LI 112, Frühjahr 2016
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Experimenteller Geist

Epistemische Dinge, technische Objekte, Infrastrukturen der Forschung

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Experimentalraum

Michael Schwab: In welcher Art Raum finden Experimente statt?

Hans-Jörg Rheinberger: Heute finden die Naturwissenschaften vorwiegend in allen möglichen Laboratorien statt. Sogar die Feldforschung erinnert inzwischen an den Laborbetrieb. Laboratorien sind halb geschlossene Räume – „esoterische“ Räume, um es mit den Worten von Ludwik Fleck (1980) zu sagen – voller Jargon und unzugänglich für die Alltagserfahrung. Ein Außenstehender versteht nicht mehr, was vor sich geht. Wenn wir wirklich begreifen wollen, was die Naturwissenschaften in ihrem Inneren antreibt, müssen wir diese Blackboxes der Forschung öffnen, diese Inseln, die „Zugang zu einer Emergenz“ gewähren, wie Gaston Bachelard (1949) es genannt hat. Es genügt nicht, daß wir die Wissenschaften unter Gesichtspunkten betrachten wie beispielsweise der Verbreitung ihrer Ergebnisse, dem Einfluß wirtschaftlicher Interessen und so fort. Die Forschung an sich ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Ich denke, in der Kunst sehen wir uns einer ähnlichen Situation gegenüber, daher müssen wir uns davor hüten zu glauben, wir könnten die Wissenschaften oder die Künste aus einer vollkommen exoterischen Perspektive verstehen, obwohl auch die Exoterik dazugehört.

Wie heterogen sind diese halb geschlossenen Räume?

Diesen Raumbegriff müssen wir natürlich einengen und historisieren. Alle Kategorien, die ich verwende, sind historisch geprägt. Ohne diesen Aspekt zu berücksichtigen, läßt sich der Kern des Versuchs nicht begreifen. Wenn wir aus historischer Sicht über Räume des Wissenserwerbs sprechen, wird rasch deutlich, daß das Labor als Experimentalraum eine relativ junge Entwicklung ist. In der Naturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts war beispielsweise einer der vorherrschenden Räume für den Wissenserwerb der botanische Garten, während auf medizinischem Gebiet eine der wichtigsten Instanzen für den Wissenserwerb – zumindest seit dem Ende des 18. Jahrhunderts – die Klinik ist. Daher ist festzustellen, daß das Experimentallabor ein epistemischer Raum unter vielen ist, mit anderen Worten, die epistemischen Räume selbst offenbaren eine historische und zeitgenössische Vielfalt. Diese Verschiedenartigkeit oder Heterogenität wiederholt sich fraktal, wenn man die Mikrostruktur eines bestimmten epistemischen Raums wie des Labors berücksichtigt. Ein Gegenbeispiel wäre eine tayloristische Industrieproduktion, bei der es eine klare Arbeitsteilung gibt und alle Teile des Prozesses reibungslos ineinandergreifen. Laboratorien sind anders organisiert. Sie haben weit mehr Ähnlichkeit mit dem Prozeß, den Claude Lévi-Strauss (1968) als „bricolage“ – „Bastelei“ – bezeichnet. Schaut man sich irgendeine bestimmte Vorrichtung des Labors an, stellt man fest, daß ihre Konstruktion auf einer Vielzahl von Ad-hoc-Maßnahmen beruht, die dafür sorgen, daß man sich in einer lokalen Umgebung auf sie verlassen kann. Man könnte sie noch nicht einmal in das nächste Gebäude transportieren – dort würde sie unter Umständen nicht mehr funktionieren. Diese Besonderheit ist ein zentraler Aspekt experimenteller Arbeit, kreativer experimenteller Arbeit.

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Muß man bestimmten technischen Objekten um so mehr Aufmerksamkeit schenken, je näher man der epistemischen Situation kommt, während andere eher im Hintergrund bleiben?

In Experimentalsysteme und epistemische Dinge habe ich zum Ausdruck gebracht, daß der Experimentalprozeß von der Dialektik zwischen epistemischen Dingen und technischen Objekten lebt und daß zwischen ihnen eine funktionale und keine substantielle Beziehung vorliegt. Epistemische Dinge, die ein bestimmtes Stadium der Klärung erreicht haben, können in technische Objekte umgewandelt werden – und umgekehrt: Technische Objekte können wieder epistemisch problematisch werden.

Normalerweise werden die Techniken, mit denen man arbeitet, als Blackboxes verwendet; sie lassen sich jedoch erneut öffnen und können Dinge von epistemischem Interesse werden. Diese Dialektik zwischen dem Epistemischen und dem Technischen schien mir – und scheint mir noch immer – den Kern des wissenschaftlichen Experimentalprozesses zu bilden. Das technische Objekt beziehungsweise das epistemische Ding sind die materiellen Korrelate des Wechselspiels zwischen Stabilität und Veränderung, das für die charakteristische Zukunftsoffenheit des Experimentalprozesses sorgt, obwohl – oder sogar weil – von früheren Errungenschaften rückhaltlos Gebrauch gemacht wird. In einem Experimentalsystem sind alle Dinge miteinander verknüpft.

Versucht man zu beschreiben, woraus ein solcher Laborraum besteht, muß man sicherlich eine stattliche Anzahl weiterer Spezifikationen einführen, die seine technische Einrichtung betreffen. Das Elektronenmikroskop ist ein gutes Beispiel. Möglicherweise ist die Vergrößerungsleistung des Instruments das entscheidende Element der experimentellen Arbeit. Doch um es auszuschöpfen, braucht man eine Infrastruktur, die über das Instrument und die Probe, die mit ihm untersucht werden soll, hinausreicht. Unter anderem braucht man für das Gerät eine Hochspannungsvorrichtung und ein sehr stabiles Fundament, ohne das sich keine guten Bilder erzielen lassen. Das Instrument greift also ständig auf die Architektur des Laborraums über. Und was die Proben angeht, so bedarf es ausgetüftelter Verfahren, um sie in eine Form zu bringen, in der sie mit dem Elektronenstrahl erkenntnisfördernd wechselwirken können.

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Im Heft auf Seite 114

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