LI 113, Sommer 2016
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Die Sprache Europas

Über die Universalität der französischen Sprache

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Die Zeit scheint gekommen, von einer „französischen Welt“ zu sprechen, wie man einst von einer „römischen Welt“ sprach; auch die Philosophie, der es mißfällt, daß die Menschen stets durch politische Interessen getrennt sind, sieht nun mit Freuden, wie sie sich unter der Herrschaft einer gemeinsamen Sprache bis an die Enden der Welt zu einer Republik zusammenfinden. Ein Anblick, der ihrer würdig ist, dieses geeinte, friedliche Reich der Wissenschaften, das sich über die Vielfalt der Völker breitet und, dauerhafter als das Reich der Waffen, sowohl durch die Früchte des Friedens als auch durch die Zerstörungen des Krieges wächst!

Aber diese ehrenreiche Universalität der französischen Sprache, die heute in Europa anerkannt und laut bekundet wird, stellt uns doch vor ein großes Problem: Sie hängt von so empfindlichen und zugleich machtvollen Bedingungen ab, daß man zur Erläuterung aufzeigen muß, inwiefern die Lage Frankreichs, seine politische Verfassung, der Einfluß seines Klimas, das Genie seiner Schriftsteller, der Charakter seiner Bewohner und die Meinung, die sie dem Rest der Welt über sich zu vermitteln vermochte, inwiefern also derart zahlreiche und unterschiedliche Bedingungen zusammenwirkten und sich verbanden, daß diese Sprache sich so wunderbar entwickelte.

Nachdem die Römer die Gallier besiegten, im Lande blieben und Gesetze erließen, begünstigte dies zunächst die lateinische Sprache; als die Franken ihnen folgten, unterstützte die christliche Religion weiterhin diese Stellung, die das Fundament ihres Königtums bildete. Man sprach Latein bei Hofe, in den Klöstern, im Gericht und in den Schulen; aber die Umgangssprachen des Volkes durchdrangen allmählich das Latein und wurden wiederum von ihm durchdrungen. Aus dieser Mischung ging die Vielzahl der Dialekte hervor, die noch in unseren Provinzen lebendig sind. Einer von ihnen sollte später die französische Sprache werden. 

Nur schwer läßt sich der Augenblick bestimmen, in dem sich diese unterschiedlichen Dialekte vom Keltischen, Lateinischen und Deutschen ablösten: Man sieht nur, wie sie sich offenbar die Herrschaft in einem Königreich streitig machen mußten, welches das Feudalsystem in viele kleine Königtümer aufsplitterte. Für ein rascheres Vorgehen genügt es festzustellen, daß das von der Natur durch die Loire getrennte Frankreich zwei Dialekte besaß, auf die sich alle übrigen zurückführen lassen, das Pikardische und das Provenzalische. Die Fürsten übten sich in allen beiden und in beiden wurden zunächst auch die Ritterromanzen und kleinen Dichtungen jener Zeit verfaßt. Im Süden hatten die troubadours ihre Blüte und im Norden die trouveurs. Diese beiden Wörter, im Grunde nur eines, bilden recht gut die Formen der beiden Sprachen ab.

Hätte das Provenzalische obsiegt, das nur offene Vokale kennt, hätte es dem Französischen den Klangreichtum des Spanischen und Italienischen geschenkt; aber der Süden, noch immer ohne Hauptstadt und König, konnte der Konkurrenz des Nordens nicht standhalten, das Pikardische setzte sich mit dem wachsenden Einfluß der Krone schließlich durch. Das klare, methodische Genie dieser Mundart und die etwas stimmlose Aussprache kennzeichnen daher heute die französische Sprache. Aber obwohl die neue Sprache vom Hofe und der Nation übernommen wurde und obgleich bereits 1260 ein italienischer Autor sie so reizvoll fand, daß er sie der eigenen vorzog, lehnten die Kirche, die Universität und die Parlamente das Französische noch ab, und erst im 16. Jahrhundert gewährte man ihm die einer Staatssprache gebührenden Ehren.

