LI 081, Sommer 2008
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Zwanzigmal die Sonne

Die Zerbrechlichkeit des Augenblicks oder Chronik der Nachtigallen

Vor zwanzig Jahren fand ich mich im Tempel des Chronos wieder. Zwar ist dies unser permanenter Aufenthalt, da wir zur Zeitlichkeit verdammt sind, diesmal jedoch handelte es sich um einen bewußten Akt, der von Erinnerungen diktiert wurde. An jenem Tag verspürte ich die Gewißheit, daß zwanzig Jahre hinter mir liegen und diese Zahl in den kommenden Jahren noch wichtig werden würde. Bezüglich des gegenwärtig erlebten Augenblicks glücklicherweise vom Dunkel umfangen, befinde ich mich, was die nächsten zwanzig Jahre betrifft, in derselben Ungewißheit und kann mich heute als guter Kunde seiner vergangenen Chroniken an den Gott der Flüchtigkeit und des Vergehens wenden. Während er seine eigenen Kinder frißt, hat mir der allmächtige Chronos Almanache anzubieten, in denen die vergangenen zwei Jahrzehnte vorüberziehen. Die Frage, die mich umtreibt, lautet: „Welchen Kalender, welchen Almanach soll ich wählen, um diese Vergangenheit nachzuzeichnen, die nunmehr Teil meines persönlichen Besitzes ist?“ Aber ich zögere angesichts dieser Überfülle an Zeiträumen, als müßte ich noch irgendeine Entscheidung treffen, während alles auf immer festgelegt und vollendet ist. Ich kann auch nicht mehr einfach wiederholen: „Das ist schön!“, denn ich bin nicht mehr dabei; und wenn ich versuche, die Schönheit der Zeit Revue passieren zu lassen, so kann ich sie nicht einfach ansprechen, da mir angesichts der Unendlichkeit des unwiederbringlichen Zeitlichen lauter Erinnerungsbruchstücke im Kopf umherschwirren. Doch gab es wundervolle Momente voller Hoffnung, in denen ich gelegentlich zu einem Faust werden wollte, der die Zeit bittet, ihren Flug auszusetzen. Da ich mich für keinen der verflossenen Wirklichkeitsabschnitte entscheiden kann, wechsle ich von einem Almanach zum anderen, fragmentiere mein Erleben und bleibe unentschlossen, da es mir an Argumenten fehlt, aus der Menge der Chroniken auszuwählen. Chronos aber bleibt mir wohlgesinnt und schlägt mir vor, nur ein einziges Jahr zurückzubehalten; doch überfordert mich die Entscheidung, einem bestimmten Zeitraum das Privileg einzuräumen, in seiner Einzigartigkeit festgehalten zu werden, während andere dem Vergessen anheimfallen.

Ich zögere meine Entscheidung hinaus, um einige Momente Revue passieren zu lassen, ihre Agonie hinauszuschieben und ihren Widerschein zu bewahren – immer dem Ruf einer verrückten Nostalgie folgend!

Jener Mai 1988 scheint so weit weg und einer anderen Zeit verhaftet zu sein, daß er nie zu mir gehört zu haben scheint, als wäre er nie gegenwärtig gewesen. Ich weiß jedoch, daß es ihn gegeben hat, in einem anderen Jahrhundert, in jenem Zeitraum, der den größten Teil meines Lebens an der Nahtstelle zweier Jahrhunderte ausmacht. Ja, es hat ihn gegeben, und ich verfüge über materielle Beweise dafür, die ich in meiner Phonothek aufbewahre, um ihm hie und da einen Besuch abzustatten und den zwanzig verflossenen Jahren zum Trotz der Illusion erliegen zu können, es sei erst gestern oder gar heute morgen gewesen. Natürlich ist dieser Moment, als ich den Gesang der Nachtigall hörte, auf immer in den Verliesen des Gedächtnisses verschlossen, und natürlich ist der kleine Vogel, der im Mai 1988 sang, nicht mehr auf dieser Welt. Wenn ich die Kassette anhöre, die mir seine Melodie inmitten der Nacht wiedergibt, trauere ich um diesen einsamen Gefährten, der mir die Illusion des Fortdauerns und unendlicher Wiederholung schenkte. Wie jedes Jahr bin ich zur Zeit der Maiglöckchenblüte ins Dorf meiner Geburt gefahren, um die Nachtigall aufzunehmen. Seither trägt jedes Jahr, das vergeht, die Spur jenes Gesangs, der für mich zu einem heiligen Ritus geworden ist, der die Macht besitzt, meine Gedanken vom Unabwendbaren abzulenken.

Damals stand mein Elternhaus noch im Jugoslawien Titos, in der Republik Slowenien, und ich erinnere mich, wie man im Radio unentwegt das Lied Jugoslavia spielte, das den Schwanengesang dieses Landes vorwegnahm. Wenn ich meine Aufnahmen anhöre, habe ich den Eindruck, im Gesang des Vogels so etwas wie ein Zittern zu vernehmen, das die Ereignisse ankündigte, die sich unter dem Schein einer festgefügten Stabilität vorbereiteten. In Slowenien wurden damals Stimmen laut, die sich gegen den Belgrader Zentralismus wandten, ich aber glaubte noch an eine föderale Lösung für Jugoslawien. Deshalb hat diese Aufnahme einen so nostalgischen Beiklang.

(...)

Mehr von:
Evgen Bavčar
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 125
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

Genre

Hauptthema:
  • Erinnerungsbruchstücke 1988 bis 2008
  • Photographie
  • Spanien

Schlagworte

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