LI 076, Frühjahr 2007
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Deutsch-Französische Momente

Denken wir einmal ein wenig darüber nach, was ein französisch-deutscher Moment ist. Ich glaube, daß es davon in der Geschichte drei Arten gibt. Zur ersten gehören die französisch-deutschen Kriege: 1815, 1870, 1914, 1940 … Das sind große Momente. Im Moment von 1914 zum Beispiel haben Frankreich und Deutschland in ihren wilden Schlachten die europäische Kultur praktisch zerstört, ein wenig in der Art, wie Athen und Sparta im Peloponnesischen Krieg die griechische Kultur zerstört haben. Ich werde mich nicht darüber auslassen, wer von beiden Sparta war und wer die Athener waren. Man muß allerdings ein verbissener Liebhaber heroischer Massaker sein, um solch französisch-deutschen Momenten nachzuweinen.

Die zweite Art französisch-deutscher Momente, französisch-deutscher Verbindungen ist der große wirtschaftliche, finanzielle, industrielle, landwirtschaftliche Austausch. Alles von Kohle über Stahl bis zu Elektronik und Patronen daneben Mais und Bier. Alles, was von der mächtigen Finanz angeführt und aktiviert wird und damit geendet hat, daß, im Verbund mit anderen, unsere großartige Einheitswährung geschaffen wurde: der Euro. Sie wissen ja, daß es in der Welt keine großen Länder gibt, die sich per materiellen Austausch so vermischt haben wie heute Frankreich und Deutschland. Das ist eine wichtige Feststellung. Wir Deutschen und Franzosen sind Warenbrüder. So was nennt man exzellent. Wir waren unlängst, wie Sie wissen, ziemlich gute Brüder in der Diplomatie – auch das ist exzellent. All dies schafft aber noch keine geistige Verbindung.

Wir müssen uns also einer dritten Art der französisch-deutschen Momente zuwenden, eben dem großen intellektuellen Austausch. Gemeint ist die Geschichte der deutschen Bewunderung für die französische Klarheit, die französische Leichtigkeit: eine Bewunderung, die von Goethe bis zu Brecht über Nietzsche und viele andere reicht. Gemeint ist auch die Geschichte der französischen Faszination an der deutschen Tiefe, der deutschen Vision. Eine Faszination, die man schon bei Baudelaire beobachten kann und die sich bis zu unseren jüngsten Denkern erstreckt, Jacques Derrida oder Maurice Blanchot und vielen anderen.

Hier gibt es einen französisch-deutschen Raum, an dessen Geschichte man sich oft versucht oder die man geschrieben hat, die aber in ihrer Spannung und Größe so gut wie enigmatisch bleibt. Wir wissen, daß Rameaus Neffe von Diderot, ein Meisterwerk der französischen Literatur, in Europa zuerst durch die Übersetzung Goethes bekannt wurde und daß Hegel in der Phänomenologie des Geistes die Person von Rameaus Neffen zum Begriff machte, noch bevor dieser in Frankreich bekannt wurde. Wir wissen auch, daß nach den schrecklichen Abgründen des Zweiten Weltkrieges Nietzsche, Wagner und Heidegger, die von den Nazis prostituiert wurden, in Frankreich Schutz und Schüler fanden. Letztlich wurden sie französische Künstler und Denker deutscher Sprache, ganz wie Diderot einen Moment lang ein deutscher Schriftsteller französischer Sprache geworden war. Da haben wir sie, unsere allertiefste geistige Geschichte.

Werde ich also behaupten, daß „die Franzosen“ sich immer klar und leichthin gebärden, während „die Deutschen“ tiefschürfende Visionäre sind? Die Psychologie der Völker ist ein gefährliches Metier, und, wohlgemerkt, das Gegenteil zu behaupten wird immer möglich sein, denn die französisch-deutsche Geistigkeit, die es gibt, die es gibt als Rätsel, läßt auch Schicksale über Kreuz zu. Vor allem glaube ich, denke ich, daß die Situation neu ist und daß wir eine Neuauflage dieser Situation wollen dürfen. Ich glaube, daß die französisch-deutschen Beziehungen in eine neue politisch-materielle Epoche eintreten können und müssen und folglich die Dialektik der geistigen Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland sich verändern kann und muß. Als einsamer Rufer gebe ich – exzessiver Ehrgeiz tut immer not – hier das Signal für eine neue Epoche, als den Beginn einer anderen möglichen Geschichte der geistigen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland.
 
