LI 081, Sommer 2008
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Schüsse im Vogelnest

Die Herren der olympischen Ringe - Ein Leitfaden für Heckenshützen

(...) Das Leben im Kreis der olympischen Herren ist nicht mehr das, was es war. Einst hießen sie den reichsten Mann der Welt in ihren Reihen willkommen. Der machte das empfindliche Ökosystem der japanischen Alpen platt, um ein paar Wintersportorte für den Eigenbedarf und Pisten für die Spiele 1998 in Nagano zu bauen. Nebenbei steuerte er einige Millionen zu Samaranchs Olympiamuseum bei. Sie ehrten Yoshiaki Tsutsumi mit einem olympischen Orden in Gold und der Ehrenmitgliedschaft. Die wurde ihm wieder entzogen, nachdem 2005 das Betrugsdezernat gute Gründe fand, seinem Tokioter Büro einen Besuch abzustatten.

Auch den fidelen Ivan Slawkow aus Sofia müssen diese Herren aus ihrem Gedächtnis streichen. Mit versteckter Kamera wurde Ivan 2004 von der BBC dabei gefilmt, wie er das heilige Schmiergeld für den Liebesdienst, die Spiele 2012 nach London zu wählen, in Empfang nahm. Ich arbeitete mit an der Sendung, und auf seinem Weg zur Tür beschimpfte Ivan mich als „Schwulen“.

Ein Mitglied jedoch kämpfte darum, Ivans Hintern auf den gepolsterten IOC-Bänken zu halten. Bei FIFA-Präsident und IOCler Sepp Blatter war „der Fußballer“ Slawkow noch willkommen, als ihn das IOC längst geschaßt hatte. FIFA und IOC teilen das heilige Ziel, die Korruption in den Entwicklungsländern aufrechtzuerhalten.

Ein weiterer teurer Freund, der schmerzlich vermißt wird von einigen im Komitee, ist der Generaldirektor des Dachverbands der NOKs in Asien, Abdul Muttaleb Ahmad. Abdul hat ein Händchen für Schmiergelder. 62.400 US-Dollar kassierte er aus Salt Lake City. Dafür stellte er die Namen von IOC-Schmiergeldwilligen zur Verfügung. Die BBC erwischte ihn dabei. Und vor kurzem wurde bekannt, daß er 250.000 US-Dollar von der Sportrechtefirma ISL, die das Marketing für IOC und FIFA organisierte, eingesackt hat. Sein Schirmherr, der kuwaitische Scheich al-Sabah, mußte sich von ihm verabschieden. Der Scheich gehört zu den vier unermeßlich reichen Golfmitgliedern des IOC, die einem Königshaus angehören.

Mal sehen, ob nicht auch ein kleiner Mann mit großem Hut, den er tief ins Gesicht zieht, zu finden ist: Bob Hasan. Der gut betuchte Golfkumpel Suhartos, der die Beute des indonesischen Diktators lagerte, hat seine sechs Jahre abgesessen und kann es kaum erwarten, wieder auf der Matte zu stehen. Den Titel „Tropenholzfällerbaron“ hat er allerdings eingebüßt.

Dort drüben, gemütlich im Sessel, das ist Mario Vázquez Raña. Der Mexikaner hat sich über das Handicap seines Riesenvermögens hinweggesetzt, wurde als Präsident der Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees wiedergewählt, keine Gegenstimmen, alle vier Jahre, seit 1979. Samaranch drängte Mario 1991 durch die IOC-Tür. Er erhielt 13 Stimmen, 10 stimmten gegen ihn, und 60 enthielten sich. 1995 stieß sein Bruder Olegario dazu. Ihr Lieblingssport? Schießen.

Während im April die Polizeikordons die heilige Wanderflamme eng umschlossen, erklärte Mario die Freiheit der Meinungsäußerung zum „fundamentalen Recht der Athleten“, allerdings sollte man „Orientierungshilfe leisten und deutlich machen, wo ihre Freiheit endet“.

Auch Ugandas Generalmajor Francis Nyangweso sitzt im Vogelnest. Er ist ein geschätztes Mitglied der Kommissionen für Kultur und Olympische Erziehung und wesentlich ruhiger als zu seinen Zeiten als Militärkommandant für den Menschenschlächter Idi Amin. Den Amateurboxer Francis hat das Stigma der Blindheit geschlagen, als er ziemlich gut im Boxgeschäft war. Er konnte einfach nicht sehen, daß die Kämpfe eine abgekartete Sache waren. Auch an den 35.000 US-Dollar vom Bewerberteam aus Sydney war weder Fehl noch Tadel, als er sie entgegennahm … allein im Interesse der jungen Athleten, ganz klar.

Der Ringe-Herr da drüben sieht sehr zufrieden aus. Langstreckenflüge erster Klasse für den Sex mit seiner Freundin … bezahlt alles das IOC. Da ist sie ja. Nicht mehr ganz so aktiv ist unser alternder IOC-Mann, den die Aushängeweiblichkeiten der olympischen Bewerberstädte „Mister Wandering Hands“ nannten. Ihre Beschwerden über den Fummler wurden von Lausanne ignoriert.

Die beiden IOC-Franzosen – der eine Exkofferträger von Jacques Chirac, der andere Olympiabewerbungsleiter seines Landes, der die olympischen Aufträge an seine Frau vergab – schätzen sich glücklich, hier zu sein. Der eine entkam dem Kittchen durch präsidiale Amnestie, dem anderen wurden die drei Monate zur Bewährung ausgesetzt. Die versöhnliche IOC-Ethikkommission bat beide, so etwas nicht wieder zu tun. Ebensohart ins Gericht ging man mit Südkoreas Yong Sung Park für die Unterschlagung von 30 Millionen US-Dollar. Auch Samsung-Chef Lee Kun Hee hat gerade ein paar Schwierigkeiten daheim wegen der Enthüllungen bezüglich eines millionenschweren Schmiergeldfonds, an dem sich Präsidenten wie Politiker erfreuten. Kein Problem fürs IOC … schließlich ist Samsung ein Topsponsor.

In einem der bequemsten Sessel sitzt der freundliche Jeff Immelt. Alle lieben Jeff, denn er bezahlt eine Menge von dem, was das heilige Spektakel nun mal kostet. Er ist der Oberboß von General Electric. Der Konzern kann sich erlauben, das Olympiageschäft anzuschieben, schließlich hat GE sich eine goldene Nase an den Subprime-Hypotheken verdient.

Auch das Fernsehsendernetzwerk NBC, das die heiligen Spiele für die USA interpretiert, gehört General Electric. Privat könnte es Jeff schon gegen den Strich gehen, daß dieses IOC einen olympischen Waffenstillstand während der Spiele ausruft. Schließlich produziert GE die Motoren für viele der Kampfflugzeuge, die im Irak einen Hauptteil des Mordens übernehmen; ein Waffenstillstand ist nicht wirklich gut fürs Geschäft.

(...)

Mehr von:
Andrew Jennings
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 76
Aus dem Englischen von Jürgen Ghebrezgiabiher
Hauptthema:
  • Korruption und Kommerzialisierung in internationalen Sportorganisationen

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