LI 104, Frühjahr 2014
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Muckibude

Körper und Masse – von der Schönheitskonkurrenz der Männer

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einer Muckibude und bewegte zwei Stunden lang das Eisen. Alles tut mir weh. Ich bin 44 Jahre und 332 Tage alt und wiege 66 Kilo. Neben den Jungs aus dem Studio sehe ich aus wie ein „Strich in der Landschaft“, ein „Klappergestell“ oder ein „Hering“. Einer dieser Schränke fragte mich an der Langhantel, wo er 120 Kilo riß: „Wieviel hat dein Kabel?“ Ich gab vor, nichts gehört zu haben, und wechselte zur Stange. Es stellte sich heraus, daß es um den Bizepsumfang ging. Also: Mein linkes Kabel hat 28 Zentimeter und mein rechtes 29. Ein blödes Gefühl: Die Jungs haben Kabel von vierzig Zentimetern.

Muskelmann-Wörterbuch

B

Bol – Anabolika (Medikamente, welche die Eiweißsynthese anregen). Auf dem Schwarzmarkt um ein Vielfaches teurer als in der Apotheke.

bewegen, das Eisen bewegen (auch: schmeißen)Gewichte, Hanteln etc. heben, stemmen, reißen, allg.: im Studio trainieren.

Im Keller einer Schule in Poznań trainieren zwanzig Muskelmänner. Sie keuchen, stöhnen, manchmal jault einer vor Anstrengung unter der Langhantel auf. Aus dem Lautsprecher dröhnt das Pop-Duo t.A.T.u. „Wenn du Steroide brauchst, dann geh zu Marten. Der mit den Hanteln vor dem Spiegel“, sagt einer zu mir.

Marten, mit einem Kabel von 43 Zentimetern, sieht aus wie ein Athlet in Zeichentrickfilmen für Kinder: ein Berg Muskeln auf dünnen Beinchen. Wenn er vergißt, lange Hosen anzuziehen, sinkt seine Autorität im Studio spürbar. Er trainiert seit fünf Jahren, hat schon in der Oberschule angefangen. „Das war Ehrgeiz. Die zwei größten Flaschen in der Klasse haben behauptet, ich würde nicht einmal fünfzig Kilo hochkriegen. Die Langhantel über mir hat so stark gewackelt, daß sie helfen mußten, weil mich das Ding sonst erdrückt hätte.“

Er hat gerade eine Bestellung aufgenommen: 240 Ampullen Superanabolon. Zwei seiner Kollegen aus dem Studio wollen mit einer neuen Kur beginnen und werden jeweils 120 Spritzen kaufen. Mit Mengenrabatt kostet eine Ampulle 6,50 Złoty. An jeder verdient Marten vier Złoty, doch seine Kumpel nimmt er nicht aus. Er sagt, achtzig Prozent der Leute im Studio nähmen das Zeug. In anderen Muckibuden sei es genauso. Vielleicht gebe es weniger Bol in den drei teuersten Studios, welche die Muskelmänner mit Verachtung „Laufsteg für Sportschuhe“ nennen.

(…)

Zwischen den Trainingseinheiten geht man zum großen Spiegel und begutachtet seinen Körper. Ob er wächst? Gleichmäßig an allen Seiten? Also läßt man die Muskeln spielen und erzählt einander dabei kleine Geschichten. Zum Beispiel über einen Hund, der zuviel Bol abgekriegt hat. Der Boxer hatte einen Besitzer, der gerne Steroide nahm. Das Herrchen spritze sie sich in den Hintern.

Mit derselben Spritze und dem gleichen Stoff – man weiß nicht mehr, ob für Tiere oder für Menschen – behandelte er auch den Hund. Das Herrchen schwoll wunderschön, der Hund auch. Dem Herrchen gefiel, daß sein Boxer wie ein riesiger Rottweiler aussah. Bis der Hund nichts mehr ausscheiden konnte. Als ihn der Tierarzt aufschnitt, war es sinnlos, das Tier wieder zuzunähen: nur Sch … Sein Herrchen spritzt jetzt alleine weiter.

„Na, was brauchst du, Kumpel?“ höre ich Martens Stimme. „Du mußt was nehmen, sonst wird das nichts. Vielleicht Winstro mit Deka? Am günstigsten ist Meta mit Omna, nur 180 Złoty. Oder ein wenig Testo, dann kriegst du Power. Es sei denn, du kannst dir ein Wachstumshormon leisten, Kumpel, dann wirst du auf Masse gehen, vielleicht sogar ein paar Zentimeter wachsen. Doch für eine richtig gute Kur wirst du 12 000 hinlegen müssen.“

Er kann mir noch heute Stoff besorgen, empfiehlt Deka, das holländische, das sei das Beste. Bei der Gelegenheit könne er mir auch gleich Viagra mitbringen.

Marten drängt sich mit dem Bol nicht auf; einem Neuling hilft er, die Langhantel zu halten, berät ihn, wie er den Rücken trainieren soll. Irgendwann sagt er dann: „Und, Kleiner? Du pumpst wie ein Irrer, legst aber kein Gramm zu. Nimm was, sonst bringst du es nicht weit.“

(…)

„Wenn du einen erfahrenen Bol-Schlucker suchst, dann geh zum ‘Keiler’,1 der spritzt seit Jahren“, rieten mir die Kumpel von der Langhantel.