Zu jener Zeit der Renaissance in den Wissenschaften, der Entdeckung Amerikas und der Route nach Indien, der Erfindung des Schießpulvers und der Druckkunst, erhielten die Staaten ein neues Gesicht. Die zuvor glänzten, verschatteten sich plötzlich; andere, aus ihrem Dunkel tretend, spielten nun eine Rolle auf der Bühne der Welt. Zwar spaltete zwischen Norden und Süden ein neues Schisma die Kirche, aber ein gewaltiger Handel hat neue Verbindungen zwischen den Menschen entstehen lassen. Mit Untertanen aus Afrika kultivieren wir Amerika und die Reichtümer aus Amerika verkaufen wir in Asien. Das Universum hat nie zuvor ein solches Schauspiel gekannt. Vor allem Europa hat eine Macht erlangt, die in der Geschichte unvergleichlich ist: Die vielen Hauptstädte, die Vielzahl und die Schnelligkeit seiner Expeditionen, der öffentliche und der private Verkehr haben es zu einer großen Republik werden lassen, die sich für eine Sprache entscheiden muß.

Die deutsche Sprache

Die Wahl konnte nicht auf die deutsche Sprache fallen; denn gegen Ende des 15. Jahrhunderts und das ganze 16. Jahrhundert hindurch entstand in ihr kein einziges bedeutendes Werk. Vom Volk, das sie sprach, vernachlässigt, mußte sie immer hinter dem Latein zurücktreten. Wie sollen andere etwas übernehmen, das man selbst nicht zu übernehmen wagt? Von den Deutschen selbst hat Europa die deutsche Sprache verachten gelernt. Überdies ist festzustellen, daß das Deutsche Reich nicht die Rolle spielte, zu der es durch seine Größe und seine Bevölkerungszahl von Natur aus berufen gewesen wäre: dieser riesige Reichskörper hatte nie ein Haupt, das seiner angemessen gewesen wäre. Und zu allen Zeiten blieb der Schatten des Cäsarenthrons, den man den Nationen darbieten wollte, tatsächlich nur ein Schatten. Man darf nicht unterschätzen, wie viel vom Glanze des Oberhaupts und des Volkes auf die Sprache übergeht. Als endlich das Haus Österreich, voll Stolz auf seine vielen Kronen, Europa die Furcht vor einer weltumspannenden Monarchie einflößen konnte, stellte sich wieder die Politik dem Glück der deutschen Sprache entgegen. Karl V., stärker verbunden mit seinem ererbten Szepter als mit einem Thron, den sein Sohn ohnehin nicht besteigen konnte, lenkte den kaiserlichen Glanz auf die spanische Nation.

Diesen vielen Hindernissen für die deutsche Sprache im Reich lassen sich einige weitere hinzufügen, die in ihrem Wesen liegen: Sie ist zugleich zu reich und zu schwierig. Ohne Verbindung zu den alten Sprachen, war sie Europas Muttersprache, doch wegen ihrer Ausdrucksfülle schraken die von Griechisch und Latein ermüdeten Köpfe vor ihr zurück. Ein Deutscher, der die französische Sprache lernt, gleitet gewissermaßen vom Latein geleitet zu ihr hinab; nichts aber kann uns von der französischen zur deutschen Sprache wieder hinaufsteigen lassen: Es sei denn, man schüfe sich ein völlig neues Gedächtnis; vor einem Jahrhundert war jedoch die deutsche Literatur dieser Mühe nicht wert. Hinzu kam, daß die gutturale Aussprache zu sehr das Ohr der Völker des Südens schockierte; und indem die deutschen Drucker an der Frakturschrift festhielten, schreckten sie auch ihre an die lateinischen Buchstaben gewöhnten Augen ab.

Es gilt also die Regel, während der Mensch aus dem Norden zum Studium der südlichen Sprachen berufen ist, wird es im deutschen Reich langer Kriege bedürfen, bis die Völker des Südens ihre Scheu vor den Sprachen des Nordens ablegen. Das Menschengeschlecht ist wie ein Strom, der von Norden nach Süden fließt; nichts kann ihn dazu bringen, gegen seine Quelle zu fließen; das ist der Grund, weshalb die Universalität der französischen Sprache für Spanien und Italien weniger gilt als für den Rest Europas. Hinzu kommt, daß die deutsche Sprache fast ebenso viele Dialekte wie Hauptstädte hat: Deshalb werfen sich die Schriftsteller gegenseitig Provinzialität vor. Allerdings sagt man zu Recht, daß sich die herausragenden unter ihnen über eine gewisse Wahl der Worte und Ausdrücke verständigt haben, was ihre Sprache inzwischen vor diesem Vorwurf schützt, sie aber auch außerhalb der Reichweite des Volkes in deutschen Landen rückt.

