LI 107, Winter 2014
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Freiwild

Über Zähmung, Verwahrlosung und Niedergang des Journalismus

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In jenen Jahren gelebter Berufung habe ich viel gesehen und viele Menschen getroffen: Boxweltmeister, Nobelpreisträger, Songwriter, Aidsforscher, Mafiakiller, Priester, Minister, Spione, Krankenpfleger, Vietnamveteranen, Bettler, Mörder, Kunstfälscher, Modemacher, Dynamitfischer, Putzfrauen. Ich habe für fast alle namhaften deutschsprachigen Magazine geschrieben. Ich konnte die Themen zumeist selbst bestimmen, holte mir den Spesenvorschuß ab, suchte mir einen Photographen, und dann ging es hinaus auf die Straßen. Klar, es flogen manchmal die Fetzen wegen Stilfragen, Eitelkeiten oder dürrer Faktenlage, aber man wuchs an solchen Konflikten. Das hatte Hand und Fuß und verhalf zu mehr Reife und Souveränität. Doch diese wundersame Periode hatte keine Zukunft, sie war lediglich ein rarer Glücksfall, so wie der summer of love in San Francisco. Wir ritten auf zu hohem Roß, um den Knacks zu hören, den Scott Fitzgerald beschreibt, diesen unhörbaren ersten Sprung in einem alten Porzellanteller, der nach und nach zu einem Riß wird und am Ende zwei Teile hinterläßt. So war das in unserem Beruf, eine langsam erkaltende Liebe zwischen Verlag und Freelancern, Redakteuren und Autoren, Verlag und Redakteuren – eine schleichende Entfremdung, die Irritation, wachsendes Unbehagen im Tun, die Bestürzung und in Folge tapsige Versuche, die Bruchkante zu kitten.

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Seither geht es in gewaltigen Sprüngen in Richtung Abgrund. Um die Geschichte des Knackses nachzuvollziehen, muß man den Tellerrand verlassen und mit der Unerbittlichkeit des Adlers auf die unsortierten Trümmer der Ruinenlandschaft herabschauen.

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Die Dotcomdekade machte den Neoliberalismus dann auf allen Ebenen salonfähig. Focus-Money machte deutschen Spießern Telekom-&-Infineon-Aktien schmackhaft oder listete die fünfzig besten Zahnärzte Bayerns auf. Das Ranking zog ein im deutschen Blätterhaus und PR-Agenturen diktierten nach und nach die Inhalte. Dann wurden in New York zwei Businesstürme zum Einsturz gebracht. Am Ende sollte sich herausstellen, daß die US-Regierung für den Lewinsky-Untersuchungsausschuß zehnmal mehr ausgegeben hatte als zur genauen Ergründung der Vorgänge dieses 11. Septembers.

Wer George W. Bushs daraufhin angeordnete Afghanistan- und Irakkriege im Affekt mit Hitlers militärischen Anfängen verglich, wie die vorlaute SPD-Schwäbin und Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, wurde seines Lebens nicht mehr froh und mußte seinen Posten räumen. Rot-Grün stand stramm zur Seite. Überall wurde unverbrüchliche Treue geschworen, transatlantische Einigkeit, Schweigeminuten, Schweigejahre, Hundejahre, in denen uns Politiker und sogleich auch Leitartikler der Großmagazine von der Freiheit am Hindukusch vorschwärmten und Gaucks Oh-Haupt-voll-Blut-und-Wunden-Reden antizipierten. Vor Colin Powells mißglücktem Giftgas-Powerpoint-Vortrag wagten nur ein paar Greise wie Stockhausen, Grass, Theodorakis oder Scholl-Latour Einspruch zu erheben. Sie erinnerten an Pearl Harbor, an die Kennedy-Attentate, an Kissingers Chiletricks und andere Ungereimtheiten der angelsächsischen Pyromanie. In Moskau kotzte Jelzin die Duma voll, während die vom Stalinismus befreiten Länder der Balten, die Polen und Tschechen sich um die Wette überschlugen, den lupenreinen Demokraten aus Übersee viele kleine, feine und elegant outgesourcte Guantánamos anzubieten. Bei kräftigem Barolo besprach Otto Schily, der Konvertit mit der Mireille-Mathieu-Frisur, in der Berliner Paris Bar mit CSU-Kumpel Beckstein die Vorteile biometrischer Zwangspässe und skizzierte raffinierte Schnitte für die neuen blauen Joop-Uniformen der Gendarmerie. Klinsmann haute die Polen weg, während der halbe Orient in Flammen stand. Das Sommermärchen hat Deutschland seither in lähmendem Würgegriff und gipfelt Ende 2014 in einer großen Koalition aus Aschenputteln, Dornröschen, Einhörnern und Zwergen. Letztere tummeln sich mit Vorliebe in medialen Tätigkeiten und führen einen Presseausweis bei sich. Womit wir wieder beim Thema wären.

