LI 104, Frühjahr 2014
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Insider sind out

Kunstbetrieb und olympischer Geist oder Dabeisein ist nicht alles

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Künstler, die in ihrer Arbeit Erfolgskriterien wie Zugewinn, Willkür, Manipulation oder Karriereverlauf reflektieren, sind seit jeher Sand im Getriebe des Kunstmarktes, da Gift für die Geldbörse der Sammler. In den Achtzigern waren dies meist junge Wallstreet-Yuppies, Werbeprofis oder unterbeschäftigte Gattinnen neureicher Immobilienhaie. Gegenwartskunst gab sich als ein System, das sich als vergeistigt und an den materiellen Verlockungen der Leistungsgesellschaft nicht interessiert inszenierte. Dabei funktionierte sie bereits auf amerikanische Weise, bevor es Amerika überhaupt gab. Wir sprechen von römischen Päpsten, Stauferkönigen oder den Renaissancehöfen italienischer Provinzadeliger, zu schweigen von den bürgerlichen Amsterdamer Förderern eines Rembrandt. Der Kunstbetrieb war und ist heute wie gestern nicht Spät-, sondern Frühkapitalismus, ein von angeblich durch ihre Leidenschaft getriebenen Auftraggebern gelenkter Markt, der vor allem Schaufenster des neuen Geldes ist.

Never be second

Schon immer hat das zum Konkurrenzkampf unter Künstlern, selbst den Genies, geführt. Neu ist, daß seit gut dreißig Jahren nicht nur die Form, sondern zunehmend auch der Inhalt der Kunst ihrer wirtschaftlichen Konstellation unterworfen ist. Eine Sixtinische Kapelle würde heute nicht mehr formal visionär, sondern zeitgeistig ausgemalt, aber selbstverständlich auch diesmal vom Marktleader, vom Michelangelo des 21. Jahrhunderts. Sagen wir von Takashi Murakami; Gerhard Richter hat bereits die Fenster des Kölner Doms gestaltet. Murakami und Richter brillieren – unter anderem – malerisch durch Inhaltslosigkeit, der eine gegenständlich, der andere abstrakt. Und durch ihren Marktwert.

Never be second lautete vor kurzem die Werbekampagne eines Sportartikelherstellers, ein Motto, das umstandslos auch im Kunstbetrieb gilt. Olympischer Geist ist nicht alles, dabeisein reicht also nicht, Künstler sein ist für sich allein keine Auszeichnung, man muß erfolgreicher Künstler sein. Ist man das nicht oder spielt man in der zweiten Liga, sollte man den Mantel des Schweigens über dieses Versagen legen und es auf keinen Fall thematisieren. Das materielle Scheitern des Künstlers darf in der Kunst kein Thema sein.

Erfolg und nicht, wie früher angenommen, Talent ist das Kapital des Künstlers. Erfolg wird durch Erfolg belohnt, wie heute mit Geld Geld verdient wird. Erfolg, nicht Talent, ist meßbar – angeblich indem man Museumsausstellungen, Galerieverkäufe und Auktionen in einem Punktesystem zusammenzählt.

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Outsider sind in

Warum stehen Künstler, die ihre Liebe zur Utopie der Avantgarden offen zeigen, seit der Wende des Mauerfalls nicht mehr hoch im Kurs? War solche Zeitgleichheit beim Absturz der Ideologien, in Politik wie Kultur, wirklich Zufall? Möglicherweise nicht. Was der Politik heute ein angeblich sozial verbrämter Neoliberalismus jenseits aller utopiebasierten Ideologien sein mag, ist der Gegenwartskunst eine „Postpostmoderne“ genannte ideologische und ethische Beliebigkeit, konsumorientiert und avantgardefeindlich, die jede Reflexion des eigenen Status meidet. Kurz vor der politischen hatte es Anfang der achtziger Jahre eine kulturelle Wende gegeben; seither will der Künstler nicht mehr Glied in einer Kette sein, sondern Anachronist und Außenseiter, möglichst mißverstanden, aber im Segment sechsstelliger Preise gehandelt.

„Außenseiter“ – das ist das Zauberwort unserer Zeit. Selbst Künstler, die in den sechziger Jahren auftauchten und sich an der Mauer der damals Arrivierten blutige Nasen holten, bezeichneten sich im nachhinein als Außenseiter. Ein Alex Katz, der von den Pop-Artisten geschnitten wurde. Eine Louise Bourgeois, die man als Hausfrau abtat. William Copley, den man als wohlhabenden Schönling schnitt. Sind die künstlerischen Avantgarden in ihrer formalen Arroganz selbst daran schuld? Allzulange blieben sie autoreferentiell, im Duchampschen Kielwasser das Alphabet der ideologischen Avantgarden deklinierend. Jeder junge Künstler, der etwas Neues machte, war zunächst ein Außenseiter. Doch nach dem von Francis Fukuyama verkündeten Ende der Geschichte begann die Post-Pop-Kultur wie nie zuvor systematisch frische Trends und Moden zu lancieren, um das Betriebssystem unter Dampf zu halten. Der Rhythmus neuer Marktangebote wurde immer schneller, fast zeitgleich mit den Young British Artists wurden Photographen der Becher-Klasse, Dienstleister, welche als künstlerische Sozialarbeiter im Ausstellungsraum Reis für die Besucher kochten, Maler der Leipziger Schule und andere Grüppchen gehypt. Heute regiert, in Ermangelung neuer Trends, die Outsider-Kunst. Keine internationale Großausstellung, in der nicht verschrobene Positionen obsessiver Einzelgänger entdeckt werden, die, möglichst ihr Leben lang, Werke ohne jegliche Referenz an ihre eigene Epoche produziert haben.
 

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 92

Genre

Hauptthema
  • Warum das Scheitern eines Künstlers in der Gegenwartskunst kein Thema ist

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