Es muß sich noch erweisen, in welchem Maße die heute stattfindende Umwälzung in der Literatur der Deutschen sich auf den Ruf ihrer Sprache auswirken wird. Es läßt sich vermuten, daß diese Umwälzung etwas spät kommt und daß die Schriftsteller dabei zu hoch gegriffen haben: Gedichte mit Themen aus der Bibel, das atmet Altväterlichkeit und verkündet vorbildliche Sitten, dies alles kann nur reizvoll sein für eine einfache, seßhafte Nation fast ohne Hafen und Handel, welche möglicherweise nie unter einem Oberhaupt vereint sein wird. Deutschland wird noch lange das Schauspiel eines rückständigen, bescheidenen Volkes bieten, unter der Regierung einer Vielzahl von Fürsten, welche die Moden und die Sprache einer anziehenden und gebildeten Nation lieben. Die ungewöhnliche Empfänglichkeit dieser Fürsten und ihrer Akademien für ein fremdes Idiom stellt ein weiteres Hindernis dar, das sie ihrer Sprache aufstellen, als wollten sie diese selbst ausschließen.

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Italien und seine Sprache

Aber wie kommt es, daß nicht Italien seine Sprache Europa gegeben hat? Seit so vielen Jahrhunderten das Zentrum der Welt, wären wir doch an sein Reich und seine Gesetze schon gewöhnt gewesen. Als Italien die Cäsaren ausgingen, folgten ihnen die Päpste; die Religion gab stets die Staaten zurück, nachdem das Waffengeschick sie genommen hatte. Die einzigen guten Straßen in Europa führten nach Rom; nur Rom zog die Wünsche und das Geld aller Völker auf sich, weil inmitten der dichten Schatten über dem Westen diese Kapitale immer eine Menge Licht ausstrahlte; und als die schönen Künste, aus Konstantinopel vertrieben, in unsere Breiten flüchteten, erwachte bei ihrem Nahen zuerst Italien und wuchs ein zweites Mal zur Größe Griechenlands. Wie kam es aber, daß Italien all diesen Errungenschaften nicht auch die Herrschaft der Sprache hinzugefügt hat? 

Der Grund ist, daß zu allen Zeiten die Päpste nur Latein sprachen und schrieben: Zwanzig Jahrhunderte lang herrschte diese Sprache in den Republiken, den Höfen, den Schriften und bedeutenden literarischen Werken Italiens, während das Toskanische neben ihr die Vulgärsprache geheißen wurde. Als Dante daranging, seine Mißgeschicke und ihre Vergeltung zu schildern, zögerte auch er lange zwischen dem Toskanischen und dem Latein. Er mußte einsehen, seine Sprache hatte, wiewohl im Süden Europas, nicht den Klangreichtum und die Strahlkraft des Provenzalischen; und er meinte wie seine Zeit, daß nur die lateinische Sprache Unsterblichkeit verlieh. Petrarca und Boccaccio litten unter denselben Ängsten; und wie Dante konnten sie der Versuchung nicht widerstehen, den Großteil ihrer Werke in Latein zu verfassen. Es geschah aber das Gegenteil von dem, was sie erhofften: Mit der Muttersprache hat ihr Name überlebt; ihre lateinischen Werke sind vergessen. Und es ist sogar anzunehmen, daß nur die erhabenen Eingebungen dieser drei Großen verhinderten, daß das Provenzalische der Troubadoure selbst am päpstlichen Hofe, der in der Provence residierte, dem Italienischen den Rang streitig machte.

Wie dem auch sei, nachdem Dantes und Petrarcas von antiker und neuzeitlicher Schönheit strahlende Dichtungen die Bewunderung Europas auf sich gezogen hatten, gewann die toskanische Sprache an Einfluß. Zu jener Zeit ging der gesamte Handel der Alten Welt durch die Hände Italiens: Pisa, Florenz, aber vor allem Venedig und Genua waren die einzigen schwerreichen Städte Europas. Von ihnen mußte man zur Zeit der Kreuzzüge die Schiffe leihen, um nach Asien zu fahren, und von ihnen bezogen die französischen, englischen und deutschen Fürsten das bißchen Luxus, das sie hatten. Die toskanische Sprache beherrschte das ganze Mittelmeer. Schließlich begann die Glanzzeit der Medici, Machiavelli brachte Ordnung in das politische Chaos, und Galilei legte den Samen jener Philosophie, die nur für Frankreich und den Norden Europas Früchte tragen sollte. Bildhauerei und Malkunst schufen wahre Wunder, und die Architektur hielt mit ihnen Schritt. Rom schmückte sich mit zahllosen Kunstwerken, Ariost und Tasso brachten die klangvollste der Sprachen zur Perfektion, ihre Dichtungen werden stets die besten Meisterwerke Italiens bleiben und alle Menschen bezaubern. Wer sollte also die Herrschaft einer solchen Sprache aufhalten? 