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Viele freie Autoren haben den Job inzwischen aufgegeben, fahren Taxi, bewachen in Museen Bilder oder wohnen grundabgesichert auf dem Land und trauern den guten alten Zeiten hinterher. Andere reden sich die Lage schön – wie toll die freie Zeit wäre, endlich mal Kontemplation, Reflexion, Zeit für Partner und Hund oder auch eine Fahrt an den Ammersee, Wandern, Radeln und so. Und vor lauter oberbayerischer Frischluft kommen sie dann auf ein und dieselbe Idee: einen eigenen Blog, ein selbstkreiertes Online-Magazin mit Reise, Motor, Mode, Bionews, Lifestyle oder auch knallharter Investigation, Hauptsache ohne Chef, ohne diesen lästigen Apparat aus doofen Kollegen, Layoutern, Controllern, Hierarchie so flach wie ein Pfannkuchen, endlich die absolute Freiheit, eine megacrazy Spielwiese mit spirituellen Explosionen und multiplen Orgasmen. Der kollektiven Eingebung folgen dann Sieben-Tage-Wochen mit Achtzehn-Stunden-Tagen, enervierenden PC-Kursen, hektischen Softwarekäufen, windigen Gadgetverträgen. Dann müssen billige Zulieferer, Schreiber und Knipser, doofe Exkollegen also, aufgetrieben werden, und bald ist der Neuverleger entflammt vom digitalen Goldrausch und läßt sich dann – das bleibt, lieber Wolf, aber unter uns – von einem Hornbrillen-Netzprofi bei Google für ein schönes Sümmchen das Ranking manipulieren. Dann kommt der Tag – das einzigartige Produkt lagert im ozeanischen Universum und konkurriert mit Millionen anderen Rohrkrepierern um maximale Nichtbeachtung. Manische Euphorie ist die erste Stufe der Depression. Die meisten der virtuellen Ich-AGs leben von purer Autosuggestion, und die ganze freudige Aktivität führt zielsicher in die nächste Stufe der Isolation. Zudem hat das Netz im Gegensatz zum analogen Idyll seine eigenen Gesetze; bits and bytes gehorchen anderen Impulsen, und unergründlich ist das Reich der Algorithmen. Genau deshalb braucht man einen Experten.

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Der Online-Journalismus begann vor etwa zwanzig Jahren mit kryptischen Newstickern und Running-Dax-Meldungen, welche plötzlich die üblichen Nachrichtenbilder ornamentierten. Die nervöse Gleichzeitigkeit bei paralleler Entwertung des Einzelelements paßte phantastisch in die Phase einer zweiten globalen Neurasthenie. Verleger, Leser, Redakteure, freie Autoren, Photographen, Hacker, Nerds, Layouter, Werbekunden – sie alle wirkten lange Zeit wie Passagiere einer „Concordia“-Kreuzfahrt, für die sich jedoch weder ein Kapitän noch eine Crew zuständig fühlte. Sein und Bewußtsein übten sich auf Deck in ansteckender Bestimmungsunlust. Wer sich die Hände rieb und welche Hand eventuell eine andere wusch, blieb ohne Frage und damit auch ohne Antwort. Der Knacks arbeitete sich voran, lautlos wie Rost, böse wie Krebs. Die Online-Kita kam in die Pubertät und nun galt es, Kräfte zu sammeln und zu bündeln für die Reifeprüfung.

