LI 111, Winter 2015
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Das andere Europa

Mitteleuropa und die große Migration

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Somit offenbart die Einwanderungswelle auch, daß im Europa der letzten zwanzig Jahre zwar die Volkswirtschaften und die politischen Systeme von Ost und West spektakulär zusammengewachsen sind, daß Veränderungen der Gesellschaft und Mentalität aber viel langsamer vonstatten gehen. An der Bereitschaft, mit Vielfalt umzugehen und mit anderen Kulturen Seite an Seite zu leben, mangelt es im Osten noch empfindlich. Auch in Westeuropa wird im Zusammenhang mit der Einwanderungsproblematik vielen (wieder) bewußt, wie „anders“ die Länder Ostmitteleuropas noch sind.

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Aber nicht nur die Vorstellungen, die man sich voneinander macht, und die Wahrnehmungen der Menschen in allen Winkeln Europas verschieben sich. An beide knüpfen sich auch verschiedene Erzählungen und Definitionen dessen, was Europa eigentlich sein soll.

Als Angela Merkel an die Pflicht zur Gewährung von Asyl und zur Solidarität im Namen des europäischen Humanismus appellierte, erwiderte Viktor Orbán, er schütze mit dem Bau des Zaunes die „europäische Kultur“. Zwei Auffassungen von Europa prallen hier aufeinander. Die eine, eng mit der EU verbundene, beruft sich auf allgemeine Normen und Regeln. Demnach ist das Asyl, um nur diesen einen Aspekt aufzugreifen, keine Option, sondern eine Verpflichtung. Sie leitet sich aus dem Bekenntnis der EU-Mitgliedstaaten zu den Menschenrechten ab. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, lautet der erste Satz des deutschen Grundgesetzes (und die Verfassungen der meisten EU-Mitgliedstaaten enthalten ähnliche Formulierungen). Angela Merkel interpretierte dies als ein de facto unbeschränktes Asylrecht. Die jüngste Entwicklung Deutschlands weg von einem nationalen Selbstverständnis auf Basis der ethnisch definierten Gemeinschaft und hin zu dem einer rechtlich verfaßten Gesellschaft, dem auch seine gleichzeitige Bekehrung zu einem „Multikulti-Begriff“ von Nation und Staatsangehörigkeit entspricht, ist der deutlichste Ausdruck dieser Vorstellung von Europa und europäischen Werten.

Die Mitteleuropäer haben ihre eigene Erzählung, ihre eigene Auffassung von Europa, und sie stellen gerade fest, daß beide sich nicht mit den in der EU vorherrschenden vertragen. Wie kam es dazu? Diese Nationen, denen lange ein Staat fehlte, waren Kulturnationen (nach dem einstigen deutschen, Herderschen Muster). Sie definierten sich über Sprachen, Kulturen und häufig auch über den Glauben. Die Mitteleuropäer haben dieses Verständnis der Nation in der Folge auf ihre kulturell-zivilisatorische Definition Europas übertragen. Sie sehen sich historisch und geografisch als Beschützer, als „Bollwerk“ (antemurale Christianitatis) gegen äußere Bedrohungen: 1683 wurden die Osmanen, die schon im 16. Jahrhundert Budapest erobert hatten, von den Armeen des polnischen Fürsten Jan Sobiesky vor den Toren Wiens aufgehalten; in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten die Mitteleuropäer kulturellen, geistig-seelischen Widerstand gegen den vom Osten eingedrungenen, sowjetischen Totalitarismus; während der Westen Europa für einen „Gemeinsamen Markt“ hielt, betonten Mitteleuropäer die Zugehörigkeit zu einer westlichen Kultur und europäischen Zivilisation. Diese Erzählung von Mitteleuropa als einem „occident kidnappé“, einem „Westen in Geiselhaft“ (Kundera), entstand in den 1980er Jahren. Sie stammte aus den Federn von Schriftstellern, Dissidenten oder Intellektuellen im Exil und triumphierte, als diese 1989 ins Zentrum des Geschehens rückten. Für einige Zeit gab es die Erwartung oder messianische Illusion, Mitteleuropa könnte maßgeblich die Identität eines wiedervereinigten Europa neu bestimmen. Stattdessen zerfaserte die Mitteleuropaerzählung dann mit dem Abgang der Intellektuellen und dem Primat auf der wirtschaftlichen Integration in den nüchterneren Prozeß und die normative Agenda der EU-Erweiterung.

Universalismus und Kulturalismus

Ein weiterer wichtiger Grund: Der mitteleuropäische Diskurs der achtziger Jahre verband Europa als Kultur beziehungsweise Zivilisation noch mit den allgemeinen Menschenrechten. Heute erscheinen beide als Gegensätze. Die EU definiert sich über allgemeine Werte und Menschenrechte, demgemäß lehnt sie jede kulturalistische Definition Europas ab. Die Schwierigkeit, eine zufriedenstellende Formulierung für die Präambel zum Entwurf der europäischen Verfassung von 2005 zu finden, verdeutlichte dieses Streben nach kultureller Neutralität. Schon die Bezeichnung „europäische Zivilisation“ ist weitgehend tabuisiert und wird heute nur benutzt, wenn es um die Verurteilung des barbarischen Dschihad-Terrors geht. Wenn Mitteleuropa nun beansprucht, sich gegen eine „muslimische Invasion“ aus dem Süden zu wehren und eine europäische oder „christliche Kultur“ zu verteidigen, so betreibt es eine ziemlich krude Wiederentdeckung oder eher Aufwärmung eines Diskurses kultureller Identität, der dem breiten europäischen Konsens als ein „Zusammenstoß der Kulturen“ aufstößt und Widerhall überwiegend beim nationalistischen, populistischen und europafeindlichen Ende des politischen Spektrums findet.

Seit ihrem EU-Beitritt schätzen die Mitteleuropäer dessen wirtschaftliche Vorteile, beschweren sich aber häufig über mangelnde Rücksicht auf ihre besonderen Erfahrungen und die Bedürfnisse ihrer im Zuge der EU-Integration verwässernden mitteleuropäischen Identität. Nun könnten sie bald mehr Aufmerksamkeit erhalten, als ihnen lieb ist. In den vergangenen sechs Monaten waren Mitteleuropa und seine Politiker in den westlichen Medien präsenter als in den zwanzig Jahren davor. Ohne Zweifel vereinfachten und moralisierten viele dieser Berichte über die Maßen, doch sie hatten eines gemein: Alle bemerkten kritisch den sehr eigenen Umgang Mitteleuropas mit dem wichtigsten Thema dieser Tage. Sie erkannten das Anderssein dessen, was einmal das „andere Europa“ war.
 

Mehr von:
Jacques Rupnik
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 26
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

Genre

Hauptthema:
  • Die Wiederkehr einer kulturalistischen Definition der Idee Europas in Ostmitteleuropa im Zusammenhang der Flüchtlingskrise

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