LI 089, Sommer 2010
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Dionysos Revisited

Vom patriarchalischen Ideenhimmel und dem Reich der irdischen Liebe

Friedrich Kittler spricht mit Frank M. Raddatz
 
(...) FRANK RADDATZ: Sie setzen die Realität einer gesünderen, weniger reglementierten Sexualität überraschenderweise in Sparta an, das Sie das „New Orleans der Antike“ nennen. Normalerweise verstehen wir unter dem Ausdruck „spartanisch“: karg und diszipliniert, während Sie das Bild eines hedonistischen Stadtstaates entstehen lassen, in dem die Geschlechter sich frei zueinander oder auch untereinander verhalten.
 
FRIEDRICH KITTLER: Ich habe mich relativ eng an die Quellen gehalten, aber an die älteren Quellen. Wie Sparta schließlich zu jener Militärdiktatur wurde, als die es endete, hat mich nicht sehr interessiert. Das archaische Sparta war der musikalischste Staat von allen griechischen Kleinstaaten. Selbst in klassischer Zeit lebten die Frauen und Mädchen tausendmal freier als die Athenerinnen. Insofern ist Sparta für mich ein Modell dafür, daß die griechische Kultur nicht automatisch mit einer homophilen oder pädophilen Philosophenkultur in eins zu setzen ist, sondern daß Musik und Tanz sowie erotische Beziehungen zwischen den Geschlechtern das tragende kulturelle Element sein konnten. Damit meine ich nicht nur das alte Sparta des 7. und 6. Jahrhunderts. Thukydides, der große Chronist des Peloponnesischen Kriegs zwischen Sparta und Athen (431 bis 404 v. Chr.), berichtet zweimal, wie im Frühsommer das athenische Heer in die Peloponnes einmarschiert und die Spartaner auffordert, den Krieg fortzusetzen. Doch die spartanischen Gesandten antworten, daß sie erst noch einen Monat lang mit Musik, Tanz und Nacktspielen Apollon feiern wollen. Der spartanische Militarismus ist nach seinen ersten aggressiven Erfolgen sehr defensiv gewesen. Sparta wollte sichern, was es erobert hatte. Während es sich beim Attischen Seebund um das erste Imperium handelt, das außerhalb des Perserreichs entstand. Eine Insel nach der anderen wurde einverleibt. Wenn sich eine Insel nicht freiwillig unterwarf, wurden die männlichen Einwohner umgebracht und die Frauen versklavt. Alle diese Inseln wie Delos, Melos oder Lesbos hatten Tribut an Athen zu zahlen, womit die Akropolis finanziert wurde.
 
Dazu kommt die kulturhistorische Tatsache, daß die Athener es später über ihre Ableger im Alexandria der Ptolemäer, also nach Alexander dem Großen, vermocht haben, die gesamte griechische Überlieferungsgeschichte zu monopolisieren. Wir haben nur von Athenern gefertigte Handschriften, also gepflegte Handschriften und eigens hergestellte Kopien. Ansonsten stehen uns nur Fragmente zu Verfügung, die zumeist unvollständig aus dem Wüstensand geborgen wurden. Hölderlin oder Goethe waren diese Wüstenpapyri noch nicht zugänglich, da sie erst 1900 ans Tageslicht kamen. Diese Funde beziehen sich insbesondere auf den Dichter Alkman, der nach Sparta eingeladen wird, um einen Mädchenchor zu besingen. Einen Mädchenchor, der ohne Männer erzogen wird, wo sich die Allerschönste in jugendlicher lesbischer Liebe mit der Zweitschönsten vereint. Die Botschaft des berühmten Mädchenlieds von Alkman besteht im wesentlichen darin, allen anderen Mitgliedern dieses Mädchenchors zu sagen: Laßt die beiden glücklich sein. Der Dichter gibt das Lesbische frei und steht Sappho in nichts nach.
 
Sparta wird als Alternative zu Athen entworfen, wo das männlich Homoerotische das Heterosexuelle marginalisiert.
 
Der Unterschied zwischen der Päderastie in Athen und der Heterosexualität in Sparta resultiert aus dem Umstand, daß die Frauen Athens in historischer Zeit um ihre Rechte gebracht worden sind. Sie fungieren nicht mehr als gleichberechtigte Bürgerinnen wie in Sparta, sondern nur die Männer sind in Athen vollwertige Bürger. Die Frauen sollten zu Hause bleiben. Im Prinzip jedenfalls. Die empirische Forschung hat gezeigt, daß die Frauen zum Brunnen gehen, Wasser holen dürfen usw., also außerhäusliche Arbeiten verrichten, die ihnen die Männer nicht abnehmen. Frauen sind nicht zum Theater zugelassen und werden allein durch die Anwesenheit der wichtigsten Priesterin des weiblichen Geschlechts repräsentiert.
 
