Es wird heute so viel gesammelt, daß man sich fragen muß, ob man dafür nicht einen neuen Begriff prägen sollte. Aber die Internetdebatte neigt zu einer gewissen Amnesie – sie erzählt das alles in einer Art abstrakten Geschichte der Technologie.

Sogar Googles wesentlicher Rankingalgorithmus hat eine Geschichte, er ist schließlich aus jahrzehntelanger Arbeit auf den Gebieten Informatik und Indizierung entstanden. Der Mechanismus, den Google zur Bestimmung von Relevanz einsetzt – indem er danach sucht, wer was mit wem verlinkt –, wurde mit Hinblick auf die Indexierung akademischer Literatur entwickelt; er ist keineswegs eine eigene Erfindung. Aber darauf würde man nie kommen, wenn man nichts über die Entwicklung der Informatik weiß. Desgleichen sind sich all die Leute, die sich mit sogenannten Massive Open Online Courses (MOOCs) befassen, im allgemeinen nicht darüber im klaren, daß sich in den fünfziger und sechziger Jahren Leute wie B. F. Skinner für „Lernmaschinen“, wie sie es nannten, stark machten, die einen Lehrer überflüssig machen würden. Versuche mit automatisiertem Lernen haben eine lückenlose Tradition. Daß jetzt eine Gruppe von Start-ups in diesem Bereich eingesprungen ist, löscht diese früheren Entwicklungen keineswegs aus. Jetzt, wo „das Internet“ sich überall ausbreitet – Bildung, Gesundheitswesen (inklusive „Selbstvermessung“) etc. –, laufen wir Gefahr, am Ende mit einer Geschichtsversion für Dummies dazustehen, in der alles mit dem Silicon Valley beginnt und in der es darüber hinaus keine anderen Kräfte und Ursachen gibt.

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Es könnte zu Spannungen kommen, wenn mehr und mehr Industrien und Unternehmen dahinterkommen, daß Google – falls das Unternehmen nicht nur das Wissen der ganzen Welt organisieren will, sondern auch die grundlegende informationelle Infrastruktur unseres Alltagslebens an sich zu reißen versucht – damit die besten Voraussetzungen hat, sie alle aus dem Sattel zu heben. Das könnte zu Widerstand führen. Gegenwärtig sehen sich die politischen Entscheidungsträger Europas unter Druck, Google aufzuteilen. Dahinter stehen nationale Firmen – oft deutsches Kapital, das sich verständlicherweise Sorgen macht, daß Google die Autoindustrie übernehmen könnte. Auch die deutschen Medienriesen haben Anlaß zur Sorge, was Google angeht. Derlei Grabenkämpfe innerhalb des Sektors könnten die Entwicklung durchaus etwas verlangsamen. Daß dies dem Bürger groß nutzen wird, glaube ich allerdings nicht, da sich die Geschäftsbereiche Google und Facebook wie natürliche Monopole ausnehmen. Europas zahnlosen Rufen nach einer Zerschlagung mangelt es an einer alternativen Vision – sei es in ökonomischer, politischer oder ökologischer Hinsicht.

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Mehr von:
Evgeny Morozov
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 48
Aus dem Englischen von Bernhard Schmitt

Genre

Hauptthema
  • Die geschichte des Internets und der Datenmonopole und die Forschung zur Sozialisierung der Datensammlungen

Schlagworte

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