LI 099, Winter 2012
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Vergegenwärtigungen

Lebendige Erinnerungen aus dem Leben eines Prominentenjägers

        Louis-Ferdinand Céline

(…)

Ich kann nicht behaupten, daß ich den Doktor sympathisch fand. Auch nicht, nachdem meine Madame mich aufklärte, daß der volle Titel des Romans Reise ans Ende der Nacht lautete, was mich als jungen Romantiker wiederum stark anmachte. Und es sei brillantes Französisch. Aber doch letztlich ein tas d’ordures, ein einziger Misthaufen, nichts für mich. Und natürlich gebe ich das dem Doktor weiter. Er lacht höhnisch: „Ja, die sind alle hinter mir her.“ „Wer denn?“ „Na, sie! Die youpins. Und die in ihrem Sold stehen. Deswegen haben sie mich auch abgelehnt, für den Preis.“ „Welchen Preis?“ frage ich höflich. „Den Goncourt natürlich! Bon Dieu, ihr Leute seid doch sonst nicht so begriffsstutzig. Egal. Kommst du morgen mit, mir Wien zeigen? Falls es an diesem fadenscheinigen Ort etwas gibt, das zu sehen lohnt.“

         Karl Valentin

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Wir erkundigen uns, wo Valentin denn jetzt sei? „Wo soll er sein? Unten sitzt er halt, in der Kantine.“ Worauf Liesl losgeschickt wird, ihn zu holen. Sie kommt wieder mit einem schwer keuchenden Valentin, der unter der Last eines kleinen verschnürten Kartons hin- und herwankt, als wäre es ein gefällter Baumstamm. Dazu Liesl: „Dich muß man auch antreiben als wie ein Muli.“ Valentin wütend: „Ja, und von Mulis verstehst du halt was.“ Liesl: „Na ja, is scho wahr, i war Mulitreiberin im Krieg, und du, wo warst du? Blöde Sprüch’ hast halt g’macht, sonst gar nix. Aber mich haben’s zur Oberstabsgefreitin ernannt, bitte schön!“ Darauf Valentin fuchtig: „Geh, red’ net so saublöd daher. Wie kann’s denn a Gefreitin geben? Das wär’ ja grad so als wie eine Bräutin!“ „Du bist eben ein Frauenhasser, gib’s doch zu.“ „Ich? Ich war von jeher gegen die Diskriminierung der Frau!“ „Ah, was, ausgerechnet du.“ „Ja, ich bin im Gegenteil sogar für die Kriminierung der Frau, wennst es genau wissen willst.“ Und so immer fort, ein Dialog, von dem ich schwören konnte, daß er an Ort und Stelle improvisiert war.
 

        Marlene Dietrich

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Natürlich bieten wir ihr bereitwillig an, sie durch Paris zu kutschieren, vielleicht in den Bois zum Nachmittagskaffee? Sie winkt lächelnd ab, da schon verabredet. „Mit einem Mann?“ frage ich herausfordernd, als Einübung zum kommenden Interviewer. Sie lacht: „Nicht ganz. Mit Coco Chanel.“ „Wollen Sie Kleider einkaufen?“ „Kleider? Wissen Sie, daß ich mit acht Schiffskoffern voller Kleider unterwegs bin, und nicht einer wiegt weniger als ich? Nein, ich will ihr selbst was verkaufen: eine Idee.“ „Für wieviel Geld?“ „Für gratis. Natürlich weiß sie so gut wie ich, daß Kleider in der Hauptsache dazu da sind, um anderen Frauen zu imponieren, aber doch auch ein bißchen für die Männer, bitte schön. Denn da hapert’s bei Coco. Dieses rauhe zweiteilige Wollkostüm, wie Brennesseln! Welcher echte Mann würde da hingreifen wollen?“ „Sie selber tragen ja auch ganz gerne Männeranzüge?“ „Ja, aber nur als Verkleidung!“ „Verändert eine Frau eigentlich ihre Persönlichkeit mit dem, was sie anzieht?“ „Nein, nur ihre Stimmung. Sie probiert sich eben in den verschiedensten Versionen aus. Ein Rollenspiel.“ „Männer tun das nicht?“ „Meist sind sie zu feige dazu. Oder zu fad.“
 

        Groucho Marx

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Drei Tage später sah ich ihn in seinem superduper Corvette Cabrio – oder was immer der Angeberwagen des Moments war – vor dem Drugstore herumlungern, wahrscheinlich auf Ausschau nach jungen Starlets. Brille, Stirnglatze, Zigarre, höllisches Grinsen. Nur daß sein kohlschwarzer Schnäuzer anscheinend echt war anstatt aufgemalt, verwunderte mich ein wenig. „Wohin so eilig, junger Mann?“ Ich nannte die Uni. „Aha, ein Intellektueller! Wissen Sie, daß die Selbstmordrate von euch Hirnakrobaten doppelt so hoch liegt wie meine? Von vorzeitigem Samenerguß gar nicht zu reden.“ Ich frage nach seinem Schnurrbart, während wir den damals noch halb ländlichen Sunset entlangdüsen. „Nach vierzig Jahren als dummer August kann ich jetzt auf komische Masken verzichten, mein Lieber. Ja, die Gebrüder Marx sind so ziemlich aus dem Filmgeschäft ausgestiegen, habt ihr Geniusse das noch nicht geschnallt? Und warum? Weil beim Dreh von Eine Nacht in Casablanca mein Bruder Harpo ganz deutlich meine alten Knochen knirschen gehört hat, penetranter als den ganzen Dialog!“

        Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir

(…)

Früh am nächsten Morgen Anruf in unserem Büro. Es meldet sich Arlette, von der man sagt, sie sei eine gewesene Sartre-Geliebte und gleichzeitig seine Adoptivtochter. (Auch Simone hat eine solche Adoptivtochter aus Erbschaftsgründen, Sylvie.) Arlette gibt – „Un moment, je vous passe“ – das Gespräch weiter, und es meldet sich Simone. Was mir eigentlich einfalle, den invaliden Meister zu belästigen? Und wer mir die Erlaubnis dazu gegeben habe? Ich weise darauf hin, daß es der Meister persönlich war. „Sartre hat nichts mehr zu entscheiden. Es sind wir, die alle Beschlüsse treffen. Und Sie gehören nicht zu unseren Beschlüssen, verstanden?“

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 90

Genre

Hauptthema:
  • Erinnerungen an das europäische Kulturleben

Schlagworte

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