Im Reich der symbolischen Ordnung spricht es Bände, daß in Sparta Aphrodite als große Göttin verehrt wird. Ihr kommt in der kulturellen Ökonomie Spartas eine enorme Rolle zu, während in Athen Aphrodite bestenfalls Gegenstand privater Kulte von Hausfrauen ist. Aber der Stadtstaat Athen, die Polis als solche, baut der Aphrodite keinen Tempel, was in Sparta der Fall ist. Stattdessen wird ein Tempel nach dem anderen für die Stadtgöttin Athena gebaut, die zumindest auf dem Papier eine Jungfrau ist und ihre Beziehung zum Schmiedegott Hephaistos in archaischen Mythen versteckt. So wird behauptet, er hätte nach ihr gegrabscht, aber sie sei geflohen, so daß ihm das Ejakulat auf die Steine der Akropolis spritzte, statt zwischen ihren Schenkeln zu landen. Aus dieser Befruchtung des Steins sollte dann der erste Athener stammen: ein erdgeborener Sohn. Claude Lévi-Strauss hat sich sehr böse über diese phantasmagorische Genealogie geäußert. Wenn wir in Athen und anderswo nicht mehr Kinder von Mann und Frau sind, eines Mannes mit einer Frau, sondern einfach Erdgeborene oder Jungfrauengeborene, läuft das auf eine Leugnung der Zweigeschlechtlichkeit der Eltern hinaus. Aphrodite ist dagegen in der dorischen Welt, zu der Sparta gehört, aber auch Städte wie Argos oder Tarent in Italien gehören, die Göttin der vollbrachten sexuellen, heterosexuellen, Initiation. Die Frauen, die bei Aphrodite angekommen sind, sind zuvor Mädchen gewesen, die Artemis, die wilde Göttin der pubertierenden Mädchen, angebetet haben. Schließlich lassen sie sich von einem Mann schnappen, siehe Helena und die Raubehe durch Paris, und ab sofort sind sie reife Frauen. Die Idee der spartanischen Kulturalisierung scheint mir zu sein, daß die Perversionen und die polymorph perversen Laster alle schon vor der Hochzeit ausprobiert werden, damit sie das Eheleben nicht so belasten wie in unserer Kultur. Zu meiner Zeit heirateten wir ziemlich unerfahren und holten dann auf der psychoanalytischen Couch unsere Neurosen und Perversionen im freundlichen Wortsinn von Sigmund Freud nach. Dagegen werden in Sparta für die Heranwachsenden sämtliche sexuellen Initiationen vollzogen. Jeder Junge, jeder Pubertierende hat in Sparta einen väterlichen Freund, der auch mal nach ihm greift, und die jungen schönen Mädchen haben ihre älteren Verehrerinnen. Artemis wird von Aphrodite durchaus anerkannt – in der Sprache der Gottheiten gesprochen. Unsere Quellenlage, die auf Athen konzentriert ist, macht schwer kenntlich, daß Athen die Ausnahme in Griechenland ist und nicht umgekehrt Sparta. So hätte man es gerne gehabt: die bösen Krieger in Sparta und die erotische Schrankenlosigkeit der spartanischen Weiber, die sich keiner Ordnung unterziehen. Das ist die athenische Propaganda aus dem Peloponnesischen Krieg.
 
Nun interessiert uns Athen, weil es die Gralsburg der westlichen Philosophie ist. Welche philosophischen Konsequenzen ergeben sich aus der Verleugnung der Zweigeschlechtlichkeit der Eltern, also der Genesis?
 
Wenn ich es negativ sagen darf, wird in der philosophischen Verlängerung bei Platon die Materie, das Mütterliche, das Stoffliche völlig aus der Idee getilgt. Es bleibt ein reines ideelles oder geistiges Prinzip übrig, aus dem sich alles herleitet. Aristoteles hat deshalb größte Mühe, das normale Ding als Einheit von Stoff und Form, von weiblichen und väterlichen Anteilen zu beschreiben. Dankenswerterweise macht Aristoteles selbst auf die sexuellen Konnotationen der Grundbegriffe der Philosophie aufmerksam. Die platonische Ideenlehre ist der erste ernst zu nehmende Versuch, aus der Welt der Vielfalt, wo auch die Götter mannigfaltig konzipiert sind, herauszutreten in eine Welt der Identitäten. Das formuliert Platon so drastisch, daß ich mich wundere, wie selten diese Argumentation zitiert wird. Er argumentiert: Die Götter sind mit den Ideen zutiefst verwandt, also dürfen die Götter ihr Wesen niemals ändern. Götter, die Metamorphosen durchmachen würden, wären keine Götter mehr, sondern Betrüger und Zauberkünstler. All diese Verwandlungen, wo Zeus zum Adler wird, zum Hengst oder zum Stier, das wird alles per definitionem verboten, so daß es am Ende nur noch den einen Gott oder das eine Göttliche gibt, was bei Aristoteles klarerweise männlich konnotiert ist. Nichts Weibliches haftet dem mehr an. Damit ist schon das Fundament für die christlichen oder platonisch-christlichen Philosophien gegeben. Das Christentum kann sich in ein halb gemachtes Bett legen und muß nur noch das Trinitätswunder ersehnen.
 
(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 11

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