LI 087, Winter 2009
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Es war wie ein Blitz ...

Von Liebe, Worten und Musik. Erinnerung an Samuel Beckett

Marek Kędzierski: Sie kannten Samuel Beckett über drei Jahrzehnte. Ihre erste Begegnung fiel zusammen mit seinem ersten Hörspiel, das er auf Anregung der BBC schrieb. Wie kam das zustande?

Barbara Bray: Mitte der fünfziger Jahre war ich Chefdramaturgin in der Abteilung Hörspiel der BBC. Mein Chef John Morris war tief beeindruckt von Warten auf Godot, die Uraufführung fand 1955 in London statt, aber wir sendeten das Stück nicht, weil verschiedene Regisseure mit der Begründung ablehnten, mit Ton allein könnten sie ihm nicht gerecht werden. John Morris fuhr daher nach Paris und fragte Sam, ob er bereit wäre, ein Stück eigens fürs Radio zu schreiben. Sam nahm niemals Aufträge an, sagte aber, er sei interessiert und wenn ihm etwas einfalle, werde er schreiben. Einige Zeit verging – ich weiß nicht, wann John Morris ihn besucht hatte, aber einige Monate später schickte Sam Alle die da fallen als fertige Version ein, so daß wir den Text nie mit ihm besprachen. In diesem Fall war ich an der Redaktion nicht so beteiligt wie bei allen anderen Texten für das Radio. Dieser wurde unverändert übernommen. Wir fuhren nach Paris, um mit Sam unseren Ansatz für die Produktion zu besprechen, und begegneten uns so zum ersten Mal.

Sie lernten Sam kennen, nachdem Alle die da fallen geschrieben war.

Wir standen kurz vor der Produktion.

Bei den späteren Hörspielen waren Sie als Redakteurin beteiligt, Sie spielten also eine aktivere Rolle.

Nach dem großen Erfolg von Alle die da fallen fragte John Morris bei Sam an, ob er ein weiteres Hörspiel schreiben könne, und Sam entgegnete wieder, er könne keines aus dem Hut zaubern, er nehme keine Aufträge an, aber er würde es sich durch den Kopf gehen lassen, und wenn ihm etwas einfalle, würde er schreiben. Dann hatte er die Idee, aus der später Aschenglut wurde. Während er schrieb, standen wir in Briefkontakt, er schickte mir kleine Stücke des Textes, und wir besprachen gewisse Aspekte.

Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, kam er nach London, irgend etwas sollte produziert werden, und ich war gerade im Studio an der Regie für ein Stück … ich wurde ans Telefon gerufen und zu meinem Erstaunen war es Sam, der mich bat … mit ihm zu Abend zu essen. Mir fiel fast das Telefon aus der Hand. Das kam für mich völlig überraschend: Er war es, der auf mich zuging, und ich hatte solche Ehrfurcht vor ihm, daß ich völlig verblüfft war, und verblüfft bin ich immer geblieben.

Mit der Zeit wurden Sie dann eine sehr enge Freundin.

Wir waren zwei Jahre lang befreundet, als Sam Das letzte Band schrieb. Es kam mir nie in den Sinn, daß mehr daraus werden könnte. Natürlich war ich in ihn verliebt. Im Grunde begann alles, weil er zu jener Zeit so unglücklich war; mir kam nie der Gedanke, daß je mehr daraus werden könnte als eine berufliche Freundschaft. Er war es, der die ersten Schritte unternahm, und das brauchte ziemlich lange. Mir war diese Möglichkeit nie in den Sinn gekommen, denn, wie ich ihm später sagte: Ich wußte genau, wenn ich eine traditionelle Haltung eingenommen … und dich beansprucht hätte … das hätte für uns beide nicht gestimmt. … Vor allem für ihn hätte es nicht gestimmt, denn es hätte alles in ihm abgetötet, und es wäre nichts mehr von dem möglich gewesen, was sich zwischen uns entwickelte. Er konnte diesen Schmerz niemandem zufügen, noch dazu einer Person, der er so viel verdankte, beruflich, emotional.

Sie sprechen von seiner Frau, Su-zanne. Aber zuerst waren seine Briefe an Sie rein beruflich.

Der Briefwechsel zwischen ihm und mir und dem Produzenten und alles, was über die Redaktionsabteilung lief, müßte in den Archiven der BBC liegen.

Besitzen Sie noch das Tagebuch, das Sie damals führten, oder haben Sie es später rekonstruiert?

Ich habe die Tagebücher bei mir, in meiner Wohnung. Ich kann wahrscheinlich ausgehend von den Sendeterminen nachsehen. Aber es wäre besser, das genaue Datum zu wissen.

Sie brauchen diese Details wohl nicht unbedingt für die Erinnerungen, die Sie schreiben. Woher kommt die Idee für Samuel Beckett: A Memoir?

Als Jim Knowlson sich erkundigte, ob er die autorisierte Biographie schreiben dürfe, fragte Sam, ob ich etwas dagegen hätte. Er dachte wohl nicht, daß ich eine Biographie schreiben wollte, das hatte ich auch nicht vor, er fragte nur, ob ich mit Jim einverstanden sei. Ich hatte keinen Grund, dem im Wege zu stehen, auch wenn ich Einwände gehabt hätte. Doch ich versuchte bewußt nicht, den Boswell für Sams Johnson zu spielen, weil unsere Beziehung zu privat war dafür. Ich möchte mit meinen Erinnerungen das gleiche erreichen wie Norman Malcolm mit seinen Erinnerungen an Wittgenstein. Übrigens war ich die erste, die Wittgensteins Tractatus an Sam schickte, und ich glaube, ich schickte ihm auch Malcolms Erinnerungen, denn zu jener Zeit, als ich in London lebte und er in Paris, sandte ich ihm immer Bücher, die ihn interessieren könnten. Das hat einige Kritiker zu weithergeholten Schlüssen verleitet, es hieß öfters, Becketts frühes Werk sei von Wittgenstein beeinflußt gewesen. Dabei hatte er ihn vor den fünfziger und sechziger Jahren nicht gelesen. Natürlich interessierte Sam sich für Freud, und als Ernest Jones’ Biographie von Freud erschien, habe ich sie ihm ebenfalls zugeschickt.

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 72
Aus dem Französischen von Beate Thill

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