Nach der Zeit der großen französisch-deutschen Kriege, an die ich soeben erinnerte, hatten wir im europäischen Rahmen ein ausgedehntes halbes Jahrhundert des Friedens. Eine philosophische Meditation über den Rahmen, in dem sich die Dinge abspielen, scheint mir wesentlich. Was läßt sich über diesen europäischen Rahmen sagen? Bestimmt, daß er ein notwendiger Rahmen ist, aber auch, daß er für uns, die wir das Neue des Denkens suchen, immer ein enger Rahmen war und bleibt. Auf imperative Weise ist er der Dynamik des Marktes unterworfen, er ist eingezwängt in ein bürokratisches Gebäude von großer Komplexität, und er bleibt, man muß es feststellen, ohne wirklich populären Schwung, das heißt vom philosophischen Standpunkt aus ohne subjektive Kraft. Es ist diese Subjektivität, die uns auf natürliche Weise fordert und uns interessiert.

Aber dieses Fehlen von Subjektivität in einer Konstruktion, die zugleich fortschreitet, sich entwickelt und ausbreitet, ist heute, wir wissen es, mit einer neuen globalen Situation konfrontiert. Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems, nach dem, was dieser Zusammenbruch an so Außerordentlichem nach sich zog, bei Ihnen der Fall der Mauer und der Aufbau, man muß es sagen, eines neuen Deutschlands – wo stehen wir nach all dem?

Einerseits haben wir die kriegerische und brutale Hegemonie der Vereinigten Staaten von Amerika. Andererseits haben wir jene großen menschlichen Ensembles, die langsam an Macht gewinnen – über schreckliche Anstrengungen, schreckliche Prüfungen, die unsere alten Länder einst gekannt haben und woraus ein Teil ihrer Stärke resultierte. Kriege, Bürgerkriege, harte Arbeit, Armut, massive Volksbewegungen, Despotismus, Verwüstung der Natur, all das durchlaufen sie, diese großen Länder, die sich erheben wie ein noch gekrümmter Riese und die China oder Indien oder Brasilien oder Südafrika heißen. Und was sind wir, wir? Was sind wir Europäer in dieser neuen Konstellation, subjektiv gesehen?
 
Ich bin davon überzeugt, daß es einer schöpferischen Geste bedarf, damit unsere Existenz und folglich auch unsere Existenz im Denken, unsere geistige Existenz auf der Höhe all dessen sei, was sich da vorbereitet, einer Geste, die den Faden unserer langen Geschichte wieder aufnimmt und sie hebt. Es bedarf einer stupenden Neuheit, einer jener historischen Entscheidungen, die die Subjektivität zum Lodern bringen und vor allem neue Möglichkeiten schaffen.

Diese Entscheidung muß, davon bin ich überzeugt, so ausfallen, daß eine Fusion zu einem neuen Gebilde führt, zu einem neuen Zustand, zu einer neuen Konstellation vielleicht, eher zu einem neuen Raum, eine Fusion von Frankreich und Deutschland. Ja, ich will darüber schreiben wie von einem Verlangen und wie man das Denken ausspricht, das mit diesem Verlangen einhergeht: Deutschland und Frankreich oder das, was man heute Deutschland und Frankreich nennt, dürfen nicht mehr nur aufeinander zugehen, Deutschland und Frankreich werden ineinander übergehen müssen. Mein philosophisches Verlangen möchte ausdrücken, daß Frankreich und Deutschland eines Tages im Angesicht der Welt entscheiden mögen, nie mehr etwas anderes als eine Macht zu sein, und weiter unten werde ich sagen, worin diese Macht bestehen muß, meinem Verständnis nach nämlich in einer Macht des Offenen.

(...)

Mehr von:
Alain Badiou
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 114
Aus dem Französischen von Ulrich Müller-Schöll

Genre

Hauptthema
  • Deutschland und Frankreich
  • Europa

Schlagworte

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