Zunächst war da ein Grund, der dem Lauf der Dinge selbst entsprang: Die Reife kam zu früh. Spanien, ganz in Politik und Krieg befangen, schien Tasso und Ariost nicht wahrzunehmen. England, noch religiös und barbarisch, besaß kein Buch, und Frankreich hatte mit dem Schrecken der Liga zu kämpfen. Europa war wohl noch nicht bereit, es verspürte noch nicht die Notwendigkeit einer universellen Sprache.

Eine Menge weiterer Gründe bieten sich an.

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Geometrie der Syntax

Was unsere Sprache von den alten und neuzeitlichen Sprachen unterscheidet, ist die Ordnung und die Konstruktion des Satzes. Diese Ordnung muß immer direkt und unbedingt klar sein. Der Franzose nennt zuerst das Subjekt der Rede, dann das Verb für die Handlung und zuletzt das Objekt dieser Handlung: Schon hat man die natürliche Logik aller Menschen; schon haben wir den gesunden Menschenverstand. Doch diese günstige Ordnung, die für den Gedankengang so notwendig ist, steht fast immer den Empfindungen entgegen, für die man zuerst das Objekt nennen würde, welches das Subjekt betrifft: Aus diesem Grund ließen alle Völker die direkte Satzordnung hinter sich, um zu mehr oder weniger kühnen Wendungen zu greifen, je nachdem, wie ihre Empfindungen oder die Harmonie der Worte es verlangten; so ist die Inversion vorherrschend auf Erden, denn die Leidenschaften beherrschen den Menschen zwingender als die Vernunft. 

Aufgrund eines einzigartigen Privilegs ist nur der Franzose der direkten Satzordnung treu geblieben, als wäre er ganz Vernunft; und man kann lange durch verschiedenste Bewegungen und alle Mittel des Stils die Ordnung verkleiden, sie muß doch immer bestehen bleiben; vergebens überwältigen uns die Leidenschaften und drängen uns, der Ordnung der Empfindungen zu folgen; die französische Syntax ist unbestechlich. Aus ihr geht jene bewundernswerte Klarheit, die ewige Grundfeste unserer Sprache, hervor. Was nicht klar ist, ist kein Französisch; was nicht klar ist, bleibt Englisch, Italienisch, Griechisch oder Latein. Will man die Sprachen mit Inversion beherrschen, reicht es aus, die Wörter und ihre Regeln zu lernen; um die französische Sprache zu lernen, muß man sich außerdem die Anordnung der Worte einprägen. Als ob die französische Sprache sich nach einer einfachen Geometrie, der simplen Geraden, gebildet hätte; und als wenn einst über die griechische und lateinische Sprache die Kurven und ihre unendlichen Varianten wachten. Unsere Sprache regelt und leitet das Denken; jene stürzen hervor und verirren sich mit ihm im Labyrinth der Empfindungen, folgen dabei allen Zufällen des Klangs: Auch eigneten sie sich wunderbar für Orakel, während die unsere sie grundsätzlich verschmähte. 

Daraus folgte, daß die französische Sprache sich für die Musik und die Verskunst weniger empfahl als jede andere alte oder neuzeitliche Sprache, denn beide Künste leben von Empfindungen; es gilt vor allem für die Musik, die einer spannungslosen Rede Kraft verleihen und starke Ausdrücke abschwächen kann: Das beweist nur unwiderleglich, daß sie selbst eine eigenständige Macht ist, die alles ablehnt, was mit ihr an der Herrschaft über die Empfindungen teilhaben will. Wenn Orpheus immer wieder sagt: „Ich habe meine Eurydike verloren“, so wird der sprachliche Eindruck dieses wiederholten Satzes bald zunichte sein, der musikalische Eindruck wächst davon nur noch mehr. Und es ist keineswegs, wie oft gesagt wurde, weil die französischen Wörter des Klangs entbehrten, daß die Musik sie ablehnt; es ist, weil sie Ordnung und Folgerichtigkeit bieten, wohingegen der Gesang Unordnung und Hingabe verlangt. Die Musik soll die Seele im Ungefähren wiegen, nur Motive andeuten. Schmach über die Musik, von der man sagt, sie habe alles erfaßt! Die Akkorde sind dem Ohr aus demselben Grund gefällig, wie die Aromen und Düfte dem Geschmacks- und Geruchssinn gefallen.

