LI 098, Herbst 2012
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Wozu reich sein?

Vermögen, Stiftungen, Staat - Die Grundmuster legitimen Reichtums

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George Bataille, der französische Philosoph, hat Verausgabung und Verschwendung als Fest des Lebens erinnert; Robert Pfaller, der österreichische Philosoph, hat das „Leben als Verausgabung“ beschrieben. Reichtum ist nicht (alleine) das Ergebnis harter Arbeit; viele, die hart arbeiten, werden nicht reich. Es ist ein konstellatives Ergebnis: Kompetenz, Umstände, smartness, Glück etc. spielen eine große Rolle. Und auch die Mitarbeit anderer. Kein Unternehmer oder CEO kann den Profit, aus dem er seinen Reichtum zieht, alleine erarbeiten. Erworbener Reichtum (im Gegensatz zum ererbten) ist meist ein Kooperationsergebnis. Erst die modernen Finanzmärkte schüren die Illusion, großen Reichtum über Aktien- und Wettoptionen erwerben zu können. Hier bildet sich die Figur des singulären Hasardeurs heraus. Doch auch in den Finanzmärkten bedarf es der Mitspieler, die eine Gegenposition einnehmen. Sie operieren mindestens in einer „Pokerrunde“, mit mehreren Mitspielern. Es ist seltsam, daß die narzißtische Illusion, man mache seinen Reichtum „alleine“, sich so hartnäckig erhält.

Deshalb wird ignoriert, was früher im gesellschaftlichen Bewußtsein präsent war: daß Reichtum ein Geschenk ist (in effigie als Erbschaft, sonst als Kooperationsergebnis), das auf ein Weitergeben wartet. Natürlich ist es – eigentumsrechtlich – legal, ihn vollständig privat zu halten, jedoch nicht legitim. Hinter der u.a. von Bill Gates angestoßenen Debatte, inwieweit Reiche geben sollen, stehen auch Legitimitätsbefürchtungen: Man kalkuliert, ob es besser sei, freiwillig zu geben, damit nicht á la longue politisch stärker auf die Vermögen zugegriffen werde. Man investiert, neben aller goodmanship, in mental eigentumsbewahrende politische Modelle.

Natürlich pflegen Reiche noch dynastische Gelüste: Damit das Geld in der Familie bleibe, bei aller Skepsis gegenüber dem Nachwuchs, ob er nicht alles verschleudere. Die Kritik der fehlenden Opulenz würde selbst dies noch positiv sehen: daß einer in der Nachfolge einen opulenten Lebensstil pflegt, der allerdings nur dann legitimatorische Kompetenz hat, wenn er nicht lediglich privat vergeudend ist, sondern stilbildend. Gunter Sachs z.B. (Opel- und Fichtel & Sachs-Erbe) hatte einen jetset-Stil entwickelt, der für die deutschen sechziger Jahre internationalisierend wirkte. Er war die Symbolfigur der Öffnung Deutschlands (als dolce far niente-Repräsentant) und kulturell ein Katalysator avantgardistischer Leichtigkeit. Sein demonstrativer Konsum hat Lebensqualitäten induziert. Das ist eine nicht zu unterschätzende kulturelle Gabe; ein Geschenk, hervorgerufen durch Verschwendung.

Kein Reicher stiftet heute eine ganze Universität (Soros und Google ausgenommen), baut eine ganze Stadt (etwa ökologisch avantgardistisch), legt große Stadtparkanlagen an (eher Naturschutzreservate), bietet einer Kommune an, das Rathaus völlig neu und aufregend zu bauen, die Innenstadtsanierung zu übernehmen, alle Schulen intelligent zu renovieren, ein Flußufer, einen Fluß zu rekultivieren, eine neue Wissenschaft zu etablieren, etc. Gates et al. ausgenommen. Avantgardistische Projekte sind allenfalls Unternehmensinvestitionen.  Es fehlt der Wille, Zeichen zu setzen, Modelle zu bilden. Der Reichtum bleibt in sich selbst, letztlich privat. Das, was man mit dem Reichtum vermag – das Vermögen – bleibt unentfaltet.
Auch „reich sein“ bedarf der Kompetenz, damit umzugehen. Es reicht nicht, „eine gute Rolle zu spielen, sondern (es gilt) … sie auch gut zu spielen“. Wer sich im Reichtum einschließt, um ihn zu erhalten (wozu?), oder ihn lediglich mehrt (wozu?), versteht sein Vermögen nicht als Geschenk, sondern als privatum, als sozial isoliertes Eigentum. Die Sentenz unserer Verfassung, daß Eigentum verpflichte, erscheint dann als aus einer anderen Welt. Vermögen wird zum Teil einer Identität, und jedes Ansinnen, davon zu geben, wird als Verletzung bzw. als Angriff betrachtet. Auch dann, wenn diese Reichen geben, fühlen sie sich zwar gut in dieser Rolle, sind sich aber nicht sicher, welcher Kompetenz es bedarf, um die Rolle gut zu spielen.

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Reichtum, der darauf abzielt, sich bedingungslos steigern zu müssen, ist Ausdruck einer déformation professionelle, die nur wirksam werden kann, wenn Gesellschaften dem, der reich ist, sui generis Anerkennung schenken, also kriterienlos. Wenn Reichtum zum role model wird (nämlich wohlhabend arbeitslos werden zu können), verkennt es die Arbeit, Reichtum zu halten, aber auch die Chance, ihn zu generieren. Wenn Reichtum so aufgewertet wird, in der Imagination, der Arbeit entfliehen zu können: als pure Konsumption, werden Reiche als life style models bewundert, ohne jegliche soziale Legitimation. Statt von den Reichen zu fordern, daß sie der Gesellschaft etwas geben sollten, strebt man danach, selber reich zu werden, was meist nur in zwei Optionen möglich ist: Lottogewinn oder Bankraub, also unwahrscheinlich. Doch sogar dies reicht hin, eine legitimationsfreie soziale Geltung von Reichtum gesellschaftlich zu wahren.

Die Frage nach dem wozu? provoziert Überlegungen. Wenn wir uns die alten Adelskulturen ansehen, dient Reichtum einer Demonstration der Fülle. Ein Ansatz für die Ökonomie des Reichtums ist es, die Fülle zu nutzen. Hier reicht der ökonomische Nutzenbegriff: cui bono? dem, der reich ist, nicht unbedingt aus: Sein Reichtum bleibt zirkulär – verharrt im Besitz und seiner Mehrung. Verausgabte er ihn in der Gewißheit, dafür geehrt zu werden, könnte manch Reicher besser leben. „Zufriedenheit kommt im wesentlichen dadurch zustande, daß man in die Gesellschaft integriert ist“ (A. Beck, Münchner Vermögensberater). Zu großer Reichtum, ergänzt Beck, führe zu einer mangelnden Akzeptanz, was wiederum die Rechtssicherheit der Reichen gefährde. Reichtum ist Kompetenz: aber nicht nur, zu geben, sondern auch die gesellschaftlich zu entwickelnde Kompetenz, anzunehmen. Brauchen wir eine geänderte Reichtumskommunikation? Unsere Neigung, Reichtum zu diskreditieren, hindert uns daran, ihn hinzunehmen und zu ehren. Ist das Problem nicht vielleicht unsere Not, Reichtum zu akzeptieren, wenn er sozial transformiert wird? Ehren wir ihn nicht genug?

 

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Mehr von:
Birger Priddat
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 111

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Hauptthema:
  • Eine Geschichte der sozialen Funktion des Reichtums

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