Marek oder „Odyn“, „Odyniec“, weil er gefährlich aussieht. Wenn sein Kopf nach unten hängt und er mit den Beinen 370 Kilo nach oben stemmt, dann wird sein Schädel schwarz vom Blut, das unter der Glatze pulsiert. Er sieht aus wie dreißig, im Personalausweis steht aber 22. Nach dem Training im Studio läuft er breitbeinig, die Jüngeren gehen ihm aus dem Weg. Sein Kabel: 48 Zentimeter.

„Fast ein halber Meter?“ Ich konnte es nicht fassen.

„Anfangs sah ich aus wie ein kleiner Ball: dünne Beinchen, großer Bauch, breiter Hintern, nur 28 Zentimeter das Kabel, 65 Kilo auf der Waage.“

Im Winter, wenn die Muskelmänner den Gipfel ihrer Körpermasse erreichen, bringt es Odyniec auf 115 Kilo. Im Februar wird es sechs Jahre her sein, als er die erste Spritze bekam, seinen ersten „Schuß“, wie man es im Studio sagt. Das war Superanabolon, ein Zyklus von 15 Schüssen. „Nach fünf Spritzen spürte ich, wie ich auf Masse ging. Die Waage sprang um sechs Kilo nach oben. Dazu Meta, viele Eier, Milch und Reis. Davon wirst du stämmig.“

Die erste Spritze gab ihm ein älterer Kumpel, den vor Jahren ein anderer Steroidkunde gespritzt hatte. Den wiederum spritzte „Rocky“, ein berühmter Muskelmann aus Poznań. Ein Weitergeben der Spritze über Generationen. „Dieser Typ, der mich zuerst gespritzt hat, ist heute ein Riesenkerl, er arbeitet bei der Security, und ein Kumpel von ihm ist noch größer, der läuft mit einem Ganoven aus Poznań herum. Und mit Rocky muß irgend etwas passiert sein; vor kurzem ist er ins Studio zurückgekommen, doch niemand erkannte ihn. Er hat furchtbar abgenommen, ist so geschrumpft, daß es weh tut, hinzuschauen.“

Gemeinsam mit seinen Eltern züchtet Odyniec Schweine; sie haben einen Bauernhof bei Poznań. Manchmal bringt er den Jungs im Studio Schweinekamm mit, doch er selbst ißt kein Schweinefleisch: zu fett. Nur magere Hühnerbrust. Er kocht sein Essen selbst. Fünf Mahlzeiten, doppeltes Frühstück und doppeltes Mittagessen. Mit viel Reis, weil Reis schnell durchläuft und man bald wieder einen Bärenhunger hat.

Odyniec setzt sich neun Spritzen pro Woche, dreimal jeweils drei. Er spritzt sich selbst in den Oberschenkel, manchmal beim Frühstück: in der einen Hand das Brötchen, in der anderen die Spritze.

Die Steroide bewahrt er in seinem Zimmer auf, die Mutter wühlt da nicht herum. Geld hat er, weil man bei der Schweinezucht nicht schlecht verdient.

Zwanzig Kuren hat er schon hinter sich, doch mir rät er ab. Das sei Chemie. Seinem Sohn würde er es auch nicht erlauben.

(…)

T

Testo – Testosteron, Hormonmedikament (Männer: bei sexueller Insuffizienz, Impotenz, Syndromen nach Kastration usw. Frauen: bei Brustwarzen- und Gebärmutterschleimhautkrebs). Eine Überdosierung verursacht Allergien, Ödeme, Bluthochdruck, Gynäkomastie, Akne, Prostatakrebs, Haarausfall, Unfruchtbarkeit, Hodenschwund, bei jungen Menschen Wachstumshemmungen an den Langknochen. Polnisches Testo: 7 bis 10 Złoty für einen Schuß, russisches: 3,50 Złoty.

Nach jedem Besuch im Studio messe ich mein Kabel. Eine Woche, und es hat schon 30,5. Nicht schlecht, irgendwie bin ich stämmiger geworden, der ganze Körper ist straffer. Heute habe ich mit Irek trainiert, Kabel: vierzig, Bein: 62. Es ist besser, zu zweit zu trainieren, weil dich bei größeren Gewichten jemand absichern muß und der andere auch aufpaßt, daß du nicht mogelst.

Irek studiert Physik. Er ist 25 und dafür, daß er bis vor kurzem Steroidnehmer war, ziemlich schmächtig. Nett und hübsch wie ein Mädchen, auf seinem schwarzen Sweatshirt steht „Everest“. Früher kontrollierte er ganz genau, wieviel er von was genommen hatte: 1 500 Tabletten Meta, sechzig Schüsse Testo, etwas Deka und höchstens zehn Schüsse Omna.