Wie aber die strenge Konstruktion des Satzes den Gang des Musikers hemmt, so macht die Phantasie des Dichters vor dem vorsichtigen Genie der Sprache halt. Die Metaphern der ausländischen Dichter sind stets gewagter als die unseren; sie schließen sich enger an den bildhaften Stil, und ihre Poesie ist farbiger. Allgemein läßt sich feststellen, im Orient waren die Vergleiche durchweg tollkühn; die der Griechen und Lateiner waren kühn, unsere sind einfach passend. Beim Dichter muß daher vor allem der Gedanke gefallen, neben der durchgängigen Eleganz, den gelungenen Wendungen, dem Zusammenspiel der Worte. So konnten die großen Meister oft mit Glück Kühnheiten im Gewebe eines klaren und klugen Satzes verstecken; eben aus der Kunstfertigkeit, mit der sie die Treue zum Genie ihrer Sprache zu verbergen wußten, ergibt sich der ganze Zauber ihres Stils. Daraus läßt sich schließen, daß die so nüchterne, zurückhaltende französische Sprache noch die geringste von allen wäre, wenn nicht eine Menge guter Schriftsteller sie auf den ersten Rang gehoben hätte, indem sie bis an ihre Grenzen gingen.

Ordnung statt Inversion

Die unbedingte Regelmäßigkeit unserer Sprachordnung ist eines der größten Probleme, die man dem Menschen stellen kann. Zugegeben, weil die Griechen und selbst die Lateiner jedem Wort eine Familie und ihren Endungen viele Möglichkeiten gaben, konnten sie kühnste Wendungen für den Eindruck verwenden, den die Objekte in ihnen hervorriefen: Unterdessen hält in unseren neuzeitlichen Sprachen das Hemmnis der Konjugationen und das Gewicht eines Artikels, ein Substantiv am falschen Ort und ein unpassendes Verb uns zur Vorsicht an, damit der Satz nicht unverständlich wird. Aber warum hat sich von den neuzeitlichen Sprachen einzig die unsere einer so strengen Ordnung unterworfen? Könnte es sein, daß der Charakter der französischen Nation die Klarheit so notwendig braucht? 

Zweifelsohne brauchen sie alle Menschen, und ich kann mir nicht vorstellen, daß das einfache Volk in Athen oder Rom viele Inversionen benutzte. Selbst ihre größten Schriftsteller haben ein Übermaß davon in Vers und Prosa beklagt. Sie spürten, daß die Inversion die einzige Quelle für die Schwierigkeiten und Mißverständnisse war, von denen ihre Sprache wimmelte; denn sobald die Ordnung und der Gang des Gedankens geopfert werden, beherrschen Ohr und Phantasie, also das Sprunghafteste im Menschen, die Rede. So lobt etwa Demetrios von Phaleron Thukydides in auffälliger Weise, daß er seine Geschichte mit einem Satz einleitet, der vollkommen der französischen Satzkonstruktion entspricht. Der Satz von Thukydides war elegant und direkt zugleich; das kam sonst selten vor, denn jede an die freie Wortstellung gewöhnte Sprache vermag das Joch der Ordnung nicht mehr zu tragen, ohne an Beweglichkeit und Grazie zu verlieren. 

Aber weil die unbedingte Klarheit die französische Sprache auszeichnet, hat sie die gesamte Eleganz in der Ordnung suchen müssen; Ordnung und Klarheit mußten vor allem in der Prosa walten, hier wurde ihr zwangsläufig die Macht überlassen. Dies ist der natürliche Gang der Dinge; die französische Prosa ist unvergleichlich.

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Im Heft auf Seite 84
Aus dem Französischen von Beate Thill
Heftpreis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%
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