Im Zuge der karnevalisierten Selbstzerstörung präsentieren die Leitmedien ihre im Minutentakt aktualisierten Netzprodukte wie einen Kessel Buntes: schlampig recherchierte, vorschnell auf den Weg verschickte und albern tendenziöse Politnews mit Bild-affinen Appetizer-Aufmachern wechseln sich mit Lottozahlen, Diättips, Fußballgossip, Modelsex, Börsenlatein, Wetterkapriolen und Wallfahrtsreisen in die Mitte des Ichs ab. Längst haben wir uns daran gewöhnt, morgens im Bademantel im High-Speed-Verfahren die kostenlosen Pamphletbotschaften zu verschlingen. Längst haben wir uns daran gewöhnt, daß sich die Inhalte gegenseitig auslöschen, daß uns das Nach-Denken ausgetrieben wird, daß sich eine Eiseskälte in uns einstellt gegenüber Tragik und Schicksal und sich ein Zynismus entfaltet, bei dem sonst nur Henker oder Totengräber Zuflucht suchen. Der durch den Online-Journalismus bedingte schleichende kollektive Abbau von Mitgefühl und Reflexion bestimmt indessen den aktuellen Diskurs, und so schlägt die Stunde der Trolle auf allen Ebenen.

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„Indignez-vous!“, polterte kurz vor seinem Tod noch der 93jährige Stéphane Hessel. Und beschloß sein millionenfach verkauftes Pamphlet für Revolte und Ungehorsam mit dem Satz: „Neues schaffen heißt Widerstand. Widerstand heißt, Neues zu schaffen!“ Doch in den Ohren der Download-Adressaten stecken dicke Stöpsel. Betritt man an einem ganz normalen Tag eine Münchener Trambahn, sieht es im Waggon aus, als ob viele junge Menschen gerade einer kardiologischen Intensivstation entflohen wären. Während draußen die Pinakotheken stehen und der hellenische Prunk des Königsplatzes leuchtet, starren die jungen Leute ganzkörperverkabelt auf kleine flache Geräte. Immerhin haben sie derentwegen vor dem Applestore bei strömendem Regen eine halbe Woche im Campingzelt verbracht. Nichts ist da zu sehen von digitalen Revoluzzern, zeitgeistigen Bastillestürmern oder mit allen Wassern gewaschenen Guerilla-Piraten. Es sind lediglich über elektronische Schrebergärten gebückte Spießbürger, über deren existentielle Unsichtbarkeit und Realitätsferne sich inzwischen schon konservative Hochschulprofessoren beschweren. Richtig lebendig werden die Diskussionen indessen, wenn es um neue Software für die hochgetunten Gadgets geht, die ja auch sonst unendlichen und hochbrisanten Insidergesprächsstoff hergeben. Und empören würde sich die digitale Boheme höchstens, wenn Helmut Schmidts Russe uns den Strom abschaltet.

Es kann aber gut sein, daß die Rollkommandos des Weltennetzes eines fernen Tages wirklich dazu beitragen, als versöhnende Kraft der Dialektik zwischen müden Print-Fat-Cats und übermütigen rat packs des Lobo-Rudels zu dienen ... Immerhin haben wir es ihren katalysatorischen Kräften zu verdanken, daß sich die Hinfälligkeit unseres journalistischen Edelpersonals, der immergleichen Talkshow-Historiker und stiftungseigenen Osteuropaexperten vor uns offenbart.
 

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Wolf Reiser
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 23

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