Seit einem halben Jahr wirft er nichts mehr ein. Als er im zweiten Jahr am Technikum für Fernmeldewesen damit angefangen hatte, wog er 55 Kilo. Sein Kabel hatte 28, das Bein fünfzig. Er trainierte bei einem alten Amateur-Bodybuilder, der schon über fünfzig war. Der hatte im Keller ein paar Stangen, eine Bank und lud die Jungs aus der Siedlung dazu ein, „ihren Körper zu meißeln“. Der Bodybuilder war gegen Steroide. „Viel Reis, Milch und Schweinefleisch, und ihr werdet so schön sein wie Apollo oder Schwarzenegger“, sagte er und spannte am ganzen Körper die Muskeln an.

Irek nahm die erste Medikamentenserie nach zwei Monaten – wegen des großen Drucks der Jungs aus der Profiklasse. Er hatte Angst vor Spritzen, also nahm er Meta, gleich 300 Tabletten. Sein Kabel wuchs auf 35 Zentimeter an. Anfangs schwillt man immer schnell.

Nach einem Jahr überredete ihn ein Kumpel aus der Siedlung, Testo zu nehmen. Im Treppenhaus eines Wohnblocks gab er Irek die erste Spritze. „Du ziehst die Hose runter, krempelst die Unterhosen hoch, rein damit, und das war’s schon. Insgesamt waren es zehn Schüsse. Meine Mutter wurde mißtrauisch, weil mein Nacken so angeschwollen ist wie bei einem Schwein.“

Dann mischte er den Stoff, weil angeblich so die besten Ergebnisse erzielt werden. Er weiß nicht, welche Auswirkungen Bol hat. „Ich glaube, es geht auf die Nieren, weil es Wasser zurückhält.“

Er weiß nur, daß manche mehr Körpermasse bekommen und andere mehr Kraft. Bei ihm war es die Kraft. Ein Trainer schrieb ihn bei der studentischen Sektion für Gewichtheben ein. Seine Hochform erreichte Irek im zweiten Jahr. Wettkämpfe, intensives Training, er ließ sich sechs Schüsse Deka für jeweils vierzig Złoty spritzen. Sein Bizeps wuchs auf 41 Zentimeter an, und er nahm dreißig Kilo zu. Damals stemmte er 135 Kilo auf der Bank. Ohne Gummihemd, das die Schultern steif macht und den Brustkorb so zusammenpreßt, daß man kaum atmen kann.

Irek gab das Bol wegen Kaśka auf, so einer Göre aus dem Wohnblock, die ihn ständig angaffte. Damals ging sie noch in die Grundschule. Manchmal warf auch er ein Auge auf sie, als er mit den Jungs an ihr vorbeiging. Einmal sprach er sie aus Langeweile an.

„Sie sagte, ich würde ihr gefallen, doch sie hat gedacht, ich wäre vielleicht tuntenmäßig drauf.“

„Tuntenmäßig?“

„Du weißt schon, vom anderen Ufer, weil ich nur mit Typen herumhing.“

„Und wie war das dann mit dem Bol?“

„Zunächst gab es keine Probleme. Sie hat mich sogar gespritzt, und ich mußte deswegen nicht zum Kumpel rennen. Doch als wir anfingen, ernsthaft miteinander zu gehen, sagte sie: ‘Entweder – oder; kein Bol mehr, oder du kannst dich verpissen, und ich will dich nicht mehr sehen.’“

Irek ließ sich wieder vom Kumpel spritzen. Immer an einer anderen Stelle am Körper, damit sie nichts merkte. Doch Kaśka war nicht dumm. Einmal brüllte sie ihn am Telefon an: „Du bist auf Bol, und ich bin schwanger. Was wird jetzt mit dem Kind?“

„Ich war den ganzen Tag völlig fertig. In der Nacht hatte ich Alpträume, in denen sie einen Krüppel geboren hat. Man sagt, wenn du während eines Zyklus ein Kind machst, dann kommt es krank auf die Welt. Doch sie wollte mir nur Angst einjagen. Und es ist ihr auch gelungen. Weil man doch manchmal nicht aufpaßt, auf Testo hat man ständig Lust.“

Kaśka ist 17. Irek gab das Bol auf, als sie sagte, sie wolle wirklich ein Kind. Sie gingen zum Arzt. „Es reicht, drei Monate nichts zu nehmen, und der Organismus reinigt sich selbst“, sagte der.

Um sicherzugehen, nimmt Irek schon ein halbes Jahr nichts mehr. „Jetzt das Kind – zwei – drei“, stöhnte Irek heute beim Trainieren des Trizeps. „Dann die Magisterarbeit – vier – fünf. Kaśkas Vater spart für eine Wohnung für uns – sechs. Er hat mir Arbeit versprochen – sieben. Irgendwann die Hochzeit – acht – neun. Der Vater hat eine Tankstelle und eine Autowaschanlage für Lkws – zehn – elf. Anfangs werde ich eine leitende Position bei ihm haben. Zwölf – uff, jetzt du.“

Bol wird er nicht mehr nehmen; Irek legt keinen Wert auf Körpermasse, und Kraft hat er immer noch.

(…)

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 76
Aus dem Polnischen von Ionna Manc

Genre

Hauptthema
  • Bodybuilding in Poznań

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